Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 31 (31.7.1930)
- Date
- 1930-07-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 31 2er Israelit 31. Juli 1930 gezollt, er hat nur damit erstens eine Dankeswird. Nicht die Besorgnis alfp um schuld abgetragen an die Partei, die seit Wind- -d e n A u s g a n g d e S' Rech t s st re i t e s ist Horst, Lieber und Erzberger uns verstanden und sts, die uns eine Verständigung unter Vermeidung der KommifsionsentscheidUng in so hohem Maße uns im Kampfe um das bürgerliche und. religiöse Recht geholfen-hat, und erhat zweitens die Partei gestärkt, die uns in unserem täglich schwerer werdenden Kämpf noch weiter beisteht,- die UNS hilft, UNS die Schechita, die Schule und den durch die Kalenderreform bedrohten Sabbat zu erhalten. Wir resümieren: .Wir Juden haben heute, infolge der Wandlung der Sozialdemokratie ist taktischer und weltanschaulicher Hinsicht eine breitere Wahlbasis als sonst. Sie geht von Breitscheid bis Kardorff. Die deutsche Judenheit wird alle Parteien, die zur Republik und zur Verfassung h a l t e n , also sich zu Recht und Freiheit bekennen, unterstützen, und wir werden keinen davon zurückhalten, sofern ihn Ueberzeugung und Neigung dahin weisen, seine Stimme für die sozialistische und bürgerliche Demokratie in die Wagschale zu werfen. Es kann aber nicht ausbleiben, daß religiöse, Juden, die über das äußere Recht und die äußere Freiheit hinaus an das Recht ihrer Seele denken und um d i e s e s b a n g e n , sich wiederum am Wahltage zu d e r Partei finden, bei der wir dies Recht unserer Seele am besten gewahrt wissen.' - Indirekt unterstützen wir mit einer Wahlhilfe an das Zentrum auch die anderen Parteien der Republik, denn die Hoffnung des neuen Reichstages beruht doch letzten Endes auf einer Koalition, in der das Zentrum als größte Partei führend wird. Es ist gut, wenn man sich zeitig im jüdischen Kreise über all diese Dinge klar wird. Wochenrunds cfyau. Was nun? Die vom Völkerbund eingesetzte, aus drei unparteiischen Politikern neutraler Staaten bestehende Kothel Maarowi-Kommiss i o n hat ihre Arbeiten beendet, und die Mitglieder-sind in - ihre .Heimatländer, zurückgekehrt, um, zunächst ein jeder für sich, auf, Grund der gewonnenen Eindrücke Berichte, auszüärbeiten und alsdann gemeinsam zu Veiper Entscheidung zu gelangen, die endgültig üsid itzgppestäbel sein soll. Jp einex.,bedeutsamen Rede/. hie:her Vgr> fitzende, L ö e f g r e n , vor Schluß ,'dA,Sitzustg hielt, hat die Kommission jedoch klax und deutliä) ihrer Meinung dahin Ausdruck gegeben^ daß sie zwar das Recht und die Vollmacht habe, den ganzen Streit um die Rechte der Juden an und vor der Kothel Maarowi endgültig zu entscheiden, daß aber, einem solchen Machtspruch eine freie Verstän d i g u n g z'w i s ch e n d e N beteiligten P ä r t e i e n , also den Arabern und Juden, bei weitem vorzuziehen sein würde. Aus diesem Grunde forderte Lctefgren die Parteien äüs, bis s p ä t e st e n s 1. S e p t e m b e-r die Ergebnisse einer solchen' erneut zu versuchenden Verständigungsaktion der Kommission mitzuteilen. - Die ganze Judenheit ist nun unseres Erachtens, wie die Dinge jetzt stehen, aufs höchste daran interessiert, daß die Notwendigkeit einer Kommissionsentscheidung vermieden, wird. Wer die Verhandlungen aufmerksam verfolgt hat, wird nicht darüber im Zweifel sein, daß die Entscheidung der Kommission unter allen Umständen das Recht der Juden auf freie Ausübung g'ttesdienstlicher Akte an der Kothel Maarowi anerkennen wünschenswert erscheinen läßt, sondern die Erwägung der ganzen politischen Lage. Für die Araber, das hat die Haltung ihrer Vertreter vor der Klagemauerkommission mir geradezu brutaler Offenheit gezeigt, ist der ganze Klagemauer-Konflikt in Wirklichkeit weder eine .Rechtsfrage, noch von j tiefgehendem religiösen .Interesse, sondern vielmehr ein glänzendes politisches Mittel, zur Einspannung der ganzen islamischen Welt mit ihrem religiösen Fanatismus in den Dienst der mandatfeindlichen Politik des palästinensischen Arabertums. Verfügt die Kommission, wie zu erwarten, daß in Zukunft die freie Ausübung des jüdischen G'ttesdienstes an der Kothel Maarowi seitens der Araber geduldet und demnach, von der Mandatarmacht m i t W affe n g e w a l t gef chütz t w e r d e n muß, so haben die arabischen Politiker genau das erreicht, was sie wollten: ein auf unabsehbare Zeiten wirksames Agitationsmittel zur Aufreizung der arabischen Massen in Palästina nicht nur, sondern in allen Ländern des Orients. Ergibt sich hierausdaß nichts unversucht gelassen werden dürfte, um eine jüdisch-arabische Verständigung in der- Kothel Maarowi-Frage herbeizuführen, so muß - man sich doch darüber klar sein, daß eine solche Verständigung, isoliert und auf das'Kothe-l Maarowi- Problem b e s ch r an k t, sehr geringe Aussicht auf Verwirklichung hat, eben weil die Araber sich ihren Agitationsstoff nicht nehmen lasten werden. Denkbar scheint uns ein ehrlicher Interessenausgleich vielmehr nur dann, wßUn eine -Verständigungsaktion auf allerbreitester Basis und unter vorsichtiger und zurückhaltender Führung einer Instanz ] des Völkerbundes versucht wird. Viel Zeit i st n i ch t z u v e r l i e r e n. Alle diejenigen englischen Politiker sowohl als auch die Mitglieder der Münoatlwmnqji5ü,die den ganzen Ernst der für die Judenheit auf dem Spiele stehenden Lebensfragen würdigen, sollten in diesem Augenblick gemeinsam Vorgehen, um Araber und Juden an den Verhandlungstisch zu bringen. Die Befürchtung, daß die Gegensätze zu weit zugespitzt und ehrliche Wünsche auf einen billigen Ausgleich im arabischen Lager nicht vorhanden seien, darf keinen Grund dafür abgeben, den Versuch von vornherein nicht zu unternehmen. Von jüdischer Seite müßten die Initiative dafür die nichtzionistischen Mitglieder der Agency ergreifen, die weniger als die zionistischen Führer von inneren' parteipolitischen Hemmungen abhängig sind/ Sie würden sich zweifellos auch der Unterstützung der agudistischen Kreise erfreuen dürfen.' ,'-wi / . inr : . v’ IiWMes PWgeffssll^ürvefen. Wir haben in unserer ersten Juli-Nummer einen Bericht über die Tätigkeit der in Elberfeld bestehenden Zentrale für P f l e g e st e l l e n und A d o p t i o n s v e r m i t t l u n g veröffentlicht und in ' einer Nachbemerkung unserem Befreiw den darüber Ausdruck verliehen, daß irr dem ganzen Berichte, der im übrigen durchaus Dank und Anerkennung verdient, von der religiösen Seite des Vermittlungswesens bezrm ihrer.überragenden Bedeutung mit keinem Worte die Rede war. Hierzu schreibt uns nun Frau Janka Frank in Elberfeld "folgendes: Ihre Nachbemerkung zu Ihrem Bericht vom 3. Juli 1930 veranlaßt mich, als Vertreterin der orthodoxen Richtung in der Zentrale für Pflegestellen- und Adoptions,Vermittlung, zu folgender Erwiderung: Der Grundgedanke des ganzen Pflegestellen- und Adoptionswesens ist, die Seele des jüdischen Kindes zu retten. Dieser Aufgabe widmen sich alle Mitarbeiterinnen mit großre Hingabe. Es wird jeder vorkommende Fall erst genauester Prüfung unterzogen und allen Wünschen weitgehendst Rechnung getragen. Nun handelt es sich in fast, ältest Fällen um uneheliche Kinder, deren Väter Nichtjuden oder nicht festzustellen find. Die Mütter legen meistens wenig Wert auf jüdische Erziehung, im Gegenteil, sie geben oft die Kinder in christliche Hände. Die Hauptaufgabe der Zentrale ist es nun, diese Kinder zp erfassen,. um sie in. jüdische Pflege zu-, brin- > ^gen. Soweit uns rituelle Häuser zur Verfügung stehM? werden die Kinder selbstverständlich in erster Linie dyrt untergebracht. Ich darf sogar behaupten, daß die meistert Pflegehäuser rituell,, wenn auch nicht streng orthodox» geführt werden und wird hierauf bei der Auswahl der - angebotenen Pflegestellen, wie aus beili'egendem Fragebogen ersichtlich, besonderer Wert gelegt. Es kann also keine Rededavon sein, daß diesem Punkte „geflissentlich aus denk Wege gegangen wird". Streng orthodoxe Häuser stellten sich uns bis jetzt leider nur in den seltensten Fällen zur Verfügung. Es wäre Aufgabe der orthodoxen Oeffentlichkeit, hierfür Propaganda zu machen, damit durch entsprechende Unterbringung, die Kinder im Sinne unserer hl. Tauroh erzogen werden. V Elberfeld, 15. März 1930. H: Janka Frank. Frau Frank sendet uns gleichzeitig hie bei der Vermittlung in Anwendung gelangenden Formulare, in denen sowohl bei den Auskunftsbogen über Pflegeeltern, als andererseits her den Elternakten die Frage enthalten ist, ob der Haushalt rituell geführt wird. Wir freuen uns, daß durch diese Auskunft der in religiöser Hinsicht unzulängliche erste Bericht der Zentralstelle einigermaßen ergänzt wird, so. daß sich! die Oeffentlichkeit ein Urteil über die Einstellung der Zentrale zu den religiösen Fragen bilden, kann. Wir unterstützen die am Schluffe der Einsendung ausgesprochene Aufforderung, daß sich möglichst viele orthodoxe Häuser zur Aufnahme jüdischer Kinder, denen es gilt, ein Heim zu beschaffen, bereit erklären. m-- Trieb. Von Dr.- <5 E. in Ä. (Schluß.) Das Werden, das aus dem („guten") Trieb hervorgeht, ist das Werden einer neuen Lebensgestaltung, die über den sich sehnenden Menschen hinaus zu einer höheren Einheit zu einem ihm übergeordneten lebendigen Organismus führt. Wäre dieser übergeordnete Organismus nicht wirklich vorhanden, es wäre unbegreiflich, woher die Kraft kommt, die den Menschen zu einer über seine Individualität hinausgreifenden Einswerdung treibt. Weil dieser übergeordnete Organismus eine wiederum in sich geschloffene lebendige Einheit bildet, drängt er seine Zellen, insbesondere/also auch die einzelnen Menschen,, dazu^sich?/ zudieser Einheit zusammenzufindem, sich<näch/ dieser Einheit, also zueinander zst sthnem . . Die: Einheit /alles Lehendigen - ruft in. » alleA/emzetnech Gfted hrn des letz endigen Kosmivs den asten zu-/ nächst unbewußten und ihnen oft, auch.,unerkläx?'. liehen' Trieb . zur-;Mnsryerdung. im 'fehenhigestOr^ ganismus Kosmos hervor. Aller Trieb lm-Menschen ist daher der Lebenstrieb der ihm übergeordneten Organismen.***) , Die Bewegungen, die der Verwirklichung, dieses kollektiven 'Lebenstriebes' dienen, die den sich lehnenden Menschen mit dem ersehnten L-ojekt vereinigen, sind lebndige Bewegungen; dies find solche Bewegungen,- die für die Lebenser-: Haltung des - kollektiven Organismus notwendigsind, ohne die der kollektive Organismus sterben würde. Die Tätigkeit des Essens als tne einende Bewegung zwischen dem essenden Menschen und der genossenen Speise dient der Lebenserhaltung: eines dem Menschen übergeordneten kollektiven Organismus. Im Gegensatz dazu stillt Essen als Befriedigung des Hungergefühls lediglich das Interesse des einzelnen Menschen. ***) Dieser kollektive Lebensttieh -hat mit Gattungstrieb,. Arterhaltungstrieb, Vitalismus und dergl. nichts zu tun. Die letzteren sind, im Gegensätze zum kollektiven Lebenstrieb,, zweck- oder zielbestimmte Triebe.