Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 27 (3.7.1930)
- Date
- 1930-07-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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3. Juli 1930 Nr. 27. Seite 3 ■ ■ ■' nich 58erbat, Rabbiner von Tarnopol. Der uns in Abschrift vorliegende Brief ist an die Weltzentrale des Keren Hathora in Wien gerichtet und besagt in wörtlicher Ueberfetzung aus dem Hebräischen folgendes: „In Beantwortung Ihres Brieses kann ich den Bericht meines Enkels voll und ganz bestätigen, und Sie erteilten anbei die Adresse des Rabbiners, der rnich über das betrübliche Ereignis fragte. Der Sachverhalt tu folgender: Der betreffende Mann wanderte noch vor dem Kriege nach Amerika aus. 1920 wurde von dort durch Zeugen bestätigt, daß der Mann gestorben sei. Die Zeugenausnahme geschah durch ein Besdin auf Grund pemlicher Ausforschung, und nachdem die Zeugen ihre Aussagen im Bes Hamidrasch feierlich beschworen hatten. Darauf wurde der Frau im Jahre 1921 erlaubt, sich wieder zu verheiraten. Das Kollegium, das diese Erlaubnis erteilte, bestand aus Rabbi M. Arak in Tarnopol, Rabbi S. Engel aus Radomischl in Kaschau und dem Rabbiner aus Mahd in Ungarn. Die Frau heiratete darauf. Aber der Mann starb und sie verheiratete sich ein drittes Mal. Run wurde mit aller Sicherheit festgestellt, daß der erste Mann noch am Leben ist, in Chicago wohnt und bereit sei, der Frau einen Get zu geben. Ich werde nun gefragt, ob eine Möglichkeit bestehe, daß die Frau nach Empfang des Scheidebriefes beim dritten Manne bleiben könnte. So weit der Sachverhalt. und es dürfte sich empfehlen, den Vorgang in die Öeffentlichkeit zu bringen, auf daß der Mund derer, die gegen Talmud und Dezisoren ankämpfen, verstumme." Es folgt Unterschrift. Dieser Brief bedarf keines weiteren Kommentares. Was von rabbinifcher Seite zurr Linderung des Agunothelends geschehn kann, soll natürlich geschehen — und geschieht auch. Von Rabbinern verlangen, daß sie über den Sckmlchan Aruch hinausgehen, hieße ihnen eine Autorität zu,erkennen, die sich kein Rabbiner von Ruf und Beveutung beimessen würde. Aber gerade von Leuten, die es in sonstigen Fällen mit der Achtung vor dem Rabbiner nicht so genau nehmen, wird da,, wo es ihnen dient, den Rabbinern eine Macht verliehen, zu binden und zu lösen. Eine historische Mitternachtsstunde am Rhein. „Und so war es, um die Mitte der Nacht!" Böllerschüsse, Glockengeläute, Freudenfeuer, Lichr und Lieder, und ein Meer schöner Worte. „Glückliches, geliebtes Land! Einziges Volk in deiner Freiheitsliebe, in deinem Frohsinn, in deiner politischen Kraft! Jetzt steh auf, jetzt erhebe dich, jetzt denke, jetzt trachte, und dein Schicksal wird das Schicksal nicht nur des deutschen Volkes, sondern das Schicksal Europas fein!" Dies die Worte, mit denen Reichsinnenminister Dr. Wirth seine Mitternachtsrede am Rhein in Mainz machtvoll krönte. Ich natürlich tausend, denn ich dachte, es werden schon sechs oder sieben gewesen sein. Hätte ich geahnt, daß es 2 0 waren, ich hätte mindestens 10 000 geschrieben!" In einer großen Vortragsoersammlung in Newyork, in einem Saale, der vollgestopft war von Männern und Frauen, sprach der Pietrokower Raw mit rührenden Worten und sehr plastisch vom Schicksal der Führer in Israel. Schon der erste Führer war als Kindlekn drei Monate im Keller versteckt und trieb dann in einem Kästchen schutzlos den Strom hinab, bis die Königstochter kam und ihn rettete. Eine jüngere Frau in der vordersten Reihe weinte bei dieser Schilderung bitterlich. Nach dem Vortrag kam sie aus ihn zu. Wenn er schon so viel durchgemacht hat, sagte sie voller Teilnahme, daß er drei Monate versteckt im Keller lag und dann in einem Kästchen das Meer hinuntertrieb und eine Königstochter ihn rettete, dann verdiente er schon wirklich, baß sie ihm fünfzig Dollar gebe. Sprachs und überreichte ihm einen 50-Dollarschein für die Jeschiwa. sInvenkarifakion der jüdischen Kunstdenkmäler.) Die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer K u n st d e n k m ä l e r, die seit mehr als dreißig Jahren auf diesem Gebiet arbeitet, hat auch den Anstoß zur Denkmalsaufnahme bei den jüdischen Landesverbänden gegeben. Auf Grund einer von Herrn T o e p l i tz verfaßten Denkschrift wird allerorten eine stille Arbeit verrichtet, von deren Erfolg, soweit sie Preußen betrifft, jetzt erstmalig eine Probe in den Notizblättern Nr. 25 und 26 der Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler erscheint. Die Auswahl dieser mit zahlreichen schönen Illustrationen versehenen Probe ist so getroffen, daß möglichst aus jeder Provinz interessante und markante Beispiele angeführt werden. Wir werden demnächst einige Illustrationen wiedergeben. Der I s r a e l i t_ Es war nicht die Zeit, im Scheine der Freudenfeuer und in der glücklichen Stunde 'der Befreiung von der inneren Not und inneren Zerrissenheit zu sprechen. Aber wer Wirth in seiner politischen, menschlichen und religiösen Einstellung kennt, weiß, wie die Worte gemeint waren; weiß, wozu das deutsche Volk a u f st e h e n und sich erheben soll, woran es jetzt denken und wonach es trachten soll, wie es Deutsche land anstelle, daß sein Schicksal zum Schicksal Europas wird. Der Worte Sinn kann auch den destruktiven Elementen in unserem politischen Leben nicht entgehen, und so waren die Mitternachtsreden, die u. a. auch Rathenaus und P r e u h ' s gedachten, keine geeigneten Texte für ihre Melodie. Als nämlich am Montag nach Schluß der .Sitzung im Reichstage der Reichstagspräsident L ö b e ähnliche Töne anschlug, verließen neben einem Teile der Kommunisten sämtliche Nationalsozialisten demonst r a t i v d a s H a u s. Sie taten gut daran, denn Löbe sagte u. a.: „Wir sind bereit, in die große friedliche Familie der Völker Europas einzutreten. Aber in ihr kann es keine entrechtete n u n d keine mi n d e r b er e ch t ig t e n Söhne geben, wir wollen es tun als gleichberechtigtes Glied unter den Staaten unseres Erbteiles!" Man kennt auch Löbe und weiß, was er damit meinte und in dieser Stunde unausgesprochen ließ. Wenn es in der großen friedlichen Familie der Völker Europas keine entrechteten und keine minderberechtigten Söhne geben soll, so muß erst innerhalb der Völker, innerhalb des deutschen Volkes all das verschwinden, was den Menschen vom Menschen, den Bürger vom Bürger trennt, so darf nicht fernerhin die Rede sein von „land- und artfremden Elementen," so darf es keine Parteien geben, die den Haß und die Hetze im MittelundBrennpunkt ihres politischen Programmes haben. Die Urzelle des Weltfriedens trägt der Mensch in seiner eigenen Brust. Von da nehmen Friedenswille und Friedenswelle ihren Ausgang und verbreiten sich über Haus und Familie, verbinden Häuser und Parteien zum Volke und die Völker in der Menschheitsgefellschaft. Mit 'i^>v nnK beginnts, mit gehts weiter, und die letzte Etappe heißt 'iVtz; “iwxVdv* ^uhig und erhaben fließt der mächtige Strom hinunter. Er hat bewegte Völkergeschichte erlebt, er hat Völker kommen und gehen, steigen und stürzen gesehen, er hat auch viel jüdisches Blut und jüdische T r ä ne n ausgenommen. Er kommt aus dem freiesten Länd- (Aussiellung jüdischer kulkgeräle in München.) Der Verband bayerischer Israelitischer Gemeinden und die Israelitische Kultusgemeinde München haben anläßlich des 10jährigen Bestehens des Verbandes im Saale der Gesellschaft „Concordia" eine Ausstellung jüdischer Kultgeräte und Kulteinrichtungen für Synagoge und Haus — parallel zur „Ausstellung christlicher Kunst" — veranstaltet, die in der Kunststadt München allgemein starkes Interesse findet. Die Eröffnung der Ausstellung fand in Gegenwart von Vertretern der Staatsregierung, den Leitern der staatlichen und städtischen Kunstsammlungen, und zahlreicher bekannter Persönlichkeiten der Münchener Gesellschaft statt. Oberstlandesgerichtsrat Neumeyer, der Präsident des Gemeindeverbandes, wies in seiner Eröffnungsrede auf den Charakter der Ausstellung hin. Die Münchener Presse würdigt die Ausstellung in längeren Aufsätzen und kommt zu dem Schlüsse, daß die Ausstellung klar zeigt, wie tief das deutsche Judentum im deutschen Volkstum verwurzelt ist. Die Ausstellung wird 14 Tage lang geöffnet sein. Wochevkalender. v 5. — 12. Juli 1930 ' o. 9. — 16. Tammus 5690 samrtag 5 9 | fipn Sonntag 6 10, »"iss ’sn Montag 7 ii; lienstag Juli 8 non 12 nsipn Nittwo-K 9 13 Donnerstag 10 14 fr eitag 11 15 Samstag 12 16 » der ideale Wund-u. Kinder-Puder wirkt heilend u. vorbeugend, daher unentbehrlich zur Säuglingspflege Heinrich Mack Ncchf. Ulm a. D. chen zwischen Bergen und Seen im Herzen Europas und fließt hinunter nach Holland, dem Lande, das seit bald 450 Jahren sich in steigendem Maße als Hochburg der wahren Toleranz, des Menschenrechtes und der Gewissensfreiheit, bewährt hat. Von der Freiheit in die Freiheit! Möge auch das große Rumpfstück der schönen G'tteserde, die der Strom hüben und drüben bespült, ja, das ganze Land, das irpt Recht und Stolz den Rhein als den seinen nennt, von den Idealen der Freiheit, wie sie die Besten aller Zeiten meinen, beseelt sein, und mögen sie, diese Ideale, sich im gesamten politischen, sozialen und gesellschaftlichen Leben bis ins letzte Haus und letzte Herz auswirken. Indem wir dies aussprechen, ist es nicht allein ein frommer Wunsch, sondern eine zuversichtliche Hoffnung, daß es über kurz oder lang bei uns doch noch so kommen wird. Die Hetzer um das Kreuzsymbol des Wotan bleiben draußen. Dafür mag ihr Verhalten in der Feierstunde des Reichstags symbolisch sein. pflegeskellen' u. Adoptionswesen. Im Mai ds. Js. fand die Vorstandssitzung der Zentrale für jüdisches Pslegest e l l e n w e s e n und A d o p tio n s Vermittlung im Jüdischen Frauenbünde in Elberfeld statt. Aus dem Jahresbericht, den die Vorsitzende, Frau Samuel, erstattete, ging hervor, daß die Pflegeelternmeldungen wohl infolge der wirtschaftlichen Lage stark angewachsen sind, während die Zahl der Adoptiveltern zurückgegangen ist. Die Verteilung der Pflegestellen in den einzelnen Landesgebieten ist sehr verschieden. In Hessen, Hessen-Nassau und Baden sind sie immer noch in größter Zahl vertreten, während in anderen Landesteilen Mangel herrscht oder, wie in Westfalen, die Pflegesätze zu hoch sind. Es ist häufig schwierig, die Entsendestellen zur Tragung der Differenz zwischen dem behördlichen Pflegesatz und dem durchschnittlich mäßigen Entgelt für jüdische Familienpflege zu veranlassen. Hier liegt oft die Ursache, daß Vermittlungen nicht zustande kommen. Es zeigt sich aber auch ein Mangel besonderer jüdisch sozialer Verpflichtung. Bei Kindern, die aus christlichen in jüdische Pflegestellen überführt werden sollen, macht sich dies ungünstig bemerkbar, da christliche Stellen nicht nur billiger, sondern vereinzelt auch unentgeltlich sind. Ein stärkeres Eingreifen der Landesverbände wäre noch immer bei den Kindern dringend erforderlich, die in christlicher Umgebung sind und für die sich keine örtliche jüdische Organisation verantwortlich fühlt. Im Berichtsjahr erfolgten Meldungen von Kindern in christlicher Pflege auch von behördlichen Jugendämtern,- in diesen Meldungen aber liegen bei dem Wechsel der Umgebung die genannten finanziellen Schwierigkeiten, die den kleinen Etat der Zentrale über Gebühr belasten. Für das P f l e g e st e l l e n w e s e n lagen 47 Pflegeeltern- und 21 Pflegekindermeldungen vor. In Pflege vermittelt wurden 8 Kinder. Aus ch r i st l i ch e r Pflege wurden durch Frau M a l l y Weißkopf, Barmen 38 Kindermeldungen bearbeitet, 21 Kinder kamen in jüdische