Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1930)
- Date
- 1930-07-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Der Israelit Nr. 31. Seite 9 31. Juli 1930 terbreitet. Das Projekt Lord Greys sah für die Juden das Recht zur Kolonisierung des Landes und, nach Ablauf einiger Zeit, auch die Uebernahme der inneren Ad- : ministration Palästinas vor. Dieses Projekt soll von den damaligen Regierungen Rußlands, Frankreichs und - Italiens gebilligt worden fein. <- Amerikanische Sorgen. Newyork, .2. Juli. Hiesige Blätter melden, daß in der letzten Zeit in zwei amerikanischen Städten, in Cincinnatti und St. Louis die Errichtung von Mikwoth,. i'M^wie das ganze jüdische Gemeindeleben in Amerika Sache privater Vereinigungen ist, zu Auseinandersetzungen mit den Behörden geführt habe. Schuld daran sind aber, das ist das Bemerkenswerte an der Sache, nicht die Behörden selbst, die-in dem Vau eines Bades noch niemals staatsgefährliche Angelegenheit erblickt haben, sondern beschämenderweise jüdische Assimilanten, die sich durch Baubeschwerden der Errichtung solcher Bäder in Wohnvierteln widersetzten. . In St. Louis hat man gegenüberder den Baubescheid nachsuchenden Vereinigung „Däharath hamischpocho" sich daraus berufen, die Mikwo sei ein „geschäftliches Unternehmen" und könne - daher nicht in enem Wohnviertel betrieben werden. In , ' Cincinnatti sagte man geradezu heraus, die Mikwo sei ein „überlebter Ueberrest aus dem Mittelalter" und gehöre nicht mehr zu den modernen jüdischen Ritualien. In der letzteren Stadt ist nun die orthodoxe Gemeinde mit ihrem Baugesuch durchgedrungen, wobei das einzige jüdische Mitglied der Baubehörde erklärte, er habe zwar noch nie etwas von einer Mikwo gehört, da sie aber eine religiöse Institution sei und sicherlich niemals schaden könnte, so sehe er keinen Grund, den Protesten stattzugeben. Dagegen wurde in St. Louis die Erlaubnis in der Tat auf Grund der Einwendungen der jüdischen Protestler versagt. Argentinien. Ansemitische Propaganda in Argentinien. Buenos Aires, 28. Juli. Auf den Anschlagbrettern des von Juden bewohnten Stadtteiles von Buenos Aires erschienen dieser Tage antisemitische Anschläge, in denen die Vertreibung der Juden aus Argentinien gefordert wird und die Juden für die Existenz des Mädchenhandels im Lande verantwortlich gemacht werden. „Die Juden haben die Ehre der argentinischen Frauen verletzt; sie respektieren die argentinischen Gesetze nicht; die Juden sollten an unseren Schulen und Universitäten nicht geduldet und aus dem Lande vertrieben werden." Die Anschläge sind mit der Unterschrift „Söhne des Volkes" gezeichnet. Es handelt sich um eine mysteriöse Organisation, die mit einer antisemitischen Studentengruppe in Zusammenhang gebracht wird, welche vor einigen Wochen ein Plakat mit der Losung: „Erschlagt die Juden" angebracht hat. Der unabhängige sozialistische Abgeordnete Bezhinski, selbst ein Müde,- hat.eine polizeiliche Untersuchung des Ursprungs der-,Anschläge und Bestrafung der Schuldigest''gefedert. Während:.alle anderen Zeitungen von Buenos Aires den Zwischenfall stillschweigend übergehen, erhebt die sozialistische Zeitung „La Vanguardia" in ihrem Leitartikel scharfen Protest. Die,,Judesi^vW Buenos Aires sind ^wegen. des . .Erscheinens d.er-Anschläge micht.^übermäßig haben volles Vertrauen zu dem demokratischen Geist des argentinischen Volkes und zu der Wirksamkeit der argentinischen Gesetze. Palästina. . Abschluß der Untersuchungen Simpsons. Jerusalem, 21. Juli. Simpson hat seine Untersuchung abgeschlossen. Er empfing in mehrstündiger Unterredung vorige Woche eine -Delegation der Agudas Jisryel, die ihm alsdann auf Wunsch ein ausführliches Memorandum über die E i n w a n d e r U N g s f r a g e überreichte.' Auch der M i s r a ch i wurde voll Sir John Hope Simpson empfangen. Simpson verläßt-am '27.Juli Palästina. Nach einer Meldung des Korrespondenten der ITA soll Simpson die Vergrößerung der gegenwärtigen' Vevölkerungszahl Palästinas für zulässig halten, wenn'ein besseres System zum Aufbau ' des Landes W Anwendung kommt. Personalien. München. 15. Juli: Am Ausgasig des 17. Tämus ist. uns Herr Jacob Hirs ch in g er entrissen Wörden. Jacob Hirschinger entstammte einem Hause,, das voll von Tauroh und Jiroh war. Sein Vater, der aus Gunzen-' Hausen stammte, war ein Aälmid Chochom, und seine .Mutter war eine Tochter'!-des berühmten Rabbiners Schwarz aus Hürben-Krumbach, einer- 'der angesehensten Gemeinden Schwabens. Bei diesem Großvater wurde Jacob Hirschinger erzogen und er ererbte von ihm das bedeutende Wissen und die tiefe Ehrfurcht vor der .Lehre und ihren Verkündern. Als Rabinowitz s. A. nach München kam, und dort neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ein hebräisches Antiquariat betrieb, fand er in 'Jacob Hirschinger einen kongenialen Geist, der mit großen kaufmännischen Fähigkeiten volles ' Verständnis für die Wissenschaft des Judentums und die Studien des Meisters verband, und er hätte gewiß-auf dem Gebiete des hebräischen Buchhandels Bedeutendes leisten können, wenn nicht der vorzeitige Tod von Rabinovitz diese Hoffnungen vereitelt hätte. Er übernahm sodann vor . mehr als 25 Jahren das Amt eines Leiters der Wohltätigkeit s-Ange legen hei t e n der Jüdischen E c i einde mit dem das Sekretariat der Vereinigten Wohltätigkeits-Vereine verbunden wurde. In dieser Stellung hat Jacob Hirschinger Bedeutendes' geleistet, wenngleich seine Tätigkeit nur. selten an die Oesfentlichkeit drang. Er kannte alle Armen und Bedürftigen und alle kannten, ihn, und alle. wußten, daß er jederzeit für sie zu sprechen war und daß-er für j^den!ein gutes Wort, einen guten Rat und auch wenn immejr möglich, Hilfe hatte. Seine Kartothek für' die Wandererfürsorge war wahrscheinlich die erste dieser Art und sie war vorbildlich für alle anderen, und bei allen Schwierigkeiten, die sich bei der Versorgung der Durchwanderer ergaben, war er nicht nur in der Gemeinde, sondern auch bei den Behörden der. Mann, an' den man sich immer zuerst wandte und . dessen klugen. Rat man gern hörte. Seine besondere Fürsorge galt dem Verein für die jüdischen Ferien-Kolonien, die er säst allein betreute,. War es im Sommer die Ferien-Kolonie, so brachte der Winter ähnliche Arbeit mit der Beschenkung der bedürftigen Kinder zu Chaunkah, bei der. gleichfalls eine unendliche Menge Arbeit von ihm mit Hilfe seiner getreuen Gattin und Helferin zu erledigen war. Aber auch alle übrigen Vereine, mögen sie heißen wie sie wollen, betreute er mit gleicher Hingebung und gleicher Fürsorge. Seine bibliographischen Kenntnisse waren sehr geschätzt. Er stand in Verbindung mit den jüdischen Abteilungen der großen Bibliotheken, und als die Stadtbibliothek in Frankfurt a. M. die große Merzbachersche Bibliothek erwarb, hatte er die ehrenvolle Aufgabe, diese Bibliothek nach dort zu überführen. Aber damit war seine Tätigkeit noch lange nicht erschöpft. Er hatte bedeutende Vorarbeiten für die Geschichte der j ü - dikchen Gemeinde München geleistet, doch ist diese infolge des Krieges bisher nicht veröffentlicht morden. Nicht minder hat er die geschichtlichen Unterlagen für das Jubiläum des Frauenvereins, das in diesem Jahre stattfand, zusammengetragen, und mit glücklicher Hand verschollene Dokumente über die Gründung an das Tageslicht gefördert. Seine ganze Liebe aber gehörte unserem heiligen Schrifttum, und in seiner Bibliothek finden sich kostbare. Frühdrucke und seltene Werke, Einzelblätter und ähnliches. Er hatte auch die Welt gesehen, war in Paris und in London, in Rom und Konstantinopel gewesen, an: letzteren Orte als Begleiter von Rabinowitz, und er wußte von dieser Reise, wenn einmal die Rede darauf kam, interessante Dinge zu erzählen, Es darf auch erwähnt werden, daß er nach Ablauf seiner militärischen Dienstzeit noch die weiteren Hebungen mitmachte deren Abschluß seine Ernennung zum ehemals K.-B. Leutnant brachte, und--auch als'-solcher hat er seine Überzeugung nie verleugnet und:! seine jüdischen Pflichten niemals, auch nurim geringsten, vernachlässigt,' obwohl dieses mit Ungemeinen Schwierigkeiten 'verknüpft war.: Gr hat sogar dem Kommandierenden Generäl gegenüber seinen: jüdischen Standpunkt mannhaft verteidigt sind auch durchgesetzt. Ein besonders.-ihervorstechender Zug seines Charakters war seine ungemeine- Sorgfalt ’mder Erfüllung' aller MizÄa.us, -rlnd es ist unnötig hervorzuheben, daß er bis in sein letztes Jahr einer der regelmäßigsten täglichen Besucher der Synagoge in der Herzog Rudolfstraße war. Trotz der schweren körperlichen Behinderung im letzten Jahre hat er mit der gleichen Sorgfalt wie in gesunden Tagen-sein Leben bis zum lehteg.- Augenblickin gewohnter Frömmigkeit weiter geführt, und er hat sich auch am letzten Abend sseines Lebens nicht niedergelegt, ohne sein Abend- und Nachtgebet zu verrichten. War ihm auch nicht das Glück beschieden, Kinder heranzuziehen, so trauert doch um ihn nicht nur der große Kreis der engeren und weiteren Familie, sondern alle die' ihn gekannt haben, nicht am wenigsten der immer zahlreicher gewordene Kreis der Armen und Bedürftigen, denen er, solange es seine- Kräfte erlaubten, mit Rat und Hilfe zur Seite stand. Die Beerdigung fand am Dienstagnachmittag unter großer Beteiligung statt. Herr Rabbiner Dr. Ehrentreu pries alle hervorstechenden Charakterzüge des Verschiedenen, seine große Liebe zu Thora und Awodah. Der Vorsitzende der Gemeinde!, Herr OhG-Rat Neumeyer, beklagte den Verlust eines treuen Beamten und Herr I. R. Oppenheimer brachte den Dank der Vereine treffend zum Ausdruck. OeMngen (Bayern), 27. Juli. Unsere jüdische Gemeinde und darüber hinaus die ganze nichtjüdische Oesfentlichkeit steht unter dem Eindruck des schweren Schicksalsschlages, der uns einen unserer Besten, Herrn Oberlehrer Leopold Gutmann, am 7. Juli (11. Tamus) durch einen plötzlichen Tod entrissen hat. Ueber ein Menschenalter stand der Verstorbene als Lehrer und Kantor an der Spitze unserer' Gemeinde, der er in rastloser Tätigkeit bis zum letzten-Augenblick geistiger Führer, und Berater war. Das . Streben nach Erhaltung und Hebung religiösen Lebens in, Schule und Gemeinde wür! der Jnhält seines Lebens. In einer Zeit schwerster politischer Besorgnisse war es seine charakterfeste Persönlichkeit, deren Eintreten oft selbst den gehässigsten Mund aus der Reihe unserer Feinde zum Schweigen brachte. Denn alle konnten nur mit Achtung zu einem Manne emporblicken, der fast in sämtlichen Sparten des öffentlichen und sozialen Lebens eine'führende Stellung einnahm und der allen Leuten jap tjn ^naa stets mit gleicher Freundlichkeit und mit gleichem vornehmen Wesen entgegenkam. Der hervorragendste Zug dieses edlen Charakters war aber seine nimmermüde Hilfsbereitschaft, die er entweder in Form wahrer npnx oder anderer wertvoller Dienste, allen, die mit einer Bitte zu ihm kamen, angedeihen ließ. ...— So gestaltete sich denn die Beteiligung an der Beerdigung des so aus der vollen Arbeit jäh herausgerissenen 60jährigen Mannes zu einer elementaren Trauerkundgebung. Herr Bezirksrabbiner Dr. Neuwirth aus Jchenhausen würdigte in ergreifenden Worten den Entschlafenen als Menschen und vorbildlichen Juden, während eine Reihe von persönlichen Freunden und Vertretern der verschiedensten Behörden und Organisationendem allzuftüh Dahingeschiedenen warme Worte des^ Gedenkens widmeten. Riederäula, 27. Juli. Am vergangenen Sonntag -ra tan starb im Krankenhause in Fulda Herr Isaak Goldmeier von hier im 59. Lebensjahre. Erschüttert trauern an seinem Grabe die Familie, seine Freunde und die hiesige Gemeinde. Denn er war Mittelpunkt, seiner ganzen Hamikie und seiner Freunde, wie er, ohne ein Amt in der' Gemeinde zu besitzen, Mittelpunkt und eine der Hauptstützen der Gemeinde war. Ein selbstloser, treuer, besonnener Berater und Helfer in der Not, auf dessen Rat man stets gern hörte, von echter war, jun* beseelt und stets zu Werken von npns und rra bereit. Sein Haus war durchreisenden Armen stets gastlich geöffnet; auch sie haben viel an ihm verloren. Als ans der v'iina rmn hat er jahrzehntelang diese eifrig gefördert und wohl absichtlich in dieser keinen Lehrvertrag versäumt, wie er auch stets ein regelmäßiger Besucher in Schul war. Von einer allgemeinen Wertschätzung zeugte die große Beteiligung auch Andersgläubiger bei seiner nV- Herr Lehrer Gans zeichnete am Grabe in bewegten Worten ein Lebensbild des Verstorbenen, während Herr Lehrer Levi aus Höchst a. M. als Verwandter dem Schmerze der Familie um den mit einem aus zb ausgezeichneten Mann innigen Ausdruck verlieh. Sein Hinscheiden hat in Familie und Gemeinde eine schwer ausfüllbare Lücke gerissen. rv'axan. llnteraltertheim, 18. Juli. Am Dienstag, dem 15. Juli, verschied nach kurzem Krankenlager, ganz unerwartet, Frau Helene Fröhlich aus llnteraltertheim im 51. Lebensjahre. Ein unendlicher Trauerzug bewegte sich am Donnerstag von llnteraltertheim nach dem alten, in friedlicher Waldesstille liegenden d^>w ma in Wenkheim. Die Verstorbene war ihrem Manne eine treue Weggefährtin und in inniger Herzensgemeinschast verbunden, ihren Kindern eine aufopfernde Mutter, der n^.ip ein Beispiel der Pslichtersülltheit und Gewissenhaftigkeit. Ihr Haus war der Gastfreundschaft weit geöffnet und keiner verließ unbefriedigt ihre Wirkungsstätte. Wo es galt, mit Rat und Tat zu helfen, war sie zur Stelle. Auf dem niaapnma würdigte Herr Lehrer Cohn aus Wenkheim den-schweren Verlust, den die n’ü’np und Vh-ist bbz erlitten. ,Am. Grqbe gab. ein Schwager, Herr A.,. Fröhlich aus 'Gelsenkirchen dem Schmerze der Familie beredten Ausdruck-. .! ' ' -' - Trier, 29. Juki. Zu-der m Unserem Blatte gebrachten Notiz von der ehrenvollen Berufung des Herrn Oberrabbiners Dr-Alt mann in. Trier, auf den-Oberrabbinersiosten in.Saloniki ZU kandidieren, teilt uns Herr Dr. Altmann mit, daß''er' sich entschlossen hat, diesem Ruf keine Folge zu leisten. Vermischtes. Heidelberg, 1, Juli. Die hochwogenden Wellen glühender Begeisterung, -.hie von jenseits des Rheinstromes bis in das schöne Heidelberg hinüberfluteten, veranlaßten Herrn Rabbiner Mayer, im Rahmen des vom Rabbinat des von den Herren S. Hochhetr und Deutsch gegründeten Vereins r-nn ’p’ina neu eingeführten täglichen, Minchoh- und Maariw-G'ttesdienstes in der heutigen historischen Nacht eine wohlgelungene Befreiungsfeier zu veranstalten. Die Befreiung der Rheinlands und der Zusammenschluß der art- und geschichtsverwandten Brüder von dies- und jenseits des Rheins sei auch uns ein Symbol, daß trotz aller Versuche, zu trennen, was zusammengehört, zu zerstören, was aufgebaut werden soll, am Einheitswillen alles Vsrnichtungswerk zerbricht. — Seine packende Rede bewies, daß derartige historische Zeitgeschehnisse geeignete Mittel darstellen, uns Mut und Vertrauen für unsere jüdische Bestimmung einzuflößen. Regensburg. 14. Juli. Am 1. April hatte der Verein für jüdische Geschichte und Literatur, Regensburg, sein zweites Geschäftsjahr beschlossen, das einen Erfolg des Vereins nach jeder Richtung hin zeigte. Es fanden fol-