Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1930)
- Date
- 1930-07-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Teile 6 Nr. 28 Der Israelit 10. Zull 1930 über herrschte, daß der Ritual-Ausschuß einzig und allein dem konservativen Kultus-Ausschuß untersteht, wollte sich der Vorstand nicht das Recht nehmen lassen, die Mitglieder des Ritual-Ausschusses zu ernennen. Die konservativen Vertreter bestanden jedoch auf ihren Forderungen und drangen damit durch. Der Ritual-Ausschuß ist demgemäß vollkommen autonom und unabhängig auch in bezug aus die Anstellung der für die rituellen Anstalten benötigten Beamten, die aus den vom Ritual-Ausschuß vorgeschlagenen Personen zu wählen sind. Alle rituellen Einrichtungen und Anstalten der Gemeinde unterstehen allein dem Ritual-Ausschuß. Auch die Frage der Einführung des von der liberalen Kultus-Kommission des Preußischen Landesverbandes herausgegebenen sogen. Einheits-Gebetbuches war Gegenstand lebhafter Auseinandersetzungen. Eine von den Liberalen beantragte Resolution, dieses Gebetbuch einzuführen, wurde abgelehnt und stattdessen die Entscheidung darüber, ob ein neues Gebetbuch anstelle des jetzt üblichen eingeführt wird, der betr. Kultus-Kommission überlassen, die mit zwei Drittel Mehrheit und mit Zustimmung des zuständigen Gemeinderabbiners beschließt. Interessant war in diesem Zusammenhang die Stellung des zionistischen Vertreters Dr. Bodenheimer im Vorstand, der im Gegensatz zu seinen Fraktionskollegen die Einführung des Einheits-Gebetbuches befürwortete, obwohl ihm deutlich zum Bewußtsein gebracht wurde, daß der Gedanke an Zion grundsätzlich aus dem Einheits-Gebetbuch entfernt ist. Tagung des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden. München, 3. 9uu. Am letzten Sonntag hielten die Körperschaften des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden in München ihre Jahrestagung ab. Der Vorsitzende, Geheimrat Prof. Dr. Silberschmidt, eröffnete die Versammlung mit einer Begrüßung der Teilnehmer, worauf eine Begrüßung im Namen der Münchener Kultusgemeinde durch Justizrat Dr. Oestreich erfolgte. Er erhebt Anklage gegen das Unrecht, das den deutschen Juden angetan wird. Ein Vertreter des Unterrichtsministeriums versichert den Verband des vollen Vertrauens der Staatsregierung. Er empfiehlt, die Zusammenarbeit von Verband und Rabbinerkonferenz nicht aufzugeben. Bürgermeister, Geheimrat Dr. K ü f n e r, sagt, die bayerische Judenheit, schon zahlenmäßig ein durchaus beachtender Teil der bayerischen Bevölkerung, zähle eine große Reihe tüchtiger Männer in ihrer Mitte. Eine Mitarbeit aller sei heute nötig. Das erste Referat hält Rabbiner Dr. Beerwald- München über das Thema: „Jüdische Bildung eine Aufgabe der Zeit". Nach einer Definition des Wortes Bildung sagt er, die Pflege der jüdischen Bildung, deren Grundlage die Thora ist, sei Aufgabe der heutigen Zeit. Ersatz für religiöses Leben sei sie nicht, aber sie mache die Seele empfänglicher für die Gläubigkeit. Der Weg muß von der leidigen Gemeindepolitik zum freudigen Gemeindeleben führen. Herr Oberlandesgerichtsrat, Dr. N e u m e y e r, erstattet den Geschäftsbericht. Die schwierige wirtschaftliche Lage haben besonders die Juden und natürlich auch der Verband zu spüren. Er hat einen starken Rückgang der Steuereinnahmen zu verzeichnen und unter diesem Zeichen steht auch der neue Etat. Im Vorjahre seien gegenüber einer Einnahme von 635.000 Mk. im Jahre 1928 und einem Voranschlag von 626.000 Mk. nur 596.000 Mk. an Umlagen eingegangen. Der Ausfall von 30.000 Mk. habe aus den Reserven früherer Jahre gedeckt werden können. Der Umlageeingang, auf den Kopf der jüdischen Bevölkerung umgerechnet, ergebe einen Betrag von 12.13 Mk. Von dem gesamten Umlageeingang entfielen auf die Gemeinden München 42,26 Proz., Nürnberg 25,98 Proz., Fürth 8,30 Proz., Augsburg 4,05 Proz., Würzburg 3,86 Proz., Bamberg 2,25 Proz. und Aschaffenburg 1,64 Proz. Auf die sieben Gemeinden zusammen also 88,34 Proz. Der Staatszuschuß habe wiederum 70,000 Mk. betragen. Der Verband behalte sich vor, auf eine Erhöhung dieses Zuschusses zurückzukommen, wenn die Finanzverhältnisse des Staates wieder geordnet feien. Die Jahresrechnung 1929 schließe ab mit einem Betrag von 725.000 Mk. Der Etat des laufenden Jahres (Vorlage der Verbandsleitung) bilanziere mit 593.000 Mk. Der Berichterstatter. bespricht noch die einzelnen' Posten. Der Würzburger Israelitischen Krankenstiftung ist ein mustergültiges L a n d h e i m für etwa 50 Pfleglinge angeschlossen. Ein ungenanntseinwollender Freund hat 100.000 Mark für das Landheim letzthin bestimmt. Durch Bewilligungen und Darlehen konnte der Verband den Neubau der Würzburger Lehrerbildungsanstalt ermöglichen. Im übrigen habe man sich im Etat große Beschränkungen auserlegen müssen. Zu dem am 1. Oktober in Kraft tretenden Schlichtv erböte sagt Dr. Neumeyer ungefähr folgendes: Derselbe Staat, der bis zum Erlaß, der neuen Reichs- und Landesverfassung im Jahre 1919 die Beschaffung ritualmäßigen Fleisches für jede jüdische Gemeinde als ein noli me tangere, als eine unverzichtbare Angelegenheit bezeichnet und im Falle der Zuwiderhandlung mit der Auflösung der Gemeinde Ledroht habe, habe die Beschaffung solchen Fleisches nunmehr mit einer Gefängnisstrafe bis zu 6 Monaten bedroht. Alle Beteiligten seien sich bei Erlassung des Gesetzes im klaren gewesen, daß eine von jüdischer Seite mit dem Religiönsgesetz als vereinbar erklärte Betäubungsmethode nicht vorliege, und auch nicht gesagt werden könne, ob eine solche gesunden werde, so daß der Sache nach das Gesetz einem Schächtverbot völlig gleichkomme. Der staatliche Gesetzgeber habe die Macht, Recht zu schaffen. Ob er von dieser Macht Gebrauch machen wolle und dürfe, darüber entscheidet sein Kulturgewissen. Der alte Staat habe gesagt, die Gewissensfreiheit und die religiöse Uebung auf einer Minorität seien ihm heilig und müßten geschützt werden. Der neue Staat sage, er opfert die Gewissens- und Religionsfreiheit einer Minderheit von Staatsbürgern der Forderung auf schonende Behandlung der Tiere. Die jüdische Religion gebiete die Liebe zu den Tieren. Es sei von ersten Sachverständigen bestritten worden, daß das Schächten eine quälende Schlachtmethode darstelle. In der Verfassung des Reichs und des Landes seien die Gewissens- und Religionsfreifreiheit, die staatsbürgerliche Gleichheit verbürgt. Sei der Staat berechtigt gewesen, diese Grundrechte eines ganzen Bevölkerungsteiles zu beeinträchtigen? Der Verband werde immer wieder fordern, daß dieses Gesetz, soweit es die Juden angehe, aufgehoben werde. Cs klaffe hier eine Wunde am religiösen Organismus der Judenheit, die sich nimmer schließe. Er' mahnt zum Schluß zur Einigung, zur Festigung nach innen und zur Abwehr nach außen. Die geschäftlichen Beratungen fanden am Sonntag nachmittag statt. Nach Entgegennahmeder Berichte über die Finanzen und den Wohlfahrtsetat, erstattet von Kommerzienrat Rosenzweig, Nürnberg, und Justizrat Dr. Strauß, München, und nach einer lebhaften Aussprache wurde die Jahresrechnung, von 1929, wie der Voranschlag für das laufende Jahr genehmigt. Der Umlagensatzfür die Verbandsumlage beträgt wieder wie im Vorjahre 3 Proz. Es wurde ein Beschluß gefaßt, in lehrerlosen Gemeinden, die den Religionsunterricht durch Lehrer der Nachbargemeinde besorgen lassen, Gemeindemitglieder zum Vorbeten und Leienen auszubilden und heranzuziehen. Den zweiten Tag der Beratung füllten die Verhandlungen über die Regelung der Bezirksrabbin a t e aus. Justizrat Dr. H o m m e l, Schweinfurt, weist in seinem Referat auf die ablehnende Stellung der Orthodoxie zum aktiven Stimmrecht der Frauen bei Rabbinerwahl hin. Ein überbrückender Antrag von Justizrat Dr. Strauß, die mittelbare Wahl, der Rabbiner durch die Bezirksversammlung vorzusehen, cheiterte an der Forderung der Liberalen auf Wählbarkeit der Frau zur Bezirksversammlung, wozu sich die- Orthodoxie aus religionsgesetzlichen Gründen nicht verstehen kann. Die Mitglieder der I ü d i s ch e n Volkspartei sind hierin geteilter Ansicht. Bei Abstimmung über den gesamten Entwurf ergab ich, daß die^ orthodoxen Gegner des Frauenwahlrechts mit 20 Stimmen in der Uebermacht waren. Damit wurde der ganze Entwurf zur Regelung der Bezirksrabbinate zu Fall gebracht. . , Die Tagung schloß am Sonntag abend mit einer Festveranstaltung der Kultusgemeinde München. Um die Mohlfahrtsarbeit der Jüdischen Gemeinde. M ü n ch e n, 6. Juli. Zu einer ganz unerwarteten stürmischen Auseinandersetzung kam es in der Sitzung der Gemeindekollegien und des sozialen Ausschusses in voriger Woche. Nachdem Justizrat Dr. Strauß als Referent einen Bercht über die Tätigkeit des Wohlfahrtsamtes, das über einen Ausgabenetat von 123.000 verfügt, erstattet hatte, wobei er hervorhob, daß das Wohlfahrtsamt jeden hilfesuchenden Juden ohne Rücksicht auf Herkunft und Staatsangehörigkeit betreue, richtete in der Aussprache der Führer der liberalen Fraktion, Kommerzienrat Dr. Wassermann, heftige Angriffe gegen das Wohlfahrtsamt, seine Leitung und seine Beamten. Es werde in Deutschland im allgemeinen und in der Münchener Gemeinde insbesondere viel zu viel Sozialpolitik betrieben, wobei man einen unberechtigten Aufwand für Personalausgaben und sachliche Spesen treibe. Man habe den Eindruck, die Gemeinde solle zu einer zionistischen Volksgemeinde umgestaltet werden. Dr. Strauß verwahrte sich gegen die ungerechtfertigte Kritik und wies nach, daß man Wohlfahrtsarbeit nicht bloß mit dem Verstände betreiben könne, sondern auch mit dem Herzen. Die Hervorhebung gleichmäßiger Behandlung auch der ostjüdischen Fürsorgebedürftigen sei kaum überflüssig. Höchst unberechtigt seien die beleidigenden Angriffe des liberalen Führers gegen die Beamten des Wohlfahrtsamtes. -oer Vorsitzende, Oberlandesgerichtsrat Neumeyer, bemühte sich,, die Wogen der Erregung zu glätten- und ausgleichend zu wirken. Der Vorstoß des liberalen Fraktionsführers scheint nur teilweise auf persönliche Motive zurückzusühren und deutet darauf hin, daß die Liberalen offenbar in der Furcht vor weiteren Steuererhöhungen aus eine Einschränkung des Wohlfahrtsetats hinarbeiten. Zum Jubiläum der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt. W ü r z b u r g, 7. Juli. Ein Ausruf an die ehemaligen „Würzburger" hat folgenden Wortlaut: Wenn wir in diesen Tagen die goldene Jubelfeier des Israelitischen Lehrervereins in Bayern festlich begehen, eines Vereins, der so manches treubewährte Mitglied auch jenseits der weihblauen Grenzpfähle zu den Seinen zählt, dann gedenken wir, in die Vergangenheit rückschauend, einer geplant gewesenen ähnlichen Festtagung, die vor 16 Jahren auch in der schönen Frankenmetropole abgehalten werden sollte, durch ungeahnte Zeitenstürze aber verhindert wurde: die Jubelfeier 50jährigen Bestehens der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt Würzburg. Alle Vorbereitungen waren getroffen, in Heller Begeisterung hatten die Hunderte der ehemaligen Schüler des Würzburger Seminars den Gedanken gemeinsamer Feier als lebendige Bekundung des Gefühles der Zusammengehörigkeit erfaßt; da brach der fürchterlichste der Kriege 1914 aus, wenige Tage vor dem vorgesehenen Jubiläumstage, und die wilde Kriegsflut begrub auch Fest und Feier in ihrem tosenden Wirbel' So mancher wackere Kollege und ehemalige Mitschüler mußte sein Leben dem Vaterlande zum Opfer, bringen, mancher andere mußte seitdem dem irdischen Leben natürlichen Tribut zollen, neue Lehrergenerationen sind seitdem herangewachsen, aber die alte Bildungsstätte besteht noch und — wir hoffen und erwarten es — in unseren Reihen der Geist von 1914, der Geist der treuen Anhänglichkeit zur alten alma mater. Sie hat die Jahre von Sturm und Ebbe im öffentlichen Leben überdauert, hat ungeheure Schwierigkeiten und Fährnisse überwunden und erscheint gleichsam neu verjüngt, ein als lodernder Flamme sich stets neu belebender Phönix von unseren Augen. Immer neue Zweige hat sie getrieben, neuen Aufstieg genommen statt drohenden Niederganges, ein Bild zähester Lebenskraft und — Lebensnotwendigkeit. Ein neues Anstaltsgebäude ersteht zur Zeit, das, allen modernen Anforderungen in pädagogischer, hygienischer und ästhetischer Beziehung Rechnung tragend, auch in kluger Voraussicht der Zukunft und ihren möglichen Forderungen gerecht zu werden verucht. Wir freuen uns unserer alten alma mater, wir 'md stolz auf sie, wir möchten dem Gefühl, das uns alle Zeit mit ihr verbindet, auch sichtbarlich Ausdruck verliehen wissen. Es war 1914 eine „Vereinigung ehemaliger Würzburger" beabsichtigt; der hier an erster Stelle Mitunterzeichnete führte inden konstituierenden Beratungen den provisorischen Vorsitz. Sollte nicht das Vereinsjubiläßm der Lehrerfchatf die passendste Gelegenheit bieten, da so viele ehemalige Schüler aus Ost und West, aus Nord und Süd in Würzburg sich festlich gestimmt zusammenfinden, den nur ausgeschobenen, nie aufgehobenen Gedanken der „Vereinigung ehemaliger'