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Der Israelit · 1930-07-10 · Heft 28 (10.7.1930) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 28 (10.7.1930)
Date
1930-07-10
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
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Seite 14 Nr. 28 Der Israelit 10. Juli 1930 (Eine solche Frau, sollte man meinen, geht aus in der materiellen Arbeit und hat keine Zeit für das Geistige. Das Gegenteil war der Fall. Eine solche Lust, eine solche Ehrfurcht und Bewunderung, und eine solche Erziehung für das Geistige, habe ich nirgends mehr wahrgenommen. Einst hatte ich mich nach Schul verspätet, es war keine Frühstückszeit mehr, als ich hinkam, sie aber dachte nur daran, daß ich noch nüchtern sei; sie hatte noch nichts genossen, obwohl weder Montag noch Donnerstag, noch sonst Fasttag war. Aber auf meinen diesbezüglichen Einwurf, grollte sie in ihrer rührend bescheidenen. naiv erhabenen Art las: „Arbeite ich denn geistig? Wer geistig arbeitet, muß dreimal so viel essen wie andere." Das war sie. Wenn der andere entbehrte, wenn man über den anderen etwas Schlechtes sagte, wenn den andern etwas passierte, so war sie aufgelöst, nie dachte sie an das, was sie nicht hatte, immer nur dankbar für das, was sie hatte, als Geschenk hinnahm. Von dem, was sie verlangen konnte, was sie brauchte, wußte sie nichts. Ein weiblicher Rabbi Chanina. So blieb sie bis ans Ende, dankbar und vertrauend, tätig und anspruchslos, auch nachdem ihr Mann ihr genommen, ein lieber Sohn gefallen, ihr Haus sich aufgelöst und sie auf die Wanderschaft ging, trotz zunehmender Schwäche, zu helfen, wo man sie brauchte, nur erhalten durch die Arbeit für andere und durch die Liebe zum Wohltun. Der gedeckte jüdische Aesttisch. Ausstellung im Wiener Dr. Krüger-Heim. Anläßlich des Abschlusses des ersten rituellen Kochkurses hat dis Leitung des Dr. Krüger-Heimes eine Ausstellung veranstaltet. Die Hauptattraktion dieser Ausstellung war ,,Der gedeckte jüdische Festtisch". Die Leitung der Ausstellung hat keine Mühe gescheut, um in künstlerischer Vollendung der Oeffentlichkeit zu zeigen, wie der jüdische Tisch in verschiedenen kulturhistorischen Perioden, in verschiedener sozialer Lage an den jüdischen Hauptsesten gedeckt war. ,,Die Ghettostube" zeigte uns, wie etwa in Wien im 17. Jahrhundert der Sabbattisch des jüdischen Ghettoeinwohners gedeckt war. Im Gegensatz zu diesem düsteren Bilde strahlt der Salon der Baronin Fanni Ahronstein, wie sie während des Wiener Kongresses ihre hohen Gäste empfängt. Dann folgen an wunderbar geschmückten Tischen: der ,,Sabbat", „Pessach", „Schebuoth", „Purim", und das „Laubhüttenfest". Wenn ma n an diesen Tischen vorbeizieht, da bekommt man die richtige Vorstellung von der gewaltigen ethischen Kraft, die dem jüdischen Tische innewohnt. Das waren nicht Tische, an denen man die leiblichen Genüsse befriedigt hat, sondern, wie es im Propheten heißt, das waren Tische, die vor dem allmächtigen G'tt stehen. Nicht minder interessant waren die Nebenausstellungen. Die Mädchen-Volks- und Haupt-Schule, hat entzückende Kinderarbeiten ausgestellt, die ihre Handfertigkeit alle Ehre machen. Ebenso die Darbietungen der Gewerbeschule für Weißnähen und Kleidermachen. Der dritte Jahrgang dieser Gewerbeschule fertigt Kleider für die Kundschaft an. Die Kleidungsstücke, die hier ausgestellt wurden, waren förmliche Gedichte, die die vollendete Kunst angehender jüdischer Schneiderinnen besingen. Die Arbeiten des Kunstgewerbekurses haben ebenfalls großen Beifall gesunden. Das jüdische Wien horchte auf. Die Ausstellung hat gezeigt, daß im Dr. Krüger-Heim ernste, produktive jüdische Arbeit geleistet wird, daß hier eine neue jüdische weibliche Generation heranwächst, wissend, künstlerisch geschult, gewerbetüchtig, und war für uns das wichtigste ist, gut jüdisch. Mittwoch abends fand im Dr. Krüger-Heim ein Presseempfang statt, den die Heimleitung zu Ehren der auswärtigen und inländischen Journalisten veranstaltet hat. Mit innerer Anteilnahme haben die Vertreter der Presse den Hauptteil der Ausstellung, den „Gedeckten jüdischen Festtis ch", betrachtet. Die historische Treue der Ehettostube aus dem Jahre 1650 wie des Salons der Baronin Arnstein haben tiefen Eindruck auf alle hinterlassen. Nicht minder schön ist der von Frau Samuel Glückselig arrangierte S e d e r t i s ch , alles was an und um diesen Tisch war, stammt aus den jüdischen Kunstschätzen des als Kunsthändler berühmten Samuel Glückselig. Reizend war der von Frau Dir. Fr iedmann und Frau Alerandrowitsch geschmückte Schebuothtisch, der von Frau Neurath und C z u c z k a arrangierte Freitag-Abend- T i s ch dokumentierte die Kunst jüdischer Hausfrauen, die noch verstehen, den Sabbat zu ehren. Originell ist der von Frau David S ch l e s i n g e r und Frau Paula Pappen hei m gedeckte Purim-Tisch. Ein Tisch mit jüdischen Spezialgerichten zeigt uns alle Nationalspeisen des jüdischen Tisches vom Scholeth bis zum Borscht; als Wegweiser dienten hier die geschickten Verse der Frau Goldschmidt. An diesem Tisch fand auch Aufstellung ein Fladenkuchen aus der Küche des Czortkower Rebben. In dem großen Ausstellungssaale fand auch eine S u k k a h Ausstellung, die, von Herrn Smetana errichtet, von den Schülerinnen der Mädchenschule kunstvoll geschmückt und von Frau Dr. Stein prachtvoll gedeckt, den Abschluß dieses Teiles der Ausstellung bildete. Am Buffet haben Frau Dr. F l e s ch und Frau Sophie Pappenheim die Kostproben aus den Speisen verabfolgt, die in der Kochschule aus dem Anlasse der Ausstellung verfertigt wurden. . Die Festbrote (Barches) wurden von der Firma Lederer u. Kohn zur Verfügung gestellt. Der wunderbare Eindruck steigerte sich noch, als die Vertreter der Presse die herzigen Arbeiten und Zeichnungen der Volks- und H a u p t s ch u l k l a s s e n zu Gesicht bekamen. Die Arbeiten der Gewerbeschule stellen das beste dar, was an Wiener Gewerbeschulen geleistet wird. Auch die Kleider der Arbeitsgemeinschaft haben besonders auf die Damen, Journalisten und Modeberichterstatter der Wiener Zeitungen ausgezeichneten Eindruck gemacht. Donnerstag vormittags fand im Beiseir des Präsidiums der israelitischen Kultusgemeinde und Vertreter der Behörden die feierliche Eröffnung der Ausstellung statt. Herr und Frau Obermedizinalrat Dr. Krüger begrüßten die Anwesenden. Mit Entzücken haben die Gäste die einzelnen Gegenstände der Ausstellung betrachtet. Auf Veranlassung des Präsidiums der Kultusgemeinde wird die Ausstellung noch über Samstag und Sonntag geöffnet bleiben, damit die Schuljugend nach dem Jugendg'ttesdienst Samstag nachmittag Gelegenheit bekommt, die Ausstellung zu besichtigen. (Das Judentum in den Südamerikanischen Republiken.) Herr S. Adler-Rudel, hielt aus Einladung des Gemeinschaftlichen Hilfskomitees Ort-Ofe- Emlgdirect vor Vertretern der jüdischen Presse einen Vortrag über das Judentum in den südamerika Nischen Staaten, in deren Mitte er als Bevollmächtigter von Ort-Ose-Emigdirect einige Monate geweilt hatte. Der Vortragende, als ein scharfer Beobachter der sozialen Lebens bekannt, gab ein eindrucksvolles Bild von der politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Gestaltung der südamerikanischen Republiken Argentinien, Brasilisn und Uruguay und zeichnete die Rolle der jüdischen Gemeinschaften der einzelnen Länder im Rahmen dieser Gestaltung. Diese Gemeinschaften, die. vom übrigen Judentum isoliert sind, entwickeln ein eigenes jüdisches soziales, kulturelles und religiöses Leben, aber wenn' die Isolierung länger bestehen bleibt und dieser Teil des Judentums nicht durch Zuwanderung aus Europa verstärkt wird und so auch der Zusammenhang mit dem übrigen Judentum erhalten bleibt, besteht die Gefahr einer allmählichen Verdorrung, da die Assimilation an das spanische Kulturelement viel stärker in Erscheinung tritt als z. B. die Assimilation in Mitteleuropa. Eine jüdische Bevölkerungsstatistik in diesen Staaten gibt es nicht, man ist auf Schätzungen angewiesen. Die jüdische Bevölkerung in Argentiniens Häuvtstadt Buenos Aires wird auf 150 000 Seelen geschäht, was vielleicht nicht übertrieben ist, wenn man bedenkt, daß über 20 000 Familienoberhäupter allein in der aschkenasischen Chewra Kadischa organisiert sind. Die Chewra Kadischa beschränkt sich nicht auf Totenbestattung. sondern entfallet eine große soziale und erzieherisch-kulturelle Tätigkeit. So beträgt z. B. ihr Jahresbudget zur Unterstützung der jüdischen Schulen 60 000 Pesos bei einem Eesamtjahresbudget von 250 000 Pesos ietwa 400 000 Mark). Neben der Unterstützung der Schulen unterhält die Chewra ein modern ausgestattetes jüdisches Spital, ein monumental gebautes Waisenhaus usw. Die Chewra Kadischa übt zu einem großen Teil die Funktionen einer jüdischen Gemeinde aus, die es m Argentinien in einer organisierten .Form noch nicht gibt. Die Frage der Bildung jüdischer Gemeindep in Buenos Aires und in den anderen großen Städten Argentiniens steht jetzt auf der Tagesordnung. Herr Rudel wurde wiederholt eingeladen, vor versammelten Persönlichkeiten des jüdischen öffentlichen Lebens über hie Organisation der jüdischen Gemeinde in Europa, besonders m Deutschland zu referieren. Die Juden Argentiniens stammen meist aus Bessarabien, Polen, Litauen usw. Dazu kommen rn beträchtlicher Zahl Sephardim. Im Lande haben sich die Juden als Kulturträger bewährt, als die Organisatoren des Warenverkehrs, als Industrielle, Kaufleute, Bankleute, Handwerker, Hausierer usw. haben sie unter der argentinischen Bevölkerung das Bedürfnis nach einer höheren Lebenshaltung, nach Wohn- und Bekleidungskultur geweckt. Einen Typus für sich bildet die Bevölkerung der von der JCA gegründeten jüdischen Kolonien, die nur wenig Zusammenhang mit der Stadt unterhält und die ihr eigenes sozialkulturelles Leben entfaltet. Das Zeitungswesen steht unter den Juden Argentiniens in einer gewissen Blüte. In Buenos Aires erscheinen drei große Tageszeitungev m jüdischer Sprache mit einer Gesamtauflage von über 35 000 Exemplaren, außerdem erscheinen in der Hauptstadt und in den Provinzstädten etwa zehn Wochenzeitungen in jiddischer und spanischer Sprache. Ainderecke. Sommer. Von Heinrich Einstadler. Mit P e ß a ch beginnt der Frühlin g , mit Schowuaus der Sommer. Welch herrliche Jahreszeit! Eine Zeit, in der es G'tt seinen Menschenkindern vergönnt, selbst zu beobachten, wie von feinem Segen und seinem Unsegen Gedeihen und Verderben abhängen! Wie seine Sonne reift, sein Regen befruchtet, sein Hagel zerstört! Wie er wunderbar die ganze Welt erhält und —; belehrt und erzieht! Belehrt und erzieht? Gewiß! Du mußt nur die Augen öffnen. Da siehst du den Bauern zu, wie sie auf den Wiesen das Gras mähen im Schweiße ihres Angesichts, wie sie es wenden und häufeln, damit es auch tüchtig von der Sonne beschienen und getrocknet werde, und wie sie schließlich das dürre Heu nach Hause fahren und es aufbewahren zum Futter ihres Viehes. Und du sprichst: Arbeit ernährt! Was sagst du aber, wenn dem gemähten Gras die Sonnenstrahlen fehlen? Wenn es unter fort? währenden Regengüssen schwarz wird und schließlich verfault? U n s e g e n zerstört. Was lernst du, wenn du gewahrst, wie der Gärtner mühevoll Tag für Tag sein Gemüse begießt, damit es wachse und nicht verdorre, und wie es zuweilen unter dem „Regen zur rechten Zeit" emporschießt, ohne daß der Mensch eine Hand rührt, und ihm einen reichen Ertrag liefert? Denkst du da nicht an den Schabbos und befestigst die Ueberzeugung, daß zum fleißigen Werk der Hände auch der Segen des Schöpfers gehört, und daß unter der Sonne der göttlichen Gnade dem Menschen in sechstägiger Arbeit mehr Erfolg reifen kann als durch siebentägiges Mühen, wenn es ohne G'tt geschieht? So belehrt und erzieht Gott seine Kinder ständig durch die Vorgänge in der Natur, die sich vor ihren Augen vollziehen. — Und noch eines, mein Kind! Von Peßach bis Schowuaus zählen wir die Tage und die Wochen, und am Ende des Sommers stehen vor uns zwei andere Feiertage: Rauschhafchonoh und Jaum Kippur. Alle diese Feiertage sind uns Aufaus, Merkzeichen! In unsrer Jugend, dem Frühling unsres Lebens, da können wir kaum die Zeit erwgrten, bis wir „groß" sind. Wir zählen die Tage und Wochen, bis Schulzeit und Lehrzeit vorüber sind und die freie, selbständige Betätigung, bis der SommerdesLebens beginnt. Dann hören wir mit dem Zählen auf. Dann vergeht uns die Zeit oft allzuschnell; denn ehe wir uns versehen, da steht vor uns der Rausch haschonoh, der Beginn eines neuen Lebensalters, der uns einlädt zum Rückblick und zur Selbstbesinnung: Habe ich auch die Zeit meines Lebenssommers i n der richtigen Weifegenützt?-; — Diese Frage drängt sich einmal jedem denkenden Menschen auf. Glücklich ist dann jener, der sich sagen kann, daß er seine Pflicht getan hat, der ruhig dem G'ttesgerichte entgegenschaut, und darauf vertraut, daß der Allgütige ihm am Jaum Kippur auch die Fehler verzeihen wird, die in der menschlichen Unvollkommenheit ihre Ursache haben. Denn das größte Glück, das ein Mensch überhaupt genießen kann, ist das Bewußtsein erfüllter Pflicht. Unglücklich und bedauernswert hingegen find Menschen, deren Alter von Reue über ein verdorbenes Leben erfüllt ist. Sie können den Sommer nicht mehr zurückrufen und sehen mit Angst und Schrecken' der Zukunft entgegen. Ihr aber, liebe Kinder, ihr seid beneidenswert; denn Ihr habt den Sommer des Lebens noch vor Euch und besitzt also die Möglichkeit, die Zeit, in der der allweise Schöpfer dem Menschen die Freiheit der Wahl überlassen hat, damit er sich Verdienst verschaffen kann, durch verdienstvolles Handeln und Meiden des Bösen fo zu gestalten, daß Ihr am Ende befriedigt und ohne Reue darauf zurückblicken könnt. Lösungen der Rätsel in Rr. 26. Richtige Lösungen sandte noch vor Veröffentlichung ein: A. Davidsohn, ^Cantor i. R., Rastenburg i. Ostpr., Hippelstr. 18.JHff Mstl

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