Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1930)
- Date
- 1930-07-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2450600-2450630--77129-2534770- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8. Nr. 31 31. Juli 1930 tigkeit des verhafteten Zelea Codreanu besteht. Die Haussuchung wurde auf persönliche Anordnung des Ministerpräsidenten Dr. Maniu vorgenommen und dauerte viele Stunden. Tazlaoanu wurde nach beendeter Haussuchung von der Polizei in das Gefängnis gebracht, wo Codreanu gefangen''gehalten wird und wo'beide von den Untersuchungsbehörden vernommen und miteinander konfrontiert würden. Es soll' festgestellt 'werden, woher die Organisationen Codreanus die Geldmittel für ihre Tätigkeit beziehen. Tazlaoanu wurde später freigelassen, jedoch verpflichtet, am nächsten Tage wieder vor dem Staatsanwalt zu erscheinen. Das Wohnhaus Tazlaoanus bleibt unter polizeilicher Bewachung, bis die Staatsanwaltschaft eine Entscheidung getroffen hat. In dem Gespräch, das der Innenminister Vaida- Voeood dem Sonderberichterstatter der ITA gewährte, sagte der Innenminister über seinen Kabinettchef, Tazlaoanu, er habe wohl gewußt, daß Tazlaoanu Antisemit sei und enge Beziehungen zu antisemitischen Organisationen unterhalte. Trotzdem habe er ihn zu seinem Kabinettchef bestellt in der Annahme, daß es dadurch der Regierung möglich sein werde, die antisemitischen Organisationen zu' pazifizieren. England. Neue Proteste. ’ London, 22. Juli. Am vorigen Sonntag fand eine von der britischen Sektion der Jewish Agency einberufene imposante Protestversammlung gegen die Haltung der,,,britischen: Regierung gegenüber dem jüdischen. Nationalheim in Palästina feit den Unruhen im August 1929 statt. In der Resolution wird dem Bedauern Ausdruck gegeben, daß die Regierung sich den Gewalttaten der Araber gebeugt und dem jüdischen Werke in Palästina Beschränkungen auferlegt hat. Die Hauptreden hielten D ' Avigdor Goldsmit und Chief-Rabbi Dr. Hertz. Dieser zitierte in sehr geschickter Weise die Ausführungen, die der jetzige Ministerpräsident Macdonald vor 7 Jahren bei seiner Rückkehr aus Palästina veröffentlichte als beste Widerlegung der Gedankengänge, die heute von dem englischen Kolonialminister, Lord Paßsield, vertreten werden. Macdonald schloß seine Ausführungen damals damit, daß er sagte: „10 Jahre solcher Arbeit wie ich sie gesehen habe, wird die Wohlfahrt Palästinas hundertfach steigern." Und heute macht man plötzlich die Frage, ob die jüdische Einwanderung die Wohlfahrt der Araber beeinträchtige oder nicht vielmehr steigern werde, zu einem tiefgründigen Problem, das erst gelöst werden müsse, bevor man ein paar hundert Juden ins Land läßt. Nach dem Chief- Rabbi sprachen noch die Mitglieder der Exekutive der Jewish Agency, Prof. Dr. Brodetzki und Colonel Kisch. Wellkonferenz der Vereinigung für das liberale Judentum. .; London, 25. Juli.i In der zweitert Sitzung referierte Pabbi Mat.tuck- London über das Thema der „jüdischen Frömmigkeit". Die Ausführungen Mattucks - brächten nichts Neues gegenüber den bekannten Theorien des liberalem Judentums. Rabbiner Dr. Cäsar Seligman'n- Frankfürt a. M. erörterte im Anschluß' an ba^Msserat Mattucks die Frage, wie die persönliche Frömmigkeit zu fördern sei. Am Sonntag Abend gab es eine öffentliche Kundgebung, bei der Edmond F l e g, Rabbi L e v y - Chicago und Prof. W i l l st ä d t e r - München als Redner auftraten. F l e g hatte den Ehrgeiz, eine Zentralidee zu suchen, auf die sich „Orthodoxie, Liberale und Zionisten einigen könnten." Diese Idee sei der Begriff der „jüdischen Sendung", die aus der, Kraft der Vergangenheit zu neuem Leben erweckt werden müssen Der Redner schloß mit der das liberale Judentum eigentlich aüs den Angeln hebenden Behauptung, daß, hätten un-j sere Vorfahren ihre religiösen Riten nicht . st r e n g bewahrt, wahrscheinlich heute keine jüdische Gemeinschaft inmitten der Nationen mehr vorhanden sein würde. Rabbi Levy sprach in geistvoller Weise über die Auseinandersetzung der Religion mit der Wissenschaft, dem Nationalismus und dem Industrialismus. Die beiden letzteren seien die Feinde der Religion und müßten überwunden werden. DerJsraelit Ueber die „Juden in der modernen Welt" sprach Prof. Willstästter. Er Beschäftigte sich mit dem Beitrag der Juden zu den kulturellen Leistungen der Zeit, wobei es die speziell-jüdische Aufgabe sei, der Ueberschätzung materieller Interessen und der allzu geringen Würdigung sittlicher Werte entgegen zu treten.! Hinsichtlich jder Stellung und der Rechte der Frau i°n:d e r j ü d i s-ch e n G blse tz g e b u n g nahm die Konferenz eine Resolution an, in der verlangt wird: 1. die vollständige Gleichberechtigung der Frau mit dem Mann in Eheschließung^ und Ehescheidungs- Fragen, ' 2. die Befreiung der Agunoth von ihren eherechtlichen Verpflichtungen,, 3. die Abschaffung dev Chaliza. Weiter nichts. lleber Maßnahmen zur „ Ueberwindung der religiösen Gleichgültigkeit" wurde merkwürdigerweise in einer nur für offizielle Delegierte zugängigen Konferenz beraten, in der u. a Rabbiner Dr. 'Norden -Elberfeld ein Referat hielt. Die Anordnung der Leitung, die Diskussion über den Zionismus auszuschließen, führte zu einer stürmischen Debatte, als der Rabbiner von St. Louis die Aufhebung des Mrbotes beantragte. Er bezeichnet es als unmöglich, die P^bleme des Judentums zu behandeln, ohne das Problem des Nationalismus und des Universalismus zu berühren. Sein Antrag wurde von Rabbiner Dr. M. Wiener aus Berlin unterstützt, alsdann aber mit großer Mehrheit abgelehnt, nachdem Rabbiner. Schulmann erklärt hatte, die Z u l a f f u n g e i n.e r Diskussion übe r be n Zionismus würde die ganze liberale Bewegung zerschlagen. In der Schlußsitzung der Konferenz sprach noch Rabbiner Dr. Baeck-Berlin. Den Schluß der Tagung bildeten gemeinschaftliche Ausflüge und Empfänge in Westlondon. Sitzung des Ioint Foreign Committee. London, 25. Juli. - In der letzten Sitzung des Joint Fooreign Committee berichtet Lucien Wolfs ausführlich über die Lage in Rumänien. Der Regierung fei vorzuwerfen, daß sie die Gefahr zu spät erkannt hat und keine Vorsichtsmaßregeln . traf. In der Debatte wurde Lucien Wolfs vorgeworsen, seine Zuschriften an die rumänische Regierung seien viel zu milde und der Widerspruch zwischen den Regierungserklärungen und den Tatsachen zu offenkundig. In der September-Tagung des Völkerbundes will das Komitee die Fragen des Minoritätsverfahrens, der Staatenlosigkeit, des Flüchtlingsschutzes und die Frage der Kalenderreform vom jüdischen Standpunkte aus zur Sprache bringen. Mit dem ungarischen Ministerpräsidenten, Grafen B e t h l e n, fanden während seines jüngsten Besuches in London freundschaftliche Aussprachen statt.. «Nathan L a,s k i berichtet, daß er und andere mit 8b u bis 90 Unterhausmitgliedern Gespräche übex Palästina geführt haben. Mit Ausnahme' eines einzigen hatten sich alle dem jüdischen Standpunkte geneigt gezeigt. Es wurde schließlich«: eine Resolution gefaßt, in der es «heißt, daß der-Board die von Lord Paßsield ge-, gebene ANtw'ott w^ey her Einwanherungszer^isikqtä mit Bedauern zur Kenntnis nimmt und die am 15. Jum vom Board angenommene Resolution aufs neue bestätigt. Palästina auf der britischen Oabour-Reichskonferenz. London, 29. Juli,. Auf der britischen Labour-Reichskonferenz vertrat Ben G u r i o n die jüdisch-palästinensischen Arbeiter. In Beantwortung seiner Rede ergriff der Unterstaatssekretär Dr. S h i e l s das Wort. Er sprach mit Bitterkeit und einer gewissen Erregung über die „sogenannte" Sperre der jüdischen Einwanderung.nach Palästina und sagte, daß die Sache, über Gebühr aufgebauscht wird. Er betonte, daß von einer Sperre der jüdischen Einwanderung nicht die Rede sein kann, daß die Einwanderung vielmehr nur vorübergehend, bis zur Erstattung des Berichtes Sir John Hope Simpsons, unterbrochen worden ist. Er appellierte an die Palästina-Delegation, der Arbeiterregierung mehr Vertrauen entgegen zu bringen. Dr. Shiels beklagte sich über die jüdischen Angriffe gegen britische Beamte in Palästina und gegen die britische Arbeiterregierung und sagte, daß die Juden die positiven Leistungen der Regierung und der Beamten in Palästina zu wenig würdigen. Er beklagte ferner, daß das Weltjudentum das von der Regierung geleistete Werk nicht genügend einschätzt und die Schwierigkeiten Nicht in Erwägung zieht, denen die Palästina-Regierung gegenübersteht. Dr. Shiels betonte ferner die Notwendigkeit, eine Verständigung zwischen Juden und Arabern im Lande zu erzielen. Zum Schluß feiner Rede bat er die palästinensische Delegation, keine Zweifel darüberzu haben, daß die britische Regierung an ihrer Absicht sesthält, das Jüdische Nationalheim in Palästina im Einklang mit den Bestimmungen des Mandats zu errichten. Enthüllungen über den Palästina-Bericht der Mandatskommission. L o n d o n, 9. Juli. „Daily Telegraph" vom 8. Juli veröffentlicht, auf Grund von Informationen in Völkerbundskreisen Mitteilungen über den soeben fertiggestellten Entwurf des Berichtes der Mandatskommission an den VölkerbUttdsrat über die Palästina-Frage. Diesen Mitteilungen zufolge hält die Kommission die Britische Verwaltung in einem gewissen Umfang für verantwortlich für die Unruhen und den Ernst ihrer Konsequenzen. Die Kommission hat in ihrer Mehrheit wohl die Ueberzeugung gewonnen, daß Groß-Britannien bestrebt war, im arabisch-jüdischen Konflikt eine vollständig unparteiische Haltung zu bewahren. Einige Kommissionsmitglieder hingegen waren der Meinung, daß die britische Regierung unbewußt, aus dem Bestreben nach Beruhigung der mohammedanischen öffentlichen Meinung in Indien, für die arabische Bevölkerung zu Ungunsten der Juden eingenommen war. Eine diesbezügliche Aeußerung des schweizerischen Vertreters in der Kommission, Professor Rappard, scheint eine energische Zurückweisung seiten-, des britischen Kommissionsmitgliedes hervorgerufen zu haben. In dem Bericht selbst kommt die Ansicht zum Ausdruck, daß auf die britische Regierung die Verantwortung fällt, sowohl, für die dem Ausbruch vorangegangenen Ereignisse als auch für die Art und Weife, in der die Unruhen behandelt worden sind. Es wird als wahrscheinlich angenommen, daß eine angemessene Anwendung der Autorität im Verlaufe der den Unruhen vorangegangenen Ereignisse die Ausschreitungen hätte verhindern können, und daß eine eindeutige und entschiedene Aktion sie wahrscheinlich im Keim erstickt haben würde. Was die Frage des arabisch-jüdischen Konflikts. angeht, so stellt sich der Bericht laut „Daily Telegraph" im großen und ganzen auf Seiten der Araber. Im Verlaufe der Untersuchung kam allerdings, wie „Telegraph' schreibt, die Meinung zum Ausdruck, daß die Handlungsweise der Juden in einem gewissen Ausmaße zurückzuführen ist auf eine irrige und zu weitgehende Interpretation der Balfour-Deklaralion von 1917. In der Frage der Ansiedlung von. Juden in Palästina'hat die-Kommission ihr- Urteil in. Erwartung desi-ErtzekmiWz der Untersuchungen von Sir John Hope Simpson zurückgestellt. - hi .?: ' .. - ' Arneiüka „Rew Pork Tinies" über dh Palästina-Projekt der englischen Regierung im Jahre 1916. N e w y o r k, 20. Juli. Im Zusammenhang mit der neuen Aktion des syrisch-palästinensischen Komitees, beim Völkerbund, die sich auf einen Brief Lol-d-''Bcäfsurö ^äus dem Jahre 1917 stützt, in dem dieser die Unabhängigkeitsversprechüngen McMahons.. an die Araber bestätigt, berichtet der Gener Korrespondent der „Newyork Times", daß der Erolg der Petition selbst in araberfreundlichen Völkerbundskreisen skeptisch beurteilt wird. Man wisse in Völkerbundskreisen, daß sich das Unabhängigkeitsversprecherr McMahons auf Palästina nicht erstreckte. Der Korrespondent teilt weiter mit, daß-die Einführung eines beonderen Regimes in Palästina durch die britische Regierung bereits im Jahre 1915 geplant wurde, obwohl die britische Regierung sich zu gleicher Zeit schon mit der Frage unabhängiger arabischer Staatey beschäftigte. 1916hat der damalige eyglische Außenminister Lord G.rey der russischen Regierung den Plan eines auf internationaler Basis gegründeten Sonder-Regimes für Palästina un--