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Der Israelit · 1930-08-07 · Heft 32 (7.8.1930) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 32 (7.8.1930)
Date
1930-08-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2. Nr. 32 M;. '!:• jP i; ' Der Israelit 7. August 1930 ja, selbst dort nicht, wo, wie in Nachkriegsdeutschland die allgemeine Schule sich stellenweise von Chauvinismus nicht fveihält. Ja, gerade dieses Unheil kann ein geschickter jüdischer Lehrer verwerten, um durch den Kontrast dazu unser messianisches Zukunstsideal zu beleuchten. Ein bedeutender Pädagoge sagte einst: „Nichteinmal wenn ich über zarteste Daseinssragen meine Kinder aufklären muß, schäme ich mich vor ihnen so wie in der Stunde, in der ich ihnen erklären soll, warum es Kriege gibt und warum Menschen und Völker einander nach dem Leben trachten." Denn unerbittlich streng lebt im Kind>e die Logik der Moral und der Menschenliebe. Und wie muß erst ein Kind, nach den ihm furchtbaren Erlebnissen der Aufklärung über Krieg in der Schule, von Liebe zum Moschiach erfüllt werden, wenn es seine Bedeutung schon vorher beim jüdischen Religionslehrer kennen gelernt hat! 6. Gerade der Gedanke, daß ein weltliches Oberhaupt der Jakobsfamilie, ein Sproß Davids im kleinen Lande Israels mit dem an Zahl geringen Volke G'ttes dieses Wunder vollbringen soll, muß wirksamer als alle abstrakten messianrschen Zukunftsideen verwandter Bekenntnisse dastägliche Leben mit der Sehnsucht nach Herbeiführung des Moschiach-Zeitalters erfüllen. Wir müssen, meint R. Pinchas Elia im Sefer habberith, unsere Mizwoth und Maaßim Towim in uneigennützigster Weise zu üben verstehen; es muß uns der Schmerz um die Heimatlosigkeit des G'ttesgeistes so ergreifen, daß aus ihm all unser Tun und Lassen sich herleitet. Nicht diesseitige Vorteile, ja, nichteinmal die Erreichung des gütlichen Wohlwollens darf das Ziel unserer Thora- Erlernung oder -Erfüllung sein; das wäre ein seelischer Egoismus. Mit allem unseren Tun sollen wir vielmehr den Gedanken verbinden, wie wir durch es uns des Mofchiach würdiger machen, damit er kommen und dem Allgütigen aufs neue unter Menschen eine Stätte bereiten kann. 7. Nichts wäre so wenig ein richtig verstandenes Ergebnis des Moschiach-Gedankens als etwa stete und lähmende Trauer. „Und bei alledem: Wir zu G'tt, und unsere Augen zu G'tt." Trauer um Zion ist nur echt und wahr, wenn sie zugleich Hoffnung auf den Moschiach ist. „Und säume er mit alledem noch so sehr, täglich harre ich seines Kommens." Nicht das wahre jüdische Volk ist es, von dem ein neuhebräischer Dichter behauptet, es könne die Geula nicht wür-, drg begrüßen, weil es bloß Trauerw>eisen zu singen versteht. Nicht umsonst ist Frohsinn geradezu das Kennzeichen gesetzestreuer Synagogenmusik, — sei es im Dur der alten süddeutschen Volks- Rhythmen, sei es im Moll chassidifcher, philosophisch-kabbalistischer Hymnen. Eine elastische Bereitschaft der Seele wird da gefordert, wie sie nur in aufmerksamem Durchdenken unserer täglichen Gebetfolge sich erlangen läßt, und deren Wesen darin besteht, aus stündlichem Goluthleide allstündlich in froh jauchzende Moschiachhoffnung und, wenn die Zeit gekommen sein wird, ebenso frohe Moschiachbegrüßung Umschlägen zu können. Der schwer um sein bißchen Dasein kämpfende Jude der heutigen Großstadt sollte jene alten Weisen in sich nachklingen lassen. Wo sie erklangen, leuchtete noch immer bald G'ttes Geist auf und lehrte neues Hoffen, ja, näherte das reine jüdische Kind in uns dem Tage, da es G'ttes Welt neu erbaut. „Und bei alledem: Wir zu G'tt und unsere Augen zu G'tt!" 8. Wir kommen zu den praktischen Ergebnissen unserer Untersuchung und möchten diese, da es uns durchaus nich nur um theoretische oder homiletische Betrachtung zu tun ist, in folgende F orderung en zusamm enfassen: Um den Moschiachgedanken in uns wach zu erhalten, 1. prüfe ein Jeder sich auf seinen steten Ernst in dieser Hoffnung bei allem seinen Tun, 2. lerne aus dem gesetzeskundlichen Schrifttum (Talmud und Maimonides) den. wahren Inhalt unseres Mofchiachgedankens kennen, 3. pflege in sich und seinen Kindern echte Heimatstebe zu seinem Galuth-Aufenthaltslande, ohne welche die zu Erez Jisroel nicht stark und rein sein kann, 4. —5. pflege die hohen Ideale der Weltfriedensbewegung in sich und seinen Kindern aufs nachdrücklichste, 6. übe alle Mizwoth und guten Werke immer nur mit Hinblick auf Einen Lohn, nämlich die Ankunft des Moschiach, im übrigen völlig uneigennützig und 7. pflege in sich und seinem Kreise tätig den Frohsinn der Moschiachhoffnung, die reine G'ttesfreude. Eine achte Forderung sei besonderem Zartsinn unserer Getreuesten anheimgegeben. Wohl steht es uns nicht an, direkte Einwirkung auf den Kultus nichtgesetzestreuer Betstätten anzustreben, da wir dadurch die unsrigen einer gleichen Einwirkung von jener Seite aussetzen. Wem aber, außer ha l b des G e m e i n d e o r g an i s - mus, nicht jeder Weg zum Herzen unserer nicht gesetzestreuen Brüder versperrt ist, der sollte diesen persönlichen Einfluß dahin geltend machen, daß in keiner Synagoge mehr ein Gebetbuch ohne die Gebete um das Erscheinen des Moschiach, Sohn Davids in Gebrauch bleibt. Nach Zusammenbruch der historisch-kritischen Hintergründe dieser Streichung ist vielfach nur ein unbestimmtes Gefühl der Unausgeglichenheit zwischen Galuthlcmd—Heimatliebe und Moschiachglauben einzige Begründung dieser Reform gebl>i>eben. Es wird an uns Verfechtern des alten Mofchiachglaubens liegen, unseren Brüdern eine wahre Harmonie zwischen Patriotismus und Mofchiach- Jdee vorzuleben. Ganz Israel muß, unbeschadet, der unb edingt nötigen gemeinde p olitischen Separation der Richtungen, zu einer Gesinnung gebracht werden, die getrost das Wort aussprechen kann : N . f „Auf Deine Hilfe hofften wir den gayzen Tag." Wochenrundschau. Die Deutsche Staaksparkei. Wir haben im Leitartikel der jüngsten Nummer unsere Stellung zu den führenden Parteien präzisiert. Inzwischen hat sich im politischen und Parteileben Deutschlands etwas Entscheidendes ereignet. Mit dem Eintritt der Demokratischen Partei in die S t a a t s p a r t e i ist letztere eine Tatsache. Ein neuer Faktor tritt handelnd und fordernd ins politische Leben. Die „Demokratische Partei" ist nicht mehr, hat aber, wie allgemein versichert wird, ihre Seele nicht ausgehaucht, sondern diese einer größeren politischen Körperschaft eingehaucht, die mehr Bewegungsfreiheit, mehr Aktionsfähigkeit verspricht und, wie wir ihr wünschen,, eine breite Basis werden soll zur Durchführung der Grundideen, aus denen dermaleinst die Demokratische Partei hervorgegangen ist. Wir haben bei dieser neuen Konstellation zu unseren Erörterungen nicht viel hinzuzufügen. Weder ändert das Ereignis etwas an unserer abwartenden Stellung zur neuen Konservativen Volkspartei, noch kann es uns davon abhalten, unsere Dankesschuld an die Sozialdemokratie abzutragen. Am allerwenigsten wird dadurch unsere Haltung zum Zentrum beeinflußt. Wenn unsere Ausführungen in einem Punkte von den neuen Tatsachen korrigiert werden, so höchstens in dem über die Wahlhilfe an die Demokraten. Wir sagten, daß viele jüdische Wähler Einstellung, Vertrauen und Dankbarkeit in das Lager der Demokratie Befreiung und Freiheit. Aus einer Rede von Rabb. Dr. Ansbacher in Wiesbaden anläßlich der Befreiungsfeier. Ein Wort unserer Weisen schreibt vor, daß ein Jude, der in alter Zeit eine Stadt betrat, die für seine Freiheit oder sein Leben oft Gefahren bedeutete, zwei Gebete zu sprechen habe, und Ben Asai geht noch weiter, zu sagen, sogar vier Gebete ">21 iav-H '’Yin „Zu danken für das Vergangene und zu beten für das Kommende". In einer Zeit, da Millionen Menschen die Befreiung deutschen Gebietes von fremdem Joch feiern, die einen in festlichem Jubelrausch, andere in weihevoller Andacht, wieder andere nur in stillen Gedanken, weil sie nicht den Willen oder die Fähigkeit haben, es lauter zu äußern, wollen auch wir nicht abseits stehen psmi iayp*> 'rin |iru t>jwV zu danken für das Vergangene und zu beten für das Kommende. Unser Blick darf allerdings nicht nur schweifen auf die letzten Monde und Jahre, da schon-dank dem Eintreten energischer Männer, dank den allmählich sich legenden Wogen nationaler Feindschaft, der Druck nicht mehr so schwer empfunden wurde: 1121 „Gedenken" ist das Kapitel eingeleitet, das von dem Verhältnis zu den Feinden steht .Nicht Haß aufzupeitschen, nicht die Schuld auf die anderen alleine crbzuloden, sondern nur die Größe des Erlebnisses zu ermessen, schweife unser Blick auf kurze Zeit etwas weiter zurück. Seit 12 Jahren erlebten wir es, wie fast jeder, der diese Luft auch nur in bescheidenster Weise atmen wollte, Bedrückungen und Belästiguna-m ausgesetzt war, so daß sich heute aus unserer Brust das Wort des eben gesprochenen Psalms drängt: amn^ '.1 'irr'Li'i „und G'tt führte uns in die Freiheit, er errettete uns, denn er hatte Wohlgefallen an uns." (Ps. 18.) Wenn ein Kranker genesen, so wäre es verkehrt, nur die jüngsten Tage der allmählichen Besserung zum Vergleich heranzuziehen, auch die Tage schwerer Krisis müssen vor feinem geistigen Auge vorüberziehen, um die Größe der g'ttlichen Gnade zu erfassen. Es drängt uns daher, Dank zu sagen dem Weltenlenker -'n Ta c>'2i>» a*>- der uns den Tag der Freiheit schenkte, uns Männer sandte, denen gleichzeitig Dank gezollt werde, die mit diplomatischem Blick, mit energischem Willen und versöhnlicher Gesinnung dieses Werk vollbrachten. Und mit Stolz erfüllt es das jüdische Volk, daß es stets auf Seite derjenigen stand, die diese dem Frieden geneigte Politik betrieben. Es ist ein altes Wort, daß man bei nsny sich verbeuge und etwas zurück g e h e. Wer den wahren Frieden will, darf nicht nur auf seine Rechte pochen, sondern muß auch einmal sich etwas verbeugen und auch einmal Schritte zurückgehen können. Unsere Weisen sagen: ump’p dtijj diVp -1M2 ntm IVX'1 w2V-> Diima ina NX11N Otj nma) 12 -n» xia'i *wx pivs „Wer einen Strom im Traume sieht, der.spreche beim Erwachen den Satz: „Siehe, ich neige mich ihr zu wie ein Ström des Friedens (Jesaja 66, 12), bevor ihm ein anderer Satz in den Sinn komme: „Und es wird wie der «ström kommen der Feind" (ib. 59, 19.) Ein merkwürdiges, der Deutung bedürftiges Wort. — Der Strom ist das Symbol des Friedens. Freilich geht er seinen! Weg, immer bergab, jeder geringsten Unebenheit im Boden weicht er bescheiden aus, und doch bringt er Segen und Gedeihen allerorts, tränkt Mensch und Tier, labt Feld und Wiese. Auch der Strom in unserer Nähe, dessen Befreiung von fremdem Joch wir heute feiern, dürfte ein Symbol des Friedens sein. An seinen Abhängen prangt die edle Frucht, deren Saft auch nach des Propheten Wort G'tt und Menschen erfreut. Aus aller Herren Ländern strömten von je Menschen und Völker herber, um sich an seiner historischen Bedeutung zu erbauen. an seinem Anblick zu weiden, seine edle Frucht zu kosten. 12 ir»a rria'i Und doch waren oft die Ströme, war auch dieser Strom seit 16 Jahren der Zankapfel der Völker, sei es auf offenem Schlachtfeld oder in diplomatischem Hin und Wider. Golden leuchtet die Sonne auf seinen Spiegel hernieder und drunter kämpften Völ- I ker in den Lüsten mit feindlichen Geschossen und störten selbst dem friedlichen Bürger unter seinem Dache die ersehnte Ruhe. Herrlich friedlich wäre das Land, würden nicht die Menschen sich gegenseitig das Leben zu verbittern suchen. Verstehen wir nun das Wort unserer Weisen, selbst im Traume beim Anblick des Stroms nur I Gedanken des Friedens, und nicht des Kampfes aufkom- > men zu lassen? Könnten wir da sang- und klanglos W an jener mitternächtlichen Stunde n^n ’xm w'i vorbei- I gehen, die uns dieses Stromgebiet freigab, die uns wieder I von der alten Wahrheit überzeugte y« ai» iV ->a snin dt I mb'b daß G'tt über Tag und Nacht, über Freiheit und Knechtschaft herrscht, navn dv iirra inen der nach 16 Jahren wieder einmal das Licht der Freiheit ungetrübt leuchten ließ. Auch unser Haftorah-Kapitel handelt heute von einem Notenwechsel zwischen Israel und Ammon. ]nn« aa'vn D^wa „Gib uns das Land in Frieden zurück," war das Verlangen des Königs. Auch unsere Sehnsucht ist es, 'das Land in Frieden zurückzuerhalten. In Frieden

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