Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1930)
- Date
- 1930-07-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Der Israelit 17. Juli 1930 reite 2. Nr. 29 H?od?mrunbfd?au. Der Slaatsgerrchtshof hat gesprochen. Kurz vor Eingang des Sabbats, der uns mit seinein Thoraabschnitte die in Segnungen verwandelten Flüche Bileams vor Augen führt, hat der höchste deutsche Gerichtshof in Leipzig fein Urteil gegen die F l u ch g e b e t e in Thüringen gesprochen. Er hat, wie nicht anders zu erwarten war, diese Schulgebete als Blasphemie, G'tteslästerung, Vergiftung der Jugend und Kränkung weiter Teile des deutschen Volkes verworfen. Wir sagten es bereits an dieser Stelle: es ist tief traurig, daß ein hoher Gerichtshof erst bemüht werden muß, um sestzustellen, daß perfide Verleumdungen und Verwünschungen nicht in die Schule, und gar in die Gebetsstunde des Religionsunterrichts, gehören. Ist es aber leider schon in gewissen Teilen Deutschlands so weit gekommen, daß breiten Schichten der gesunde Sinn für Ehrlichkeit, Anstand und Reinlichkeit in der Erziehung erst von oben diktiert werden muß, so freuen wir uns und erkennen es dankbar an, daß es noch Richter in Deutschland gibt, die sich der wenig erfreulichen Aufgabe unterziehen, und daß es nicht an Männern fehlt, die, den guten Geist von Weimar im Herzen, die obersten Richter dabei unterstützen. Dankbar wollen wir anerkennen, daß zwei hervorragende Vertreter der evangelischen und katholischen Religion sich in einer Weise über die „Gebete" aussprachen, die über den Gerichtshof hinaus auf ihre Kirchenkinder erzieherisch wirken muß. Der Abbau der thüringischen Schmach hat damit vom Reiche aus begonnen, er wird, wie wir hoffen, -nicht dabei halt machen, sondern in Kürze auch alle anderen Giftsaaten im politischen Leben der Länder erfassen. Wo bleibt die Demarche? ~. Zwei Ereignisse der letzten- Tage, und es ist lehrreich, sie gegeneinander zu stellen. In der Nacht zum ersten Juli brannten Freudenfeuer an den Rheinusern. Man schrie Heil und Hurra; und in den ersten Morgenstunden schlug man in Kaiserslautern einigen Leuten, die man für franzosenfreundlich hielt, die Fensterscheiben ein. Man tat es ein paar Tage später noch erheblich intensiver in Mainz, Wiesbaden und Trier. Darob große Aufregung in Paris. Der französische Botschafter in Berlin besuchte den Außenminister, leitete so etwas ein, was man im politischen Leben eine Demarche nennt. JnBeßarabien und Südbukowina, zu Neurumänien gehörig, wüteten undwüten seit Wochen die C u z i st e n gegen die jüdischen Bürger, beherrschen die Straße, plündern und morden und setzen ganze jüdische Städte und Dörfer in Brand. Eine Demarche blieb aus. Keiner hat den Außenminister in Bukarest besucht, um ihn an gewisse Klauseln und Paragraphen in bestimmten Verträgen und im ältesten aller Menschheitsoerträge zu erinnern. Wo bleibt die Demarche? Man mißverstehe uns nicht. Wir lieben die sogenannten „Separatisten" am Rheine nicht. Ihr Tun, unter Ausnutzung der Notlage ihres Heimatlandes, war seinerzeit gemein und verbrecherisch. Die Ausschreitungen gegen sie, nach zehn Jahren, sind ebenso verbrecherisch. Wer wollte, wer konnte in der Nacht des Rausches prüfen, ob die Verdächtigen wirklich das getan, was ihnen zur Last gelegt wird? Lynchjustiz ist in allen Fällen die schlechteste aller Justizformen, und eingeschlagene Fensterscheiben, zerschnittenes Bettzeug und demoliertes Mobiliar erwecken überdies bei uns Erinnerungen und Vorstellungen, über die wir hier nicht weiter reden möchten . . . - Aber auch der Schritt der französischen Regierung I kann übertrieben sein, so die Schuld der deutschen Regierung an den Untaten des Pöbels nicht erwiesen ist. Sie ist nicht erwiesen und kann nicht erwiesen werden, denn man konnte in Berlin diese Ausschreitungen nicht billigen, aus menschlichen wie aus politischen Gründen nicht. Wie angebracht wäre es aber, wenn der französische Gesandte in B u k a r e st mit ähnlichem Aufträge seiner Regierung den Weg ins Regierungsgebäude fände! Und die Vertreter aller anderen Regierungen, denen gegenüber sich Rumänien bei der Neueinteilung der Erde durch Verträge und Bündnisse verpflichtet hat, die Freiheit und die Rechte aller Bürger, ohne Rücksicht auf Rasse und Religion, zu schützen und zu wahren! Oder schützt man nur seine Freunde und „politischen Handlanger unter Verrat ihrer Heimat" und überläßt Andere ruhig ihrem Schicksal und der Meute? Dann aber, Herr Briand, wären wir noch weit, sehr weit vom Grundgedanken des Pan-Europa! ... Wie wäre es wenigstens mit einer Demarche der Bukarester Regierung selbst in Czernowitz und Kischinew und wie die anderen Hochburgen der cuzistischen Kultur heißen! Rumänien hat seit einiger Zeit einen neuen König, einen richtigen, verantwortungsbewußten König, anstelle des kleinen Königskindleins auf den Briefmarken. Man hat dem König in allen jüdischen Gassen gehuldigt, und er seinerseits hat den Juden viel Schönes und Liebes gesagt. Und unmittelbar darauf die blutigen Vorgänge in Beßarabien und in der Bukowina! Eine traurige Krönungsfeier, und sie paßt schlecht zu dem königlichem Worte, an dem man nicht drehen und deuteln sollte ... Wo bleibt die Demarche? : x Zionistische Begleitmusik. Es ist begreiflich, daß in der Symphonie der Pressestimmen über das grandiose Werk in Lublin und seine feierliche Einweihung manch schriller Ton mitklingt, ohne indessen die Harmonie wesentlich zu stören. Wir haben in jüngster Nummer an dieser Stelle eine Glosse des „Lodzer Tageblatts" wiedergegeben, die nicht bestreiten kann-, daß in Lublin ein Denkmal der jüdischen Freiheit (der Freiheit, nicht wie sie das Blatt meint) entstanden ist. Weit ergötzlicher wirkt ein Bericht aus Warschau in der Berliner zionistischen „Jüdischen Rundschau". Er sei der Kuriosität wegen hier wörtlich wiedergegeben: „Ncht ohne Unterstützung der polnischen Regierung wurde in Lublin ein großes Haus für die „Jeschiwah Chachmei Lublin" erbaut. Die feierliche Eröffnung dieser orthodoxen Kulturanstalt erfolgte vor einigen Tagen mit großem Pomp, mit Beteiligung der prominentesten orthodoxen Rabbiner aus allen Teilen Polens, des Agudaführers Dr. Pinchas Kohn, Vertreter der Behörden u. a. Die Initiative zu dieser neuen Gründung gehört Rabbiner Schapiro, einem der Führer der polnischen Aguda, welcher die hierzu nötigen Mittel hauptsächlich in Amerika sammelte. Diese neue Jeschiwa, unter Patronanz der Aguda gegründet, wird wohl von ihr als politisches Machtmittel ausgenützt werden. Sie soll jeodch als Stätte des Talmudstudiums und Hort der religiösen Ueberlieferung vollauf gewürdigt werden. Wird die Lubliner Jeschiwa, äußerlich modern eingerichtet, materiell gut fundiert, die Bedeutung ihrer berühmten Vorgänger erreichen? Wird sie „Matmidim" erziehen, die einst, ^wie Achad Haam, Bialik und andere, zum L-tolz ihres Volkes wurden? Das wird über die Existenzberechtigung solcher Kulturstätten in der heutigen Periode entscheiden!!! Für viele sind sie aber heute schon exotische Pflanzen. So z. B. für manche Teilnehmer des vor kurzem in Warschau tagenden Kongresses der Pen-Klubs. Manche von ihnen begaben sich nach Lublin, um sich die Eröffnung der Jeschiwa anzusehen." Weiß der Berichterstatter überhaupt, was eine Jeschiwa ist und welche Aufgaben eine solche Dies ist nichk dies. Von Rabbiner Dr. 211. ANchalski in Karlsruhe. Die Vorschrift der Festesopfer im Wochenabschnitt vw's läßt vor unserem Auge das Bild des festlich gestimmten Volkes in den Hallen des Tempels erstehen. Die drei Wochen lenken den Blick auf des Tempels Trümmer zurück. Ungestümes Weh und schmerzlicher Gram erfaßt das Herz, das die Kluft bedenkt. Prophetenwort*) gibt den Gefühlen Ausdruck: „man hat des Priesters Kopfbund entfernt, man hat dem König die Krone genommen, dies ist nicht dies, das Niedrige ist erhöht und das Hohe erniedrigt." Die Priester mußten schwinden, die Krone weichen, weil dies nicht dies war, weil der Tempel nicht Abbild des Lebens war, weil Demut im Tempel dem Hochmut wich, weil er erkennen ließ, wie das Niedrige erhöht und das Hohe erniedrigt war. Ein fernes Land, so führt ein Gleichnis aus, sendet seinem Herrscher eine Krone, auf der die Treue der Untertanen bildlichen Ausdruck findet. Solange die Wirklichkeit dem Bild entspricht, bereitet die Krone ihm Freude. Doch als das Land sich empört, da entfernt er den Kopfschmuck und schleudert die Krone zu Boden: sie ist ja ein Hohn auf das Verhalten der Bürger, die dem Herrscher die Treue gebrochen. „Dies ist nicht dies", *) Jecheskel 21, 34. das Leben des jüdischen Volkes stand im vollendeten Gegensatz zu dem, was der Tempel lehrte: was er als erhaben pries, ward erniedrigt, was er zu verachten mahnte, erhoben. Jsts anders geworden? Wenn man jemanden auf den Widerspruch im eigenen Leben hinweist, der darin besteht, daß er Begeisterung, Opfermut, Ausdauer und Hingebung in reichem Maße besitzt, wenn es sich,>um sein vermeintliches Glück, um seines Körpers Befinden handelt, daß er aber völlig versagt, wenn sein G'tt und sein Glaube ein Recht beanspruchen, so erhält man, in Ermangelung stichhaltiger Gründe, zur Antwort: „Dies ist nicht dies". Fragt man einen Freund, warum er des Morgens im G'tteshaus fehle, aber bei Sport und Ausflügen viel früher, als der G'ttesdienst beginnt, pünktlich an Ort und Stelle sei, erhält man zur Antwort: „Dies ist nicht dies". Fragt man ihn, warum er abends zu müde sei, im G'tteswort zu forschen, aber beim geselligen Spiel munter bleibt bisin die Nacht, erhält man zur. Antwort: „Dies ist nicht dies". Soll da nicht uns auf die Frage der Wehmut, warum Feftesopfer die Thora gebietet, des Tempels Zerstörung aber sie nicht bringen läßt, die Antwort werden: „Dies ist nicht dies"? Welchen Wert haben Opfer auf dem Altar des Höchsten, wenn im Leben dem Niedrigsten Opfer gebracht werden, welchen Wert die Lade mit den Geboten des Höchsten, wenn im Leben die Gebote des Niedrigsten befolgt werden? „Man hat den Kopfschmuck dem Priester, dem König die Krone genommen: dies ist nicht dies, das Niedrige ward erhöht, das Erhabene erniedrigt." Der Kopfschmuck des Priesters, die Krone des Königs war dem Wahne des Volkes Anlaß geworden, das Niedrige zu erhöhen, das Erhabene zu erniedrigen. Israel glaubte in seiner Verblendung, sündigen zu dürfen, da ja der Tempel zur Sühne da war, es vergaß, daß es selbst nach des Propheten Wort**) ein Tempel sein sollte. Wenn es dieses Ziel wieder erreicht haben wird, daß seines Lebens Wirklichkeit ein Tempel ist, dann ist auch Tempel und Festesopfer, Priesterschmuck und Königskrone aufs Neue für die Ewigkeit heiß ersehnte Wirklichkeit! kleines Feuilleton. Dijukim zur Thora. Im Verlage der Bibliothek des „Jüdischen Volksfreundes" erscheinen in regelmäßigen Abständen die von Herrn Rabbiner Dr. B. Wolf-Köln herausgegebenen, heute bereits vielseitig bekannten und wegen ihrer Schlichtheit und Klarheit besonders geschätzten bv irpvn minn. Schreiber dieser Zelen, der, selber im Lehrberufe stehend, die sehr wertvollen Erklärungen ausnützend, feinen Pentateuchunterricht ihnen angeglichen hat, möchte nicht verfehlen, auf dieses Werk ganz besonders hinzuweisen. Die schon erwähnte klare Einfachheit der Erläuterungen macht es möglich, sie auch Kindern jugendlichen Alters zu bieten und ihnen dadurch das .Verständnis schwieriger n-on-Stellen zu erleichtern. Ganz besonders möge auf den Band über v'vsv» -no hingewiesen werden, in dem die Fülle der an sich meist recht schwierigen Stellen durchaus volkstümlich, dabei aber doch scharf und eingehend behandelt werden. In dem folgenden Band, der nviin behandelt, wird durch die **) Jirmej' 7, 4. / .iügferXwifeWpiijiio^