Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1930)
- Date
- 1930-07-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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24. Juli 1930 Der Israelit Nr. 30. Seite 5 kforresponaenre« « ßacbricimn. Deutsches Reich. Prof. Ludw. Steins Bestattung. Berlin, 18. Juli. Heute um 11 Uhr vormittags fand unter ungewöhnlich starker Beteiligung aller Kreise der jüdischen und nichtjüdischen Gesellschaft, der Gelehrtenwelt und de, öffentlichen Lebens das Begräbnis des in Salzburg verstorbenen Professors Dr. Ludwig Stein auf dem Friedhof der Adaß Jisroel-Gemeinde in Weißensee statt. Die vielhundertköpfige Trauergemeinde erfüllte die große Friedhofshalle, in der eine lange Reihe von Rednern jüdischer wissenschaftlicher und politisch-gesellschaftlicher Vereinigungen Worte der Würdigung für den Verstorbenen sprachen. Rabbiner Dr. Meier Hildesheimer hielt die Trauerrede, Auf das plötzliche Hinscheiden des Verstorbenen wandte Rabbiner Dr. M. Hildesheimer einen Satz unserer Weisen an: Wenn ein Mensch aus seiner Lebensbahn plötzlich herausgerissen wird, dann ist es. wie wenn die Sonne am hellen Tage unterginge. Diese Empfindung hatte man beim Tode Prof. Steins. Die vielseitige tiefgründige Begabung des Verstorbenen ist dadurch gekennzeichnet, daß er zugleich Philosoph und ein liebenswürdiger Plauderer war, daß' er gleichzeitig mit tiefem Ernst sich in die Kümmernisse und Nöte von Bedrängten versenken konnte und in heiterster Laune der angenehmste Tischnachbar war. Daß er, in allen Län dern und allen Religionen zuhause, ein Weltbürger und zugleich ein aufrechter, treuer Jude war, der es niemals unterlassen hat, sein Judentum zu bekennen. Die Wur zeln seiner Kraft lagen in seinem Elternhaus. Für die Familie des Verstorbenen nahm Kommerzienrat Maximilian Stein das Wort. Er schilderte Ludwig Stein als den Optimisten, der auch bis zuletzt an den Ernst seiner Erkrankung nicht glaubte. Der großen Welt gehörte sein brillierender Geist, uns in der Familie gehörte sein Herz. Aber über seine engere Familie stand ihm die Menschheitsfamilie. Cs war ihm vergönnt, zu seinem Teil an: Webstuhl der Zeit mit zuwirken. Für den Verstorbenen als Juden sagte der Redner, ist vielleicht nichts so charakteristisch wie sein letzter Brief aus Gastein, in dem er schreibt: „Ich habe heute Mittag sehr angeregt mit einem Fürsten verbracht und den Abend nicht minder angeregt mit einem Rabbiner aus Newyork." Zwischen dem Fürsten und dem Rabbiner, als den äußersten Polen seiner Interessensphären, bewegte sich sein Lebensinhalt. Er, der freie Geist, war ein eindrucksvoller Interpret der jüdischen Ueberlieferung, die er uns immer wieder zu beachten mahnte. Namens der persönlichen Freunde des Verstorbenen sprach der Vorstand am Kaiser Wilhelm-Institut, Prof. Vogt, ferner Prof. B ö h m e , Dr. Carl Misch für den Verlag Ullstein und für den Verein der Berliner Presse. Der berühmte Physiker, Geheimrat Prof. Nernst, der für die vom Verstorbenen begründete Mittwoch-Gesellschaft sprach, erinnerte an die starke Einwirkung, die das geistige Berlin von Ludwig Stein erfuhr. Er war mit Hilfe seine" ungewöhnlichen Beziehungen für die Weltverständigung tätig, er rvar ein Politiker im besten Sinne des Wortes. Es sprachen noch eine große Reihe von jüdischen und nichtjüdischen Gelehrten und Politikern. Voten. Eine Delegation der „Agudas Iisroel" beim polnischen Ministerpräsidenten Slawek. Warschau, 18. Juli. Der polnische Ministerpräsident S l a w e k empfing heute eine Delegation der polnischen Landesorganisation der Agudas Jisroel, die aus dem Vorsitzenden des Zentralrates der Agudas Jisroel, Oberrabbiner L e w i n - Rzeszow, dem neugewählten Lubliner Raw, Otzerrabbiner Schapiro und dem früheren Senator Mend elsohn bestand. Oberrabbiner L e w i n schilderte dem Ministerpräsidenten sowohl die verzweifelte wirtschaftliche Lage der polnischen Juden als auch die das gesetzestreue Judentum zur Zeit bewegenden innerjüdischen Probleme, insbesondere die Beunruhigung und die Erregung, welche im Kreise der orthodoxen Judenheit die Vorgänge bei den Rabbinerwahlen in Wilna, Lublin und anderer: Städten verursacht habe. Diese Vorgänge hängen mit den Auswirkungen des Gemeindegesetzes zusammen, das nicht überall so angewandt wird, wie es dem Geiste der Gewissensfreiheit und vor allem der Wahrung der religiösen Interessen entspricht. Die Stellung des Rabbiners in der Gemeinde bedarf einer eigenen gesetzlichen Regelung, die noch ausstünde. Endlich erbat die Delegation Staatskredite für die orthodoxen K o o p e r a t i v g e n o f s e n s ch a f t e n, die sich in der letzten Zeit gut entwickelt haben, in einem staatlich anerkannten Revisionsverband zusammengefaßt sind und mit zentralen Kooperativbanken in Verbindung stehen. Der Ministerpräsident folgte dem Vortrag mit großer Aufmerksamkeit und versprach, sämtliche besprochenen Fragen mit den zuständigen Ressorts eingehend zu beraten und, soweit möglich, einer günstigen Erledigung zuzuführen. Beginn Montag, den 28. Juli Saison-Ausverkauf Preise bis zur Hälfte des regulären Verkaufspreisse Seidenhaus Süss v. Rossmarkt 11 werde. Schließlich wird der Rücktritt Weizmanns und der gegenwärtigen Exekutive verlangt, deren Politik zusammengebrochen sei. Me Woche. Berlin. Wie die „Vossische Zeitung" meldet, haben sich Belegschaft und Verwaltung der Adler-Werke in Frankfurt a. M. über eine Verkürzung der Arbeitswoche auf 40 Stunden geeinigt. Man wird hierin wohl nur ein Mittel zur vorübergehenden Arbeitsstreckung erblicken dürfen, nicht aber eine Entwicklung zur 5-Tage- Woche hin. — Die vierte Allgemeine Konferenz des ,,ORT"-Verbandes, die in Berlin vom 10.—12. August stattfinden sollte, ist wegen der allgemeinen finanziellen Krise bis zum Dezember vertagt worden. — Der berühmte jüdische Schauspieler Rudolf Schildkraut ist im 68 Lebensjahre in Hollywood gestorben. Schildkrauts Darstellungen des Shylock und des King Lear waren in der ganzen Welt berühmt. Er entstammt einer spaniolischen Familie in Konstantinopel. — Die Habima hat jetzt ihr Repertoire durch Einstudierung einer hebräischen Uebersetzung von Shakespeares ,,Was Ihr wollt" erweitert. — Der hier weilende peruanische Außenminister, Senator Dr. S a l o m o n , erklärte, daß für großangelegte jüdische Siedlungen, sofern die notwendigen Mittel vorhanden seien, Peru ein geeignetes Feld sei. Wer sich dafür interessiere, solle sich direkt an die Direccion de Immigration des Ministerio de Fomento in Lima wenden. Neustadt a. Aifch. Aus dem jüdischen Friedhof bei Diespeck sind in einer der letzten Nächte Grabsteine umgeworfen und geschädigt worden. Prag. In M u n k a c z hat am ^onntag die 7. Jahresversammlung des Verbandes jüdischer Kreditgenossenschaften in der Slovakei und Karpatorußland stattgefunden. Der Anteil des Joint-Kapitals am Gesamtkapital, das für das Jahr 1924 noch 45 Proz. betrug, ist auf 15 Proz. herabgesunken. Paris. Unter Vorsitz des Justizrat Dr. Blau fand hier die Jahresversammlung der vereinigten Gesellschaften Hias-Jca und Emigdirect statt. Es wurde berichtet, daß im Jahre 1929 30 45 000 Juden aus Osteuropa nach verschiedenen Ländern ausgewandert seien. London. Nach einer Erklärung des Ministerpräsidenten im Unterhaus wird der Palästinaberich't der Mandatskommission in Form eines Weißbuches nicht vor Abschluß der Septembersession des Völkerbundes veröffentlicht werden. Tschechoslowakei. Die Sonntagsruhe in Bratislava. V r a t i s l a v a, 17. Juli. Die Agitation zur Einführung der v o l l st ä n d i g e n S o n n t a g s r-u h e hat in der letzten Zeit stark zugenommen. Sollten diese Bestrebungen Erfolg haben, so wäre das ein vernichtender Schlag für die orthodoxe Bevölkerung der Stadt, und vor allen Dingen ein schweres Unglück für zahlreiche Angestellte und Arbeiter. Von der Schomre Schabbos-Stellenvermittlungszentrale der „Agudas Jisroel"-Jugendorgan i s a t i o n ist zur Besprechung der Lage und der erforderlichen Gegenmaßnahmen eine Versammlung von Angestellten und Arbeitnehmern einberufen worden. Angarn. Oberrabbiner Silberstein Vacs (Waitzen), 21. Juli. Der Nestor der ungarischen Rabbinen, der weltberühmte Oberrabbiner Silberstein, ist gestern, 73jährig, gestorben. Eingehende Würdigung folgt. Jnnerzionistische Kämpfe. Lemberg, 15. Juli. Die zweite Weltkonferenz der R e v i s i o n i st e n wurde gestern hier beendet. Das Hauptbüro der Parier wurde nach Berlin verlegt und der Leitung von Dr. Nachum G o l d m a n n und Dr. M. Soloweitschik unterstellt. Die Verhandlungen, in denen eine Weizmann günstigere und eine ihn scharf bekämpfende Richtung zutage trat, gipfelte in der Annahme einer ausführlichen Resolution, die zunächst die Politik der britischen Regierung seit den August-Unruhen als ein „schrittweises Zurückweichen vor dem Terror der Araber und als dauernde Preisgabe der wichtigsten Inhalte des Mandates" kennzeichnet. Es wird verlangt, daß man sich nicht an Rumänien. Die antisemitischen Anruhen in Rumänien. B u k a r e st, 18. Juli. Es scheint, daß die energischen Maßnahmen der Regierung gegen die Hetze jetzt durchzugreifen beginnen. Sowohl in S u c z a w a, als in den anderen gefährdeten Plätzen, sind eigene Kommissare der Regierung erschienen, um die Ruhe herzustellen. Dagegen muhte nach V o r s ch a neue Gendarmerieverstärkung beordert werden, weil die Bauern in drohender Haltung die sofortige Austreibung der Juden verlangten. Wie verlautet, ist im Ministerium des Innern der Kabinettchef seines Amtes enthoben worden, weil er die antisemitischen Studentenführer begünstigt hat. Diese Führer, die in Bukarest vorübergehend verhaftet wurden, befinden sich jetzt wieder auf freiem Fuße. Der rumänische Innenminister empfing eine Delegation der jüdischen Parlamentsmitglieder, der er Bestrafung der Schuldigen versprach. Wegen der übrigen Forderungen der jüdischen Parlamentsmitglieder, die sich auf Auflösung der antisemitischen Organisationen, Anwendung des Aufruhrparagraphen gegen alle Hetzer und Anordnungen an die Nachgeordneten Behörden bezogen, verwies der Minister die Delegation an den Justizminister. Der Parlämentsklub hatte auch eine Audienz beim König C a r o l. Der Parlamentsklub hat sämtliche jüdische Gemeinden des Reiches auf den 23. Juli zu einer- Konferenz nach Bukarest eingeladen. Ministerpräsident Maniu ist unerwartet vom Urlaub nach Bukarest zurückgekehrt und berief einen Ministerrat, der sich mit den antisemitischen Ausbrüchen beschäftigen soll. Auch hat der Innenminister inzwischen "telegraphisch sämtliche Abgeordneten und Senatoren au > der Bukowina zu sich geladen, um mit ihnen die Möglichkeit einer Besänftigung der aufgepeitschten Leidenschaften zu besprechen. Ein Attentat auf den rumänischen Staatssekretär Angelescu. — Rache für die Verordnungen gegen die antisemitischen Ausschreitungen? Bukarest, 21. Juli. Gestern Mittag wurde auf den stellvertretenden Innenminister Angelescu ein Revolverattentat verübt. Der Attentäter, ein mazedonischer Student namens Georg England kette, sondern an die Völker der Welt!Beza, erschien mit einigen anderen Studenten, die Anappelliere. Politische Verhandlungen mit den arabischen gelesen eine Petition der „Gesellschaft der erwachten Führern in Palästina seien unmöglich, .solange auf ararumänischen Jugend" überreichten, in dessen Zimmer bischer Seite das Recht des jüdischen Volkes auf die J unbfd^o^ auf den lesenden Unterstaatssekretär. Es kam Errichtung seines Nationalheimes in Palästina bestritten ' zu einem Handgemenge zwischen Beza und seinem Op-