Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 34 (21.8.1930)
- Date
- 1930-08-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 34 Der Israelit eigenen Kräften anderen Gemeinden etwas abzugeben. - Wir resümieren: Wenn man sogar sämtliche Gemeinden unter 1000 Seelen als leistungsschwach im Sinne des Preußischen Staates bezeichnet, so ergibt sich eine Verhältmsziffer zwischen den beiden Verbänden von 1: 5. Diese Verhältnisziffer lag auch in den letzten. Jahren der Verteilung der Staatsbeihilfen zugrunde. Tatsächlich ist jedoch die Zahl der vom Berliner Verband unterstützten Gemeinden im Verhältnis geringer als beim Halberstädter Verband. Tatsächlich ist auch die Bedürftigkeit der meisten dem Berliner Verband astgeschlossenen Gemeinden geringer und wäre ein Ausgleich eher möglich. Wollte man wirklich eine Seelenzahl der Berechnung zugrunde legen, so muß man doch von folgender Fragestellung ausgehen: Wie hoch ist die Seelenzahl in sämtlichen unterstützten Gemeinden Preußens zusammen? Wieviel pro Kopf wird somit vom Staate gezahlt? Wieviel von diesen Köpfen gehören zu Gemeinden des Berliner, wieviel zum Halberstädter Veroanü? Daraus ergibt sich, was jeder Verband auf Grund der unter st ützten Gemeinden zu bekommen hat. Diese Zahlen hätte Herr Dr Freund geben müssen-... Wir glauben, dast. auch heute noch eine solche Veröffentlichung geboten ist! Der Preußische Staat verteilt ferner an die Synagogengemeinden „widerrufliche Bedürfniszuschüsse an Synagogengemeinden zur Besoldung ihrer Rabbiner und zur Versorgung ihrer Ruhestandsrabbiner und der ~ Hinterbliebenen ihrer Rabbiner". Diese „Bedürfniszuschüsse" werden vom Staat direkt ohne Mitwirkung der Landesverbände an die Gemeinden verteilt. Sie haben mit den oben behandelten Staatsbeihilfen nicht das Geringste zu tun. Der Zweck dieser Vedürfniszuschüsse ist deutlich gekennzeichnet. Es muß also sehr bedenklich stimmen, wenn das Ratsmitglied Dr. Freund als Beweis für die Bevorzugung des Halberstädter Verbandes anführt, von den 4 hessischen Provinzialrabbinaten erhielten 3 Staatsbeihilfen, während das vierte fehlte, nämlich das Rabbinat, welches zum Berliner Verband gehört. Ferner wird ausgeführt, daß die separatistische Gemeinde in Köln einen Beitrag erhalte, die Hauptgemeinde aber nichts, ebenso wenig Wiesbaden. „Das ist natürlich ein reiner Zufall, immerhin jedoch eine Tatsache, bei der der andere etwas bedenklich werden muß." Es bedarf wohl keiner großen Einsicht, um zu erkennen, daß in diesen Gemeinden hinsichtlich der „Besoldung ihrer Rabbiner" und der „Versorgung ihrer Ruhestandsrabbiner und der Hinterbliebenen ihrer Rabbiner" besondere Verhältnisse vorliegen müssen, die eben in den Parallelgemeinden des Berliner Verbandes nicht vorhanden find. Von dieser Tatsache kann sieb jedermann überzeugen, sofern er es etwa niM wissen sollte.' Wir halten es für sehr bedenklich/ wenn mit ^solchen Mitteln, wie sie Herrn Dr. Freund belieben, jüdische Politik gemacht wird: Probleme des Zugendalkers. Von Studiendirektor Dr. Ak. Ellas in Frankfurt a. Ttt. I. Das Problem des Verhältnissesder Jugend zum Alter liegt zutiefst in dem andern Lebensrhythmus, in dem Entwicklungsprozeß begründet,, den der Jugendliche in der sogenannten Pubertätszeit durchgemacht, zu der ich auch die von manchen als Adoleszenz bezeichnete Periode hinzurechne.; Die Jugendbewegung hat ihren ersten und letzten Grund in eben diesem Entwicklungsvorgang. Sie hat gezeigt, daß in diesen Jahren im Jugendlichen ein Feuer brennt und' Stürme toben, welche für das Verhältnis der aufeinanderfolgenden Generationen und bei der kritischen Lage, in der auf ein Geschlecht alles ankommen kann, für die Zukunft des Judentums viel bedeutsamer sein können, als alle Auseinandersetzungen, welche die Erwachsenen in Hunderten von Gruppen und Grüppchen aufteilen. Das große Problem des-Wechsels der Generationen MN Vater zu Sohn, van Lehrer zu Schüler, in ihrem Gegensatz) in ihrer Ergänzung und in ihrer harmonischen Verbindungwird letzten Endes bestimmt durch die Psyche des jeweiligen Geschlechtes der Jugendlichen. Gewiß spielt dabei die Zeit, von der sie geboren, in der sie leben, eine große Rolle. Das neunzehnte Jahrhundert mit seinen politischen, geistigen und-sozialen Bewegungen, der Weltkrieg mit seinen Begleiterscheinungen und Folgen sind gewiß an Umgebung und Gedanken und Lebenswelt des Judentums nicht spurlos vorübergegangen und bei der Beurteilung des jungen Geschlechtes nicht, zu vergessen. Aber alle historische Bedingtheit, alle wirtschaftliche Begrenztheit und alle äußere Notwendigkeit erhält ihren bestimmenden Einfluß erst, durch die psychische Situation!, die diese Faktoren auslösen. Nicht immer ist diese Situation von den Erwachsenen erkannt worden, und auch heute noch begegnet sie selbst bei gebildeten Schichten nicht dem genügenden Verständnis. Vor hundert Jahren hat man. wohl schon von dem Gegensatz der Jugendlichen zu den Alten gesprochen, aber man hat dabei nicht den anderen Lebensrhythmus sondern nur die anderen Anschauungen und die andere Lebensweise, nicht die im Reifeprozeß begründete Seelenlage, in Betracht gezogen. Nach Analogie des Kindes sah man im Jugendlichen ein Individuum, das, aufgepäppelt von Vater und Mutter, eine Zeitlang-in Ruhe gelassen und ein paar Jahre lang dösen oder sich ausleben Müsse, bis er eines Tages als solider, fertiger Mensch in die Ehe tritt. Und wenn auch in den pädagogisch verantwortlichen nichtjüdischen Kreisen diese Ansicht heute längst überwunden ist, weil die Jugend sich kräftig zur Wehr gesetzt und die Erwachsenen darüber belehrt hat, daß sie eine Welt für sich darstelle und nicht mit den Maßstäben der Erwachsenen .zu messen ist, daß ihr eigenes Wesen stärker ist als alles, was Erwachsene über ihre Entwicklung träumen und planen, so dürfen wir uns nicht darüber hinwegtäuschen, daß unter uns noch sehr viele Eltern und Erzieher jener Ansicht noch gar zu gerne huldigen, schon darum, weil sie sehr bequem ist. Die Jugendlichen verabschieden die alte Generation in sich. Unter Wehe und Stürmen, unter einer Zwiefachen entscheidenden Veränderung: einer anatomisch-physiologischen und einer geistig-seelischen, geht eine neue Geburt vor sich. Diese Veränderungen, die irgendwie mit einander Zusammenhängen, vollziehen sich nicht ohne tiefgehende Spannungen. Eine glühende Begeisterung für Ideale, eine wilde Jagd nach heimlichen oder lauten Abenteuern, ein leidenschaftliches Streben nach Geltung unb ein gewisser Fanatismus begleiten sie. j Neue Gefühle kommen zum Durchbruch und nähren einett Häß gegen Re Schränken, welche maßvolle Einsicht und nüchterner Verstand Äuferle-gen möchten.' In der UstfähWDt, den Ginn Ms - Lebens zu erfassen,-sucht best Jsttzendliche'chn 'im Unsinn. Der erste ernste Konflikt' zwischen jüdischer und nichtjüdischer Lebensformergibt sich. Der Enkel wird sich der Kluft bewüßt/'öid ihn von großväterlicher Ueberlieferung trennt, zwei Kulturen streiten miteinander, deren eine in grauer Vorzeit verschwommen und' unfaßbar zu verschwinden scheint, deren andere lebensfrifch und gegenwartsnah in den buntesten Farben der Großstadt sich spiegelt. : Sucht man nach den formenden und nach Ausdruck ringenden Und' das Leben leitenden Motiven ustd oft miteinander kämpfenden Gedanken, die den Jugendlichen in dieser Zeit erfüllen, so erkennt man durch all diese Jahre hindurch eines, das sich gleich bleibt in allen Schattierungen, das ist der Wille zum Kampf, zum Kampf gegen die Kindheit und zum Kampf gegen das Alter, zur Ablehnung dauernder Festlegung und zur Auflehnung gegen die Unfreiheit. Angesichts dieser Grundstimmung mstssen wir uns ins Bewußtsein' rufen: dieser von innen heraus kommende leidenschaftliche Kampf, der in __21. August 1930 Dauerwellen und Haararbeiten ist Vertrauenssache! EUGEN O C H S Speziaiist dafür Moselstr. 16 . Taunus 1593 Unverbindlicher Besuch erbeten schmerzlicher Weise das Alter von der. Jugend trennt,/kann gut^ schöpferische Kräfte trk Bewegung Men. DemUriechische Weise, der M sagte: „Der Kamps ist der Vater aller Dinge", 'könnts damit das Jugendalter charakterisiert haben'. Was da durchgefochten und durchgekämpft wird, das kommt der reifen Frau und dem reifen Mann zugute, was da Unfertig und halb gediehen, das hängt Heiden ist 'irgend keiner 'neurotischen Erscheinung noch als schwere Fessel nach. Die in der Jugend Ringenden sind die noch im Alter Lebendigen. . . ■ . Das muß gesagt werden, weil gerade bei uns noch vielfach die Meinung vertreten ist, daß das ganze Gerede von der Pubertät und ihre -Rot eine Krankheit des Jahrhunderts fei. Wäre dem so, dann hätten wir erst recht die Pflicht, dem Rechnung zu tragen und unserer Jugend in dieser Zeit mit desto größerer Konzen'ttiertheit in unsre.Hände zu nehmen. Aber die große Literatur, ditz heute über/die Entwicklungsjahre,: existiert, zeigt uns, daß es sich hier nicht um wesenlose Schatten handelt. Und wenn man meint, daß — wenigstens in unseren Kreisen — diese Schwierigkeiten nicht vorhanden sein müssen, sowie sie früher auch nicht da waren, so ist die Voraussetzung nur zum Teil, der Schluß ganz und gar nicht richtig. Denn in Wirklichkeit sind auch in früherer Zeit die „jemei neurim" und die „jemei bachrus" in ihrer Art eigen gewesen, sind auch in früherer Zeit die körperlichen' Veränderungen sicher und die geistigen und seelischen wahrscheinlich, bei uns sowie bei andern Völkern mit Erschütterungen verbunden gewesen. Nur dauerten diese Erschütterungen früher nicht so lange an, und daß sie nicht so quälend und schmerzlich waren, hatte seine guten Gründe. Das Individuelle trat vor dem kollektiven Erlebnis zurück und wurde weder von den Erwachsenen, noch von den Jugendlichen so beachtet. Im Zeichen einer unkomplizierten Kultur und Zivilisation ist ferner die Entwicklung vom Kinde zum Erwachsenen kürzer und leichter und weniger hart. Endlich aber ist die Lebensform der Erwachsenen heute' eine ganz andere wie früher; sie war früher nicht so philisterhaft, nicht so bourgeoismäßig, nicht so ins Holz gegangen. Darum blieb sie -immer, bis zum Tode, auf dem Niveau des Jugendalters. Unsere Männer und Frauen hatten ja auch in ihrem äußeren Leben nichts von der gesicherten Struktur der heutigen Erwachsenen, sie waren alle Outsider der Gesellschaft. Ihr ganzes Leben war und blieb aufgebant auf der beweglichen Grundlage eist-es, stets zusammenlegbaren Zeltes sind zeigte die/!Seelenlagedes', Jugendlichen ststt feinest Träumest und Kätnpsest. Darum warech ihnen die Tränen so nahe, weil sie,, wie manche Perioden der geschichtliMst Geistesünd. Persönlichkeitsentwicklustg, aus.her Seslenhaltstng des JstgenhlicheN nie herausge kommen.wichen. Mitten im Flusse des Werdens und! Kämpfests' hatten unsere Greise, weil sie in der lebendigen Atmosphäre des „Lernens" lebten, noch das Gepräge der Jugendlichen an sich getragen. Unsere Gelehrten blieben Schüler und unsere Bäte r Kinder. Sie hatten das kämpfende Hhos her Propheten nicht umsonst in ihrer Mitte' gesehen, rangen bewußt um das, was nicht war, kämpften um die'.Versöhnung zwischen Ideal und Wirtlichkeit und ruhten nie aus in der resignierten Form. Sö kann man sagen : In dem Maße, als unsere Ahnen Juden und: g a n z e Juden waren, waren sie auch.s o jst - gen d l ich , daß der Uebergang von der Kindheit ins Mannesalter meist ohne Krisen verlies. Aber unsere Väter und Mütter haben sich gewandelt und unsere Jugend steht schon darum anders zu ihnen.! Der Prozeß der Entwicklung bringst es mit.' sich, daß der Puberitierende, den Alter, Ersah--