Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1930)
- Date
- 1930-07-10
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 28 Der Israelit 10. Juli 1930 Anmeldungen erbeten an: Erich Waller, bei Frau Dr. Preuß. Berlin N34, Limenstr. 119, 1. Mähr.-Ostrau, 7. Juli. Zu der in der jüngsten Nummer aus Prag gebrachten Meldung, daß die jüdische Nationalität in der E. S. R. nur für jüdisch und hebräisch Sprechende anerkannt wird, wird uns berichtigend geschrieben: Gemäß § 21 Abs. 1 Regierungsverordnung von: 26. Juni 1930 über die Volkszählung im Jahre 1930 Nr. 86 der Sammlung der G. u. V. heißt es ohne Beschränkung: „Juden können aber immer die jüdische Nationalität bekennen." Berlin, 3. Juli. Man schreibt uns: Nach eingehenden Vorbesprechungen ist ein Jnteressen-Verbastd von Käufern landwirtschaftlicher und städtischer Böden in Erez- Jsrael ins Leben gerufen worden. Dieser will Käufern, die noch keine Besitztitel haben, die Nachforchungen oder die in irgendwelchen Angelegenheiten ihrer Ansprüche oder ihres Besitzes Rat und Hilfe brauchen, eine zuverlässige und sachverständige Vertretung ihrer Interessen bieten. Nähere Auskunft vom Vorsitzenden: Direktor S. D r i m m e r jper Volksbank „Jwria") Berlin W. 8, Französische Straße 6. Alzenau, 1. Juli. Einen in allen seinen Teilen recht würdigen Verlauf nahm die Feier des 25-jährigen Bestehens des Israelitischen Frauenvereins Alzenau am 15. Juni 1930. Samstag vormittag entwarf in seiner Festprcdigt Herr Bezirksrabbiner Dr. Breuer von Aschaffenburg in der geschmackvoll dekorierten Synagoge ein Bild des idealen Frauenstarakters Mirjams an Hand des in derr Schrift verlesenen Wochenabschnittes und ermahnte die Mitglieder des Vereins zu treuem Festhalten an den Geboten derselben. Das Dreigestirn Moses, Ahron und Mirjam möge der Gemeinde stets als Leitstern ihrem Leben vorschweben; dann wird der Verein immer seinem Ziele näher kommen. Sonntag abend fand im Saale des Herrn T r a g e s e r eine weltliche Feier statt. Die Schülerin Meta H a m - b u r g e r trug sinnvoll den von Herrn Lehrer Wechsler verfaßten Prolag vor. Hieraus begrüßte dieser im Namen des Ausschusses die zahlreich Erschienenen und gab einen Ueberblick über die Tätigkeit des Vereins seit seiner Gründung. Fräulein Martha Hamburger trug ein schönes Kauplet vor. Mit ehrenden Worten überreichte der Schriftführer des Vereins Herr Lehrer Wechsler der 1. Vorsteherin seit Gründung bis zum heutigen Tage Frau Isidor Hamburger ein Geschenk. Möge der Frauenverein weiter wachsen, blühen und gedeihen. Trier, 1. Juli. Den Reigen der im großen Stil einsehenden verschiedenen kirchlichen und weltlichen Befreiungsfeiern in Trier eröffnete der feierliche Dankgottesdienst in der Synagoge in Trier am ^amsrag, den 28. Juni. Die feierlich erleuchtete Synagoge schmuck auf. Eine besondere Weihe erfüllte den schmuck auf. Eine besondere Weihe erfüllte den ihrwürdigen heiligen Raum. Kantor M. I s e n b e r g trug schön und eindrucksvoll einen jubilierenden Psalm vor. Hierauf bestieg Oberrabbiner Dr. A l t m a n n die Kanzel zur Festrede. Die Predigt ging von dem Tertwort der Hastora aus Samuel aus: „Denn nicht lassen wird der Ewige sein Volk um seines großen Namens willen, denn der Ewige hat beschlossen, euch sich zum Volke zu machen." Wie bekannt wurde, ist Herr Oberrabbiner Dr. Altmann seitens der Behörden zu der großen mitternächtlichen Befreiungsfeier sowie zu der Kriegerdenkmalseinweihung und den sämtlichen Veranstaltungen der Stadt, des Landes, der Regimenter, der Schulen und Sportorganisationen, ebenso zu den Feierlichkeiten anläßlich der Anwesenheit des Reichspräsidenten o. Hindenburg, am 23. Juli in Vertretung der Judenheit in Stadt und Land Trier, offiziell eingeladen. Sprechsaal. Die Einschätzung der Schochtim und ihre Amtsbezeichnung. Zur Wahrung der Ehre der Schochtim und deren Interessen sehe ich mich veranlaßt, dem Einsender des Artikels im Sprechsaal der vorwöchentlichen Nummer zu erwidern: Titelsucht ist eine Krankheit, die vorwiegend in Bayern verbreitet ist. In anderen Ländern kennt man nur Herrn X. oderP. In Bayern, wo man den Wert des Menschen vielfach nach seinem Berufe und seinem Dienstgrade einschätzt, ist es sogar soweit gekommen, daß auch die gesellschaftliche Stellung abhängig gemacht wird von dem Titel, den man Jemandem verliehen oder sich selbst zugelegt hat. Wenn bie Bezirkskonferenz Fürth den Antrag eingebracht hat, der L. V. möge bei dem V. B. Jsr. G. bewirken, daß Kultusbeamte, die keine seminaristische Vorbildung mit Seminarabschlußprüfung Nachweisen können, die Führung des Titels Lehrer untersagt wird, so ist damit meine Behauptung bewiesen. Es kann absolut keine Rede davon sein, daß viele Schächter nur Schochtim sein wollen, wenn es sich um Gehaltsfragen handelt; wenn das der Fall wäre, gäbe es in Bayern feit 10 Jahren keinen Schochet mehr. Wenn viele Schochtim bestrebt sind, außerhalb ihres Berufes der Geringschätzung, die ihnen gar häufig in ihrer Dienststelle widerfährt, zu entgehen, dann ist es leicht zu begreifen, daß sie es , vorziehen, sich Kantor, Religionslehrer zu bezeichnen, zumal ja die meisten Schächter in Wirklichkeit als pn, Lehrer usw. wirken. Wenn die Zeit mal da ist, in der wir dem Schochet die ihm gebührende Stellung einräumen, wird es keinen Schächter mehr geben, der vor der Außenwelt seinen Titel verleugnet. G. N. Zu dem gleichen Thema schreibt uns Herr Wetzlar aus Königstein: Meiner Meinung nach ist der Titel „Kultusbeamter" für den Schochet recht wohl angemessen. Der Schochet dient in weit höherem Maße als der Lehrer und der Chasan dem Kultus, ist also der eigentliche Kultusbeamte. Den Borbeterdienst kann unter Umständen auch ein Laie versehen, den Schechitadienst einzig und allein der dazu bestellte und approbierte Beamte. Er kann daher den Titel „Kultusbeamter" führen, ohne damit den „Schochet" zu verleugnen. Briefkasten. I. S. Zürich. Keren Hathora-Zentrale Dr. Leo Deutschländer, Wien II., Leopoldsgasse 26. M. N. in St. Frs. 100 für Abonnement verbucht. Wochenkalender. v. 12. — 19. Juli 1930 ' o. 16. — 23. Tammus 5690 Samstag, 12 16 pba Sonntag 13 17 nnna ivs njn» (Nontag 14 18 Dienstag Juli 15 n»n 19 Mttrooch 16 20 Donnerstag 17 21 freitag 18 22 pinn paiav dwd Der Mauled ist Donnerst. Samstag 19 23 vorm. 11 Uhr 12,7/i* Min. Die Woche. Gemeindevertretung der Israelitischen Gemeinde- Sitzung am 2. Mi. Ein erschütterndes Bild. Erwerbslose füllen den Hausflur. Not und Elend haben mit «hartem Griffel ihre Zeichen auf die Gesichter eingegraben. Müde Resignation liegt auf manchen. Auf den meisten aber Empörtheit und ftnstere Entschlossenheit. Sie wollen, daß endlich Entscheidendes geschehe, daß überhaupt etwas geschehe und diese „soziale Kommission", die vor Monaten auf ihr Drängen gebildet wurde, nicht nur ein schönes Firmenschild sei. Und, wie ihr Wortführer in den Verhandlungen vor Beginn der Sitzung immer wieder betont, he „wollen als Menschen behandelt sein". ~ Das ist ein Aufschrei aus einem ohnedies gequälten Herzen. Einzelne Abteilungen der „Jüdischen Wohlfahrtspflege", behaupten sie, tätendas nicht immer. Unser Blick schweift unwillkürlich ein Menschenalter zurück, da in eben diesem Hause der große Fürst der jüdischen Wohltätigkeit, Freiherr Wilhelm Carl von Rotschild, in seinen Armenangelegenheiten residierte. Da ihm tagtäglich von seinem unvergeßlichen Almosenier eine kleine Weltrundschau des Elends präsentiert wurde, deren Mannigfaltigkeit und Fülle er in unveränderlicher gelassener Ruhe und mit innerem Mitgefühl entgegennahm. Cr war nicht sozial „vorgebildet". Er hatte keine Prüfung darin abgelegt. Aber er war jüdisch vorgebildet und umfaßte mit seinem klaren Blick und seinem jüdisch beein- 'lußten Herzen alles und alle. Möglich, daß sich manche Herren und Damen in jüdischer Wohlfahrtspflege an ihm heute noch ein Muster nehmen könnten. Das Murren dieser bedrängten' Erwerbslosen zeitigte heute wenigstens einen gewissen Erfolg. Bis zum 15. Juli soll etwas geschehen. Warten wir ab, was wir dann registrieren können. — Dem Vorspiel folgte die Sitzung, ganz offen gestanden, ausnahmsweise nicht sehr tief und bedeutend., Beleidigtheit — kein sehr schönes, aber h:er zutreffendes Wort — war ihr Signum. 'Der Vorstand hatte, dem Eindruck nach, den man empfing, ein kleines Staatsverbrechen begangen. Er hatte die Tatsache, daß er dem früheren Ferdinand B a c r - s ch e n M i n j a n , richtiger gesagt 5—8 Minjanim seiner Mitglieder zwei Räume des künftigen Gemeindehauses Eschershermer Landstraße 65 umsonst mit der Bedingung sechswöchiger Kündigung überlassen hatte, nur „zur Kenntnisnahme", nicht zur ,^Beschlußfassung" unterbreitet. Darauf brannte Rom an zwei' Ecken — im liberalen und volksparteilichen Flügel. Der Vorstand wußte den Brand schließlich klug zu stillen. Er wandelte die „Kenntnisnahme" zur „Beschlußfassung" innerhalb der Sitzung um. Und man genehmigte. Uns scheint: Viel Lärm um nichts. Das letzte Protokoll ergab eine interessante, auch von Gereiztheit nicht ganz freie Zwiesprache zwischen Vorstand und Gemeindevertretung, die darin gipfelte, daß der Vorstand wahrscheinlich Heute überhaupt nicht recht weiß, ob er auf Grund des vom Vorsitzenden der Genieindevertretung gezeichneten Protokolls überhaupt schon agieren darf oder erst die Genehmigung der Gesamtvertretung abwarten muß. Ein etwas schwieriges Handwerk, da. die Sitzungen meist drei bis vier Wochen mindestens auseinanoerliegen. Etwas dünn, und dürftig erschien —- trotz der deutlichen Bekräftigung des Zentralverelnsvorsitzenden — die Bemerkung des Vorsitzenden, daß seine Unterschrift nur eine Art Registrierzeichen sei, die die Eintragung des Protokolls gestaltet. — An Sachlichem aus der Sitzung? Immerhin einiges Bemerkenswerte. Der Kampf ums Philanthropin ist für den Augenblick beigelegt. Die Einigung auf der Basis von 312 000 Mark Jahreszuschuß ist erfolgt. — Regierungsbaumeister Cohen zieht als neuer Gemeindevcrtreter ein. — Dem Krankenhaus Gage r n st r a ß e werden einige tausend Mark als Nachforderung bewilligt. Die Bitte seines Pflegamts um Einstellung eines Postens von 3000 Mark als Unvorhergesehenes in den Etat wird äußerst wohlwollend dem Vorstand mit kräftiger und deutlicher Attestierung dsr stets sehr scharf und genau arbeitenden Finanzkommission überwiesen, daß unter den, wenn wir recht verstanden haben — was oft sehr schwer ist, He,rr Vorsitzender!! —, 27 Posten nicht ein einziger sei, der nicht das Bestreben zeige, größte Sparsamkeit walten zu lassen. Iakob Elfenmann Jakob Eisenmann war eine bekannte Persönlichkeit unserer Stadt und uiiser.er Kehilla. Ein Mann graben Charakters, liebenswürdigen Wesens, von schlichter Frömmigkeit und steter Hilfsbereitschaft, mit einem goldenen, nie. versagenden Humor, so stand er vor uns, sp achteten und liebten wir ihn in all den Jahren. Sein Beruf führte ihn mit weiten Kreisen zusammen. Er blieb im Innern seines Wesens ein treues Kind seiner Kehilla, deren Aufstieg er unter Führung großer Mäiiner miterlebte, die er über alles liebte, deren Sorge auch die!einige' war bis zuletzt, da ihn langwierige Krankheit zwei Jahre lang außerhalb des tätigen Lebens stellte. Wer ihn in feinem Krankenzimmer besuchte, war reichlich belohnt, war beschenkt. Denn Eisenmann, eine Frohnatur und in Ruhepausen, die ihm Leid und Krankheit ließen, stets angeregt und vergnügt, packte gern aus dem Schatze seiner Erinnerungen und Erlebnisse aus. Und er wußte gut zu erzählen. „Bitochaun" konnte man von dem Manne lernen, dem im Leben manches nicht erspart blieb und der zwei Jahre hindurch schwer gegen tückisches Leiden zu kämpfen hatte und dennoch nie verzagte, der die seltene Gabe. hatte, mit Ueberzeugung zu sagen: vas M3»m -ram in» Wie selten einer verstand er es, jeder Lebenslage, jeder Situation irgend eine heilere Seite abzugewinnen und sie den Menschen zu zeigen, daß sie lernen, G'tt zu vertrauen, dankber zu nehmen, was ihnen beschieden und geduldig zu tragen, was ihnen auferlegt ist. Sein aufrichtiges Wesen duldete kein Nachtragen. Er hatte oft für seine Freunde — alle waren seine Freunde — ein offenes, ja herbes Wort, dahinter aber verspürte man das liebende Herz, und so führte es stets zur Neubesiegelung der Freundschaft. Mit offenem Sinne und regstem Interesse stand er allen Dingen des Lebens, vorab allen Vorgängen in der Gemeinde, gegenüber, wenn ihm auch der Sinn nie nach Ehren und Äemtern stand. Dem Schomer Mizwoh gehörte . die ganze Liebe seines Herzens, er bekundete . sie in Briefen und Aeußerungen, in einer Zeit, da er leider an seinen Leistungen nicht mehr aktiv teilnehmen konnte. Wie er in Frieden mit G'tt, den Menschen und mit sich selbst gelebt, so schlummerte er am letzten Sabbatnachmittag, erst 63 Jahre alt, hinüber in die ewige Sabbatruhe. .Seine letzten Worte, niedergeschrieben neben vielen anderen für die Kinder, lauteten: „Ich sterbe mit Dank gegen G'tt für alles Gute. Trotz aller Leiden und Sorgen war das Leben doch schön! Meinen vielen Freunden herzlichen Dank für alles, was sie mir Gutes getan!" Aus seinem Andenken wird der gleichgearteten Gattin und den ganz im Geiste und Sinne des Vaters wandelnden Kindern — zwei Söhne und eine Tochter — der wahre Trost erblühen. Bei der Bestattung am Montag mittag fand sich eine große Trauergemeinde in der Friedhofshalle der Israelitischen Religionsgesellschaft ein. Unser Gemeinde-Raw, Herr Rabbiner I. Horovitz, schilderte in ergreifenden Worten den Verlust und würdigte die Persönlichkeit Jakob Eisenmanns als Als letzte Ehrung erteilte er den: Heimgegangenen den ->2N-Titel. Im Aufträge eines weiten Freundeskreises brachte Herr Redakteur S. S ch a ch o w i tz den Schmerz desselben zum Ausdruck. Er hob. besonders zwei menschliche Züge im Wesen des Verschiedenen hervor: seine treue Liebe und Anhänglichkeit zum Alten, ob es seiner Vaterstadt oder seine Kehilla betraf, und seinen herrlichen Humor, als Ausfluß einer reinen, heiteren jüdischen Seele. Zuletzt rief ein Mitglied der „Ge feilsch ast der Freund e" dem heimziehenden Bruder letzte Grüße nach. Wir werden Jakob Eisenmann ein treues, liebes Ändenken bewahren. rraxan-; Befreiungsfeier in der Israelitischen Volksschule. Die Israelitische Volksschule veranstaltete eine würdige Feier anläßlich der Befreikng der Rheinlands.