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Der Israelit · 1930-08-28 · Heft 35 (28.8.1930) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 35 (28.8.1930)
Date
1930-08-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2. Nr. 35 Der Israelit 28. August 1930 nur als Staatsbejah ie r. seiner Wahlpflicht genügt. Wer Zentrum wählt, hat damit keine Wahlverwandtschaft mit der Weltanschauung der katholischen Kirche bekundet, sondern d i e Partei unterstützt, die aus ihrer innersten Tendenz heraus für die lebenswichtigen religiösen Interessen der gesetzestreuen Judenheit mehr als jede andere politische Gruppe in Deutschland Verständnis von jeher gezeigt hat und weiter zeigen wird. Wir halten es unter diesen Umständen für nicht ganz richtig von Herrn Bruno Weil, dem Kandidaten auf der Liste der Staatspärtei, daß er in einem Interview und in öffentlichen Vorträgen bei der Empfehlung der Staatspartei die anderen Parteien etwas links und rechts von der Staatspartei mit einer verächtlichen Handbewegung abtut. Daß die Sozialdemokraten in religiösen Dingen indifferent sind, ist eine Wahrheit, und es freut uns, diese Feststellung und die Erörterung ihrer Konsequenzen gerade aus dem Munde des Herrn Dr. Bruno Weil zu hören. Das Zentrum als ausgesprochen katholische Partei, meint Well, könne nicht die politische Heimat der deutschen Juden sein. Soll sie auch nicht! Der Wahlzettel ist keine politische und ganz gewiß keine seelische Heimaturkunde. Wir haben es im Obenstehenden klar und deutlich auseinandergesetzt. Wir glauben nach all -dem, daß bei keinem früheren Wahlanlaß sich die Situation für bw jüdischen Wähler so klar auf ziemlich breiter Grundlage abhob, wie gerade bei den bevorstehenden Reichstagswahlen. Es ist den jüdischen-Wählern Gelegenheit gegeben, nach Ansicht und Neigung, auf breiten Parallelwegen g e - trennt zur Wahlurne zu marschieren und dennoch vereint mitzuhelfen, daß der schlimmste und grimmigste Feind des deutschen Volkes, des Weltfriedens unddes Menfchheitsgedankens, der Nationalsozialismus, geschlagen wird. Wochenrundschau. Zwischen Gens Und London. Die M a n d a t s k o m m i s s i o n d e s V ö lkerbundes hat in ihrem Berichte über die englische Mandatsverwaltung in Palästina England keine volle Entlastung erteilt. Manche Stellen des Berichtes hören sich wie eine Anklage an. Die Feststellungen der englischen Sha-wkommission werden kaum als Grundlage berücksichtigt, was ein niederschmetterndes Urtell über diesen auch von anderer Seite nicht gerade mit Vertrauen aufgenommen-en Bericht bedeutet. Die Mandatskommission des Völkerbundes beanstandet die Unzulän glicht e it d e r Polizei- und M i l i t ä r k r ä f t e in Palästina. Man hätte zudem in einem Lande von Religions¬ und Rassenkämpfen mit dem- Abfall des Eingeborenenkontingents in der Garnison und- Polizei rechnen müssen. Die teilweise Vernachlässigung der Verpflichtungen gegenüber der p a l ä st i n e n fischen Bevölkerung, sowohl der arabischen wie der jüdischen, seien der Hauptgrund für den Ausbruch der Zwistigkeiten gewesen, die zu den blutigen Unruhen führten. Londoner Blätter veröffentlichen nun einiges aus der Entgegnung der englischen Regierung an die Mandatskommission in Genf. Die Londoner Regierung stützt sich darauf, daß die Mandatskommission über die Stärke der Militär- und Pokizeikräfte in Palästina völlig unterrichtet war und sie nie als unzulänglich gefunden hätte. Die Derringerung der Garnison sei auf den Rat des Hochkommissars erfolgt, der es doch am besten wissen mußte. Man hatte es auf die Einrichtung einer normalen Zivllverwaltung in Palästina abgesehen und darum die Streitkräste herabgesetzt. Die Mandatskommission, die heute so klug sei, zu wissen, daß Eingeborene sich für die Schutztruppen in einem Lande, das von Religionskämpfen erschüttert ist, nicht eignen, habe bedauerlicherweise von dieser Klugheit London gegenüber keinen rechtzeitigen Gebrauch gemacht. Warum die Mandatskommission kein Wort für die Verantwortung der Araber und Judenhabe und alle Schuld aus England wälze? Objektiv gesehen, wird man die Gegenargumente der englischen Regierung etwas schwach fundiert finden-. Wenn die Mandatskommission Palästina in guten Händen glaubte, so hatte sie keine Veranlassung, zu warnen oder prophylaktische Maßnahmen zu treffen. Ob die Streitkräfte in Palästina genügend und geeignet zusammengesetzt sind, dies zu prüfen war natürlich Sache der Mandatsmacht, die die Verwaltung übernommen hat und der Mandatskommission und in ihr dem Völkerbund verantwortlich ist. Darum scheint uns das Umdrehen des Spießes wenig angebracht. Wichtiger aber ist, daß England in dieser Erwiderung verspricht, alle gesammelten Erfahrungen nunmehr bestens zu verwerten!, ähnliche Vorkommnisse in der Zukunft mit . aller Energie zu verhindern und bezüglich der jü d i sch e n S i e dl u n g alles zu tun, was sich aus feiner Mcmdatsverpflichtung ergibt. Daß eine gedeihliche aufbauende Arbeit nur dann erreicht werdenkann, wenn beide Parteien ehrlichen Willen zur Zusammenarbeit zeigen, wollen wir England gerne glauben. Wir wollen auch hoffen, daß die zur ersten Jahrzeit der Märtyrer jetzt geführte Diskussion zwischen Genf und London über die Dinge in Palästina allen Teilen der palästinensischen Bevölkerung die Ueberzeugung! beibringt, daß das Heil für Juden und« Araber nur auf dem Boden gemeinsamer, friedlicher Arbeit erwachsen kann. Eine neue ' Welle der Religionsverfolgungen in Rutzland. Wenn man eine Zeitlang von Sowjet-Rußland nichts.hört, so besagt das nicht, daß von dort nichts zu berichten sei, sondern! höchstens, daß die Kraft noch mehr gelähmt und . der Mut so tief gesunken ist, daß man nicht mehr schreien kann oder mag. Die Schreckensherrschaft übt jetzt anstelle der aufgelösten Jewsekzia die Union d er ,G ' t tlosen ans. In einem Städtchen bei R o w n o versammelten sich die jüdischen Bewohner hinter dem Friedhöfe, um dort im Verborgenen ihre Gebete zu verrichten, da auf öffentliche Gebetversammlung Verschickung nach Sibirien steht. In diesem Städtchen — es heißt S a w i a> l --- mußte eine ganze kleine „rote Armee" von der „Union der G'ttlosen" aufgeboten werden, um gegen die Gebet-Gemeinde auf dem Friedhof mit allen strategischen Kriegskünsten vorzugehen. Die Juden antworteten mit einem Steinhagel und die Soldaten mußten sich nach Abgabe mehrerer Salven zurückziehen. Ueber Riga wird wiederum berichtet, daß der bekannte Rabbiner in S l u z k bei Minsk/ Rabbi Jecheskel A b r a m s k i „ verhaftet und nach Moskau überführt wurde, wo er in einem der schrecklichsten Gefängnisse seiner Verurteilung entgegensieht. Nach anderer Version sei sogar schon das Todesurteil über Rabbi Abramskr ausgesprochen. Die Anklageschrift beschuldigt den Rabbiner gegenrevolutionärer Umtriebe. Was gegenrevolutionär in Rußland ist, wissenwir: die Obsorge für Synagoge und Schule, die Erhaltung des jüdischen Geistes in der Gemeinde, die Erziehung und- Unterweisung der Jugend in der Religion der Väter, lauter Dinge, die sonst überall auf dem Erdenrunde zu den selbstverständlichen Obliegenheiten des Rabbiners gehören. Elulgedanken. Von Rabbiner Dr. TR. Lewin in Hamburg. Als Krone und Zierde der Schöpfung tragen wir das köstliche Diadem der Willensfreiheit auf unserem Haupte. In seinem Glanze strahlt unser Menschentum. Was wir tuen, wie wir uns geben, all' das ist die Frucht unseres Willens, sprießt als unsere Entscheidung empor, wie aus der Wurzel der Stamm heroorkeimt. Dieser Glaube ist die Vorbedingung für das Bewußtsein unserer Verantwortung und die Grundlage der menschlichen sittlichen Natur. Wir sind sittlich freie Wesen. Darin liegt unsere Kraft und Würde, aber auch der Gradmesser für den Wert unserer Peffönlichkeit. Wir steigen und fallen, je nachdem wir den Willen zum Guten aufbringen oder vom geraden Wege, dem Pfade des rechten Lebens abirren .... Es mag ein Problem bleiben, ein vielerörtertes, daß Er, der Allwissende, der „Herz und Nieren prüft", der das Wort kennt noch ehe es auf unserer Lippe ist, dem schwachen Erdenkinde doch das Recht und die Würde verliehen hat, Hüter und Wahrer und Vollstrecker seines Willens zu sein, daß König David nicht nur singen kann: Iiiprm '2 an« pi warn »s n» n». Was ist der Mensch, daß du sein gedenkst, und der Erdensohn, daß du ihn beachtest, — sondern den schwachen, staubgeborenen, vergänglichen Menschen in seinem Vorzüge preist: imayr) tim 11221 v'xHms tnr» inionnv „Nur um ein weniges hast du ihn dem Göttlichen nachgesetzt, ihn mit Ehre und Würde gekrönt!" .... Bedeutet es nicht Sieg des Ewigen und Heiligen im Menschen, wenn er trotz seiner Schwäche und Hinfälligkeit alle Mühe und Kraft, alle Fähigkeit und bessere Einsicht in die Wage wirft im Dienste und als Pfadweiser seiner Weggefährten? Und wer seinen Leidenschaften und Trieben zum Trotz im Kampfe gegen das Niedrige Herr wird und Gebieter seiner Sinnlichkeit, den müssen wir doch als den wahren Helden werten, der größer und stärker ist als ein Städteeroberer! Und wenn alle Sorge des Tages und alle Nöte der Zeit uns nicht in der Liebe zur Thora erschlaffen zn lassen, wenn der harte schwere Kampf ums Dasein uns unser Kleinod im Kreise der religiösen Uebungen, unfern mv uns noch lieber machte, dann dürfen wir uns als die Gefürstetsten wähnen, als die Gottbegnadeten, die das Schriftwort beherzigen: ,,'pii>K 'i 07 ''in Man. Ganz sollst du sein mit dem Ewigen deinem Gotte." Ganz, ungeteilt, in Gedanken und Tat, in Handlung und Gesinnung, immer dieselben, unter allen Umständen die Bannerträger des Alleinen, so sind wir würdige Handhaber der uns vom Allgütigen verliehenen Gottesgabe, wert, daß, wie es die Alten ausdrücken, um unseretwillen die Welt geschaffen. Wir leben da nur Gott zu Preis und Ehr, und von uns gilt: „vwaa '.i nav Gott hat Freude an seinen Geschöpfen. Dieser Satz 'vm d'bji. „Ganz sollst du es halten mit dem E. d. G." schließt die Reihe der Satzungen ab, die den krassesten Un- und Aberglauben und die heilloseste Unsittluhkeit aus Israels Kreisen bannen wollen. Dsese Worte weisen uns den Weg aus den Tiefen zur Höhe, weg vom Abgründe des Lasters hin zum Gipfel jüdischen Menschentums, auf dem uns die Sonne des Heils umleuchtet und das Geborgensein beim himmlischen Vater Schutz gewährt gegen die Gefahren des Zweifels und der Verzweiflung. Da vernehmen wir es immer wieder das Wort des Trostes und der Hoffnung: aaama sin »23* ’2iK. Ich, ich bin es der euch tröstet. Schauet ihr Ihn, der allein das 'ais ist, das ewige Sein, der unendliche Former und Gestalter aller Wesen und Geschehnisse, dann habt ihr euren Halt und eure Stütze und bleibt ihr die treuen königlichen Arbeiter im Weinberge des Herrn. Uleines Feuilleton. („Tierliebe".) Man schreibt uns: Im Anschluß an den sehr dankenswerten Artikel von Mannheimer-Dettelbach möchte ich von folgendem Vorgang Kenntnis geben: Am 18. August 1930 wurde in Weiden (Obpf.) ein Ochse im Schlachthof durch den üblichen Bolzenschuß niedergestreckt. Nach dem Schuß erfolgte die Nachbohrung des Schuhkanals mittels eines Stückchens. Als etwa 10 Minuten später der Schlächter daran ging, dem Tier die Haut abzuziehen, stellte sich der Ochse völlig auf und mußte erneut geschossen werden. Dieser Tatbestand wurde mir in Weiden selbst durch einen glaubwürdigen Zeugen überbracht. Wenn ein solcher Vorgang beim Schächten sich ereignet hätte, hätten alle tierschützlerischen und antisemitischen Blätter sicher seitenlange Artikel gebracht. Es ist wichtig, derartige Vorfälle, die gar nicht so vereinzelt sind, zu sammeln. Dr. H. L. Verantwortlich für den allgemeinen Teil und das Feuicketo» 6. Sch achnowttz, Frankfurt a. M.; Inserate t. B.: S. Schachnowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen (Äv. Offenbach). — Verlag des Israelit und Hermon G. m. b. Frankfurt a. M. — Druck: Hermon-Druckerei, Frankfurt a. M.

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