Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 28 (10.7.1930)
- Date
- 1930-07-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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10. Julr 1930 Nr. 28 Seite 5 Der Israelit und Leistung der Juden irm und nach dem Kriege hinrvies. Wir möchten das Gedenken an unsere Gefallenen im Stillen pflegen, doch zwingen uns unsere Feinde, von unseren Opfern laut zu sprechen. Redner bespricht dann die Pogromdrohungen des Reichstagsobgeordneten Goebbels. Wir protestieren nicht aus Furcht, sondern um die Regierung auf die Dinge zu lenken und hie Juden selbst wach zur Abwehr zu hasten, um schließ? lich Deutschland selbst, zu ermahnen, sich durch gervissenlose Elemente nicht aus der Reihe der Kulturstaaten ausschalten zu lassen. - Der Vorsitzende, der Berliner Jüdischen Gemeinde, Direktor Kareski, erinnert an Räthenau und Preuß und legt ein Bekenntnis zur deutschen Republik ab. Im Aufträge der Preußischen Regierung ergreift nun Ministerialdirektor Dr. Brecht das Wort: „Die preußische Staatsregierung," sagt er, nach einer scharfen Abrechnung mit der deutschen Schmach, „wird mit allen Mitteln den Versuch eines Terrors bekämpfen. Sie wird vor keinem Machtmittel zurück schrecke n." Als letzter sprach Professor Georg Bernhard. Es sei schon das Schicksal der Juden in ihrer ganzen Exilgeschichte, daß Man alle Schuld der Welt auf che abrvälzt. Die Hetze. gegen die Erfüllungspolitik eines Rathenau wird heute. durch die Befreiung her Rheinufer Md? absurdum, geführt. Er erinnert daran, daß das Rheinland die Wiege des deutschen Judentums fei, wo die Juden am der Begründung der deutschen Kultur beteiligt waren. Rheinjuden haben, in Jahren der Ber-. folgung. deutsche Sprache und deutsche Kultur nach dem Osten getragen, wovon der sogenannte Jargon heute noch zeugt. Die Judenhetze erklärt sich immer und überall-aus der Schwachheit, der. Juden., Sie ist uns aber immer gut bekommen. Dem R. j. F. ruft er ein HebräischesChasak zu. Es wird dann eine Resolution im Sinne der Referate angenommen. .. Der Verbandstag der jüdischen Handwerker Deutschlands. . Köln, 1. Juli. Im Mittelpunkt der Arbeitssitzungen des 9. ordentlichen Berbandstages 'des Zentralverbandes jüdischer Handwerker Deutschlands, e. B„ (Sitz Berlin) standen die' Referate des Glasermeisters Ist Kahn- Frankfurt: v. M. über „Eigenbetriebe oder Ausbauhilfe' in den Gemeinden" und des Maurermeisters Julius Perl-Breslau über „Hilfe für den gewerblichen Mittelstand, durch Ausbau und Zusammenschluß der jüdischen Kreditinstitute". Kahn. hält diese Eigenbetriebe im Hinblick «uf die fortschreitende Rationalisierung und Mechanisierung der Industrie für keineswegs konkurrenzfähig. Es müßten bedeutende Summen für deren Einrichtung investiert werden, die in keinem Verhältnis zu dem dadurch epentl. zu erzielenden Erfolg stehen und die für andere produktive Zwecke weit besser verwendet werden könnterii Ülch Fächbetriebe' zu schaffen, müßte ein größerer Deili,!qstalifizierterArheitd'r unter den Arbeitslosen seich di^ -stach unseren Erfahrungen auch ohnedies Ar- Lettsmöglichkeiten haben, öder man denkt an die Anfertigung pon Massenartikeln durch ungelernte Arbeiter.' Beide!: Arten der Betriebe bergen eine ungeheure Gefahr in ' sich. Gegen die Einrichtung von F a ch betrieben wendet er sich mit allem Nachdruck, da sie «ne schwere Schädigung des Mittelstandes bedeutet und weit der in seinem Existenzkampf schwer ringende ju- -difche gewerbliche Mittelstand es als ein Unding betrachte, wetin -die Gemeinden aus Mitteln ihrer Steuerzahler Konkurrenzbetriebe errichten, die geeignet' sind, eine große Anzahl von Mittelstandsexistenzen zum Erliegen zu bringen : und dadurch ihren Wohlfahrtsetat erheblich erhöhen müßten. Julius Perl zeigte die Not auf, aus der heraus der Ruf nach Hilfe ertönt. Wir leben in einer Art Chaos; niemand weiß, was werden und wie es enden wird. Wenn wir nun die Erfahrung gemacht haben, daß die Errichtung von Darlehenkassen nachhaltige Hilfe gebracht hat, so muß auch die Möglichkeit vorhanden sein, durch Zusammenfassung, durch Zusammenschluß der Kreditinstitute noch viel größere Hilfsmöglichkeiten zu schaffen. Die Darlehenskassen Und' Kreditgenossenschaften müssen das Kreditbedürfnis laufend befriedigen; durch Stärkung derselben wird der Wohlfahrtsetet der Gemeinden stark entlastet. ' Sfc Woche. Frankfurt a. M. Eine im Aufträge der Israelitischen Gemeinde herausgegebene Eedenkfchrift für Franz Rose n z w e i g enthält neben einer. Biographie Rosenzweigs. und einer Bibliographie seiner Werke u . a, Artikel von Martin Buber. Eduard Strauß, Ernst Simon und Leo Baeck. Berlin. Aus einer Schökkenschen Stiftung wurde ein F o r t s ch r i t t i n st i t u t für Geschichte -und Quellen st u d i ü m der h e b r ä i s ch e n D i ch tu n g gegründet. Zum Leiter des Instituts wurde Herr Dr. B r o , bisher Oberrabbiner in Prag, berufen. — Maurice Glogau, einer der führenden Persönlichkeiten der jüdischen sozialen Fürsorge in Berlin ist in der Schweiz im Alter von 62 Jahren an Herzschlag gestorben. Weimar. Mit 25 gegen 22 Stimmen wurde im Landtage ein Mißtrauensvotum gegen F r i ck angenommen. Von national-sozialistischer Seite wird aber erklärt, daß Frick gar nicht' daran denke, aus dieser-Abstimmung die Konsequenzen zu ziehen, da die Verfassung für den Rücktritt , eines Ministers mindestens die Hälfte der Stimmen aller Abgeordneten vorsieht. Moralische . Bedenken gelten für diese Herren nicht. Budapest. Mit Rücksicht auf die große Not, in . der sich die Mischen. Gemeinde,! Ungarns befinden^ wurde auf emer allgemeinen Tagung der jüdischen Gemeinden Ungarns ^beschlossen, die Staatsbehörden zu ersuchen, die religiöse und kulturelle Gemeindearbeit nach dem Verhältnis zur Zahl der Juden zu unterstützen. Prag. Im August 1928 wurden auf dem jüdischen' Friedhof in P r e r a -u 49 Grabsteine zertrümmert. Die Täter,. Jugendliche von 15 bis 19 Jahren, wurden jetzt zu Kerkerstrafen bis zu einem Monat verurteilt. Mit Rücksicht auf ihr jugendliches Alter bekamenf. sie Bewährungsfrist. Bukarest. Auf Intervention des Senator Dr. Ebner wurde vom Ministerium veranlaßt, daß 100 Gendarmen nach den von Pogromen bedrohten Städten der S ü d - B u k o w i n a abgesandt wurden. Posen. Am 3. Juli fanden in Posen ernste Ausschreitungen gegen Juden statt. In vielen Cafees wurden zahlreiche Juden' von Studenten überfallen. Ein jüdisch aussehender Konsulatsbeamte wurde schwer mißhandelt. Riga. Louis S eg alow i c z wurde von der lettländifchen Regierung zum Konsul in Breslau ernannt, Paris. In Paris verstarb an Tuberkulose Dr. Daniel^ Pasmanik, der bis zur bolschewistischen Revolution in der zionistischen Bewegung eine bedeutende Rolle gespielt hat. Aerusakem. Arabische Zeitungen berichten von einem Ware n - boykott gegen England, der sich auf Palästina, Syrien -und Indien erstreckt. Alle Araber und Moslemiten würden aus diese Weise -geschlossen gegen Englands Palästinapolitik protestieren. — Die in Petach Tikwah eingereihte Jeschiwah ist nicht, wie an dieser Stelle irrlümlich angegeben, eine Gründung des Misrachi, sondern eine Filiale der L o m s ch a e r Jeschiwa. Leitung und Jünger sind alle ägudistisch. — Eine Gruppe von 15 Juden besuchte unter Führung von Rabbi Meier Berlin, zum ersten Male nach den August- Unruhen. die M a ch p ela-Gräbe r bei Hebron. Sie konnten feststellen. daß auf dem! Friedhof einer der Steine auf den Märtyrer- . Gräbern zertrümmert wurde. Warschau^ In . her Stadt Kowel fanden Judenausschreitün-,: gen statt, bei denen 40 Juden verletzt wür-i! : den. Merico City. In den Probinzorten Mexicos macht sich feit einiger Zeit eine starke antisemitische Bewegung bemerkbar, die die Juch enschüft mit Besorgnis erfüllt.. Die in Merico Eity erscheinende „Jiddische Zeitung" veröffentlichtein von 20 jüdischen Familien in der Provinz San Louis Potosi Unterzeichnetem Schreiben, in welchem mitgeteilt wird, daß - in der Bevölkerung eine scharfe Boykott-Bewegung gegen die jüdischen Kaufleute besteht. Moskau. Aus Anlaß der am 29. Juni abgelaufenen Frist für die Wiedereinsetzung der ,,Lischenzestz (Personen ohne Wahlrecht), in ihre Rechte wird mitgeteilt, daß in Moskau die Hälfte der jüdischen ,,Lischenzes" das Wahlrecht erhalten hat. In manchen jüdischen Kleinstädten der Ukraine wurde fast allen Einwohnern das Wahlrecht verliehen. Religiösen Funktionären und früheren Eroßkaufleuten wird auch weiter das Wahlrecht vörenthalten. Saloniki. Die jüdische Gemeinde in Saloniki ist an den Oberrabbiner von Trier, Dr. Adolf Altmann, mit dem ehrenvollen Ruf herangetreten, auf den dort vakanten Oberrabbinerposten zu kandidieren. Ob Dr. Allmann dem Rufe Folge leisten wird, ist noch nicht bekannt. Resolutionen im Sinne der Referate wurden einstimmig angenommen. Eine neue Gemeinde-Verfassung der Kölner Einheitsgemeinde. K ö l n, 8. Juli. Nach langen Verhandlungen wurde seitens der Repräsentanz der hiesigen Synagogengemeinde der Entwurf einer Kultus-Trennung verabschiedet. Infolge Ablehnung weiterer Reformen seitens der aus den letztem Gemeindewahlen vor etwa 3 Jahren hervorgegangenen positio-gerichteten Mehrheit wurde von den Liberalen der Antrag gestellt, nach dem Vorbild der Breslauer Gemeinde 2 Kultus-Ausschüsse zu bilden, einen konservativen und einen liberalen. Jeder dieser Kultus- Ausschüsse soll die Angelegenheiten seines Gottesdienstes und seines Religionsunterrichtes selbständig durch eigenen Vorstand regeln und so jeder der Verantwortung für das Tun des anderen enthoben fein. Ein weitergehender früherer Antrag auf völlige Budget-Trennung wurde als nicht durchführbar fallen gelassen. Wenn man sich auch auf konservativer Seite dessen bewußt war, daß man mit der geplanten Kultustrennung von der Verantwortung für die religiösen Einrichtungen und die Beschlüsse der Verwaltung nicht .ganz befreit ist, so glaubte man doch-auf Grund eingeholter Gutachten hervorragender gesetzestreuer Rabbiner durch die Neuordnung der Dinge die Verantwortung gegenüber dem jetzigen Zustand wesentlich herab mindern zü können. Hinzukam noch die Gefahr, oaß eine Anzahl steuerkräftige Gemeindemitglieder mit ihrem Austritt drohten und die von der Gemeinde subventionierten gesetzestreuen Einrichtungen leiden würden. Wenn sich so in dem Wunsch um die Erhaltung des Friedens und der Einheit in der Gemeinde die Vertreter der Gemeide begegneten, so stand es für die konservative Mehrheit in den Fraktionen doch fest, daß es für sie bei allem guten Willen eine Grenze gibt, über die hinaus sie nicht gehen konnten. In erster Linie handelt es sich um die Entführung eines Sonntags-G'ttesdienstes oder um eine sog. Sonntags-Weihestunde und, damit verbunden, um die Frage der vubventionierung von Einrichtungen aus Gemeind Mitteln, wie solche von der inzwischen auf der Bildfläche aufgetauchten linksliberalen Vereinigung der sog. „Gemeinschaft" für ihre Zwecke verlangt wurden. Um diese beiden Punkte spielte sich der Hauptkampf ab, mit dem Ergebnis, daß weder das eine noch das andere statrfinden wird. In bezug auf den Sonntags-G'ttesdienst hatte sich der Gemeindevorstand in seinem Entwurf das Recht der alleinigen Entscheidung Vorbehalten. Der konservative Standpunkt ging dahin, daß über religiös-gesetzliche Dinge weder der Vorstand noch die Repräsentanz bestimmen könne und daß durch Statut ein für alle Mai festgelegt werden soll, ein Sonntags-G'ttesdienst dürfte in den Hemeindesynagogen nichtstattfinden. Da für einen solchen Beschluß eine Mehrheit nicht erzielt werden kqnnte, wurde der Antrag angenommen: lieber die Mage des Sonntags-G'ttesdienstes öder einex als Ersatz des Samstags-G'ttesdienstes: i dienendö Peranstaltung entscheidet der Vorstand und Repräsentanz gemeinsam mit zwei Drittel Mehrheit. Praktisch ist damit die Ablehnung des Sonntags-G'ttesdienstes innerhalb der Synagogengemeinde beschlossen worden. . Die Subventionierung von Einrichtungen der linksliberaken Gemeinschaft wurde abgelehnt, dagegen die Bildung von Kultus-Vereinen gestattet, denen -auf Grund besonderer Vereinbarung ein bestimmter Prozentsatz ihrer Steuer überlassen werden kann. Diese Vereine regeln ihre Angelegenheiten selbst; ihre Beamten sind keine Gemeindebeamten. Die Regelung war so gedacht, daß der ihnen zugestandene Steuer-Prozentsatz von den Mitgliedern der Kultusvereine zurückgehalten werden sollte, während die restlichen Beträge in die Gemeindekasse eingezahlt werden. Da sich technische Schwierigkeiten bei dieser Regelung ergaben, wurde beschlossen, daß für diese Vereine ein besonderes Konto eingerichtet werde, auf das die Mitglieder ihre Steuern einzahlen. Der den Kultusvereinen zugesagte Prozentsatz wird den Mitgliedern von diesem Konto aus zurückgegeben, während der übrige Teil in die Gemeindekasse überwiesen wird. Eine Budgetierung der zurückgegebenen Beträge -findet nicht statb Erhebliche Schwierigkeiten bereitete auch die Frage des Ritual-Ausschusses. Während Einstimmigkeit dar-