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Der Israelit · 1930-07-24 · Heft 30 (24.7.1930) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 30 (24.7.1930)
Date
1930-07-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Nr. 30 Der Israelit 24. Juli 1930 treuen Kreise hatten eine Antwort geplant, die sich wohl ähnlich anhört, aber doch etwas anderes bedeutet: „Auf jeden getöteten jüdischen Menschen hundert Kinder in Palästina zu gefestigten jüdischen Menschen großziehen; für jedes geplünderte Haus eine jüdische Schulklasse, in der der Grundstein gelegt wird zu neuen jüdischen Häusern im Ländle der Juden!" Diese Antwort zu geben, lag wohl und liegt noch in unserer Hand. Sie kann durch keine Grenzsperre verhindert und keine Bodenpolitik gehemmt werden, sie ist nur eine Sache des jüdischen Herzens, das die Schreckensereignisfe in höhere Wallung hätten bringen müssen. Das Kindermaterial als edelste Saat der Zukunft muß nicht erst ins Land importiert werden. Es ist Heimatgewächs und verdorrt geistig, so es dem Licht einer jüdischen Erziehung entzogen ist. Ca. 1500 Kinder, Knaben und Mädchen, besuchen die Aguda-Schulen in den Städten und Dörfern Palästinas. Viele Tausende könnten es sein, wenn die Schulräume und die Lehrkräfte ausreichten, wenn wir, ähnlich wie die nicht-jüdischen, unjüdischen und anti-jüdischen Schulen, denen die Kinder anheimfallen, sofern sie nicht auf der Straße verkommen, wenn wir, wie diese, die Möglichkeit hätten, auch für das körperliche Wohl der Kinder und die soziale Besserstellung ihrer Eltern zu sorgen. Wir sind diese Antwort, die G'tt uns durch die Prüfung abringen wollte, noch schuldig! In den ersten Phasen des politischen Zionismus, nach dem Charter-Taumel ^der „Judenstaatler", gab es innerhalb der Organisation einen kleinen geistigen Orden, der, um Achad Haam gruppiert, den Gedanken der Qualität gegen die Masse vertrat. Masseneinwanderung, Massenorganisation, das harte Wort „Menschenmaterial", überhaupt „Masse Mensch" erfüllten sie mit Grauen. Ein Reservoir der G e i st i gk e i t sollte ihrer Ansicht nach im Lande Israel geschaffen werden, aus dem, klein aber geläutert, sich der Strom von Kraft und Heil aus Israel im Lande wie in der Gola ergießen könnte. Wer wollte leugnen, daß der alte I i s ch u w in der Idee und im Prinzip immer schon den kleinen st i l l e n Winkel der Geistigk e i t — einer anderen Geistigkeit — im Auge hatte? Die jüdische Masse in der Diaspora war Trägerin des alten Jischuw, trug ihn mit Herz und Hand. In Erez Jisroel selbst waren es die B e st e n , E d e l st e n und Frömmsten, die ein beschauliches Leben in G'ttesfurcht und Thoraliebe, in einer Luft, die die Propheten der alten Lehre geatmet, führten. Indem sie an den heiligen Gräbern beteten, spürten die Fernwirkung dieses Heilstromes der letzte Dorfjude, der seinen Obolus für Erez Jisroel gab und die letzte Dorfjüdin in der entlegensten Weltecke, die ihren Challogroschen in die Sammelbüchse des Rabbi Meir Bal Haneß unter Tränen und Gebeten vor dem Lichtanzünden hineinwarf. Die neuere Zeit erfordert so etwas wie einen alt-neuen Jischuw, der sich nicht in Tränen und Gebeten erschöpft, sondern Menschen für das lebendige Leben mit seinen mannigfachen Forderungen herausbildet. Aber die „Qualität" muß bleiben. Er soll von den Impulsen der Heiligkeit, dem Erbe der ersten Pioniere, vonRabbenuObadja und Nachmanides bis zu den letzten Chaffidim, beseelt sein und dennoch ein Leben der Tat führen und produktive Arbeit zum Nutzen des Landes leisten. Diese Menschen heranzuziehen, ihnen den Nachwuchs mit den Tausenden heute noch geistig heimatlosen Kindern zu sichern, ist etwas, was wir heute ohne übermenschliche Opfer und ohne auf in irgendeiner Politik begründete Schwierigkeit zu stoßen, leisten könnten. Die Kinder s i n d d a, die Schulen sind da. die Lehrkräfte sind zu haben, die Organisation in Europa, die sich diese Sorge angelegen sein lästt, ist da. Es fehlt nur an uns, an den Menschen, die, von G'tt dringlich gerufen und sck^merzvoll gerüttelt, den Wink verstehen und dem Rufe folgen!- Die Tränen der Nacht, d. h. Arbeit undAufbauvon innen he raus, ohne Aufdringlichkeit und lautes Geräusch, kann uns kein Feind verwehren. Vielleicht entstehen dann auch Männer prophetischen Geistes und prophetischen Mutes in den Ländern der Freiheit, die unser Recht auf das Land der Väter i n s h e l l e L i ch t d e z Tages und des Völkerbewußtseins rücken. G'tt aber weint — und wacht über unser Schicksal, Tag und Nacht n^i bet- S. Wochenrundschcru. was geht in Sowjetrutzland vor und was können wir tun? Man hat eine Zeitlang von Rußlandl wenig; gehört. Einige Zeichen, wie die Auflösung der Jewsektie, Rückgabe der Chorschulin Leningrad,! Rehabilitierung einiger Deklassierten, schienen' auf einen milderen Kurs hinzudeuten. Um so schmerzlicher die Enttäuschung, von höchst eingeweihter Seite zu hören, daß all diese Hoffnungen trügerisch feien, daß die materielle und Gewissensnot in Rußland nach wie vor und sogar in erhöhtem Maße die jüdischen Menschen von innen heraus aushöhle und ihnen ein Martyrium auferlegt, das die Grenzen der menschlichen Dulderkraft längst überschritten hat. Eine m a ß g e b e n d e j ü d i s ch e Persönlichkeit aus Moskau, die begreiflicherweise nicht genannt sein darf, weilte dieser Tage in W a r s ch a u und machte dort in einem geschlossenen Kreise von jüdischen Führern Mitteilungen über die Lage, die das Herz erzittern lassen. Die vier Millionen Juden in Rußland schreien nicht mehr, weil sie die Kraft nicht mehr dazu haben, weil 15 Jahre entsetzlicher Leiden aller Art ihren Tränenquell ausgetrocknet haben. Die eingetretene Apathie ist aber erschütternder als alle lauten Klagen. Man sagt, die Lage habe sich gebessert, die Jewsekzia sei liquidiert. Das ist aber nur eine Komödie. Die Männer der Sektion vollführen jetzt von der neuen Burg, die sie sich erobert haben, der „Organisation der Gottlosen", ihre Attacken gegen Juden und Judentum noch weit sicherer und intensiver. Man hat der Leningrader Geme-inde die Chorschul zurückgegeben — übrigens auf Befehl der Gerichte — damit Europa den „neuen Kurs sieht", man 'hat aber zur gleichen Zeit unzählige Synagogen und Bethäuser in der Ukraine geschlossen, wovon die Welt weniger erfährt. Der Hunger grassiert in den jüdischen Straßen. Die Selbstmorde unter den Juden nehmen schon epidemischen und Massencharakter an. Ein Volk von vier Millionen steht vor dem Untergange! Was bedeuten aber die offiziellen Dementis der Rabbinen, ihre Versicherungen, daß -alles zum besten bestellt sei in Rußland? All diese Erklärungen sind Fälschungen, erpreßt mit allen denkbaren inquisitorischen Mitteln. Man schleppt die alten, ausgehungerten Rabbiner in die Büros und zwingt sie, Erklärungen zu unterschreiben, die sie gar nicht kennen. Wehe dem Rabbiner, der es wagt, die Unterschrift zu verweigern. Es beginnt für ihn ein Höllenleben, dem er mit seiner schwachen Kraft nicht gewachsen ist. Vor kurzem haben die ukrainischen Rabbiner beschlossen, zum unwürdigen Spiel der Erklärungen nicht mehr die Hand zu bieten und komme was wolle. Der Hagel von Schikanen und Verfolgungen, der auf das arme, greise Haupt der Rabbinen niederprasselte, läßt: sich nicht beschreiben. Sie werden aus ihren Wohnungen gejagt, ihre Rationen an Brot, Heiz- Und sie zogen und sie ruhten. Zwischen wi und um bewegt sich die jüdische Geschichte, geht der Golusmarsch des jüdischen Volkes. Man könnte nach Verlesung der 42 Züge das Kapitel noch wesentlich erweitern. „Und sie zogen aus Kanaan und sie ruhten in Babylon." „Und sie zogen aus Babylon und ruhten wieder in Kanaan." „Und sie zogen aus Kanaan und sie ruhten" — in Rom, in Alexandria, da und dort, überall und nirgends. „Und sie wanderten von Nation zu Nation, von einem Reich in ein anderes Volk." Der Zug durch die Jahrtausende hat sein Ende noch nicht erreicht. Die drei Wochen der Trauer, die neun Tage des Schmerzes geben dem Golusmarsche seine elegische Melodie. Zwischen iyo’1 und um bewegt sich die jüdische Geschichte auch in anderem Sinne. Indes die einen z o - gen, von Leid und Drangsal gepeitscht, ruhten die anderen, hatte der andere Teil irgendwo auf der G'tteserde die Ruhe, die Sicherheit, die Freiheit und Bodenständigkeit erreicht, um dem wandernden Teil zu Hilfe zu kommen. Jakob, im Anblicke der Esau-Gefahr, teilte das Lager und betete nobs^» iKzun runnn '»nr Dieses Gebet ging in Erfüllung, zu unserem Heile. Die Geschichte der Söhne G a d s und Reudens im Wochenabschnitte gilt bis auf den heutigen Tag. Die Gewissensfrage an den ansässigen Teil lautet:?ns i2vn an«-, nnnbub i»u» n^nsn und die Antwort heißt: .i:»n« voi» o’Xi^n tum uruNi Möge in diesem Sinne die Trauer des Aw zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühles in Israel, zur Hebung des Klall-Gedankens führen, bis das letzte nm erreicht ist. Gemeinsinn. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. -NS I3vv von-, n»ni?öV 3813' vamrin „Eure Brüder sollen in den Krieg ziehen und ihr wollt hier sitzen?" Diese Worte hält Moses den Söhnen Rubens und Gads entgegen, als sie das diesseits des Jordanflusses eroberte Land sich als ein für ihre reichen Herden besonders geeignetes Besitztum erbaten. Wenige Worte nur! Sie verfehlten aber ihre Wirkung nicht. Sie führten sogleich eine Klärung der Sachlage herbei. Jene Stämme fühlten sich zu sehr als Teile der Gesamtheit, mit dieser in guten wie in schlimmen Tagen, im Kamps und im Frieden, eng und innig verknüpft, als daß nicht dieser Vorwurf des Führres sie tief ins Herz und in die Seele treffen sollte. Sie begriffen voll den Einwand und hatten tiefes Verständnis für die Sorge Moses', es könnte leicht ihr Wunsch als Sonderstreben gedeutet werden und den Geist der Einheit gefährden. Darum treten sie erneut vor Moses hin, um nun ihr Anliegen in klarer, deutlicher Rede vorzutragen: ll'-iV-, -s uapaV rua: jxx rrm Schafhürden wollen wir bauen für unsere Herden hier und Städte für unsere Kinder. ... »aa »3s5> pbru 33N381 Aber wir wollen uns schnell rüsten vor Israels Kindern her . . . mf>N3 »3a i»n3v,i ~iy i3»na aieu Wir wollen zu unseren Häusern nicht zurückkehren, bis Israels Söhne, jeder sich sein Erbe hingenommen hat. 13V» an« f-n33 kV '3 .denn wir wollen nicht mit ihnen drüben, jenseits des Jordans, Besitz erhalten, so uns unser Erbe bereits diesseits des Jordans zugefallen ist." Diese Worte nahmen Moses wohl die schwere Sorge, daß etwa partikularistischer Sinn und krasser Egoismusden Reubeniten und Gäditen ihren Wunsch nach Ländererwerb diesseits des Jordans fernab von der Gesamtheit eingegeben hätte. Gleichwohl aber konnte ihndie Gedankenfolge jener Rede nicht befriedigen. Was ihn alles noch beunruhigte, das zeigt uns der Midrasch,, der das Wort des weisen Predigers hier anführt: van a> iVKvvV V»oa 3V313»»»^ Das Herz des Weisen ist zu seiner Rechten, das Herz des Toren aber zu seiner Linken. Sie:. die Vertreter der Stämme, erweisen sich als Verblendete, Ip's Vsvm Vsv Ip'pv vrr myv die Haupt- und Nebensache miteinander verwechseln und darum Vorsorge treffen wollen: zunächst für ihre Herden und dann erst für ihre Familien. Da zeigt Moses das Herz am rechten Platze und ruft ihnen zu: DauKxV nrvroi oasttV ü’iy aaV 133 Zuerst habt ihr Städte zu bauen für eure Kinder und dann Hürden für eure Schafe. — Und nicht diese Ueberschätzung des materiellen Güterreichtums allein bemängelt Moses. Auch da ist des Allehrers Gegenrede tief bedeutsam. Die Rubeniten und Gaditen sehen die Verpflichtung, die sie übernehmen wollen, als ein Gebot gegen Israel an. Sie sprechen: Vkiim uausV pVm umn» Wir wollen schnell gerüstet herziehen vor den Kindern Israels. — Mit keinem Worte reden sie davon, daß sie sich irgend gebunden und verpflichtet fühlen nach dem Willen G'ttes. Dieses wesentliche Moment übersehen sie ganz und gar. Das bringt ihnen nun die Gegenrede zu klarem Bewußtsein: 'f-i »3aV -uVnn ns . . . Wann ihr euch rüstet vor G'tt zum Kriege ... »3sV pn»n m piVn Va oaV -um und-

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