Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1930)
- Date
- 1930-06-26
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Bibelkrikik und Anttkrikik. *. . ■ i. - Den Gedanken der Aufsatzreihe, die Dr. C. C. irrt „Israelit" veröffentlicht, ft von anderer Seite der Vorwurf gemacht worden, sie befänden sich im „Fahrwasser der Goldbergschen Religions- Philosophie". (Th. Schayer im „Israelit" vom 30. 1.). Dr. C. C. gab hierauf („Israelit" vom 6. 3.) eine unklare Antwort, die drei Momente enthielt: 1. die Aehnlichkeit zwischen seinen und Goldbergs Ansichten sei eine bloße Aehnlichkeit des Ausdrucks; 2. feine und Goldbergs Philosophie sei „nicht identisch"; 3. der grundlegende Unterschied zwischen ihm und Goldberg bestehe darin, daß Goldbergs Thesen wissenschaftliche Geltung beanspruchen, seine dagegen nicht. Wie man sieht, ist dieser zu 3. genannte Hauptunterschied ein rein formaler, denn Thesen, seien sie nun wissenschaftlich oder nur glaubenstnäßig legitimierbar, könnten ja inhaltlich völlig gleichgerichtet fein. Wieso zieht sich Herr Dr. C. C. auf den formalen Unterschied zurück, wenn ihm sachliche inhaltliche Aehnlichkeit eingewendet wird? Dieses Gleichgerichtetsein hatte Herr Th. Schayer, soviel ich sehe, auch nur ausgesprochen, und es ist nicht ersichtlich, warum Herr Dr. C. C. seinem Kritiker die Behauptung unterstellt, C. C.'s und Goldbergs Philosophie sei „identisch". Um sich die Widerlegung leichter zu machen? Indessen nach unserer Meinung irrt sowohl Herr ^Schayer wie Herr Dr. C. C. gründlich. Die Anklange, die die C. C.'sche Philosophie an Goldbergs Systematik zeigt, sind wesentlich mehr als bloße Ausdrucksähnlichkeit.— und dennoch sind seine Ansichten weltweit von den Ergebnissen, der Goldbergschen Forschungen entfernt. Das Rätsel erklärt .sich ziemlich einfach dadurch, daß . Herr C. C. die grundsätzliche Goldbergsche These« einer b i ost o gisch e n l e b e n s g e'f e tz l i ch e n Auffassung des Pentateuch zwar. übernommen hat, — die Artikel von C. C. unterstreichen immer wieder-diesen einen Punkt — aber ihr zugleich doch wieder nur den typisch-metaphorischen, uneigentlichen, schattenhaften Charakter zu geben vermochte, in dem die Betonung und Bejahung des „Lebendigen" .schon immer bekannt war. Buchstäblichkeit, Wirklichkeit, Körperlichkeit des Lebendigen einerseits, — metaphorische Verwendung des Begriffes „Leben" andererseits, das ist der drastische wahre Unterschied zwischen Goldberg und C. C. C. C. hat die Auffassung Goldbergs zu der seinen gemacht — aber nur halb. Dadurch gerät er zu Goldberg in ebensolchen Gegensatz wie zu S. R. Hirsch und zum Standpunkt des orthodoxen Judentums. Das ist von den Lesern des „Israelit" z. T. in der Tat richtig bemerkt worden. Der Beweis ist leicht: . Erstens: ein Zentralgedanke der Goldoergfchen Religionsphilosophie (in meinen Schriften ebenfalls ausführlichst behandelt) ist, wie betont, die Verbindung der Begriffe „Leben, Lebendigkeit" einerseits und „Volk" andererseits. Der l e b e n d i g e V o l k s o r g a n i s m u s steht im Zentrum der Goldbergschen Exegetik. Ebendiese Idee eines lebendigen Vvlksorgflnismus ist Herrn Dr. C. C. so entscheidend und wichtig erschienen, daß er sie zum Fundament aller seiner Ueberlegungen gemacht hat. Das ist also keine bloße Wert-, sondern eine prinzipielle Sachähnlichkeit. 'Zwei t e n s: Diesen Geist der Volkslebendigkeit nun fügt Herr Dr. C. C., Goldberg folgend, zu der bloßen Erfüllung der Thoraoerpflichtungen hinzu — um aber nun in die vermessene und gänzlich unorthodoxe Behauptung auszubrechen, die ganz allein auf feine Rechnung kommt: des jüdischen Volkes „Thorarhythmus vermag auf Natur undWirtfchaftEindruckauszuüben" — vermag „über die Natur und deren sog. Gesetze zu herrschen" (vgl. Nr. 44 vom 31. Okt. 29). Das ist eine tolle Metapher, und 2000 Jahre jüdischer Geschichte voll Blut und Vernichtung widerlegen schneidend Herrn C. C.'s Verquickung von Thoraerfüllung und äußerem Effekt, deren schärfste Sonderung die Grundlage der Orthodoxie ist —. Ebendiese 2000 Jahre müßten Herrn C. C. die Richtigkeit des Satzes klar machen: „Alles das hat uns betroffen, wiewohl wir dich nicht vergessen und deinen Bund nicht geleugnet haben." (Pf. 44, 18.) Oder will er an Thorarhythmus, an Treue und an Gemeinschaftssinn die mittelalterlichen Generationen überbieten, die gefchlechterweise für die Thora starben? Was ist hier geschehen? Nun, Herr Dr. C. C. hat nur den geringfügigen Unterschied zwischen einer metaphysischen Weltepoche wie her des Pentateuch und, einem unmetaphysischen Weltalter wie dem unseren übersehen. Und er hat ferner die Kleinigkeit weggelassen, haß „Leben" ebensosehr eine Angelegenheit des Körper s wie des Geistes ist und daß! vor der besten >, G e s i n'Nü n g " die Naturgesetze nicht zurückzuweichen / pflegen! Geschweige denn die Wirtschaft. Also, Herr Dr. C. C. ist von Goldberg wirklich so weit entfernt wie unsere Zeit von der des Pentateuch. Und wenn Herr Dr. C. C. vom „Gesetz" nichts wissen will, sondern die Thora als „Leben" auffaßt, so wird sich das gesetzestreue Judentum vermutlich die Auffassung der Thora als eines über dem Leben stehenden Gesetzes so wenig nehmen lassen, wie sie die unerlaubte Verquickung der Gesetzeserfüllung mit irgendwelchem äußeren Erfolg in Natur und Wirtschaft mitmachen wird. Ohne diese Verquickung aber dürfte Herr Dr. C. E. dem gesetzestreuen Judentum Neues nicht zu sagen haben. Dr. Erich Unger. n. Zu dem Artikel „Bibelkritik" von Dr. C. C. in A. in Nr.. 17 des „Israelit" vom 24. April 1930 (26. Nißan 5690) fei mir eine kurze Erwiderung gestattet, ohne auf Einzelheiten einzugehen. Es hat keinen Zweck, sich in schön geformten Gedankenkonstrukttonen zu ergehen und zu glauben, mit diesen Thora und Judentum retten zu können. „Der einzig sichere Weg zur Wahrheit ist die eigene Beobachtung". So sagt der Verfasser und setzt, scheinbar von dem Wunsche beseelt, diesen einzig sicheren Weg zu gewinnen, die Beobachtung des Volkes unserer eigenen Beobachtung gleich. Es geht aber nicht an-, dem Organismus Mensch den Organismus Volk gleichzusetzen. Man mag die Redewendung von dem Erlebnis eines Volkes gebrauchen, dadurch wird aber die Offenbarung oder der Auszug aus Aegypten ebensowenig mein Erlebnis wie die Völkerschlacht bei Leipzig; dadurch wird ein Volk ebensowenig ein lebendiges Geschöpf wie die juristische Persönlichkeit, die wir so behandeln, a l s o b sie eine physische Person wäre. Erlebnisse hat nicht das Volk, sondern die einzelnen Menschen, die die Gesamtheit bilden, haben das Erlebnis. Den Auszug aus Aegypten z. B. haben nur die Menschen „erlebt", die ihn miterlebt haben. Ihre Beobachtung ist nicht unsere Beobachtung, es ist die Beobachtung anderer, die durch mündliche und schriftliche Ueberlieferungen von Geschlecht zu Geschlecht zu uns gekommen ist. So verhält es sich nicht nur mit dem Auszug aus Aegypten, sondern mit jedem geschichtlichen Ereignis. Wenn wir uns fo betrachten sollen, als sei jeder von uns aus Aegypten gezogen, so kann das nur die Bedeutung haben, daß wir dieses Ereignis, das umgestaltend in die Geschichte des jüdischen Volkes eingegriffen hat, auch noch als unser persönliches Geschick beeinflussend betrachten sollen, daß wir uns innerlich mit der Volksgesamtheit so verbunden fühlen sollen, daß wir die Befreiung des Volkes vor langer Zeit als die Grundlage unserer Freiheit fühlen. Dadurch wird aber der Auszug aus Aegypten nicht zu unserem eigenen Erlebnis. Es bleibt also dabei, daß jemand kommen kann, der die Richtigkeit des Berichtes über den Auszug aus Aegypten genau so wie über ein anderes geschichtliches Ereignis anzweifelt, und ich halte es für undenkbar, diesen Zweifler mit einetn großen Gelächter abzutun mit der Bemerkung,, daß der Auszug aus Aegypten mein Erlebnis fei/ das in meinem Tagebuch verzeichnet stehe. Diese Behandlung eines ernsten Kritikers wird sich wohl niemand zu eigen machen können. Wer gegenüber den vorliegenden Urkunden die „Beweislast" hat, mag dahingestellt bleiben, da sich eine derartige Frage nicht prozessual behandeln läßt. Auf jeden Fall müssen wir uns aber zum mindesten, sobald Angriffe gegen die Zuverlässigkeit dieser Urkunden erhoben werden, verteidigen, wir müssen ausklären und beweisen. Das ist nicht unjüdisch, wir müssen auf Fragen antworten, wir müssen sogar mit dem zur Kritik Unfähigen, der nicht oder noch nicht zu fragen versteht, selbst anfangen und mit ihm die Diskussion eröffnen. Die Bibelkritik wird sich nicht durch eine „jüdische Aktion" mundtot machen lassen, wir werden sie nicht ignorieren können, unsere Gelehrten werden weiter arbeiten müssen an der Erforschung der Grundlagen jüdischer Geschichte, sie werden die Zuverlässigkeit der uns überlieferten Beobachtungen der früheren Geschlechter prüfen und dar-