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Der Israelit · 1930-07-24 · Heft 30 (24.7.1930) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 30 (24.7.1930)
Date
1930-07-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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M ■: t ' || j; Seite 4. Nr. 30 mache; er begründete damit die ungeheuerliche europäische Ueberheblichkeit und das Primat des Wissens auf allen Gebieten des menschlichen Lebens. Die Thoratreuen wenigstens sollten dagegen wohl schon längst gemerkt haben, daß die Thora schließlich nicht mit Sokrates und der europäischen Kultur identisch ist. Wenn ich weiß, in welch verschiedener Weise ich handeln -kann, weiß ich damit immer noch nicht, welcher dieser Möglichkeiten ich als gut vor den anderen den Vorzug gebe. Daß ich gerade eine einzige dieser Möglichkeiten als gut auswähle, hat doch offensichtlich darin seinen Grund, daß mir die gewählte Möglichkeit sympathischer ist als die übrigen. Die seelische Einstellung also ist es, die Wollen, Handeln und Ueberzeugung bestimmt, nicht umgekehrt. Wenn also jemandem die Thora und ihre Vorschriften als „unsinnig" erscheinen, so kannst Du noch soviel erklären, daß die Thora Gesetz sei und als solches unbedingten Gehorsam beanspruchen könne, Du wirst keinen Erfolg damit erzielen. Solange Du keine Polizeigewalt besitzest, die Nachachtung des Thoragesetzes zu erzwingen, solange wirst Du tauben Ohren predigen. Du kannst den Abtrünnigen weder zur Ueberzeugung, noch zum Tun bringen. Da aber die Thora für alle Zeiten, nicht nur für diejenigen, in denen ihr der Polizeibüttel zur Verfügung steht, gegeben ist, so müßtest Du, wenn es wahr wäre, daß die Thora bloß Gesetz ist, mindestens für die Gegenwart auf die Wiedergewinnung der Abgefallenen verzichten und Dich auf die Erhaltung Deines Besitzstandes beschränken. Tatsächlich ist es auch so; wenn es auch nicht ausdrücklich zugegeben wird, die thoratreue Judenheit der Gegenwart hat es schon längst resignierend aufgegeben, unter den andersdenkenden Juden Propaganda zu treiben, weil sie sich dazu nicht imstande fühlt, weil das Ueberzeugen der anderen für unmöglich gehalten wird. Unausgesprochen herrscht die Ansicht vor, daß man niemandem die Ueberzeugung von der Wahrheit der Speise-. Opfer-, Reinheits- und anderen Vorschriften beibringen könne, der nicht von Jugend auf im Milieu der Thora aufgewachsen sei. Diese heimliche oder offene Resignation ist der schlagendste Beweis dafür, daß die Anschauung vom bloßen Gesetzescharakter der Thora falsch fein muß. Wenn wir aus die Millionen unserer abgefallenen Vrüder freiwillig verzichten müßten, wenn nur ein Wunder sie zur Thora zurückführen kann, wenn der Thora nicht in jedem Zeitalter äußerste propagandistische Kraft und Wirksamkeit innewohnr, dann können wir bezüglich der Zukunft des Thorajudentums weiter nichts tun, als resignierend unsere Hände in den Schoß legen. Was für eine Zukunft wäre einer Weltanschauung beschieden, dieniemanden zu gewinnen imstande ist, der ihr nicht schon ohnedies sympathisch gesonnen ist! Was wäre das für eine Weltanschauung, die ausschließlich den Polizeibüttel benötigt, um sich Geltung verschaffen zu können! Rein, es ist nicht wahr und kann nicht wahr sein, daß die Thora bloß Gesetz ist. Der zweite Einwand, den DU Machtest, war, daß die sittliche Energie des Menschen und Juden gerade darin zum Ausdruck komme, daß der Handelnde sich den Entschluß zur sittlichen Tat, zur Thoraerfüllung, erst abringen müsse. Mit Verlaub: Dies ist keine jüdische Anschauung. Das ist die Lehre des Abendlandes von dem griechischen Philosophen Chrysippos an über das Christentum hinüber bis zu Kant. Das Gesetz sei da wie ein rocher de bronze; Me Sittlichkeit des Menschen zeige sich darin, daß er das freiwillig wolle, was das Gesetz bereits angeordnet habe. Das ist jene christliche Lehre, die da fordert, daß der Mensch seinen Trieb bezwingen soll, die in ihrer Konsequenz die Ertötung des Triebes heischt und geradeswegs zum Zölibat, zur Joga, zur Askese und zum Mönchtum führt, Erscheinungen, die im Judentum doch streng verpönt smd, obwohl es auch hier Ansätze gibt und gegeben hat, sie in das Judentum einzuschmuggeln. Die Forderung nach Askese ist gar nicht so selten erhoben und die wie heutzutage die Erfüllung der Thoravorschriften gefordert wird, ist im Prinzip auch weiter nichts als Askese. Man verlangt den bewußten Verzicht auf so und so viele Annehmlichkeiten des Lebens zugunsten der Erfüllung der Thora. Denken wir z. B. an die Art, wie die Beobachtung" der Speisevorschriften begründet wird. Das Judentum verlangt nicht Abtötung des Triebes, sondern nur Abtötung des „bösen" Triebes. Dies bedeutet umgekehrt, daß der „gute" Trieb die Grundlage der menschlichen Handlungen bilden soll. Nach europäisch-christlicher Kulturauffassungdie der erwähnten Anschauung von der Ueberwindung des Triebes und der freiwllligen gesetzmäßigen Lebensführung zugrunde liegt, gibt es keinen „guten" Trieb. Aller Trieb sei böse von Jugend auf. Ist aber im Gegensatz dazu der Trieb, der „gute" Trieb, die Grundlage allen Tuns, so gilt es nicht, den Trieb zu überwinden, sondern ihn mtt allen Mitteln zu fördern. Nicht aus Selbstüberwindung, die man mit großer Energie sich ab ringen muß, so ll man die Vorschriften der Thora ausüben; ihre Ausführung gehe aus dem Trieb wie als etwas Selbstverständliches hervor. Dies allein ist Judentum; alles andere ist unjüdische Gesetzesbefolgung und Triebbezwingung. Niemals hat das Judentum den Verzicht auf irdendeine der Schönheiten und Herrlichkeiten gelehrt, die Natur und Leben dem Menschen darbieten. Wer dies behauptet, hat vom Wesen des Judentums keinen Hauch verspürt. Wer diese Lehre lehrt oder lebt, bewegt sich in Wahrheit unter der Maske jüdischer Gebräuche und jüdischer Religion in einer antijüdischen Geistessphäre. Die Thora verlangt nichts, was gegen Natur und Leben ist; sie fordert im Gegenteil die ° Vollkommenheit natürlichen und lebendigen Lebens. Daher müssen alle menschlichen und jüdischen Handlungen natürlich, triebgeboren sein; sie müssen so geschehen, daß sie Selbstverständlichkeiten sind, daß der Handelnde gar nicht anders handeln kann, daß kein Zweifel sich je auch nur einen Augenblick der Handlung hindernd in den Weg stellt. Es gibt daher nur eine Möglichkeit des jüdischen Aufstieges: Vervollkommnung des („guten") Triebes. Die Förderung des Triebes, die das Judentum verlangt, steht nun durchaus im Einklang zu dem Ergebnis, zu welchem wir durch bloße Ueberlegung gelangt sind. Wir haben erkannt, daß die Auswahl unter den mehreren Handlungsmöglichkeiten durch die Sympathie getroffen wird, die den Handelnden gerade zu der ausgewählten Handlung treibt und sie ihm als die allein gute erscheinen läßt. Die Sympathie, die den Handelnden zst'seiner Tat treibt, ist; wie wir^tzt wissen, nichts anderes als der Trieb, entweder der Trieb zum Guten oder der Trieb'zum Bösen, je nachdem die Handlung vor dem objektiven Richterstuhl als gut oder als böse zügelten hat.*; Es bleibt also als einzige Möglichkeit, unser richtiges Handeln zu erzeugen, übrig, den „guten" Trieb zu fördern. Dabei setzen wir hier zunächst voraus, daß, falls der „gute" Trieb das Handeln des Juden bestimmt, er aus diesem Trieb heraus auch die Vorschriften der Thora erfüllen wird, daß also „gut" (im Sinne des bischerigen Sprachgebrauches dieses Auftatzes) und Thora sich decken. Die Frage ist daher: Wie kann der „gute" Trieb gefördert werden? Vor einem Irrtum sei gleich gewarnt: Gewohnheit ist nicht mit Trieb identisch; sie ist weiter nichts als die maschinell gewordene Trieb-Ueberwindungstat. Einmal, noch einmal und immer wieder ausgeübt, wird die Tat allmählich mechanisch ablaufen. Es wird der Gegenwille unddie gegen sie gerichtete Antipathie durch die. ständige Wiederholung eingeschläfert und ins Unbewußte zurückgedrängt. *) Die Bedeutung von Gut und Böse möge ein anderes Mal beleuchtet werden. 24. Juli 1930 Weder ist die Antipathie dadurch aus der Seele verschwunden, daß sie aus dem Bewußten ins Unbewußte gelangt ist, noch ist auch nur. im ge-, ringsten nunmehr die Sympathie für die Tat geweckt oder auch nur der Weg zur Sympathie, zum Trieb frei gemacht. Dem steht ja die im Unbewußten verharrende Antipathie entschieden entgegen. DiA Verdrängung der Antipathie ins Un-- bewußte macht den'Menschen sogar mit der Zeit seelisch krank. Die Gewohnheit ist ein Feind ttiebhafter Tat. Ein Trieb ist stets ein Sehnen nach irgend etwas, was der' sich sehnend^ Mensch erreichen möchte.**) Der Hungertrieb ist auf einen Genußgegenstand, der Liebestrieb auf die geliebte Person oder den geliebten Gegenstand, etwa auf Heimat, Beruf usw. gerichtet. Der sich sehnende Mensch wird dazu getrieben, mit dem Objekt seiner Sehnsucht sich zu vereinigen, mit ihm eins zu werden, mit ihm zusammen eine beiden übergeordnete Einheit zu bilden. Dies gilt für alle. Triebe, auch z. V. für den Hungertrieb. Von hier aus geht uns ein Verstehen dafür auf, was es bedeutet, am Vortage zum Jaum Kippur „um der Mizwoh willen" zu essen-. Im Triebe allein, der zur Einheit und Ganzheit strebt, haben wir die wesentliche Aeußerung des Lebens in uns zu erblicken, nicht im Geiste, Willen oder Gefühl; denn alles Leben bildet eine Einheit und! strebt, wie der Trieb, zur Einheit. Sobald das Lebendige in Telle zerlegt wird, weicht das Leben aus dem Ganzen und aus den Teilen. Nehmen wir als Beispiel den menschlichen Organismus; wird er zerstückelt, so muß er dies mit seinem Leben bezahlen; es bleiben nur die einzelnen lebensfernen Teile, die untereinander und mit dem Leben keinen Zusammenhang mehr haben. Der Anatom, nicht der Arzt, ist es, der sich mit der Teilung toter Körper befaßt. Wie alles Lebendige muß daher auch der Trieb eines Menschen dann geschwächt werden oder verschwinden, wenn der lebendige und organische Zusammenhang dieses Menschen zu der Ganzheit des Lebendigen zerschnitten wird-, wenn der Mensch anstatt Zelle in -einem ihm übergeordneten lebendigen Organismus zu fein, Individuum wird. Individuen sind die von ihrem kollektiven Organismus abgetrennten und daher lebensfern gewordenen Telle. In ihnen ist der Trieb zur Ganzheit und- Einheit des Lebendigen abgestorben. Sie sind nur für sich allein. Wenn sie ein Sehnen nach irgendetwas ergreift, was sie erreichen möchten, so ist dies nur scheinbar ein Trieb, in Wahrheit dient dieses Sehnen nur der Befriedigung ihres individuellen Bedürfnisses, nur ihrem Interesse; sie essen, lediglich um sich zu sättigen, um ihren Gaumenkitzel zu befriedigen; sie lieben, um ihre persönliche Wollust zustillen. Dieses Interesse ist das,-was das Judentum - den „bösen".Trieb nennt. Der Trieb, der allein-diesen Namen verdient, der lebengeborene, lebenssördernde, sogenannte „ g u te." Trieb ist das Sehnen nach dem E i n s w e r d e n mi t. dem ersehnten Objekt, der lebensfeindliche-, sogenqnnte,. „ b ö s e " Trieb -ist das Sehnen nach B e d ür f n i s b e f r i e d i g u n g durch das ersehnte Objekt. Der „gute" Trieb ist auf ein Werden, der „böse" auf ein Haben gerichtet. (Schluß folgt.) **) Die Fragen, ob dieses Sehnen bewußt sein muß und ob es zweckbestimmt ist, lasse ich hier unerörtert. Beide^ Fragen sind zu verneinen. Wochenkalender. v. 26. Juli b. 2 August 1980 / v. 1. - 8. Ab 8890 Samstag Juli 26 1 enn vm-i -»von Sonntag 21 2 Montag 28 3 vienstag K rr 29 3K 4 Mittwoch 30 5 vonnerstag e St 31 6 Freitag 1 7 S '(tf f-o 2 8 ■pin na» o->“ia?

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