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Der Israelit · 1930-08-14 · Heft 33 (14.8.1930) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 33 (14.8.1930)
Date
1930-08-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Nr. 33 andern im Schlachthaus, daß .er einem Schweine beim Siechen förmlich das Herz zerschnitten habe; es wollte gar nicht verenden. Ein großes Mastschwein wurde geschlagen; es fiel erst beim dritten Hieb' unter bekanntem Geschrei. Man stach und.fing'das Blutlaus. Die, Metzger verliest e n d a s S ch l g^ch t h a u Sj, es waren etwa 12—15 Minuten verflossen; das Tier atmete noch vollständig und arbeitete sich noch etwa zwei Meter fort bis.in die Mitte des Schlachthauses. Von da wieder an die Wand, bis es unter Stöhnen verröchelte. In der Gegend von Schweinfurt — so meldete die Zeitung 1928 — wußte sich ein Bauer nur so zu helfen, daß er dem lebenszähen Borstentier zuletzt den Revolver auf den Kopf setzte. Em Sattler hatte eine Hausschlachtung. Der „Heiner" zieht aus, trifft aber fehl und schlägt dem Schwein das eine Ohr halb ab. Das zerfchundene Tier springt wütend im Hofe herum. Alles flüchtet, auch der Metzger. Endlich kann er dem vorbeirennenden Tiere noch eins versetzen, es stürzt, er schlägt weiter. Beim Blutausfangen kommt das Tier wieder auf und wirft das Blutgefäß um. „Mit den Blutwürsten wars diesmal vorbei," meinte der Sattler. Wenn solche Dinge beim Schächten 'vorkämen! Dieses allein wird getroffen und soll getroffen werden. Es ist nur der deutliche Sinn und die Wiederholung des Satzes, den man ganz oben an die „Begründung" des Gesetzes stellte: „Die Betäubung der Schlachttiene vor der-Blutentziehung ist eine'alte Forderung des Tierschutzes, die immer wieder besonders gegenüber dem jüdisch-rituellen (betäubungslosen) Schächten erhoben wurde." — Also d a s ist der Hauptzweck. Und so sieht es mit der Praxis aus. Im übrigen muß noch hervorgehoben werden, daß Kitzen und Lämmer fast ausnahmslos zuhause abgetan werden, also wegen „der Schwierigkeit der Ueberwachung des Vollzugs" nicht erreiche werden, wie es die „Begründung" so halblaur und so harmlos ausdrückt. Jeder objektiv urteilende Physiologe wird aber auch zugeben müssen, daß ein Stich ungemein schmerzhafter ist als ein Schnitt mit haarscharfem Messer. Beweis: auch das geschlagene Rind zuckt sofort, wenn es zwecks Blutauffangen gestochen wird, während beim Schächten das Tier ruhig bleibt, auch wenn 5 oder 6 Querschnitte rasch erfolgen. Der jüdische Schächter erinnert an den Operateur, welcher nach den s o r g fä lt i g st e n V o r b ere i t u ng e n an die eigentliche Ausführung geht. Da kann nicht leicht etwas fehl gehen. Der geringste Druck, ein bloßes Auflegen des Fingers auf den Messerrücken, das geringste Pausieren, ein bloßes Anstoßen des Messers machen das Tier trefo, zum rituellen Genüsse untauglich! G. s. D., daß wir all diese peniblen Vorschriften haben. Der jüdische Schächter chat ein gediegenes .theoretisches Wissen mit praktischem Können zu vereinen und seine BefähigMgr in eigenemuExamen: vor dem. jüdischen,.UeMichen» zu erweisen. Nur der Rabbiner, hat .chn MüMtoristeren., .Er ist kem-.-FMschergeselle, sondern begleitet.hinen hohen Vertrauensposten unh genießt-,neben den sonstigen Gemeindebeamten das höchste Ansehen. Seine seelischen und geistigen Qualitäten sind ein mächtiger Schutzwall gegen jede Abstumpfung des Gefühls und gegen jede Gemütsverrohung, also auch gegen 'jedwede Tierquälerei. Nicht um alles würde er ein Tier anders töten als auf die vorgefchrrebene religionsgesetzliche Weise. Gerade darauf sind wir stolz, daß die Tiertötung, bei der man der vernunftlosen Kreatur doch immerhin das Teuerste nimmt, in die gewechte Sphäre 'der Religion verlegt ist, verlegt ist seit Tausenden von Jahren. Sie ist den breiten Massen entzogen. Das ist die ungemein hohe v o l k s e r z i e h e - r i sch e Kraft unserer heiligen Schechita. Das ganze Volk ist seit Jahrhunderten hier in eiserne Selbstzucht genommen. Wir sind par excellence eine Nation d e s Tierschutzes. Wir protestieren darum gegen ein G ef e tz, d a s f i ch Betäubungsgef etz nennt, Strafen für Zuwiderhandelnde fest setzt und vielleicht keine Der Israelit 40 Prozent der vermeintlich zu f ch ü tz e nd e n Tiere e r f a ß t-, ja,.7 diese Schwäche o f f e n eingesteht. Wir wollen schweigen' von 100 000 Jagdtieren! Jägerhut, Jägerlieder, Halali und Jagdhorn Helsen dem Jagdtiere nichts. Wir protestieren gegen ein G e s e tz, das i n de r P ra x i sk ei n eHa n dh ab e besitzt, um das zu verwirklich e n, w a s e s s o h o> ch t ö n e n d v e r s p r i cht. Wir protestreren gegen die unsinnige Vermessenheit, daß Veterinäre und Physiologen darüber, zu urteilen s i ch e r k ü h n e n,ob das Schächten eine r e l i g i ö s e Vorschrift sei o d er nicht. Das könnte höchstens ein Theologieprofessor tun, der mit der einschlägigen Materie und der weitschichtigen diesbezüglichen Literatur vertraut ist. A u ch dieWisfens ch af t i st w a n de l b a r. Was heute von Männern, die in Studienanstalten vorgebildet wurden, in denen offenbar der antisemitische Zeitgeist heimisch, als wissenschaftlicher Standpunkt verteidigt wird, kann und wird über kurz oder lang eine grundlegende Aenderung erfahren. Noch sind j e n e t a u send G u t - a ch t e n, diesichb e ge i st e r t füru n s e r e hl. schechita erklären, nicht wrert^ los; wir werfen sie nicht zum alten Eisen. Sie zeigen deutlich, welche absonderlichen Sprünge auch die Wissenschaft macht, wenn sie dem Zeitgeist Konzessionen bietet: Das Betäubungsgesetz geht an seinem Kontrast mit d e r ,t ä g l i ch e n E r f a h r-u n g und Praxis einst zu Grunde. Es wird' zum Scheingefetz, das der Prüfung der Wahrheit und. Gerechtigkeit nicht standhält. Deutschland protestiert gegen Schuldlüge und Friedensdiktat. Auch uns bleibt vorläufig nur das elementare Recht des Unterdrückten, zu protestieren gegen die Gewalt des Mächtigeren. Doch während es sich bor:: um Feinde und ehemalige Gegner handelt, will man hier V o l k s g e n o f f e n v e r g e w a l t i - gen, die Gut und Blut.fürs Vaterland.geopfert, die unter gleichen bürgerlichen Gesetzen leben und denen d i e G e w i s s e n s f r e i h e i t verfassungsmäßig garantiert ist. Unser Pro - t e st gewinnt da durch a n E r n st und Feierlichkeit, er ist ein Appell an Wahrheit und Gerechtigkeit, die Grundlagen jeder staatlichen Ordnung. — Luxuriöser Pessimismus. Von einem Naiven. 1. Wer in Not geraten ist, darf von mehreren angebotenen Auswegen den leidlichsten wWem WM aber das Messer an der Gurgel sitzt, der darf' auch! den schäbigsten Und schch ächsftn/Mfter, 1 abweisen." Er kann.srA Dicht fe; LüAs Misten, irgend einen inüttgsschimiiitjr nicht sehen zu .wvKen>' zu ' seiner' 'ZMüng geschmi'edeW' PvöM ft hessi^ mistisch zu beurMeft. ^Biele Leiste " hWn, nM. nicht begriffen, daß wir Juden uns zur Heit in solcher Lage beftnden. Nur Einzelne haben es eingesehen. Ein Mann, dem man einigen Weltblick zutrauen darf, hat, als vor kurzem ein Projekt-jüdischer- Anfiedlung in Peru auftauWe, die Erklärung' abgegeben Ungeprüft düM tt b$i gegenwärtiger Lage der Juden auch das entlegenste Kolonisationsprojekt nicht von, der'Hctnd weisen. Der Männ heißt Alstert Einstein. Au jener Siedlungsidee selber;Mögen Berufener^ Stellung' nehmen. Die Gesetzestreuen haben außör deck allgemeinen jüdischest Nöten noch ihre besonderen Qualen zu-beklagen.' Für uns kann es ftberhaü^t kein RettuNgsftrojekt. geben, das wir ungeprüft als ftftäw" abweisen dürsten. Wir muffen, da es um unser"Sein und Nichtsein! geht, nach jedem Strohhalm greisen, um uns ftast ihn zu klammern'undl zu prüfen, ob Sr nicht nur ein Strohhalm zü -fein scheint, in Wirklichkeit aber unser Rettungsanker werden kann. Bor einigen Wochen wurde in diesen Blättern der Vorschlag . . . 14. August 1930 geKacht, rechtzeitig, möEichst 7 bald Leute auszubiOen, die es verstehen sollen, soMOWe schlimmsten Stürme der Religionsseindschaft/im Sowjetstaate ausgstobt haben werdech d^g-jMischen Be- Mahner dieses Staates, zu. seinen auftichtigen Bürgern und zugleich zu treuen Thorabefolgern zst Erziehen uME'gesch^MHMWWelm DMe Idee würde ihrem Urt^b^r''vön'WstßeN'.'cÄs # kappter Ath eismus, von Anderen, W ohlwollenden, als Naivität ausgelegt und, als nicht beachtenswert erklärt. Es hätte deren Urheber nicht angefochten, in den falschen/Verdacht-- des-Atheismus gekommen zu sein oder auch einmal etchas Nichtbeachtenswertes geschrieben zu haben. Aber die brennende Sorge um unserer Föftexistenz als orthodoxe Juden macht es unmöglich,, es hierbei bewenden zu lassen. Eine solche Verzwe i flu n g könneu w i>r un s nicht l eisten; d a s w ä r e luxuriöser P e s f im i s m u s. 2. Man glaubt zunächst den Einwand der äußere n, Unmöglichkeit gegen den geplanten Ausgleich zwischien Sowjetbürgertum und Judentum Vorbringen zu müssen: man meint, ein, ewig unüberbrückbarer Abgrund tue.^stch zwischen diesen zwei - Menschentypen auf. Es ist nur zeitlich eingemauerte,. ges chichtsun kundig e Gegenwarts- und Kirche turmspolitik, die dergleichen behaupten kann. Alle Bewegungen der Weltgeschichte haben mit Fanatismus angefangen, 'der 'Ge^enbewegüng und Kampf heraufbeschwört. Den Kampf, und war er noch so mörderisch, hat immer die klügere Partei beendigt, die zuerst eingefehen' hat, daß sie einen Lebensmodus n eben der anderen finden muß und nicht auf deren Vernichtung warten kann. Wollen wir nun warten, bis die Wüteriche des Bolschewismus diese klügere Partei sind? Die Zeit dürfte uns wohl etwas lang werden. Oder wollen wir, wenn schon alle die mit kauten Protesten einander überbietenden Kirchen und Staaten diese Klugheit eingesehen haben werden, allein als diejenigen übritzb'leiben, die keine Beziehung zum Sowjet-Weltreiche finden können oder wollen? Der Bannbulle aus Rom folgte immer früher oder später der Nuntius, der das neue Konkordat vorbereitet, und dabei ist Rom eine Macht; wir aber sollen uns mit Protesterklärungen begnügen, ohne zu überlegen, was wir unternehmen, sobald der Gegner feste Forderungen envartet, um über sie zu verhandeln? Gerade wir söllten uns nicht durch landeskundige und zuverlässig gesetzestreue Leute darüber vergewissern, was wir und wann wir etwas werden fordern dürfen, um unserem Bekenntnisse im Sowjetstaat den Fortbestand zu sichern? Es ist schwer, hier nicht den Vorwurf d,er Naivität, der in solchen Dingen des Seins-und Nichtseins des Judentums dem leichtfertigM ExKeriNventiebeNs 'mik Men-- fchenleben gMchkvmM^ den'eÜjbdte 'ihft'-erhebeü^ Zu gefälliger Selbstbedienung' vorzülegeU"!?n' . -,;Ob endWin )meint, rman si n, n e r e Gründö zu hahqn^die den Ansglsich Zwischen kommunistischer und -:thoxagesetzkjchier; Kultür:- > zur . Unmöglichkeit Mächen^ Dgsi ist 'Mn rStMdpunN^ Mer.' AchMmg verdient, aber einem Bekenner des Thora-im-Dsrech-Erez-Pringips nicht ansteht. Wie war es möglich, trotz des jähen Wechsels der Erziehungsmethoden, Tracht, Sprache und Denkweise, der um 1st30 nötig Mar, aus Ghettojuden Vollemower zu machen? Warum nahmMan nicht damals und nimmt noch heute ip m-cmcheü Staaten nicht ittt.Keichsst-.GiNne'Änstoß.■cp Mstitärpflicht und Schulzwang, jp, nicht einmal? chn Zinsgeschäft./das noch Jakob Ech^N''.a^'..Mü-ermsüiAeres 'Histeinchächfens in' Üie .Kusturft>er^ eurolaWen Staaftn ansah?. Zü.ihrerftZest waren rffe" diese Bedenken nicht geringer und nicht gechMiger als das, was man Mute./gegen^ einen hiübü^ vivendi mit dem. Sowjetstaate vorbrin-! len' zll müssen meint: Kollektiv-Eigentum und Stäats-Areligiosität. Die Sekbstänhigleit.der Kollektivbetriebe ist trotze (vielleicht infolge) der kommunistischen Staatsprinzipien,. allem aber infolge des Hmeinwachsens des Bauernstandes und der Arbeiterschaft in sie nicht im Schwinden,

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