Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1930)
- Date
- 1930-08-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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WWWWWW^W i.-.fju. i. jeuilkion- Beilage Dr. 34 >»;» Episoden aus dem Leben Rabbi Akiba Egers. / En tw ed er o der! "/ Als Rabbi Akiba Eger, der in der ganzen Welt gefeierte Oberrabbiner von Posen, 1824 sich aus Anlaß der Verheiratung seines Sohnes in Warschau aufhielt, wurde er im Judenviertel der polnischen Metropole mehr gefeiert als je ein gekröntes Haupt. Der damalige. Rabbiner von Warschau, Rabbi Schlomo, Erfasser des halachischen Werkes „Chemdath Schlaumo", ließ am/Tage der Ankunft Rabbi Akibas sämtliche Geschäfte ihm zu Ehren schließen. Die'Pferde wurden seinem Wagen äusgespannt, und der Wagen im Triumph durch die Straßen getragen, mochte sich der bescheidene Rabbi Akiba dagegen wehren, wie er wollte. Abends fand auf Anordnung des Rabbinates eine Illumination bfr Fenster aller jüdischen Häuser statt. Die ganze Judenheit war in einem Festrausch. Als Rabbi Akiba tags darauf im Hause des Rabbi Schlomo saß, kam eine Frau aus. dem Volke und flehte den Rabbi unter Tränen an, chr zu helfen. Ihr Mann habe sich seit Jahren taufen lassen und jesb>c Beziehung zu ihr und seiner Gemeinschaft aufgegeben. Er weigerte sich, aber, ihr den Scheidebrief zu geben, wodurch sie als Aguna an ihr Schicksal gekettet fei und keine Möglichkeit habe, sich und ihre Kinder anderwärts zu versorgen. Vielleicht wüßte der große Rabbi Rat und Hilfe. Rabbi Schlomo sagte, er habe sick schon seit Jahren mit der Sache befaßt, ohne einen Ausweg zu finden. Die Frau sei höchlichst zu bedauern, und es wäre eine große Tat, Mittel und Wege zu ihrer Befreiung zu suchen. Wenn er, sein großer Gast, es vermöchte, so wollte er, Rabbi Schlomo, gern ihm den Rang überlassen. „Ob man nicht den Apostaten hierher, ins Rabbiner-Haus, bekommen könnte?" fragte Rabbi Akiba. Das schien zunächst unmöglich. Aber Rabbi Akiba wollte es doch versuchen. Man ließ die früheren Freunde des Apostaten kommen und bearbeitete sie ordentlich. Sie taten -ihr Mögliches, gingen zu dem pflichtvergessenen Manne hsg und redtzten auf ihn em, er /sollte idpch eMmafi. upö wate es/nUr spaßhälber/ vor den'Häbbiner'ü er* scheinen./'/. //,'///;!pcrs Hätteer vön ihNM zu befürchten, f^gE sie Hm. Cr' sei ihnest doH an BMung stark hbM legen und köttne iysten Rede ustd Antwort MheM Ihre haNst Reden und Drohungen .brauche, /dr nicht zu scheuen, sie hästen' ja 'gor^k-einie Mchtmittel, ihn zu irgend etwas zu zwingen. Als er sich dennoch weigerte, faAen sie ihm, sie müßten es ihm als Feigheit auslegen. Das wollte er sich doch nicht nachsagen lassen, und so erschien er zur festgesetzten Stunde störrisch und spöttisch vor den beiden Rabbis. . „Was wollt-Jhr von mir," fragte er, „ich gehöre ja längst nicht mehr zu Euch." ' „Ihr wißt, was wir von Euch wollen," hüb Rabbi Akiba Eger in seiner gütigen Art an. „Ihr habt das Judentum verlassen, und wir wollen nicht versuchen, Euch zu bekehren. Aber wäg hat Euch die arme Frau getan und Eure armen Kinder/ daß Ihr sie im Elende verkommen laßt? Gebet der Frau die Freiheit und wir werden Euch nicht weiter bemühen." „Nein," widersetzte sich der Apostat, „ichbiete meine Hand nicht zu rabbinischen Bräuchen, denen ich längst entsagte." „Ich höre," sagte Rabbi Akiba, „daß Ihr in der Jugend' auf der Jeschiwah wäret und Talmud gelernt habt." ' „Das habe ich wohl früher getan," bestätigte der Mann. „Dann wißt Ihr doch, was im Traktate „Kiduschin" steht: Die Frau wird vom Manne befreit entweder durch dien ihr überreichten Scheid eb rie f, oder durch den T ad d e s Mannes. Also entweder oder! Verweigert Ihr den Scheidebrief, dann wird ganz gewiß d a s a n d e r e e i n treten. Die Frau wird Ein Hohnlachen des Apostaten war die Antwort. Er wandte sich ab und schlug die Türe zu. Aus der Straße wurde er aber von einem Uebel befallen. Es wurde ihm plötzlich dunkel vor den Augen, er stolperte und fiel hin/ Die Aerzte konstatierten einen Herzschlag infolge einer seelischen Erregung. " (Diese Geschichte wird als w a tzr e B e g e> b enh'eit auch in einer Fußnote des'vortrefflichen Werkes „Jgroth Sofrim" von Rabbi Salomo Schreiber in Beregszafz erzählt.) Herz ist Trumpf. ‘ In später Nachtstunde kam ein Mädchen iris Posener Rabbinerhaus und jammerte bitterlich. Der Vater fei tot, die Mutter schwer krank, die Kinder hätten kein Brot, und die ganze Familie würde morgen auf die Straße gesetzt, wenn die fällige Miete nicht bezahlt werde. Sie seien dem Untergänge geweiht, wenn der Rabbi nicht helfe. ' Sofort zog sich Rabbi Akiba an und ging zu einem der Magnaten der Gemeinde hin, der zwar nicht zu den Frömmsten gehörte, aber ein wohltätiges Herz befaß. An der Türe. empfing ihn das Hausmädchen und sagte, die Herrschaften seien ausgegangen. In anderen Häusern bekam der Rabbi Aehnliches zu hören. Bis -er in einem Haufe von dem Diener erfuhr, daß heute im Klub der Freunde eine Gesellschaft stattfinde, bei der die gesamte jüdische Aristokratie anwesend sei. Kurz entschlossen, eilte Rabbi Akiba nach dem Klub der Freunde. Zum ersten Mal in seinem Leben, daß er die Marmorsäulen, die Salons, die Teppiche, die kostbaren Spiegel sah. Sein plötzliches Erscheinen im Saale erregte unbeschreibliches Aufsehen. Da faßen die Herren alle in der. Runde und die Karten flogen nur so auf den Tisch. Wie sie den Rabbi erblickten, standen sie erschrocken auf, warfen die Karten zusammen und wollten davoneilen. .......„WeMx spielen.,' Ich, spMm^'A " . „ Dprachs, .fe „Rabbosah ich /Ui tztei sich anKen ,„Trn ,„ÖJ.,, haHe die, Bank,. .ich bitte ^üzn steM ’fl | i V' . K / Als MN, der Teller vor ihm voll der Mher- und Goldstücke war, rief er: „Nun langts, Herz ist Trumpf!" Er berichtet ihnen kurz den Zweck seines Besuches und der Sammlung und ging mit dem Gelbe davon. Der armen Familie war geholfen. Fu r e w i ge Z eite n Ein berüchtigter Wucherer, der nie an den Gemeindelasten mitgetragen;, starb in Posen, und die'Gemeinde'verlangte/für die Bestattung des Maünes, von dem sie zu dessen Lebzeiten nie etwas hatte, den hohen Betrag von zehntausend Thalern, Die Söhne, die ganz nach dem Vater geraten waren^ verklagten die Gemeind evorstände beim Stadthauptmann wegen Erpressung, uNd dieser ließ Rabbi Akiba kommen, dtß er sich und die Gemeindevorstände rechtfertige. „Wie hoch ist sonst bei Euch der Betrag für eine' Beerdigung angesetzt?" fragte der Stadthauptmänn. „Je nach Vermögen," lautete die Antwort des Rabbi, „schwankt der Betrag zwischen zehn und hundert Thaler." „Die kommt Ihr nur dann zu der unerhörten Forderung von zehntausend Thalern in diesem Falle?" entrüstete sich' der Stadthauptmann. „Es ist schon richttg, Exzellenz," erklärte der Rabbi. „Es ist doch wohl so, daß man für ein Haus, .welches man für ewige Zeiten kauft, einen ungleich höheren Betrag zahlt, als für eine Wohnung, die man nur vorübergehend mietet. Wir, alle Gemeindemitglieder, glauben an die Auferstehung der Toten. Unser Grab ist ein vorübergehender Aufenthalt und mit einem Maximum von hundert Thalern gut bezahlt. Der Verstorbene hielt nichts von der Auferstehung, er wird ihrer, nach seinem Lebenswandel, auch nicht teilhaftig. Er bezieht das Grab für ewige Zeiten. Da scheint mir der Vettag von zehntausend Thalern nicht zu hoch bemessen." Dagegen war nichts zu sagen. , Persönliche Erinnerungen an die kehlen traurigen Geschehnisse in Erez-Iisroel. Von Llijahu kirsner, Dozent an der? Jeschiwah in Montreux. Ein Jahr ist schon vorüber seit den blutigen Ereignissen in Erez Israel. Kinder, die ihre Eltern verloren haben, werden schon bald aufhören, Kaddisch zu sagen. Das Leben schreitet weiter, und alles Vergangene wird -in den Abgrund der Geschichte versenkt. Die an Leiden und grausamen Verfolgungen so reiche jüdische Golusgeschichte, hat einen weiteren barbarischen Angriff auf ihre kleinen schutzlosen Siedelungen zu verzeichnen, welch-r dem jüdischen Volke 130 jüdische Menschenleben gekostet hat. Für die jedoch, welche die Unruhen selbst miterlebt haben, die selbst aufs schwerste bedroht und gefährdet waren, werden die Ereignisse niemals Geschichte werden, bei ihnen bleiben sie lebendiges Erlebnis. Die traurigen Bilder, die sie mit eigenen Augen gesehen haben, werden sie durch ihr ganzes Leben begleiten, die bloße Erinnerung daran wird sie schon traurig machen. Ich befand mich am. Freitag, den 23. August in Tel- Awiw, als um 1.30 Uhr mittags die erste Nachricht von ernsten Zusammenstößen zwischen Arabern und Juden in den Straßen Jerusalems und von dem kaltblütigen Verhalten der Polizei eintraf. Nach einer halben. Stunde erhielten wir weitere Berichte. Die Lage hatte sich sehr verschlimmert, einige Tote wurden gemeldet. Jüdische Wohnviertel hatte man überfallen, sie sind aber mit Erfolg von den Bewohnern selbst verteidigt worden. 3.30 Uhr, der Zustand ist kritisch. 10 Tote. Die Ueberfälle tragen den Charakter eines organisierten Aufstandes, der sich auf das ganze Land auszubreiten droht. Die jüdischen Vororte Jerusalems sind den Angriffen schutzlos ausgefetzt. Englische Polizei ist zwar bewaffnet worden, hat aber keine Erlaubnis zum Schießen erhalten. Sie störte sogar die Arbeit des jüdischen Selbstschutzes. Drei Mroplcme kreisen über Jerusalem. 4.30 Uhr. Trotz Flugzeugen und Pänzerautos dauern die arabischen Uebefrylle an und nehmen noch''zu. Die Regierung erklärt Belagerungszustand in Jerusalem und beschließt, die englischen Staatsangehörigen in Palästina zu bewaffnen.^ '* [ Als .englischer Ssgatsbürgerietzte ich ^mich,..sogleich mit der englischen Polizei in Jaffa in Verbindung und drhielt Waffen. Die folgenden Nachrichten aus Jerusalem und aus dem ganzen Lande waren traurig und grauenhaft. Es stellte sich heraus, daß im ganzen Lande ein mächtiger Aufstand tobte, welchem die Regierung machtlos gegenüber stand. Auch in Jaffa hatte sich die Lage verschärft, und man fürchtete. Zusammenstöße. Dei jüdische und arabische Polizei in Tel-Awiw und Jaffa wurde aus gewissen Gründen entwaffnet und Wohl und Wehe von 40 000 Juden lag in Händen einiger Dutzend Engländer, die ausdrückliches Schießverbot hatten, solange man sie nicht selbst angriff ... ' Die LUft war mit Explosionsstoffen geladen. Es bedurfte nur noch eines kleinen Funkens, um eine unabsehbare Katastrophe hereinbrechen; zu lassen. Eine gefahrvolle Nacht brachte sinstere Wolken über die schutzlose Bevölkerung Tel-Awiws. . Die ganze Nacht hielt ich mit einigen unbewaffneten jüdichen Polizisten Wache in einem gemischt jüdisch-arabischen Viertel-in Tel-Awiw in der Nähe der Meeresküste, Traurig war unser Zustand. Der große Kummer und dieAufregung schnürte uns die Kehle zu. Stumm standen wir nebeneinander, jeder vertieft in seine trüben Gedanken. Telegraph und Telefon waren im ganzen Lande von