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Der Israelit · 1930-08-14 · Heft 33 (14.8.1930) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 33 (14.8.1930)
Date
1930-08-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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14.. August 1930 Nr. 33. Seite 5 Der Israelit sondern im steten Zunehmen. Die Zeit kann nicht mehr fern ^ein, in der sie auch offen und offiziell ihre Ruhetage und ihre Erziehungssysteme selber festsetzen können werden. 4. Vielleicht wird es auch dann nicht tunlich sein, im ganzen Sowjetstaate verstreut solche jüdischen Kollektivbetriebe anzustreben. Vielleicht werden wir uns an die Idee gewöhnen muffen, daß an einer einzigen Stelle desselben eine für gesetzestreue Juden geeignete Siedlung konzentriert werden muß. Dafür sprechen Umstände, die sich aus der Psychologie aufbegehrender Mas-, sen erklären, die nun einmal den.Anblick einer Zeitweiligen religiösen Arbeitsruhe und einer relrgionsgesetzlichen WissensausbilÄung nicht unwidersprochen hinnehrnen. Die im Westen hierzu genossene Duldung hatte ja im Volke selber gar oft ihre nur zu fühlbaren Grenzen. Dies jedoch ist eine Angelegenheit unserer im Sowjetstaate wohnenden gesetzestreuen Brüder, die sie, sobald sie wieder werden atmen können, nach eigenem besten Wissen und Gewissen für sich und ihre Kinder werden regeln müssen. Unsere eigenste Sache aber ist es, aus ihrer furchtbaren Not für uns selber zuerst die richtigen Lehren zu ziehen. 5. Leben wir denn in sorgloserer Situation? Wir wollen einmal nicht kannegießern und wollen einmal denen Recht geben, die den Bolschewismus ni ch t für imstande halten, westliche Kulturländer in unserer oder unserer Kinder Tagen zu übervennen. Aber um sich greifende Schächtverbote, Kalenderreform, familienlebenfeindliche Jugendbewegung bis in unseren Kreis hinein, völlige Erwerblosigkeit der Sabbatbeobachter und Verzotung der Bibel im Volksmunde, —^dazu Friedhofschändung und ähnliche Roheiten der Judenfeinde, — endlich das wirtschaftliche Hindorren der Einrichtungen selbständiger Orthodoxie und ihr Aufgesogenwerden in anderen Kreisen, — schafft das alles ° zusammen nicht eine Atmosphäre, in der unserer Kinder Jüdifchkeit fast ebensosehr in Gefahr gerät, wie unter den Gewaltstre'ichen der Roten? Und sind, nebenbei gesagt, das alles günstige Vorzeichen für die innere Geistesmacht und Widerstandskraft der europäischen Kultur gegen den Oststurm? Nun, — das wollten wir ja außer Acht lassen. Pessimismus für morgen können wir uns nicht leisten; wir wissen ja noch nicht einmal, was der heutige Tag bringt. Unserer gegenwärtigen Nöte können wir, meiner Ansicht nach, nur durch radikale Umstellung unseres Gemeinde- und Schullebens auf nebenamtliche Tätigkeit Herr werden. Zur Zeit gebietet dies unsere Armut. Im nächsten Stadium wird uns dies der Wunsch nach Selbständigkeit gebieten. Zugleich jedoch wird diese Umstellung ein Strahlenbündel religiöser Errergie aussenden, das allein geeignet ist, die obgenannte üble Atmosphäre durch eine solche zu Ersetzen, in der die jüdische Seele unserer Kinder atmen und gedeihen kann. Besser als die Eminenzallüren unserer verarmten Gemeinden werden die Genien eines Rabbi Jochanan haffandelor und eines Rabbi Jizchak nappocha, die von ihrer Hände Werk lebten, unsere Kinder zu jüdischem Denken und Tun anfeuern. 6. Selbstredend ist auch das nur eine Augenblickslösung. Auch wir werden auf die Dauer nicht ohne eine örtlich geeinigte Gemeinschaft unsere jüdische Ueberlieferung vererben können. Man macht gegen ein „Thora-Land" ein Bedenken geltend, das man vor 30 Jahren gegen ben Palästinastaat hegte, nämlich die Befürchtung, nach Schaffung eines solchen würden die Schwachmütigen glauben, nur in ihm bestehe eine Verpflichtung zu völliger Befolgung des G'ttesgesetzes, und außerhalb fei man, wie durch force majeure, dieser Pflicht enthoben. Das ist ein gestriger Gedanke, eine überlebte Politik. Heute sind die Aussichten des Fortbestandes echter Thoratreue in Europa dermaßen gering, daß das kein Grund mehr ist, um die „Siedlung der Thora" für bedenklich zu halten. Wo sie stattfinden soll, o b in erner Region des heiligen Landes , ob außerhalb"desselben nah oder fern dem Boden der Väter, — das sind alles zweitrangige Einzelfragen, zu deren Beantwortung die Nationalökonomen und Agronomen des gesetzestreuen Kreises drmglichst aufgerufen sind«. S i ch e r i st, daß schleunigst ans Werk gegangen werden muß. 7. Und was das Entscheidende ist: Wir denken dabei durchaus nicht ausschließlich an uns. Nur können wir nicht den bedauernswerten gefetzestreuen Bewohnern des Sowjetstaats, die meist in Sorge um ihr nacktes Leben sind, die Initiative zu einer so ganz neuartigen Gründung überlassen, zu der wir, vorerst noch glücklichere Bewohner der westlichen Kulturstaaten, das unerläßliche Mindestmaß an geruhsamer Uebevlegung doch eher aufbringen können. Wenn nur erst wir aus unserer Erstarrung erwachen und einen Thorastaat gründen wollen, — das Menschenmaterial der nächsten und die Führer der übernächsten seiner Generationen mögen dann auch den Ländern entstammen, wo zur Zeit Seele und Leben Israels verfolgt werden. — Wenn wir dabei weniger auf sakrale Repräsentation als auf unverfälschten Gesetzesgehorsam und weniger auf agronomische oder kolonistische, industrielle oder politische Erfolge als auf stilles Gedeihen und soziale Gleichheit unserer Siedler zu achten uns entschließen können, — dann haben wir vielleicht gegen östlichen Atheistensturm und westlichen Lebensleichtsinn, gegen Bolschewismus und Hochkapitalismus eine Friedensinsel gebaut, die alle anderen Gründungen unserer armen Zeit überdauert. Dann fürchten wir uns nicht beim Wechseln der Erde, beim Wanken der Berge im Herzen der Meere. — Gewiß kann man auch dieses Projekt als zu schwer und unausführbar ablehnen. Ob wir uns aber diesen Mangel an Lebensmut leisten können, erscheint sehr zweifelhaft. Es wäxe luxuriöser Pessimismus, etwas Derartiges nicht zu wollen und nicht zu erstreben, weil es nichts rekordmäßig Großes werden kann und darf. Entschließen wir uns aber, ins Programm unserer orthodoxen Organisationen, unbeschadet der Paläst'maarbeit, diesen Punkt aufzunehmen, dann wirkt schon dieses Bestreben an sich, schon vor jedem Erfolge, läuternd und festigend auf uns und unsere Kinder. Korrespondenzeii * nacbricbten. Deutsches Reich. Professor Eduard Baneih bn. " ' .Berlin, 8. August. Am Donnerstag, den 7 August, verstarb in seiner Berstner Wohnung der in dqr gelehrten jüdischen Welt als Talmudforscher hochgeschätzte Herr Professor Dr. Eduard Ban et h im Alter von 73 Jahren. Prof. Baneth war ein Sohn des 1871 verstorbenen berühmten Talmudisten Jerachmiel Dob Baneth, Schülers des Chatam Sofer m Preßbürg, und ein Enkel des Talmudforfchers Ezechiel Baneth, der 1854 in Neutra als Rabbiner und Leiter der dortigen großen Jefchiwah starb. — Prof. Eduard Baneth besuchte die Jefchiwah in Preßbürg, studierte dann in Berlin, war 1882 bis 1895 Rabbiner in Krotofchin und war feit 1897 Dozent an der Hochschule ür die Wissenschaft des Judentums in Berlin, wo er talmudifche Fächer lehrte. 1919 erhielt er vom Preußischen Kultusministerium den Professor-Titel. Von seinen Werken sind zu nennen „Samuel Hanagid als Staatsmann und Dichter", „Ursprung der Saddokäer und Boethosäer", „Maimunis Kommentar zum Traktat Abot", „Maimunis Neumondsberechnung", ferner eine 1917 erschienene poetisch-dramatische^ Bearbeitung des Hohen Liedes (Schir Hafchirim) und eine Studie über soziale Motive in der rabbinischen Rechtspflege. Die Beerdigung fand am Freitag, den 8. August, nachmittags, auf dem jüdischen Friedhof zu Weißensee unter großer Beteiligung von jüdischen Gelehrten und Vertretern der Jüdischen Gemeinde statt. (ITA.) Iungdo und Judentum. — Ein Artikel Artur INahrauns. Berlin, 6. August. Der Hochmeister des Jungdeutschen Ordens, Artur Mahraun, Begründer der „Volksnationalen Reichsvereinigung", die sich mit der Deutschen Demokratischen Partei zur Deutschen Staatspartei vereinigt hat, veröffentlcht in seinem Organ „Der Jungdeutsche" einen Artikel, „Meine Stellung zum Judentum", dem die folgenden Stellen entnommen sind: „Verschiedene Zeitungen veröffentlichen einen Brief, in dem ich einem besorgten Freunde die Versicherung abgab, daß sich die Volksnationale Reichsvereinigung selbstverständlich energisch gegen alle diejenigen Juden zur Wehr setzen werde, welche an den Grundsätzen unserer christlichen und deutschen Kultur rütteln wollen. Andere Zeitungen bezeichnen das Vorhandensein des sogenannten Arierparagraphen, der eine der Grundlagen des Jungdeutschen Ordens ist, als Antisemitismus. Der Jungdeutsche Orden läßt an dieser Grundlage seiner Mitgliedschaft nicht rütteln. Er erkennt im staatsbürgerlichen Leben, wie viele seiner Verlautbarungen seit Jahren beweisen, den jüdischen Staatsbürgern die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung zu. Wir geben aber keinem das Recht, in Wesen und Form unserer juirgdeutschen Gemeinschasktzbildung hineinzureden. Wir erkennen genau so, wie wir für uns das Recht der Gemeinschaftsbildung nach unseren Gesetzen fordern, auch jedem anderen das gleiche Recht zu. Ebenso wie wir in der Bildung von jüdischen Vereinigungen hündischer, politischer oder kultureller Natur keinerlei Angriff aus uns sehen, so verlangen wir auch, daß das Judentum in unseren völkischen Grundlagen keinen Angriff auf sich sieht. Die gegen mich gerichteten Angriffe begrüße ich, weil sich auf diese Weise die Gelegenheit ergibt, einmal in aller Oeffentlichkeit die Frage zu klären, ob das deutsche Judentum ein Recht hat, deutsche Gemenischaften, welche sich nach rassischen Vorbedingungen zusammengefunden haben, und die über diese eigene Einstellung hinweg gemeinsam mit allen deutschen Staatsbürgern ohne jede rassische Vorbedingung positiv in der Politik Zusammenarbeiten wollen, als antisemitisch zu bezeichnen. Unbeschadet unserer völkischen Gesinnung bekämpfen wir schon aus Gründen der nationalen Einheit und Befriedung des deutschen Volkes den demagogischen Antisemitismus unserer Zeit. Mussolini bezeichnete den Antisemitismus als eine Barbarei. Er nannte den Faschismus erhaben über den Antisemitismus, weil der Faschismus die höchste Stufe der Kultur sei. Unser Kampf für den deutschen Volksstaat erstrebt die Vollendung der deutschen Volkseinheit und die Bereinigung aller Gegensätzlichkeiten, welche das deutsche Volk mit Haß und Zwietracht erfüllen. In dem Antisemitimus wie er sich heute in Deutschland darstellt, sehe ich ebenso ein Minderwertigkeitsgefühl, wie ich dasselbe in einem gewissen Antiger- Manismus gewisser jüdischer Kreise erblicke. Ich bin fest überzeugt, daß nur auf der Grundlage der Gleichberechtigung eine staatsbürgerliche Bereinigung erfolgen kann, und bin der Ansicht, daß angesehene Juden zu dieser Auffassung Stellung nehmen müssen." Anklage des «Berliner Tageblattes" gegen den Führer der Deutschen Botkspartei Dr. Scholz. Berlin, 8. August. Am 27. Juli; nach Auflösung des Reichstags, hat der Chefredakteur des „Berliner Tageblatts", Theodor Wolfs, eine Frage an den Vorsitzenden der „Deutschen Volkspartei", Dr. Scholz, gerichtet: Wie er und seine Partei es im nächsten Reichstag mit dem Nationalsozialismus und seinen Anhängseln halten wollen. Das „Berliner Tageblatt" stellt nun zum zweiten Male fest, daß Dr. Scholz die Frage nicht beantwortet hat und nimmt an, daß eine Antwort nicht mehr erfolgen wird. Die Zeitung bemerkt: keine Antwort ist auch eine Antwort. Sie weist auf die bereits gebrachte „sichere Nachricht" hin, die dahin lautete: „Scholz hat, gemeinsam mit den Führern der anderen Rechtsparteien, in den Verhandlungen mit der Deutschen Staatspartei es abgelehnt, auf ein zukünftiges Zusammengehen mit den Nationalsozialisten zu verzichten." .Das Blatt stellt fest, daß dieser Meldung nicht widersprochen worden ist. „Herr Scholz," fährt das „Berliner Tageblatt" fort, „will seine Verbindung überall hin

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