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Der Israelit · 1930-07-31 · Heft 31 (31.7.1930) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 31 (31.7.1930)
Date
1930-07-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Nr. 31 Der Israelit 31. Juli 1930 Bis dahin trauern w i r für die Welt, und der neunte A w ist d«er richtige Stichtag dafür. Es ging bei der Zerstörung des jüdischen Glückes ganz in der Reihenfolge, wie die Führer im heiligen Berichte starben. Es begann mit der sittlichen Not. Die liegt schon etwas länger zurück. Sie begann mit den Hellenisten und dem Hellenismus zur Zeit der Tobiaden, sie begann mit den jüdischen „Hohenpriestern" im Kulte des Zeus und Jupiter, sie begann mit öen Jünglingen, die von der griechisch-hellenischen Kultur das Lockende und Blinkende übernahmen und es bis zum Bilde im Tempel trieben, die aus den heiligen Vorhöfen ein Stadion machten. Damals war Miriam dem jüdischen Staat gestorben, und ihr Wunderbrunnen hatte kein Wasser mehr . . . Diese Not übertrug sich wachsend von der griechischen auf die römische Zeit und es kam zu ihr die politische Not. Damals, als sich die Parteien im besetzten und belagerten ^rusalem gegenseitig zerfleischten, als die Wahrheit aus dem Leben des Volkes gewichen war und ein Rabbi Jochanan in der Totenbahre zur Stadt mauer hinausgetragen werden mußte, damit er noch den letzten Rest rettete. Damals, beim Festmahle der Kamza und Barkamza, da man sich nicht scheute, den Bruder zu beschämen, war A h r o n dem Volke gestorben. Ohne Brunnen und ohne gleichmachende Wolke entschied sich das Schicksal des Volkes rasch. Als aber gar von der Kriegspartei die Vorratskammern von Jerusalem verbrannt wurden, um durch den Hunger die jüdischen Jünglinge auf die Wälle zum aussichtslosen Kampfe zu zwingen, war die dritte Not, die B r o t n o t, hinzugekommen, die Volk und Land den letzten Rest gab. Moses, der große Ernährer mit seinem Manna, war aus dem Gesichtskreise des Volkes geschwunden. Mit dem Wunderbrot des Manna ging auch das Brot des Geistes zur Neige. Wahrheit und Treue brachen entzwei, und Rabbi Jochanan muß mit dem letzen Reservoir alter heiliger Volkskraft sich in die Weinberge von I a b n e retten. Der Schicksalstag des neunten Aw war unaufhaltsam. Uns könnte Trost erblühen und einer Welt Genesung werden, wenn wir im schwarzen Spiegel der Trauer uns selber sehen und, erschrocken vor dem eigenen verzerrten Antlitz, zu den Quellen der Reinheit zurückeilten. Zum Brunnen Miriams zuerst, um daraus Reinheit und innere Gesundung zu schöpfen. Zu A h r o n dann, daß Ruhe und Ausgeglichenheit in unsere Seelen einkehrt, und> in ihrer Ausbreitung über uns hinaus eine Atmosphäre des Vertrauens schaffen. Zuletzt wird auch Moses da sein, der mit seinem Wunderstabe uns das' Brot vom Himmel herableitet. Die Führer sind nach wie vor d a, wir müssen uns nur zu ihnen finden: m’wri! — man kann es nicht anders nennen — „her ßusefeln". Wo auch immer und wann auch immer, werden Anspielungen gemacht, und unter sich spricht man nur von dem „Gefängnismen schen". „Mit dem soll nun ein anständiger Mensch zusammen arbeiten" — „eine solche Zumutung — und noch viel schärfere Worte fallen. — Was wird nun aus unserem Strafentlassenen, der wirklich auf dem besten Weg ist, ein guter Mensch zu werden? Er kann es mit der Zeit nicht mehr aushalten, er wird an der ganzen Menschhei und ihrer „Bildung" zweifeln und wird ver zweifelt. Wenn auch der einstellende Chef noch so Human ist, er kann sich dem passiven Wider stand des ganzen Personals nicht entziehen und — entläßt ihn. Da fängt die Leidenszeit und ihre Qual für den Menschen von neuem an, er geht von Tür zu Tür und wird abgewiesen. „Pa piere bitte" — ja, die sind nicht lückenlos, wo waren Sie denn in den Monaten April 1928 bis Mai 1929? Endlich gesteht er, wo er war. — „Tut mir leid— für Zuchthäusler ist bei uns kein Platz!" — Und was wird nun? Gedemütigt und gejagt — wird er wirklich ein Zuchthäusler! Ohn Halt und ohm Hemmung haßt er die menschliche Gesellschaft, in die er zurückkehren wollte, die ihn aber als feindlichen Pol abgestoßen hat. Abge stoßen und verstoßen! Mit den Mitteln der Re ligion ist ihm nicht geholfen: denn die Men schen waren Richter über ihn. Der Ewige hat ihm gewiß verziehen. Aber die Menschen ver zeihen nicht, sie sind strengere Richter Und man versteht, wie König David in seinem Psalm sagt: Schofteni elaukim, Richte mich G'tt, aber — so fügt ein Erklärer hinzu: Aber laß nicht Menschen m i ch r i ch t e n. — Was nützen m. E. alle schönen Reden und herrlichen Ergüsse über soziales Mitfühlen und soziales „Mitleid" (id est „ M i t.I eiben! "), wenn diese nicht in die Tat umgesetzt werden und wir nicht tätig und hilfreich zugleich sind? Was nützt da das Wort von dem Festmachen wankender Kniee und dem Ausrichten Strauchelnder, wenn es eben nur Worte sind. Mehr soziales Verständnis verlange ich für diejenigen, die abfeit vom Wege waren und nun wieder mit uns die Heeresstraße gehen wollen. Und noch-eines. Es müßte dafür von den berufenen Organen gesorgt werden, daß der Gefangene sofort bei der Entsassung eine feste Arbeitsstätte vorfindet, damit er nicht in den alten Fehler zurückfällt. Der Zeitpunkt seiner Entlassung muß richtig und sorgfältig ausgewählt werden, damit er weiß, wohin er gehört. Wenn er zu uns kommt mit dem Josefsruf „es achai onauchi mewakeisch" — „meine Brüder suche ich", dann soll er sie nicht nur u ch e n , sondern auch — finde n. Eine Forderung. Von Rabbiner Dr. Neuhaus in Mülheim (Ruhr). Einige besonders krasse Fälle von sozialem Unverstand zwingen mich, auf einen Uebelstand aufmerksam zu machen, der sehr zu denken gibt und katastrophal für die Betroffenen sich auswirkt. Haben da Gefangene ihre Strafen verbüßt und werden aus dem Gefängnis entlassen, so ist es heute — und gewiß früher — fast unmöglich, ihnen Arbeit zu beschaffen. Wir wissen ja, wie schwer die wirtschaftliche Lage heute ist, und wieviele Erwerbslose es — auch unter uns Juden — gibt. Aber wieviel entsetzlicher ist das Schicksal entlassener jüdischer Strafgefangener, für die nur schwer Stellung zu beschaffen ist. Aber haben sie nun wirklich durch Zusammenarbeiten von Hilfsorganen, bei denen der Rabbiner durch unermüdliches Bearbeiten keine geringe Rolle spielt, endlich eine kleine Position gefunden, dann — und ich habe es erlebt — sind es d i e Berufs genossen in der neuen Stellung selber, die den Strafentj lassenen durch alle möglichen Schikanen wieder. Korrespondenzen « ßacbricbten. Die Berufung Professor kelseM m die Kölner Ämverfitäi und die Zenirvmspresfe. Köln, 20. Juli. Professor Kelsen, der bedeutende Staatsrechtlehrer Oesterreichs Hknd Autor der ersten Verfassung der österreichischen Republik, hat, um aus der Atmosphäre des Antisemitismus, die gegenwärtig an her Wiener Universität herrscht, herauszukommen, die an ihn ergangene Berufung der Kölner Universität angenommen. Prof. Kelsen hat seinen Entschluß auch nicht geändert, als ihm in den letzten Tagen eine Adresse, die die besten wissenschaftlichenNamen Oesterreichs trug, überreicht wurde, um ihn zum Verbleiben in Wien zu überreden. Zu seiner Berufung an die Kölner Universität schreibt die „Kölnische Volkszeitung" in ihrer Abendausgabe vom 14. Juli: ... ist es nicht unverständlich, und wirkt es nicht befremdend, wenn man jetzt hört, daß Oberbürgermeister Dr. Adenauer für die in diesen Tagen erfolgte Berufung von Kelsen-Wien sich tatkräftig eingesetzr habe? Ist dem Oberbürgermeister nicht bekannt, daß die Universität Köln bereits mit Dozenten jüdischen Bekenntnisses übersetzt ist; eine Tatsache, die auch in Professorenkreisen aus sachlichen Gründen starken Widerspruch findet? ... (Wir hoffen, daß dieser seltsame antisemitl>lye Seitensprung des Kölner Blattes von führenden Zentrumskreisen alsbald scharf desavouiert werden wird. Red.) Gegen die überhandnehmende Inden hetze in Baden-Baden. Karlsruhe, 28. Juli. Dieser Tage fand in Baden-Baden eine aus allen Bevölkerungskreisen besuchte Bürgeroersammlung statt, die als Protest gegen das Treiben der Nationalsozialisten in der Bäderstadt abgehalten wurde. Der Vorsitzende, Stadtrat Becker, betonte, daß die Kurverwaltung Baden- Baden die Werbetrommel überall in der Welt rühre, als Echo aber höre man: „Meidet Baden-Baden, denn es ist der Tummelplatz der wüstesten Judenhetze!" „Ich muß leider sagen," erklärte Stadtrat Becker, „daß diese Behauptungen nur zu wahr sind. Es ist Tatsache, daß beinahe in jeder Nacht Häuser der jüdischen Mitbürger mit Aarbe besudelt werden. Man scheut si^ nicht, auf offener Straße Propaganda gegen das Judentum zu machen und empfängt die jüdischen Kurgäste am Bahnhof, rempelt sie an und zwingt sie zur Umkehr. Auch anderen ausländischen Fremden ist es in ähnlicher Weise ergangen." In einer Entschließung der Bürgerversammlung wird festgestellt, daß mit Entschiedenheit gegen diese Hetze Stellung genommen werden muß. Vandervelde über die Araber-Frage. Berlin, 29: Juli. Der „Vorwärts" veröffentlicht einen bemerkenswerten Artikel des bekannten belgischen Sozialistenführers Emil Vandervelde über Zionismus und Araber- Frage. Vandervelde ist einer der wärmsten Freunde des jüdischen Aufbauwerkes und widerlegt auch in diesem Aufsatz treffend alle Scheinargumente, die man vom Standpunkte eines angeblichen Interesses des arabischen Volkes gegen das jüdische Aufbauwerk geltend gemacht hat. Trotzdem beurteilt er die Lage außerordentlich pessimistisch. Es fei nicht zweifelhaft, daß die 750 000 Araber Palästinas der jüdischen Arbeit infolge der. maßlosen Hetze argwöhnisch gegenüberstehen. Die englische Regierung werde zwar der ihr durch das Mandat auserlegten Politik unbedingt treubleiben, aber der Zionismus würde vor bitteren Enttäuschungen und unheilbaren Katastrophen stehen, wenn er auf den unbegrenzten britischen Schutz für die Sicherung der Existenz des nationalen jüdischen Heimes rechnete. Selbst diejenigen, die in den Reihen der sozialistischen Internationale die wärmsten Sympathien für das zionistische Werk haben, hielten einen Erfolg des Werkes doch nur dann ür möglich,, wenn eine Verständigung mit den Arabern gelingt. Tschechoslowakei. Die Nationalität bei der Volkszählung in. der Tschechoslowakei. Bratislava, 17. Juli. Wie früher bereits berichtet, hatte das Statistische Amt, das mit der Vorbereitung der auf den 1. September festgesetzten allgemeinen Volkszählung betraut war, bestimmt, daß auf den Volkszählungsbogen die Nationalität je nach der Muttersprache des gezählten Individuums ausgefüllt werden solle. Auf Betreiben der Zionisten ist nun eine nachträgliche Verordnung ergangen, worin eine Ausnahmebestimmung für die Juden getroffen wird. Diese „dürfen sich", wie die Verordnung besagt, „stets zur jüdischen Nationalität bekennen." In den Kreisen der slovakischen Orthodoxie, die die jüdische Nationalität nicht als ein Politikum, sondern als ein mit dem religiösen Bekenntnis unlöslich verknüpftes innerjüdisches Heil i g t u m betrachtet, ist man mit diesem Erfolge der zionistischen Politik natürlich sehr wenig zufrieden. Nachdem die Verordnung aber einmal ergangen ist, dürften wohl die meisten orthodoxen Juden nicht umhin können.

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