Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1930-08-07 · Heft 32 (7.8.1930) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 32 (7.8.1930)
Date
1930-08-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450600-2450631--77141-2534783
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

7. August 1930 Der Israelit weniger aber Nützlichkeitsgründe^ weil die Demokratische Partei numerisch gering und dadurch politisch machtlos sei. Das trifft bei der neuen Sachlage nicht mehr zu. Gelingt es Koch-Weser, all die freiheitlichen Elemente zu seiner Rechten für sich zu gewinnen, dann ist die Demokratie in der neuen Form der Staatspartei wieder ein politischer Machtfaktor, mit dem sehr zu rechnen wäre. Zunächst war es uns bei diesem Verhandeln mit rechts nicht ganz geheuer. Wußten wir doch, daß düFu u. a. auch die M a h r a u n f ch e Gruppe gehört und auch der I u n g d e u t s ch e Orden, der früher frisch und froh den Rassen s ch w r n d e l mitmachte und halbausgesprochen den Antisemitismus auf seinem Programme hatte. Was konnte man sich von einem Zuzuge van dieser Seite versprechen? Was wir darüber in der entscheidenden Sitzung der Demokratischen Partei am letzten Donnerstag aus dem Munde Kach-Wesers, des Rufers zur Staatspartei, gehört haben, klingt jedoch einigermaßen beruhigend. Mahraun habe chm für feine Partei die Erklärung gegeben, daß diese, rvie der Iungdeutsiche Orden den Antisemitismus d e f i n i t i v abgeschwo - ren hätten. Die Staatspartei steht mit absoluter Geschlossenheit und größter Energie auf dem Standpunkt der „völligen Gleichberechtigung aller Staatsbürger", und der Jungdeutsche Orden bekennt sich, unter Preisgabe aller früheren Anwandlungen, zu diesem Programm, legt mit ein Bekenntnis ab zu Staat und Verfassung! i Ist dem so, dann liegt wirklich kein Grund vor, der neuen Staatspartei ob dieses Zuwachses etwa gram zu fein oder ihr darob mit Mißtrauen zu begegnen. Gelingt es der sammelnden Hand wirklich, auf diese Weise politisch erzieherisch zu wirken und junge Menschen von den Fesseln einer verworrenen nationalsozialistischen Dogmatik zu befreien, dann wohl ihr, wohl Deutschland und wohl uns! So wollen wir die neue Deut f ch e Staatspartei in die Reihe der Parteien aufnehmen, die unser Vertrauen verdienen, und denen am 14. September dieses Vertrauen mit dem Wahlzettel zu attestieren, sich sehr wohl mit der jüdischen Ehre und den jüdischen Interessen verträgt. Rumänien. Die aus dem rumänischen Unruhegebiet vorliegenden Nachrichten lassen erkennen, daß die rumänische Regierung, ob aus Drängen des Königs, oder aus eigener Initiative steht dahin, doch! für uns, in Frieden für die anderen, insbesondere für den inneren Frieden. Wäre es Freiheit und Friede, wenn dort, wo die Standarte fremder Mächte nach langem Ringen und Kümpfen nun entfernt, jetzt die Flagge Des Rassen- und Klassenkampfes entrollt würde? Rur dann ists wahre Befreiung und Freiheit, wenn es eine Etappe ist, zu dem (rn-'Vnn) ®sa tp®» mVisn la®’ mp psn rnp ~iv mnnVn n’a®a Der Zeit, „da Kriege schwinden bis zum Ende der Erde, oie Bogen zerschmettert und Kriegswagen im Feuer vernichtet werden." Solange Fahrzeuge einherfahren, um Die Volksseele zu vergiften und Haß aufzupeitschen, solange ists nicht die „Freiheit, die wir meinen, die unser Herz erfüllt." Sie sind wohl nicht so das Leben gefährdend, wie Panzerwagen untt bombenwerfende Flugzeuge, aber die Seele vielleicht noch mehr vergiftend. Denn der schlimmste Feind ist der Feind im Lande. Dansa nanV» lsan ’di Jenes alte Wort von dem Eisen, das lärmt, wenn es vom Eisen, vom Artgenossen, geschlagen wird, mehr als das Gold, das die Wucht des Hammers stiller erträgt, ist eine tiefe Wahrheit. Ist es Freiheit, wenn unreife Jugend und von Bosheit verblendete Männer Lügen hundert- und tausendmal Wiederholen, die deshalb nicht aufhören, Lügen zu fein, um Haß aufzupeitschen? min sVs nnn rripn Vs die wahre Freiheit ist die Freiheit vom schlimmsten Feinde, menschlicher Leidenschaft, religiöser und nationaler Engherzigkeit. In diesem Frieden das besetzt gewesene Land zu erhalten, ist unsere Sehnsucht. Ist es gelungen, Menschen und Völker über den Ozean hinweg zu versöhnen, sollte es nicht gelingen, mit dem nächsten Nachbar in Frieden zu leben? Auch für uns wollen wir die Lehre ziehen l'-nna sa '»§ i?' uns Zurückhaltung nach außen aufzulegen, zusammenzustehen nach innen und nach außen, uns selbst zu achten, daß uns auch die and eall-mählich den Fehler gutzumachen beginnt, den sie mit der etwas laxen Behandlung der antisemitischen Unruhestifter seit langem begangen hat. Dem Innenminister Vaida-Vovod sind diktatorische Vollmachten zur Bekämpfung der Unruhen im Lande gegeben worden und er ist entschlossen, auch vor den schärfsten Maßnahmen, evtl, vor der Proklamierung des Kriegsrechtes, nicht zurückzuschrecken, um die Ordnung wieder herzustellen. Daß die eigentlichen Ursachen der empörenden Vorgänge zum Teil aus wirtschaftlichem Gebiete liegen, läßt sich natürlich nicht verkennen. Der gleiche Vorgang, der sich in den primitiven Wirtschaftsgebieten des Ostens nicht nur, sondern in ganz Europa abspielt, nämlich die gleichzeitige Verelendung des Mittelstandes und ebenso der landwirtschaftlichen Produzenten, hat in dem kapitalarmen Rumänien besonders vernichtende Wirkungen ausgelöst. Die Regierung aber wendet ihre besondere Fürsorge seit Jahren naturgemäß der Bauernschaft zu, denn Rumänien ist vorwiegend Agrarland und muß das Aeußerfte aufbieten, um feine Landwirtschaft halbwegs rentabel zu erhalten. Tragisch ist nur, daß die Erregung der Bauernschaft über die gesunkenen Getreidepreise mangels jedweder tieferen Kenntnis der wirtschaftlichen Zusammenhänge sich gänIlich gegen den gleichen jüdischen Händler wendet, der selber um die nackte Existenz ringt. Hier nun hört das Walten eines unabwendbaren Schicksals auf und es beginnt menschliche S ch u l d u n d V e r a n t w o r t u n g. Der blinde nationalistische Haß der von Prof. Cuza geleiteten antisemitischen Elemente, die Hetzarbeit der sogenannten nationalen „Intelligenz", voran der Studentenschaft, sie ist es, die statt der notwendigen Aufklärungsarbeit unter der Bauernschaft die Juden zum Sündenbock für alles äußere und innere Elend des Landes macht und in bewußter Weife Tod und Verderben gegen die jüdische Bevölkerung predigt. Gegen diese Brunnenvergiftung kann nur mit. rücksichtsloser Gewalt vorgegangen werden und die Regierung handelt damit nicht etnrn nur im Interesse des rumänischen Ansehens und der internationalen Geltung des Landes, sondern es gehört nicht viel Voraussicht dazu, um zu begreifen, daß die einmal in die Hetze hineingerissene Bauernschaft eines Tages zwischen dem angeblich jüdischen Kapitalisten und dem nichtjüdischen keinen Unterschied mehr machen und sich statt an die Emissäre des Herrn Cuza, an diejenigen des Sowjet-Bolschewismus halten wird. Die antisemitische Revolution, mag sie sich nun Nationalsozialismus, Fachismus oder wie immer r e,i achten, doch nicht unangenehm die Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Was wir tun, tun wir nicht für uns allein, sondern für ein 14 Millionenvolk. Jede unschöne Tat befleckt den von vielen Spähern, Neidern und Hassern umdrohten Schild Israels, jede gute Tat ehrt ihn i'isV ynar "isoa am und wird in das Buch des Gedenkens vor G'tt geschrieben. Dann haben wir das Unfrige getan, um die Zeit zu bringen, daß die Bogen zerschmettert und Kriegswagen verbrannt werden, und auch Jisroel die Erlösung, komme. ps Vsu pxV s«-» Kleines Feuilleton. Die Lage der Zuden im fernen. Von dem Professor für Islamkunde an der Universität Hamburg, Stroth mann, der vor kurzem von einer Forschungsreise im Jemen zurückgekehrt ist, erhält die ITA. folgende Angaben über die Lage der dort lebenden Juden. Die Juden genießen im Jemen eine Art rechtlicher Autonomie. Ihr höchster Geistlicher, der Chacham Baschi, ist zugleich ihr Oberrichter, der Urteile spricht und Strafen verhängt, die von der yemenitischen Polizei vollstreckt werden. Der Chacham Baschi erfreut sich einer sehr angesehenen Stellung, er erklärte selbst, daß er mit dem Imam besteundet sei, und empfing den Berichterstatter bei seiner Ankunft im Aufträge des Imam. Ueber die Frage der angeblichen zwangsweisen Bekehrung jüdischer Waisenkinder zum Islam hat der Chacham Baschi folgendes mitgeteilt: Weder in Sanaa noch in einer anderen größeren jüdischen Gemeinde in Jemen sei es jemals vorgekommen, daß ein jüdisches Waisenkind von den Mohammedanern Nr. 32. Seite 3 sonst etikettieren, endet unfehl ba r i m Kommunismus der Gewalt. Man darf darum vielleicht hoffen, daß es in Rumänien unter der Führung der Regierung allmählich doch zu einem Zusammenschluß der vernünftigen Elemente gegen die Cuzisten und damit zu einer politischen Gesundung kommen wird. Zwangsverband und Frauemvahlrechk. . Von Ben Aron. Das Verordnungsblatt der Israeliten Badens Nr. 2, ausgegeben am 7. Mai 1930, enthält den Schlußbericht über die Tagung der 14. Synode. Ueber die Versammlung ist seinerzeit bereits in diesem Blatt berichtet worden. Das Erscheinen des Protokolls gibt Veranlassung, auf den damals übergangenen Punkt des Frauenwahlrechts einzugehen. Die Kommission beantragte das passive Frauenwahlrecht für Gemeinden mit mehr als 600 Seelen. In der Debatte führte Abg. G. aus, die Frage des Frauenwahlrechts sei in halachischer Beziehung strittig. Es komme nach hinzu, daß die Synagogenräte auch religiöse Funktionen auszuüben hätten.—Abg. M. trat für das Wahlrecht ein, wollte Hlerdings die Fraueu von „synagogalen kultischen Funktionen" ausgeschloßen wissen. Wenn Konferenzrabbiner Dr. Unna hinsichtlich der religionsgesetzlichen Zulässigkeit des Wahlrechts gesagt habe, es wäre zweifelhaft, aber es widerspräche den Traditionen, so sei das, was wir heute machen, morgen schon Tradition. Auch die Tradition sei nur „zustande gekommen".— Abgeordnete Frau I. wies auf die Weltkonferenz jüdischer Frauen in Hamburg und auf die Konferenz des jüdischen Frauenbundes in Berlin hin, bei welchen die Frauen bereits den Beweis erbracht hätten, Daß sie fähig feien, mit Erfolg in der Gemeindearbeit neben den Männern tätig zu fein.— Rabbiner Dr. Unna stellte fest, daß schon aus halachifchen Gründen Zweifel geHen die Berechtigung des Frauenwahrechts geltend zu machen seien. Aber Tradition bringe eigentlich noch in viel tieferem Sinne den Geist einer Gruppe oder eine Gemeinschaft zum Ausdruck. „Wenn wir sagen, das Frauenwahlrecht Widersprüche der Tradition, so wollen wir damit aussprechnn, daß es dem ganzen Geist nicht entspräche, wie er aus der Lehre des Judentums und aus dem Leben im Sinne des Judentums sich entwickelt hat." Im übrigen handele es sich um eine Modesache. Die tätige Mitarbeit der jüdischen Frau sei immer vorhanden gewesen, sie bestände auch dann, wenn den Frauen nicht passives Wahlrecht zum' Synagogenrat gegeben werde. Der Antrag der Kommission wurde schließlich mit Majorität angenommen. Für Körper undFüsse nur DIAIQN-Puder ausgenommen und zum Islam bekehrt worden sei. Fn ganz abliegenden Gegenden, aber mit nur vereinzelten oder gar nur einer Iudenfamilie könne es dagegen geschehen, daß im Falle des Todes beider Eltern die Araber das Kind aufläsen und dann den Behörden übergeben, sodaß es mohammedanisch erzogen werde. Wegen eines solchen Falles noch aus jüngster Zeit, der nachttäglich zur Kenntnis des Chacham gekommen ist, habe dieser dem Imam selbst Vorstellungen gemacht. Geantwortet wurde ihm, ohne besondere Berufung auf den Findlingsparagraphen im mohammedanischen Gesetz, daß die Regierung verpflichtet sei, für Waisenkinder zu sorgen. Die Tatsache, daß sich in Aden noch neben mehreren anderen yemenischen auch jüdische Flüchtlingsfamilien aufhielten, erkläre sich aus der langen Kriegszeit. In steuerlicher Hinsicht seien die Juden den Araber im Jemen gleichgestellt, nur mit dem Unterschiede, daß sie nicht zum Militärdienst herangezogen würden und stattdessen eine Militärsteuer zahlen müßen..Diese bettage für die ganze jüdische Gemeinde von Sanaa etwa 2.000 RM, die von dem Chacham auf die einzelnen Gemeindemitglieder umgelegt würden. Die höchstbesteuerten Juden hätten von dieser Summe im laufenden Jahr je 4 Reval, etwas über 5 RM zu zahlen Kchabt. Arme Leute seien frei; der jüdische Diener des Berichterstatters habe jetzt V2 Reval - 65 Pf. Militärsteuer bezahlt. Die Juden seien glücklich darüber, daß sie sich durch Zahlung einer so geringen Steuer vom Militärdienst befreien könnten. Die Juden Sanaas wohnten in einem besonderen Stadtviertel, aber auf ihren eigenen Wunsch. Anderswo Haus- und Grundbesitz zu erwerben, auch Werkstätten und Laden zu halten, sei ihnen nicht verwehrt. Zwischen dem Judenviertel und Sanaa-Stadt sei dauernd ein lebhafter Verkehr. Wenn irgenwo im Lande Markt sei, sähe man die Juden vollkommen unbewaffnet sich zwischen den Beduinen bewegen, überhaupt sei der Jemen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.