Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1930)
- Date
- 1930-07-31
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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ZI. Juli 1930 Der Israelit Nr. 31.. Seite 7 sich zur jüdischen Nationalität zu bekennen. Besser und realpolitischer wäre es jedenfalls gewesen, es bei dem ja der ersten Verordnung angegebenen Kriterium zu belassen. Zur Neuordnung der Gemeindegesehgebung in Böhmen-Wahren. u n g. B r o d, 17. Juli. Sie haben in einer der letzten Nummern des „Israelit" über den von der Regierung ausgearbeiteten neuen Gesetzentwurf berichtet, der die jüdischen Gemeinden der sogenannten historischen Länder der Tschechoslowakei einheitlich organisieren und einem Obersten Rate unterstellen soll. Zwar ist es richtig, daß das orihodoxe Judentum in Böhmen-Mähren leider eine rechr geringe Minderheit darstellt. Trotzdem aber wäre es ganz verkehrt, in einer falschen Resignation die Dinge laufen zu lassen wie sie laufen und für den dringend notwendigen Schutz der religiösen Gewissensfreiheit, die in dem neuen Gesetzentwurf ein unbekanntes Ding ist, gar keine Lanze zu brechen. Das Mindeste, was an berechtigten Forderungen durchgesetzt werden kann und durchgesetzt werden muß, ist folgendes: Die Gemeinden sind verpflichtet, einer streng konservativen Minderheit den ihrem Gewissen entsprechenden orthodoxen G'ttesdienst in einem Betsaal einzurichten, ferner die rituelle Schechito und ihre Beaufsichtigung unabhängig von neologen Einflüssen einer von den Orthc.- doxen zu wählenden Kommission zu unterstellen, den Orthodoxen einen ihrem Gewissen entsprechenden religiösen . Unterricht zu ermöglichen, ein brauchbares Ritualbad entsprechend den religionsgesetzlichen Vorschrif ten auf Verlangen von Gemeindemitgliedern emzurichten. Die Beerdigung nach jüdischem Ritus und ohne unjüdifche Bräuche muß ermöglicht werden. Wenn die Gesetzestreuen in Böhmen-Mähren sich zur Durchsetzung dieser Forderung zusammenschließen, so wird keine Regierung und kein Parlament der Welt die Sicherung der religiösen Gewissensfreiheit, die in diesen Forderungen zum Ausdruck kommt, abzulehnen wagen. Rutzland. Die Föderation jüdischer Hilfsorganisationen in England nimmt ihre Hilfstätigkeit in Sowjetrußland wieder auf. Moskau, 24. Juli. Im Februar ds. Js. hat die Sowjetregierung ihre Beziehungen mit der Föderation jüdischer Hilfsorganisationen in London abgebrochen, nachdem Chief-Rabbi Dr. I. H. Hertz, der zu den Mitarbeitern der Föderation gehört, sich der Kampagne gegen die Religionsverfolgung öffentlich angeschlossen hatte. Nach längeren Verhandlungen des Vorsitzenden der Föderation, Dr. Jochelmarm, der sich zum Zwecke des Studiums der jüdischen Lage mehrere Wochen in Rußland aufhielt, ist ein Abkommen mit Komzet zustande gekommen und von den obersten Sowjetbehörden bestätigt worden, das der Föderation die Wiederaufnahme ihrer Hilfstätigkeit für Juden in Sowjetrußland ermöglicht. Vor seiner Abreise aus Moskau erklärte Dr. Jochelmann in einem Gespräch mit dem JTA-Vertreter: Ich habe mich zwei Monate lang in Sowjetrußland aufgehalten. Außer in Moskau war ich längere Zeit in Kiew, Odessa und Charkow. ' Durch Studium der Verhältnisse und Gespräche mit den Führern des jüdischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß sowohl die Sowjetregierung als auch die ausländischen und sowjetrussischen Gesellschaften außerordentlich viel für die Einordnung der jüdischen Massen in die neuen Verhältnisse tun. Es muß aber noch mehr geschehen. Es ist nur zu bedauern, daß unsere begrenzten Geldmittel es uns nicht gestatten, unsere Arbeit in dem erforderlichen und von uns erwünschten Ausmaß durchzuführen. Rumänien. Die Unruhen und die Wirtschaftslage. Czernowitz, 20. Juli. In einer Konferenz sämtlicher Bankdirektoren von Suczawa, die von dem in Sondermission entsandten Generalsekretär des Innenministeriums, Victor Cadere, einberufen wurde, sagte Cadere über die Ausschreitun¬ Die Woche. Berlin. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten hat in den wichtigsten Städten der deutschen Grenzgebiete durch seine Ortsgruppen eindrucksvolle Kundgebungen abgehalten, in denen der Bundesvorsitzende, Dr. Loewenstein, sowie andere Mitglieder des Bundes gegen die nationalsozialistische Hetze sprachen. — Der Zentraloerein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veröffentlicht anläßlich der bevorstehenden Reichstagswahlen einen Aufruf an die deutschen Juden, worin um Stärkung seines Wahlfonds gebeten wird. — Unter großer Beteiligung ist Prof. Dr. Carl L e w i n, Leiter der inneren Abteilung der Poliklinik der jüdischen Gemeinde, auf dem Friedhof in Weißensee bestattet worden. Es sprachen außer den medizinischen Fachkollegen, Rabbiner Dr. A. Levy und Rechtsanwalt Dr. Klee. — Wie Dr. Bruno Weil in einem Vortrag mitteilt, hat das Reichswehrministerium aus Anfrage erklärt, die auf den Fall Dreyfuß bezüglichen Akten seien trotz Nachfrage bei den verschiedenen Ressorts unauffindbar. Es fei möglich, daß die Akten während der Revolutionszeit in Verlust geraten sind. — Das Kuratorium der Moses Mendelssohn-Stiftung zur Förderung der Geistesarbeit hat einen Preis von Mk. 5000.— für die beste Behandlung des Themas: „Die Aufklärungsphilosophie im geistigen Leben Berlins" ausgesetzt. Die Stiftung gewährt Stipendien an besonders begabte Schüler und Beihilfen für wissenschaftliche Arbeiten. — Der Lubawitscher Rebbe, Rabbiner Schneersohn, ist aus Amerika zusammen mit seinem Schwiegersohn, Gourary, in Berlin eingetrofsen. Köln. Der langjährige Dramaturg des Kölner Schauspielhauses, Dr. Simchowitz, ein guter Kenner der jiddischen und russischen Literatur, ist gestorben. Gleiwih. Auf dem hiesigen jüdischen Friedhofe ist ein von der Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten errichtetes Gefallenendenkmal in schlichter Feier enthüllt worden. Anhalt. Im Anhalter Kurier liest man, daß die Synagoge und der Friedhof der ehemaligen Israelitischen Gemeinde in G ü st e n anfangs September auf dem Wege der Zwangsversteigerung veräußert werden soll. Prag. In Pilsen ist infolge einer Entscheidung des obersten Verwaltungsgerichtshofes zu Gunsten der Pilsener Kultusgemeinde in Sachen des rituellen Schlachtens ein offener Konflikt zwischen der Gemeinde und der Fleischergenossenschaft . ausgebrochen. Dieser hat den Beschluß gefaßt, daß ihre Mitglieder an der rituellen Schlachtung und an allen Vorbereitungen einer solchen sich nicht beteiligen dürfen. London. Der hier weilende frühere Oberkommissar für Palästina, Lord P l u m e r, sagte einem zionistischen Politiker: „Die Juden haben keinen Grund zur Verzweiflung, sie müssen nur Geduld haben." — Es verlautet, daß Sir Herbert Samuel zum Nachfolger Lord Irwins als Vizekönig von Indien ausersehen ist. Paris. Dr. Cyrus Adler ist in Gemeinschaft mit Felix Marburg in Europa eingetroffen. Prof. Adler geht nach Genf, um sich eventl. zu einer Vernehmung vor der Klagemauerkommission zur Verfügung zu stellen, kowno. Die Tiferes Bachurim-Jugendorganifation hat beschlossen, zum Berliner Sabbat-Kongreß Delegierte zu entsenden. Jerusalem. Mir dem Dampfer Adriat trafen in Palästina 175 Passagiere ein, darunter 73 Chaluzim. Damit sind, wie verlautet, die.der Agency gewährten 950 Zertisikate erschöpft. — In dem arabischen Darf Bet Zfafa nahe der jüdischen Vorstadt von Jerusalem Mekorchaim wurde dieser Tage ein Friedenspakt zwischen den beiden Orten unterzeichnet, worin die Araber den Angriff im vergangenen August bedauern. — In der Zeit vom September 1928 bis September 1929 weift die Statistik von Tel-Awiw 1909 Geburten und 623 Todesfälle gegen 1740 Geburten und 580 Todesfälle im vorangegangenen Jahre aus. Die Ziffern zeigen neben ver erhöhten Geburtenzahl eine verminderte Kindersterblichkeit. — Zum Schutze der Weizen- und der Olivenölproduktion Palästinas hat die Regierung soeben eine Erhöhung der Einfuhrzölle für diese Produkte vorgenommen. Die Einfuhr billigen ausländischen Weizens und Oels müsse im Interesse der palästinensischen Landwirtschaft unterbunden werden. Die Regierung werde trotzdem darüber wachen, daß die Brotpreise nicht steigen. Für die Fellachen soll ferner eine Landwirtschaftsbank errichtet werden, um sie mit Darlehen zu einem niedrigen Zinsfuß zu versorgen. gen im Bezirke von Suczawa, daß zwei Faktoren Schuld an ihnen tragen: die lokalen Behörden und die ökonomische Krise. Er legte an drastischen Beispielen die Unhaltbarkeit der durch Verschuldung und hohe Zinsen verursachten Wirtschaftslage der Bauern dar und forderte von den Banken, daß sie den Zinsfuß ermäßigen und Exekutionen wegen unbezahlter Schulden zeitweilig einstellen. Die Leiter der Banken sind diesem Verlangen nachgekommen. Vom Kriegsschauplatz des rumänischen Antisemitismus. Bukarest, 26. Juli. In Borfcha sind 28 Personen verhaftet worden. Durch energische Verfügungen der Militärbehörden wurde das Uebergreifen der antisemitischen Hetze nach Beßarabren verhütet. Die Regierung ist sich darüber klar, daß die Wirtschaftskrise der eigentliche Nährboden ist, auf dem die antisemitischen Agitatoren ihre Erfolge aufbauen. Doch steht es fest, daß die Untätigkeit der Lokalbehörden in vielen Fällen den eigentlichen Anlaß zum Ausbruch der Unruhen bildete. Auf ein Telegramm der Union rumäniicher Juden hat König C a r o l geantwortet, die jüdische Bevölkerung könne der Unterstützung des Königs gewiß sein, der alle Söhne des Landes zu brüderlicher Zusammenarbeit aufgerufen habe. Dem „Pester Lloyd" zufolge gab es in Jassy antisemitische Ausschreitungen. Die Gendarmerie verhaftete 20 Missetäter, die beim Verhör zugaben, daß sie auf Weisung von Führern gehandelt hätten. In B e r e s ch t i bei Galatz ist die jüdische Bevölkerung durch das Eintreffen von Banden. der „Eisernen Garde" in großen Schrecken versetzt worden. Die Bukarester Behörden sind den ganzen Tag über in telefonischer Verbindung mit Galatz, um die Entwicklung zu überwachen. Der Ministerrat vom 23. Juli beschäftigte sich den antisemitischen Ruhestörungen und ordnete die strengsten Maßnahmen an. Instruktionen des Justizministers an die Staatsanwälte sind telegraphisch ergangen. Falls keine Besserung eintritt, soll durch rönigliche Verordnung das Kriegsrecht verhängt werden. Der Führer der „Eisernen Garde", Codrearnu, ist, nachdem er bereits vor einigen Tagen vom Untersuchungsrichter vernommen worden und dann geflüchtet war, nunmehr auf Grund eines Steckbriefes ermittelt und verhaftet worden. Weitere Verhaftungen sind in Bukarest vorgenommen worden. Die Hetzereien der „Eisernen Garde" dauern jedoch vorläufig an. In der beßarabischen Stadt O r h e i hat der antisemitische Prof. M a z e d o n einen Juden namens Schulim Landau durch 5 Revolverschüsse ermordet. Man hegt in der Stadt wegen der weiteren Entwicklung der Dinge starke Befürchtungen. Alle Läden sind geschlossen und die Juden trauen sich nicht, sich auf den Bazar- Verhaftung mit Stolz, er habe Landau erschossen, weil Verhaffung mit Stolz, er habe Landau erschossen, weil er die Juden hasse. In der Stadt S a s k u t in der Moldau, ist das ganze von Juden bewohnte Geschäftsviertel durch Feuer zerstört worden. Zum Vrandunglück in Borfcha. S i g h e t, 27. Juli. Ein gemeinsames Komitee, dem Rabbinat und Vorstand der orthodoxen und der fefardischen Kultusgemeinde sowie der jüdische Nationalverband angehören, ruft zu Sammlungen für die 2000 schwer geschädigten jüdischen Einwohner des Städtchens Borfcha auf. 128 jüdische Wohnhäuser samt 190 Nebengebäuden sind durch den Brand vernichtet. 2000 Juden sind ohne Brot und ohne Obdach. Spenden sind auf das Konto des Hilfskomitees an die „Volksbank für Kleinkredite W G." in Sighet- Maramures zu überweisen. Haussuchung beim Kabinettchef des Innenministeriums Tazlaoanu. Bukarest, 28. Juli. Als eine Sensation wirkte die gestern von der Polizei im Hause Tazlaoanus, des Kabinettchefs im Innenministerium, vorgenommene Haussuchung. Anlaß zu den Nachforschungen gab der begründete Verdacht, daß eine Verbindung zwischen dem Kabinettchef und der Tä-