Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1930)
- Date
- 1930-07-10
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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r Dr. 2$ Beilage 'i, Leiser, der Zimmermann. ' Von A. Reisen.' Deutsch von Dr. Bernhard Hirsch b erg -Schräder. Der Zimmermcmn Leiser ist alt und gebrechlich. Er geht gebückt an einem Stock, der ihm unentbehrlich geworden ist. Ohne Stock könnte er sicher nicht mehr zur Synagoge gehen, der einzigen Stätte, die er überhaupt noch aufsucht. Leiser ist einsam. Seine Kinder sind schon vor langer Zeit nach Amerika ausgewandert und haben ihn und seine gute Frau allein zurückgelassen. Vor drei Jahren ist auch sie von ihm gegangen. Der Allmächtige^ HM sie zu sichgenommen. Aber damals konnte Leiser noch arbeiten. Und er arbeitete auch.im Schweiße, seine Angesichts, bis er eines Tages zusammenbrach und das Beil seinen Händen entfiel. Da sagten die .jungen Zimmergesellen^ M.ihm: „Guter Leiser, es ist Zeck, daß Ihr Euch von der Arbeit zurückzieht und ausruht." Nun ruht der Zimmermann schon zwei Jahre aus. Aber feine Ruhe ist keine vollkommene: es fällt ihm schwer, das Notwendigste zum Leben zu beschaffen. Um das Essen ist es nicht einmal so schlimm bestellt: zwei bis drei gebackene Kartoffeln und ein Stückchen Hering reichen ihm für den ganzen Tag. Aber am unglücklichsten ist er, wenn die Monatsmiete fällig wird und er dem alten Salmann die dreißig Kopeken für die Schlafftelle nicht bezahlen kann. In der letzten Zeit wird es Leiser immer schwerer, die dreißig Kopeken aufzubringen. Er schuldiet dem alten Salmann bereits sechzig Kopeken'für zwei Monate, und der dritte Monat neigt sich auch schon seinem Ende zu. Salmann würde sicher noch warten, wenn er nur könnte. Das ist ihm aber nicht möglich, denn das Haus gehört nicht ihm, und auch er muß jeden Monat pünktlich die Miete bezahlen, was chm wirklich nicht leicht fällt. Salmann ist ja doch nur ein kleiner Flickschneider. Und was kann man schon mit Flickarbeit viel verdienen. Leiser ist Nicht ungehalten, wenn ihn der alte Salmann mitunter drängt, aber wohl fühlt er sich nicht'dabei. Sein ganzes Leben lang hat er nie gelogen, und jetzt auf seine alten ist schyy mehrmals gezwungen gervestn^ ,derp. Men Sal- - mann vorzulügen, über,- nu>rg«n bezahlen. h: Seit einig-en Tage^ ^leibt ,Leiser ,nach dem Abendgottesdienst lange M.,der SMÜgoge-zurück.. Er sitzt dort über iM^Mm'HiW,^..hzs...- die ''Wanduhr zehn geschlagen hat. Um diese Zeit, weiß er, schläft schon der Me Salmann. Dann geht er langsam nach Hause. Salmann gibt Leiser zu verstehen, daß er das Bett einem anderen vermieten werde, wenn er in den nächsten Tagen die.Schuld von. sechzig Kopeken nicht bekäme. Leiser ist völlig entmutigt und weiß nicht, was er erwidern soll. Lautlos nimmt er seinen Stock und schleicht zur Tür hinaus. Sein Kummer ist unermeßlich. Starren Blickes irrt er durch die Straßen .des kleinen Ortes. i'.- Doch Plötzlich, wie durch ein Wunder, hellt sich fein Gesicht auf. Es scheint, als ob das große Leid überhaupt nicht vorhanden gewesen wäre. Leiser betrachtet verschiedene Gebäude — Und' alles ist auf einmal vergessen. Die Häuser, werden ihm vertraut. Viele erinnern ihn an längst vergangene Zeiten, als er noch süng und stark seiner Arbeit als Zimmermann nachgmg. „Hier in diesem schönen Hause, das dem Gastwirt Jcmkel gehört, habe ich zehn Wochen lang gearbeitet,"'-sagt er zu sich, „die Bezahlung war gut, -sieWg''Kopeken täglich, und Jankel hat nach Feierabend manchen Schnaps gespendet. Das -Haas ist noch in guter Form. Ja, der damalige Wald! Das war kein Holz, das war Eisen! . . . Und.hier, dieses Haus habe ich auch gebaut. Aber der Lohn war nicht fo groß, nur fünfzig Kopeken täglich." Leiser geht weiter, vorbei an dem villenartigen Gebäude des reichsten Mannes im Ort. „Das ist kein Haus, das ist geradezu ein Schmuckkasten," spricht er laut vor sich hm, und stolze Freude erfüllt sein Herz. Er fährt fort, diese und noch andere Häuser zu betrachten, die er in seinem Lebengebaut.-hat. Sie alle grüßen ihn, und in seinem alten Herzen wird es so angenehm warm. Aber plötzlich muß er wieder an den alten Salmann . denken-: - und ihn überläuft es kalt. Bpll Verzweiflung tritt er in die Synagoge. Ev-spricht-das es-ffte Abendgebet, dann das zweite. Die Uhr schlägt acht . . . neun . . zehn . . . Hetzt.»schläft schon-Her alle ScklMcmn>. «ckev Leiser schickt sich noch nicht an, nach Hause zu gehen. Cr sitzt über einem heiligen Buch, doch seine Gedanken sind mit ganz anderen Dingen beschäftigt. „Was tun"? Diese furchtbaren Worte hämmern uuabläffig in feinem Hirn. Sie hämmern so lange, bis endlich eine gute Idee entstanden ist. Der alte Leiser lächelt. Cr ist glüMch: von heute an bleibt er in der Synagoge wohnen; er geht nicht mehr zum alten Salmann zurück. Immer wieder überprüft er seine Idee, ob ihr nicht irgendein Fehler anhaste, ob nicht irgendetwas von chm übersehen worden sei«. Aber nein, alles ist gut durchdacht. „Also von jetzt ab bleibe ich in der Synagoge," beschließt er endgültig. Einen Berg von Sorgen hat er auf einmal von seinen Schultern abgewälzt. „Dreißig Kopeken im Monat , . . dreißig Kopeken! Das ist doch keine Kleinigkeit!" ruft er aus, „und ich muß sie nicht mehr zahlen." Aber etwas bedrückt ihn dennoch: seine Schuld an den. Men Salmann. Wie sie abtragen? Er seufzt schw er auf. Die Wanduhr in der Synagoge schlägt zwölf. Leiser ist am Tisch eingeschlummert. Und er träumt, daß der alte Salmann neben ihm sitze und nähe und daß er jedesmal, wenn er mit der Nadel einen Stich in die Kleider mache, ihm in die Augen steche. „Salmann, hört doch Eft zu stechen," fleht er ihn an, „ich werde Euch schon Hie sechzig KoipeLM-i:b8zahlen, morgen fange ich an, für den Schankwirt Jankel ein Haus zu bauen, er zahft jMr fünfundstebizig Kopeke^ tägWH." Aber Salwollte nichts hören.und fÄ^. fori, ihMjn -die, i Äygen!, uM m. d en . Körper, zu - stechen.. Zujletzt HMe Leiser! das Gelfühl, stoße. - Das. waraber wieder die rauhe WirkUchkeit. Der junge Synagogendiener hatte , ihn geweckt: „Hört mal,- Leiser, das ist mein Platz.. Ich möchte mich schlafen legen." - . Leiser beginnt sich den.Schlaf Ms den AüHen zu wischen. Jetzt erst erkennt er Synagogendiener. Er wird wieder munter/ Nun erinnert er sich an seinen Entschluß^ in der Synagoge für immer zu. bleiben.. Doch, her Diener erklärt ihm trocken, daß die Synagoge kein Altersheim' sei und daß der Vorstand angeordnet habe, keinen Fremden übernachten zu lassen.. Alles vorbei! ... Auf dem Heimweg zÄm alten Salmann beachtet Leiser nicht mehr W Häuser, die er gebaut hcck. Die Nacht..ist finster, und in seiner Seele ist es noch finsterer: Er 'geht sehr langsam. Ihm ist es lieber, sich , durch die Straßen zu schleppen, als zu seinem Gläubiger zu gehen. Und doch muß er hin, einen andern- Ausweg hat er nicht. „Der alte Salmann wird sich vielleicht noch einige Tage gedulden, aber nicht länger, und um dann habe ich kein Dach''Mehr ü^r meinem Kopfe und werde wohl hinter irgendeinem Zaun schlafen müssen." Er seufzt schwer. Und jetzt muß er daran denken, daß seine Frau einmal zu ihm gesagt hat: „Leiser, Du baust für Me Anderen Häuser, nur nicht für uns." „Nein, für uns kann ich nicht bauen, denn für meine eigene Arbeit bekomme ich nichts bezahlt," war damals seine Antwort gewesen. Seine Frau hatte ihm nicht widersprochen, denn sein Grund war ja nicht von der Hand zu weisen. Jetzt aber packt ihn die Wut gegen sich selbst. Er schlägt sich mit der Faust an die Stirn und schreit sich an: „Alter Dummkopf, Dein ganzes Leben hast Du für andere Häuser gebaut und jetzt mußt Du auf der Straße sterben, alter Dummkopf." -» Eine Alpkter. nl .; "sZür ersten Jahrzeit der Jettcheu Le.vH,in München.) ü.Jr.t. . ' " Von M. E. ' Ein Lied will ich singen von einer Mutter, der in diesen. Tagen auf dem alten. Beis Aulom in München. . ein Schlichter Steir^ gesitzt wM. / 'Sie wcü^nicht Vor-/''-' standsdame im Frauenverein und'trat nicht ' als Rednerin- - auf in Elternbeiräten und nicht als Führerin für emanzi- : pierte Frauen, und machte nicht in Kunst und Wissenschaft. An den Saum ihres Kleides heftete sich aber der. Glanz der Hütten und Menschen der alten Kehillaus von Nördlingen und Niederstetten, aus ihren Augen sprach der Geist des Zenour'ene mit seinem treuen Empfinden für alles was wahr, und echt und schön war in der schmerzens- und freudenreichen Geschichte des Judentums, und in ihrem Herzen flammte das Feuer, das den Noschim zidkonijaus aus der Zeit des. Talmud ihr unsterbliches Verdienst an der Erhaltung^ des Judentums sicherte, indem sie die Kinder der Äiuro zusührte und deren Jünger betreute, wenn sie Zum Lernen ' gingen und wenn sie von dort kamen, wie um ihnen besonderen Dank abzu statten, weil sie ihr Kleinod teuer hielten. Wer sie sah, wußte nichts von der übermenschlichen Aufgabe, an deren Lösung sie sich versuchte. Ihre Wohnung in der Baderstraße war eng, neun Kinder sind keine Kleinigkeit und &et dem damaligen Bezahlungsmodus für Schochtim kein Spatz. Aber welcher Aurach hätte da nicht Platz gefunden für sich und seine sieben Sachen: es war keine Köchin und keine zahlreiche Dienerschaft da, aber zu dritt, zu viert und zu fünft saßen die Fremden an dem durch alle möglichen Finessen verlängerten Tisch, der wie die Stangen des Oraun die Wände des Hauses zurückweichen hieß. In diese Wohnung kamen an einem Tag mehr Gäste als zu den andern Hausbewohnern das ganze Jahr. Eine bunte Gesellschaft: in erster Linie natürlich ehrwürdige Talmidei chachomim und Rabbonim, Gelehrte, die ihre Töchter verheiraten, Schriftsteller, die ihre Sforim verkaufen, Gesandte, die ihre Jeschiwos verfolgen/Mältt, ' Sänger und Studenten, welche die j Unruhe Mes HeHens' ' in die Welt! getrieben, einsam^,.Md entr>mtz«lte-'.»Gsn«!U-; derlrnge, die hie Welt enttäuscht,Mid mit Packen-beladene,- von Kindern, gestützte, mit Fgliäntxn befrachtete-..mbt- - dürfticj geklMete, Heimatundr.obhflchundbrotlose Fa-!- . milMU welche die Verfolgung, weggetrieben hatte vqm.. der-.-Scholle.. . - . ... . < Sie richtften sich -oft auf. längere Zstt ein oher kamen^regelnisitzig zu ihrer Zeit,-,'Ehrliche und Unehrliche. Für diese Frau waren sie alle alte Bekannte,.,, ehrliche Leute. Freilich waren es keine Menschen, die ein Amt oder einen Namen hatten, an die man sich halten konnte, weyn eines Tages vielleicht eines ' der eigenen Kinder in die Welt hinaus wollte. Was wäre aber fönst -chesed 'eines?! Für sie gabb es kein Zorns ajin, so wenig wie Kallus dass. Und doch wußte auch sie sich schadlos zu halten. In Stunden, die sie ihrer Meinung nach zu reichlich und über Verdienst belohnten! Am Freitag Abend, wenn ste neben den Töchtern, strahlend im Lichterglanz der altdeutschen siebenarmigen Schabboslampe, die von der Decke herunterhing, den Mann, die Söhne und die Gäste, die Großen und die Kleinen, ob angemeldet oder unangemeldet, empfangen durfte und das Schalem Älechenr emporstieg, und die Semiraus erklangen und einer nach dem andern die Tauro verlebendigte, und wenn gar der Erez Jisroel-Jude von seiner Heimat erzählte von der Wand im Westen und von der Höhle in Chewron und von dem Grabe im Saffed und mit einem Seitenblick auf ° die Frau des Hauses hin, die am- Tisch keinen Platz hatte, flüsterte, gibt auch eine Eiche Abrahams, unter der die Gäste zu essen und zu trinken», und zu nächtigen hatten und von dieser Eiche sind Reiser weggebracht und in fremden Ländern in den Boden gesenkt worden, und eines davon. ist hier in. Müychen/ um Zeugnis abzulegen von dem Samen Abrahams, der nicht ausstirbt. „.3 1 ' ji n '; ...; * ji