Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1930)
- Date
- 1930-07-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Nr. 27 Der Israelit 3. Juli 1930 Polen. Rabbi Schapiro Oberrabbiner von Lublin. L u b l i n, 29. Juni. Unabhängig von den Feierlichkeiten der Einweihung (siehe ausführlichen Bericht in den Agudablättern), fand eine Sitzung des Kehillarates mit der Tagesordnung: Rabbinerwahl statt. Die Sitzung dauerte die ganze Nacht hindurch. Die B u n d i st e n, die mit Recht in der Weltjeschiwa eine feste Burg gegen ihre zersetzende Ideologie sehen, kämpfen gegen 'den Schöpfer der Jeschiwa mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mtiteln. In dieser Sitzung wurde von ihnen sogar mit Gas- und Stinkbomben gearbeitet, so daß manche Ratsmänner ohnmächtig hinausgetragen werden mußten. Als sie mit diesen „Argumenten" doch schließlich nichts erreichten und damit nur ihre Ohnmacht bekundeten, verliehen sie gegen sechs Uhr morgens ostentativ den Saal. In Abwesenheit der radikalen Linken wurde 7 Uhr morgens die Wahl oorgenommen. Einstimmig wurde nun Rabbi Scha - p i r o , bisher Rabbiner in Pietrokow, zum Oberrabbiner von Lublin gewählt. Die Ratmänner begaben sich dann in corpore zu Rabbi Schapiro, um ihm die Wahl mitzuteilen und die Glückwünsche zu überbringen. In späterer Vormittagsstunde fand in der M a harsch a l - S ch u l die Einführung statt. Auf dem jahrhundertealten Rabbinerstuhl saß der neue Oberrabbiner und ihm wurde von der Menge mit Worten und Liedern gehuldigt. Nach altem Brauch gingen die Schüler auf den alten Friedhof, um an den Gräbern der früheren großen Führer Lublins für den neuen Oberrabbiner zu beten. Der Regierung wurde die Neubesetzung der Oberrabbinerstelle in Lublin offiziell mitgetelit. Der „Bund" ruft zu Protestversammlungen auf, doch wird diesem letzten Ausbruch wilder Leidenschaft und eines radikalen Fanatismus wenig Bedeutung beigemessen. Eine beachtenswerte Stiftung. Lublin, 22. Juni. Unter den vielen Stiftungen, die in den letzten Tagen für die Lubliner Jeschiwa gemacht worden sind, ist besonders zu beachten eine Stiftung der vor drei Jahren verstorbenen Frau S o k o l o w , der Gattin des bekannten zionistischen Führers Nachum So ko low. Sie starb vor drei Jahren in London und äußerte letztwillig den Wunsch, ihre kostbaren silbernen Sabbatleuchter der Weltjeschiwah in Lublin zu überlassen. Die Leuchter langten jetzt in Lublin ein. England. Erklärung der Politischen Kommission der Iewish Agency. London, 29. Juni. Die Politische Kommission.der Iewish Agency hat nach Beendigung ihrer Tagung eine Erklärung relassen, in der es u. a. heißt: In Verfolg der im Shaw-Bericht oargelegten Richtlinien hat die Regierung einen Experten entsandt, der die Bedingungen zu definieren hat, unter denen von jetzt ab die Entwicklung des jüdischen Nationalheims vor sich gehen soll. Wir zweifeln die Kompetenz oder die Unparteilichkeit von Sir John Hope Simpson gewiß nicht an, wenn wir uns außerstande erklären, den Bericht eines Experten als ein Verdikt über die Zukunft des Jüdischen Nationalheims zu akzeptieren. Technische und wirtschaftliche Ueberlegungen können gegen Imponderabilien des Willens und der Arbeit eines Volkes nicht ins Treffen geführt werden. Die Entschlossenheit und die Energie des jüdischen Volkes können die potentiellen Möglichkeiten Palästinas über die Grenzen einer zeitbedingten Definition hinaus erweitern. Die Errichtung des Jüdischen Nationalheims ist das zentrale Ziel des Palästina-Mandates; die einzig mögliche Politik, die von der Mandatarmacht verfolgt werden kann, ist bereits festgelegt, die Politik nämlich: zu allen Zeiten jenes Maximum jüdischer Einwanderung zuzulassen, das der Aufnahmefähigkeit Palästinas entspricht. Wir setzen Vertrauen in die moralischen Energien des jüdischen Volkes, wir werden stets auf unsere Rechte pochen. Wir werden unser Werk fortsetzen und den uns vom Schicksal gewiesenen Weg weitergehen. Unsere Generationen alte Entschlossenheit, nach Palästina zurückzukehren, kann nicht ins Wanken gebracht werden. In dieser Stunde, in der die Wege vorgezeichnet werden, die wir vielleicht viele Jahre lang werden gehen müssen, wenden wir uns noch einmal an die Araber und an die Mandatarmacht. Wir wollen keine mit unserer Ehre vereinbarliche Anstrengung scheuen, um eine Zusammenarbeit mit den Arabern in der Arbeit für die Entwicklung des Landes sicherzustellen, und wir fordern die Araber auf, eine solche Zusammenarbeit möglich zu machen. Bon der britiscyen Regierung aber fordern wir, daß sie wieder einmal ihre Aufgabe in Palästina mit den Augen jener Männer sieht, die die Balfour-Deklaration verfaßt haben. Palästina. Das Recht der Juden auf die klagemauer. Jerusalem, 28. Juni. Wie bereits kurz gemeldet, überreichte oie jüdische Delegation auf der Internationalen Klage mauerkonferenz der Kommission ein ...emorandum, in dem der jüdische Standpunkt klargelegt wird. Zur Begründung des Memorandums hielt Dr. Mordecyai E l i a s h eine Ansprache, in der er scharf der moslemiuschen Behauptung entgegentrat, daß die Juden keinerlei Rechte aus die Mauer hätten. Wird doch schon im W e ißb u ch der britischen Regierung die Mauer als jüdisches Heiligtum anerkannt. Die Beziehungen der Juden zu der Mauer reichen bis in das Mittelalter und noch viel weiter zurück. Mit dem Weißbuch hat der Großmufti auch ^,c Aufsagung akzeptiert. Bei der Prüfung der Frage, ob die Mauer Moschee-Eigentum sei, müssen nicht allein die augenblicklichen, sondern auch die einstigen ,:.u)te und Verhältnisse in Erwägung gezogen werden. Im Paläsiinamandat ist der freie Zutritt zur Mauer und die freie Andachtsübung vor derselben gewährleistet. Alte Photographien beweisen, daß man früher Stühle und Wandschirme an der Mauer anstandslos aufstellen konnte. Wären auch die materiellen Eigentumsrechte der Moslims an der Mauer bewiesen, so können doch die Juden Achtung von Rechten verlangen, die seit uralter Zeit in Geltung sind. Der Vorsitzende der Kommission, Loefgreen, dankte für das ausgiebige Memorandum und versprach im Namen der Kommission, dasselbe genau studieren zu wollen. Er erklärte, absolute materielle Eigentumsrechte auf Heiligenstätten feien nicht feftzuftellen noch anwendbar. Er stellte an die moslemitische wie jüdische Vertretung eine Reihe von Fragen, u. a. welcher Unterschied zwischen der Andacht in der Synagoge und an der Mauer bestehe, wer die Gottesdienste an der Mauer arrangiere. Eliash erklärte sich bereit, all die Fragen eingehend zu beantworten . Er überreichte auch eine Liste des Rabbinischen Komitees zum Schutze der jüdischen Heiligenstätten in Palästina. Mit einem großen Bildermaterial bewies er, wie die jüdische Andacht vor der Mauer in früheren Jahrzehnten vor sich ging. Eine Reihe von Rechnungen und Quittungen belegen, daß die Juden früher an die Araber Geldsummen aushändigten für die Entfernung des Kehrichts und diverse Reparaturen an der Mauer, für Aufstellen und Reparieren von Bänken und für Versorgung der Vetnischen mit Wasser zum Händewaschen usw. wegen Anhäufung aktuellen Materials mußte eine Reihe von Rachrichten und Personalnotizen zurückgestettl werden. Personalien. Pelrovac (Jugoslawen), 24. Juni. Nach einem kurzen, aber schweren Leiden ist unser Rosch-hakohol, Rabbi Michael Katz. plötzlich verschieden. Eine markante Gestalt verliert in ihm die hiesige Kehilla, denn er war einer der ältesten Baale-batim und stand bereits feit Jahrzehnten im Dienste der hiesigen Kultusgemeinde als Gabboh und später als Präses. Cr war mit den schönsten Tugenden geziert, wie es von einem wackeren Jehudi nur zu erwarten ist. Sein offener gerader Charakter, sein bescheidener Austritt, seine anspruchslose Lebensführung und seine Bestrebung, ein frommes und redliches Leben zu führen, haben nicht nur seine Glaubensgenossen, sondern auch weite Kreise der nichtjüdischen Bevölkerung bewundert und verehrt. Bor etwa 15 Jahren hat der Heimgegangene eine Brücke ßum pofitiven Judentum geschlagen und seit dieser Zeit war er der fleißigste Tempelbesucher, ja sogar an Wochentagen, wo eine Zeitlang überhaupt keine Gottesdienste stattfanden, war er oftmals der einzige Tempelbesucher und es hat keine rauhe Jahreszeit gegeben, die ihn von einem täglichen Schulgehen früh und abends abgehalten hätte. Er rang nach immer steigender Vervollkommnung auf dem Wege der Gesetzestreue und war erster und aufmerksamster Zuhörer der allsabbatlich veranstalteten Mussarvorträge. Pessach konnte er noch im trauten Familienkreise feiern und die steigende geistige Rüstung bis zum Feste der Gesetzgebung mitmachen. Aber schon an diesem Feste gestaltete sich der Gesundheitszustand derart bedenklich, daß er sich — wie wir später erfuhren — seiner Gattin beschwerte: er fühle sich zu schwach, um pn^ n^iy zu sein. Er hat sich trotzdem angestrengt und sein Birchas-kohanim verrichtet. Aber ergreifend war es, wie er während seines priesterlichen Dienstes in Tränen ausbrach, - als hätte er geahnt die nahende Tragödie ... als hätte er instinktiv gefühlt, daß dieser priesterliche Segen der letzte sei in seinem Leben ... Obwohl sich sein Zustand verschlimmerte, ließ er es sich nicht nehmen, bis mi 's naw mit der gewohnten Pünktlichkeit im Tempel zu erscheinen. Er war eben im Begriffe, sich zum gemeinsamen nmyo vbv niederzusetzen, als er von einem Unwahlsein gepackt, sich rasch nach Hause begeben muhte. Cr legte sich ins Bett, das er lebendig nicht mehr verließ . . . Eine Woche später •p^yna 's j?"w hauchte er seine reine Seele im Alter von 71 Jahren aus . . . Um sein Lager standen bangen Herzens fast sämtliche Gemeindemitglieder. Die große Beteiligung an seiner Halwajoh brachte in imposanter Weise den großen Verlust zum Ausdruck. Der Suboticaer Raw «"vPn hielt bei der Bahre einen ergreifenden Hesped. Der Trauerzug begab sich sodann in den Tempelhof, wo Herr Samuel Silber sen. in bewegten Worten vom innigen Freund und treuen Schüler Abschied nahm. — Herr Wilhelm Berger, Vizepräses, und Herr Franz" Schlesinger, Gabboj, fanden rührende Worte. des Abschiedes vom Amtskollegen und Vorgesetzten.' Dann wurde die irdische Hülle zu ihrer ewigen Ruhe getragen und wir hatten den Eindruck, daß mit seinem Hinscheiden ein Stück Geschichte ins Grab getragen wurde. rraxan* Hermann Engel ppy. Würzburg, 30. Juni. wki mtay die Krone unseres Hauptes ist gefallen. So konnte und muhte man sagen, angesichts des unersetzlichen Verlustes, den die Familie, den die ni-mp Würzburg, ja, der bbs erlitten mit dem Heimgang von Hermann Engel, dieses wahrhaft großen Menschern Ausgestattet mit hervorragenden Geistesgaben, von seinen Eltern erzogen, mim '212 by> von Kind auf begeistert für alles Jüdische, bewandert in allen profanen Wissenszweigen, entwickelte sich Hermann Engel schon in jungen Jahren zu einer Porsönlichkeit, die berufen war, einem großen Kreis gleichaltriger und älterer Freunde Vorbild, Berater — und sagen wir es ruhig — Erzieher zu werden. In seinem Elternhaus mit der sprichwörtlichen Gastfreundschaft war Hermann Engeb der Mittelpunkt des großen Kreises, der stets dort versammelt war und der jedem jungen Menschen, der nach Würzburg kam, hier das Elternhaus ersetzte. Kaum ein Mensch, der mit Hermann Engel in Berührung kam, der nicht sein Leben lang an den Eindrücken zehrte, die er von diesem Menschen und dem Hause Engel empfangen hatte. Und als er später die Tochter des großen Michael' Munk Vst als Gattin heimführte und sein eigenes irnpv vvv gründete, setzte er hier die Tradition beider Elternhäuser in großartiger Weise fort. Kaum verheiratet, rief ihn der Krieg vom 1. Tage an nach Homburg in der Pfalz. Als Lazarettinspektor tätig, war es seine beinahe übergroße Gewissenhaftigkeit, sein Gerechtigkeitssinn und feine seltene Güte, die ihm bei Vorgesetzten und Untergebenen in gleicher Weise Achtung und Liebe verschafften in einer Weise, die ein wahrer ovn en-rp wurden. Vor zehn Jahren wählte ihn die Würzburger Gemeinde zu ihrem oms und da er die Eigenschaften, die unsere von einem solchen verlangen, in hervorragendstem Maße besaß, war es eine Selbstverständlich-- keit, daß er an diesem Platze den segensreichsten Einfluß: auszuüben berufen war. Sein großes profanes und jüdisches Wissen — ein p min alten Schlages — seltener Scharfblick, ungeheure Her- ^ensgüte, hervorragendes Rednertalent, vor allem aber die seltene Gabe, bei aller Entschiedenheit der eigenen Meinung, die Gegensätze in liebenswürdigster Weise zu überbrücken, waren die Gründe für das ungeteilte Ansehen bei den Gemeindemitgliedern jeglicher Richtunn und für die großen Erfolge in der Führung der Würzburger Gemeinde. - . So lastete, als vor Jahren die tückische Krankheie dkesen Körper zu untergraben begann, ein ständiger Alpdruck auf der ganzen Gemeinde. Dank, der übermenschuch guten Pflege, die ihm seine Gattin 'm zuteil werde» ließ, konnte in letzter Zeit die Hoffnung auskommen,- baß fern Leiden zum Stillstand gekommen sei. Da wurde' er nun plötzlich in der Nacht zum Sonntag durch eine np'na nn'v entrissen im Alter von nicht ganz 52 Jahren: iwötw. ' r^-3cbc5 v2001* ®ärc 3» schwachum den Eindruck zn schildern, den diese Trauernachricht in der ganzen Stadl auslöste. Unter ungeheurer Anteilnahme der ganzen Familie^ dre von weither herbeigeeilt war, von fast der ganzen Gemeinde und einem großen Teil seiner nichtjüdischen Freunde trug man das, was an Hermann Engel \tevbhd) war, vom Trauerhause zum alten Höchberger raoy w2, wo er an der Seite seines teueren Vaters feine Ruhe finden sollte. Groß war die Zahl der Nachrufe, die im Trauerhause und am 12p gehalten wurde und in bewegten Worten 77 Redner vermochte tränenleeren Auges seinen Gefühlen Ausdruck zu geben — wurde von allen Seiten diesem edlen Manne Würdigung und Dank zuteil. Wir alle aber, die Zurückgebliebenen, na«? c>2n vn*>n ß^np P2.1, beten zu n"2pv in heißer niwv' daß er der gebeugten Gattin, der betagten Mutter und den Geschwistern die Kraft geben möge, diesen Verlust zu ertragen, daß er der ni"np Würzburg Männer erstehen lassen möge, die imstande sein werden, die Tradition Hermann Engels V'ST fortzuführen. masan.