Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 30 (24.7.1930)
- Date
- 1930-07-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Nr. 30 Der Israelit 24. Juli 1930 Lassen Sie Ihre UHREN bei Neeser-LAPP, Allegasse Z reparieren. Sie gehen gut und die Preise sind billig. Alles unter Garantie« fer, in dessen Verlauf der Attentäter noch weitere Schüsse abgab. Angelescu wurde ins Krankenhaus gebracht, wo ihm drei Kugeln entfernt wurden. Sein Zustand ist bedenklich. Der Attentäter wurde verhaftet. Wie Budapester Blätter melden, hat der Attentäter an der Spitze der rumänischen Vertretung des Vereins mazedonischer Studenten gestanden, und den Anschlag aus politischer Rache mit der Begründung begangen, daß Staatssekretär Angelescu durch feine Maßnahmen gegen die Antisemiten zu einem Verräter an der nationalen Sache Rumäniens geworden sei. England. Zweite Weltkonferenz der Vereinigung für das liberale Judentum. London, 21. Juli. Samstag Abend wurde die II. Weltkonferenz des „Liberalen Judentums" durch den Präsidenten, Claude G. Montefiore mit einer längeren Programmrede eröffnet. Das Reformjudentum habe sich anfänglich mit äußerlichen und verhältnismäßig geringfügigen Dingen abgegeben, der Umgestaltung des G'ttesdienstes, der Einführung der Orgel, der Aufhebung der Geschlechtertrennung und ähnlichen Formalitäten. Jetzt handele es sich jedoch um weit tiefere Probleme, um Fragen der Weltanschauung und des Glaubens. Wie steht das liberale Judentum zur Bibelkritik, zu den rabbinischen Anordnungen, zur Ausmerzung der nationalen Elemente aus der jüdischen Lehre? Wie viele von den 13 Glaubensartikeln des Maimonides haben für uns noch Geltung? Was wir brauchen, ist angesichts des Bedürfnisses nach religiösem Erleben ein „aufgeklärter und modernistischer Chassidismus", wie er für unsere Tage paßt. Nach Montefiore hielt der Laiensiihrer des amerikanischen Reformjudentums, Ludwig Vogel st ein aus Newyork, eine außerordentlich selbstbewußte Rede, in der er den „reformatorischen Mut" der amerikanischen Liberalen rühmte und behauptete, das Reformjudentum habe in Amerika die Religion gerettet. Beweis dafür fei die geringe Anzahl der Taufen. Unter den weiteren Begrüßungsrednern ist der Berliner Rechtsanwalt Dr. Heinrich Stern hervorzuheben, der eine wesentlich zionistenfreundlichere Haltung einnahm, als die Vorredner. Das Nationaljudentum fei eine Schutzbewegung gegen die Auflösung der Gemeinschaft und Aufgabe des Liberalismus sei es, den Ausgleich zwischen individueller Religiosität und der Erhaltung des Klall Jisroel zu sinden. In der eigentlichen Eröffnungssitzung des Kongresses wurde ein Referat des persönlich verhinderten Prof. David Ko i gen aus Berlin über: „Die Idee G'ttes im Lichte des modernen Denkens" verlesen. Das geistvolle Referat gipfelte in der These, daß sich im Lichte des neuen Denkens ganz neue Perspektiven für die Wiederbelebung des wirksamen G'ttesgedankens ergebe. Trotz Wissenschaft, ja, mit Hilfe der Wissenschaft, sei die metaphysische und religiöse Macht des Menschen im Aufsteigen und echte Religion, gegründet auf die Wirklichkeit G'ttes, im Werden. Nächster Referent war der amerikanische Reformrabbiner Samuel S ch u l m a n, der über „ V e g r i f f u n d Wert des Gebetes" sprach. Das Bedürfnis des Gebetes sei ein primäres und grundlegendes Faktum. Das Recht zu beten könne auch das moderne Denken nicht bestreiten. Wie soll man aber beten lernen? Es gibt keinen anderen Weg als den des Beispiels. Um beten zu können, muß man wieder wie ein Kind werden. Der Rest der Sitzung war mit einer Diskussion über das Koigen'sche Referat ausgefüllt. Weiterer Bericht folgt. Palästina. Vernehmungen vor der Klagemauerkommission. Jerusalem, 21. Juli. Die Klagemauerkommission vernahm fünf von dem arabischen Anwalt vorgeführte christliche Geistliche, die behaupteten, keine g'ttesdienstlichen Utensilien der Juden an der Klagemauer gesehen zu haben. Der oberste Richter des moslemitischen Gerichtshofes in Jerusalem warnte die Kommission, irgendwelche Veränderungen oder Tauschvorschläge am Wakuf-Eigentum zu genehmigen. Nichtmoslems hätten zu solchen Maßnahmen kein Recht. Der Sekretär der arabischen Delegation in London erging sich in politischen Betrachtungen, die der Vorsitzende der Kommission damit unterbrach, daß er erklärte, für die Kommission handele es sich ausschließlich um eine Rechtsfrage, bei deren Lösung sie sich nicht von Drohungen beeinflussen lassen werde. Der Distriktsgouverneur von Jerusalem, Keith Roach, sagte im Sinne der palästinensischen Verwaltung aus, deren Maßnahmen an der Klagemauer er zu rechtfertigen suchte. Die Aufstellung einer Wand zwischen Männern und Frauen sei zum ersten Male im Jahre 1928 erfolgt. Der Kommissionsvorsitzende ersuchte alsdann, die beiderseitigen Plaidoyers noch am Donnerstag, den 17. Juli, zum Abschluß zu bringen, damit die Kommission Palästina am Samstag verlassen könne. Zugleich bemühte sich der Vorsitzende, Loefgren, zwischen Juden und Arabern eine friedliche Berständigung zustande zu bringen, zu welchem Zwecke er in der Nacht von Mittwoch zu Donnerstag viele Stunden lang mit dem Großmufti und seinen Freunden verhandelte. Wie verlautet, ist bis jetzt keine Aussicht auf eine solche Verständigung vorhanden. Für die „ K n e s e s Jisroel" sprach zuerst David P e l l i n, der in einstündiger Rede einen Ueberblick über die Geschichte des Klagemauerstreites gab. Er schloß seine Rede mit folgender feierlichen Erklärung: „Wir erklären vor der ganzen zivilisierten Welt, daß wir nicht beabsichtigen, das Gebiet des Haram oder irgend eine seiner Moscheen anzutasten. Und daß wir auch nicht danach streben, den Platz vor der Klagemauer in eine Synagoge umzuwandeln, oder gegen die Rechte des Wukuf zu verstoßen." Alsdann ergriff namens der Agudas Jisroel. Rabbi Mosche Blau das Wort. Er betonte mit Nachdruck, daß die ganze Klagemauer-Angelegenheit für die Juden in keiner Weife einen politischen Charakter trage, sondern daß es sich um das rein religiöse Postulat handele, in althergebrachtre Weise ungestört Gebete an der heiligen Stätte verrichten zu können. Die Juden forderten keinerlei Eigentumsrechte und bezweifelten nicht das materielle Eigentumsrecht der Moslems an der Mauer selbst, das aber in keiner Weise mit der Zulassung und Sicherung ungestörten G'ttesdienstes vor der Mauer im Widerspruch stehe. Dr. E l i a s ch verstärkte David Pellins Appell an die Moslems, religiöse Toleranz zu üben. Er schloß seine Rede mit dem Appell an die Kommission, eine Lösung zustande zu bringen, die sowohl die 300 Millionen Moslems, mit denen der Kommission gedroht wurde, wie auch die Juden befriedigt. Von moslemischer Seite verlas Ahmed Zaki Pascha zuerst eine Erklärung in arabischer Sprache und brachte dann folgenden in einer Besprechung der moslemischen Vertreter gebilligten Einspruch vor: „Die überwiegende Mehrheit der palästinensischen Bewohnerschaft erklärt offiziell, daß sie das Mandat unter keinen Umständen anerkennt und sich daher auch durch keine gesetzliche Entscheidung gebunden fühlt, die aus dem Mandat abgeleitet wird, noch erkennt sie das Jüdische Nationalheim an. Die palästinensische Nation allein hat das Recht, über die das eigene Land betreffenden Bestimmungen zu entscheiden. Ein Streit um das Eigentumsrecht an g'ttesdienstlichen Stätten kann nur den kompetenten Stellen zur Entscheidung übergeben werden. Niemand anderer aber ist zur Behandlung solcher Fragen kompetent, als die palästinensische Nation selbst." Refuliaklose arabisch-jüdische Versländigungsverhandlung. — Loefgrens Schlußrede. Jerusalem, 21. Juli. Unter Leitung des Vorsitzenden der Klagemauer-; Kommission, Loefgren, fand am Freitag Morgen eine Zusammenkunft jüdischer und arabischer Vertreter zur Herbeiführung einer Verständigung in der Klagemauer-Frage statt. Von jüdischer Seite nahmen die Herren Pellin, Blau, Eliasch, Meier Berlin und Ben Zwi teil. Von arabischer Seite der Grohmufti, ein Mitglied des obersten moslemischen Rates von Haifa. Hassan Jbn Saud u. a. Die Konferenz trug vertraulichen Charakter, verlief jedoch vollständig ergebnislos, da die Moslems in keiner Weise nachgeben wollten. Nachmittags hielt der arabische Vertreter, Mohammed Ahmed Pascha, sein Plaidoyer, das den gehässigsten Charakter trug. Er blieb dabei, daß die Juden den Besitz der Omar-Moschee erstrebten, das Königtum Juda aufrichten wollten und berief sich für seine Behauptungen u. a. auf „Misr.ach"-Bilder und angebliche Erklärungen Lord Melchetts. Das Memorandum Cyrus Adlers bezeichnete er, als unvernünftig. Alsdann hielt der Vorsitzende, Loefgren, die Schlußrede. Die Kommission sei, so sagte er, entschlossen, ihre Pflicht zu tun und sich o.on politischen Interessen nicht beeinflussen zu lassen. Jedoch würde die Kommission eine Lösung auf der Grundlage freier Vereinbarung einem Machtspruch bei weitem vorziehen. Die Kommission wird daher mit großer Befriedigung jeden Vorschlag und jede Abmachung zur Kenntnis nehmen, auf die sich die beteiligten Parteien bis zum 1. September einige.: würden. « Sollte es in der Macht der Kommission liegen, den beteiligten Parteien bei der Erzielung einer Verständigung behilflich zu sein, so wird die Kommission bereitwillig jede Unterstützung gewähren. Personalien. Köln, 22. Juli. Am vergangenen Sonntag, den 20. Juli, feierte Herr Markus Plato, Direktor des israelitischen Kinderheims, Lützowstraße, seinen 70. Geburtstag. Als Enkel des großen Meisters Samson Raphael Hirsch V"xt und als Sohn des uns allen unvergeßlichen verewigten Gelehrten und Jugendbildners, des Kölner Seminar-Direktors Rabbiner Dr. Plato ^>"xr und seiner edlen Gattin, wurde in ihm schon in der frühesten Kindheit und Jugend das Verständnis für die Erziehung junger. Menschen wachgerufen, das ihn später bei der Uebernahme der Anstaltsleitung in bewundernswerter Weise befähigte, die vielgestaltige Tätigkeit auszilüben. Aus kleinsten Anfängen heraus — in der Thieboldsgasse war es nur eine Suppenanstalt, dann in der Bayardsgasse Kinderhort und Kindergarten — schuf mit fester Hand die kluge und edle Mutter des Jubilars das stolze Werk des Kinderheims, das von ihm dann in Verbindung und durch die unermüdliche wertvolle Mitarbeit des Kuratoriums und der zahlreichen Freunde und Gömrer entwickelt wurde. Mit seinen drchschnittlich 120 Kindern ist das Kinderheim die am stärksten belegte jüdische Wohlfahrtseinrichtung Kölns. Wer weiß, wie dieses Haus, das von dem religiösen Geist feinet Begründer erfüllt ist, seit vielen vielen Jahren elternlosen, verwaisten den kümmerlich ernährten und verlassenen Kindesseelen zum Elternhaus wird und ihnen körperliche und seelische Gesundung, Licht und Freude spenden, so daß sie eine kraftvolle Wegzehrung aus ihren späteren Lebensweg empfangen: wer häufig Zeuge der Liebe und Verehrung ist, mit denen die Kleinen und Kleinsten an ihren; „Direktor" hängen, der kann das Glück und den Segen ermessen, der durch die weiten Räume des Heimes strömen. Die am Sonntag stattgesundene Begrüßung des Jubilars gestaltete 'sich zu einer überaus eindrucksvollen Feier, auf der außer dem Kuratorium der Anstalt eine Anzahl Wohlfahrtsorganisationen durch ihre Vorsitzenden Glückwünsche aussprachen. Auch die städtischen Behörden waren vertreten. Herr Gemeinde-Rabbiner Dr. Rosenthal verlieh Herrn Plato den Ehower-Titel. Tiefbewegt über die ihm zuteil ge- Cwordenen Ehrungen dankte der Jubilar zum Teil. in humorvollen Worten, die bei allen Teilnehmern den Wunsch erweckten, daß er in der gleichen Frische und jugendlichen Schwungkraft noch lange Jahre seines Amtes walten möge. Köln, 17.- Juli. Die „Gemeinschaft für das. entschieden linksliberale Judentum" hat als erste Tat nach ihrer Konstituierung und Anerkennung durch die Synagogengemeinde Köln die Berufung 'des Rabbiners Dr. G o t t s ch a l k in Frankfurt a. M. vollzogen. Dr. Gottschalk hat bekanntlich vor kurzem durch, einen den religiösen Charakter des Schechitogebotes preisgebenden und damit die jüdische Solidarität aufs schwerste verletzenden Aufsatz in der „Liberalen Zeitung" schweren Anstoß bis tief in gut liberale Kreise hinein erregt, so daß sein Scheiden von Frankfurt bei den dortigen Liberalen wohl nicht ungern gesehen wird. Für den nguerstandenen Kölner Radikalismus ist er sicherlich der geeignete Führer. Chemnitz (Sa.), 22. Juli. Frau Anselm Eeis Wwe. Rosa geb. Weinberg, gebürtig aus Gersfeld und früher in Magdeburg wohnhaft, feiert s. (&-. w. am 14. August im Hause ihres Sohnes Dr. med. Geis, den 8 0. Geburtstag. Die Familie Geis hielt Jahrzehnte lang in Magdeburg das orthodoxe Judentum aufrecht. Der älteste Sohn der Frau Geis ist der orthodoxe Schriftsteller Saly Geis in Tel-Aviv. Wien, 15. Juli. Am. Tage nach nana r» ist hier eine der hervorragendsten jüdischen Frauen, ausgezeichnet durch Geist und Gemüt, Gottesfurcht,und weltliche Tüch-; tigkeit dahin gegangen: Frau Rosa Schlesinger sr3 älteste Enkelin des K'saw Sofer. Eine Tochter des bekannten Thorägelehrten, Rabbiner .Jacob Löb Straffer, heiratete die Siebzehnjährige den noch heute in weitesten Kreisen berühmten und betrauerten Wiener Buchhändler Akiba Schlesinger. In glücklicher Ehe schenkte sie ihrem Gatten 16 Kinder, von denen zwölf, sechs