Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 26 (26.6.1930)
- Date
- 1930-06-26
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 26 Der Israelit 26. Juni 1930 tun müssen. Ob eines Tages Beobachtungen gemacht werden, die die Wahrheitsbeweise der Thora, die Jahrtausende überdauert hat, über den Hausen werfen, dürfen wir getrost der Zukunft überlassen. Dr. Rapp, in. Antikritik. Von Dr. L. L. in A. Der geistige Geburtsort beider Kritiker ist durchaus verschieden. Herr Dr. Unger ist Goldbergianer; er betrachtet das jüdische Volk als den Exponenten des jüdischen G'ttes, des jüdischen Elokim, der durch die Thora das jüdische Volk absondern will von den anderen Völkern, den Machtzentren anderer Elokim (Götter), um durch das 'jüdische Volk die Herrschaft übev die fremden Elokim zu erlangen. Dies sei aber nur wirksam gewesen im von Goldberg sogenannten „metaphysischen Zeitalter^, d. h. im Zeitalter bis zur Zerstörung des Tempels. Heute fei die Thora überholt. Er lehnt daher eine Philosophie ab, die auch heute noch der Thora eine vitale Rolle im lebendigen jüdischen Volksorganismus zumeist. Ganz anderer Herkunft ist Herr Dr. Rapp. Er leugnet nicht, daß die Thora heute noch eine vitale Rolle in der Judenheit spielt. Er will aber diese vitale Rolle mit den Mitteln europäischer Kultur zur Durchführung bringen. Hierbei erhebt sich die Frage, ob im Lebendigen überhaupt Art-Fremdes mit einander gemischt werden darf und kann, ob nicht vielmehr die Thora nur mit Mitteln der Thora selbst lebendig gemacht werden darf, andernfalls sie dem Kil'ajim-Tode verfallen muß. Nun zu den Kritiken im einzelnen: Antwort an Dr. Unger. Zweierlei stellt Herr Dr. Unger fest: Meine Philosophie widerspreche Derjenigen Dr. Goldbergs; sie stehe aber auch rm Gegensatz zu den Anschauungen der Thoratreuen. Da ich selbst keinen Anspruch darauf erhebe, mit Dr. Goldberg derselben Meinung zu sein, so dürfte wohl den Lesern des „Israelit" genügen, daß auch Herr Dr. Unger, der berufenste Interpret und Verkünder der Goldbergschen Pentateuch-Philosophie, die gleiche Feststellung'trifft. Weshalb hat aber Herr Dr. Unger solch lebhaftes Interesse daran, den Thoratreuen vor meiner Religionsphilosophie ein Gruseln einzujagen? Er selbst ist doch als Goldbergianer nicht thoratreu! Ihm könnte es daher eigentlich völlig gleichgültig fein, ob meine Ansichten den thoratreuen - Anschauungen widersprechen oder nicht; ebenso gleichgültig, als wenn er etwa beweisen wollte, daß meine Ansichten den Lehren des Konfucius zuwiderlausen. Oder sollte etwa die Angst dahinterstecken, die Thoratreuen könnten nunmehr mit Hilfe der Philosophie Dr. C. C.'s die ganze Judenheit erobern und damit auch den Goldbergschen Irrlehren den Garaus machen? Diese Vermutung liegt um so näher, als Herr Dr. Unger zu den seinerzeit im „Israelit" veröffentlichten, die Goldbergschen Ansichten ablehnenden Ausführungen von Herrn Oberrabbiner Dr. I. Carlebach geschwiegen hat. Also warum gerade die Aufregung angesichts der Ausführungen von Dr. C. C.? Den Kern des angeblichen Gegensatzes zwischen Thoratreuen und mir sieht Herr Dr. Unger darin, daß ich Thoraerfüllung und äußeren Effekt mit einander verquicke, während die Thoratreuen beides aufs schärfste voneinander sondern. Herr Dr. Unger unterschiebt damit den Thoratreuen eine Anschauung, die von ihnen durchaus als unjüdisch abgelehnt wird. Erklären wir doch in unzähligen Gebeten, daß durch unsere Sünden der Tempel zerstört sei, das Golus uns getroffen habe, Leid uns widerfahre, daß also unsere Handlungen, unsere Mängel in der richtigen Thoraerfüllung den Effekt, d. h. unser Unglück, herbeigeführt haben. Durch eine thoragemäße Lebensführung sind wir daher auch imstande, die Erlösung herbeizuführen, also nicht nur uns selbst, sondern auch die Menschheit, ja sogar den Kosmos zu erlösen (vgl. z. B. Jesajas Kap. 11). Unsere Tat kann daher Wirtschaft und Natur beherrschen. Wenn die letzten 2000 Jahre jüdischer Geschichte die Erlösung nicht gebracht haben, so beweist dies, daß eben den mittelalterlichen Generationen doch noch irgend etwas an der Vollkommenheit thoragemäßer Lebensführung gefehlt haben muß. Vielleicht war es gerade der Umstand, daß unsere Väter die Mizwaus nicht als die lebendigen Kollektivbewegungen des ganz e. n jüdischen Volkes ausübten, sondern als individuelle, Pflicht eines jeden einzelnen Juden? Und der von Herrn Dr. Unger zitierte Pfalmenvers? Ja, wenn man nur halb zitiert, muß natürlich ein falsches Bild entstehen. Mit halben Zitaten kann man alles beweisen. Schon der folgende Vers (V. 19) zeigt, was gemeint ist: „Nicht war unser Herz zurückgewichen, selbst wenn unser Schritt von Deinem Pfade ablenkte." Also glaubt auch der Psalmist nicht an unsere Schuld' losigkeit, wenn Leiden uns treffen. Wenn ich in früheren Aufsätzen jo sehr betont habe, daß der Mensch imstande sei, über Natur- und Wirtschaftsgesetze zu herrschen, so geschah dies deshalb, weil endlich einmal die Thoratreuen von den unerträglichen materialistischen und wissenschaftlichen Anschauungen, die die eherne, über alles gebietende Herrschaft des Gesetzes von Ursache und Wirkung zu ihrer absoluten Voraussetzung machen, befreit werden müssen, weil das Judentum, das Thorajudentum daran zugrunde zu gehen droht, weil diese Anschauungen moderner Wissenschaft thorawidrig und unjüdisch sind. Irr diesem Sinne hatte ich ein Recht darauf, me ine Ansichten als unwissenschaftlich zu bezeichnen, im Gegensatz zur Goldbergschen Philosophie, die sich unbedingt zur Kausalität bekennt. Diese in der Praxis als unvermeidlich hingenommene Herrschaft der Kausalität, dieser abergläubische Fatalismus gegenüber dem äußeren Schicksal muß — wenigstens zunächst einmal innerhalb der Thoratreuen, die doch theoretisch die Kausalität ablehnen — gebrochen werden; eher gibt es keinen Aufstieg der Thora Darin liegt eben der prinzipielle Gegensatz zu Goldberg. Für mich gibt es keine biologisch lebensgesetzliche Auffassung des Pentateuch. Leben und Naturgesetz sind Gegensätze wie Licht und Finsternis. Leben steht über dem Gesetz; Leben, das dem Zwang und der unerbittlichen Notwendigkeit des Naturgesetzes unterworfen ist, ist kein Leben, ist keinfreies Leben; das ist vielmehr Tod.*) Durch Verlebendigung des jüdischen Volksorganismus werden wir daher in die Lage versetzt, das Naturgesetz (und den Tod) zu besiegen. Die Thora darf deshalb kein Jndividual-Gesetz sein, sondern muß lebendige jüdische Volksbewegung werden. Goldberg, der auch das Leben dem Naturgesetz, unterwirft, versteht daher unter lebendigem Volksorganismus etwas ganz anderes als ich. „Das ist also keine prinzipielle Sachähnlichkeit, sondern bloße Wortgleichheit." Die Thoratreuen werden daher den guten Ratschlag von Herrn Dr. Unger, eine Anschauung, die das Leben über das Gesetz stellt, aus ihren Hallen zu verweisen, höflich aber entschieden ablehnen. Nein, lieber Herr Dr. Unger, den Gefallen tun,die Thoratreuen Ihnen nicht! Wir lassen, uns unsere freie Crlösungstat nicht rauben. Wir werden im Gegenteil nunmehr den Versuch machen, mit Hilfe der Thora, mit Hilfe vollkommener Jüdifchkeit, Schicksal, Wirtschafts- und Naturgesetze zu meistern und die Höhen des Lebens zu gewinnen. Wir hoffen zuversichtlich und wir wissen, daß der Versuch dem jüdischen Volk einst gelingen wird. Unser Ziel ist: Erlösung der Judenheit, der Menschheit und der Welt. Antwort an Dr. Rapp, iv. Mein Herr Kritiker, Herr Dr. Rapp, ist Jurist; er bedient sich infolgedessen auch juristischer Argumente. Er meint: durch den Gebrauch der Redewendung von dem Erlebnis eines Vokes werde ein Volk ebensowenig ein lebendiges Geschöpf wie die juristische Persönlichkeit, die wir so behandeln, als ob sie eine physische Person wäre. Mit Verlaub, Herr Dr. Rapp, wer behandelt eine juristische Person so, a l s o b sie eine physische wäre? Sie antworten: Wir. Wer sind diese Wir? Wir Juden doch 'sicherlich nicht. Denn sehen Sie einmal ein bißchen *) Anm.: Im übrigen vgl. hierzu meinen Artikel „Naturgesetz oder Leben". (Israelit 1929, Nr. 44). ins jüdische Recht! Hier finden Sie von dieser Als-Ob-Behandlung nichts. Das jüdische Recht kennt keine Gesellschaften oder sonstige sogenannte juristische Personen als besondere selbständige Persönlichkeiten; es kennt eben keine künstlich konstruierten Personen, sondern nur natürliche, von Natur aus vorhandene Persönlichkeiten, und da dürfte es Sie denn interessieren., daß merkwürdigerweise das jüdische Volk als Gesamtheit vom jüdischen Recht als selbständige Persönlichkeit behandelt wird. Sie beginnen wohl selbst zu merken, daß offenbar das jüdische Recht das jüdische Volk als natürliche Person ansieht; denn wenn es nur so täte, als ob das jüdische'Volk eine selbständige Persönlichkeit wäre, warum nicht dasselbe auch bei anderen Personenmehrheiten, wie Gesellschaften und dergleichen? Da solche Gesellschaften künstlich sind, nur durch den menschlichen Willen begründet werden und nur so lange existieren, als die beteiligten Menschen es wollen, so sind sie eben keine neuen Personen, die unabhängig von den sie bildenden Menschen und über ihnen vorhanden sind. Solche Kunstkniffe, sie so zu behandeln, als ob sie natürliche Personen wären, muß das Judentum zurückweisen. Zu solchen Unwahrhaftigkeiten ist die Thora nicht fähig. Und deshalb ist das „Wir", das Ihnen entschlüpfte, vielleicht ohne daß Sie sich der Tragweite dieses Wortes bewußt waren, für unsere gegenwärtige Situation so überaus charakteristisch. Wir wissen gar nicht mehr, wie sehr wir in die unjüdische europäische Kultur verstrickt sind. Dafür ist die von Ihnen wie als etwas Selbstverständliches behandelte Philosophie des „Als-Ob", die der Philosoph des europäischen Kulturkreises, Vaihinger, zu einem System ausgebaut hat, doch nur ein Beispiel. Spiegelt denn nicht die ganze europäische Kultur dieses unwahrhafte, unjüdische „Als-Ob" wieder? Ueberall täuscht man etwas vor, das in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist. Man tut so, als ob einem das Wohl des andern am Herzen läge, während man ihn in Wahrheit nicht ausstehen kann. Das ganze gesellschaftliche, wirtschaftliche, soziale und politische Leben Europas ist darauf aufgebaut. Und jetzt kommt zu diesem einen Unglück noch ein zweites, indem ein ehrlicher Jehudi die Judenheit mit dem europäischen „Als-Ob" durch das Wörtchen „Wir" identifizert. Erkennen Sie nun, Herr Dr. Rapp, daß wir prinzipiell umkehren müssen, wenn wir gesunden wollen, wenn wir von der unaufhaltsam schiefen Ebene europäischer Assimilation uns losreißen wollen? Fort daher mit europäisch-christlichem Glauben, fort daher mit europäisch-wissenschaftlichen Beweisen. Es kostet gar nicht so große Energien, uns und unsere Jugend von den liebgewordenen Kulturanschauungen Europas zu befreien. Wir brauchen nur die Idee von der selbständigen Persönlichkeit des jüdischen Volkes durchzuführen. Das sind keine Gedankenkonstruktionen, was man viel eher von den wissenschaftlichen Beweisen behaupten könnte. Es handelt sich vielmehr gerade umgekehrt um die Zurückführung des jüdischen Volkes auf dien. Boden der Wirklichkeit, auf den der Wirklichkeit des Volkes als eines naturhaften Lebewesens. Dieses Lebewesen mit seinen durch den Europäismus ins Verborgene zurückgedrängten seelischen Strömungen, also die ureigenen jüdisch-kulturellen Lebensäuherungen und Handlungen wieder lebendig zu machen, gibt es ein einfaches Mittel: Die Thora zu erfüllen als die kollektive Bewegung des jüdischen Volkes. Tun wir Thoratreuen dies, so wird ein Blutstrom neuen jüdischen Lebens durch die Judenheit kreisen und unwillkürlich, ohne jegliche jüdische Bekehrungstä'tigkeit, von Zelle zu Zelle allmählich auch die kranken Teile des jüdischen Volksorganismus erfassen, bis das ganze jüdische Volk ein einheitliches gesundes Lebewesen mit reinen jüdischen Lebensäußerungen, mit reiner jüdischer Kultur geworden ist. Die Festigung und Erneuerung der Thora ist hiernach keine Domäne von Gelehrten, die durch ihr Wissen privilegiert sind; sie ist Sache des ganzen jüdischen Volkes; jeder Jude, auch der unwissendste, kann und muß die Mizwaus als Kollektiv-Bewegungen des jüdischen Volkes erfüllen. Dr. C. C. in A.