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Der Israelit · 1930-06-26 · Heft 26 (26.6.1930) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 26 (26.6.1930)
Date
1930-06-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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WM Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und Märlyrergefchichte. Von S. Schachnorvitz. . (Fortsetzung). Die Geistlichen und Gäste auf der Estrade erhoben sich, -die Männer in der.Menge entblößten das Haupt. Ein geistlicher Richter verlas sachlich uNid näselnd das Ürteil des hohen apostolischen Gerichtes, „im Namen .des heiligen Vaters . . ."- Die rote Eminenz, ein güldenes Kruzifix in der Rechten, erhob die Stimme zu einem letzten Mahnrvorte: „Valentin, Sohn des Grafen-Stanislau aus dem Hause Potocki! In letzter Minute, im Lichte der Brandstätte, streckt sich Dir noch einmal die Mutterhand der Kirche entgegen. Bekenne und bereue, und wir löschen das Feuer und suchen in Nom um Gnade nach : : Abraham wandte rasch das Gesicht ab, um das goldene Bild nicht zu schauen; mit starren Augen und verbissenen Zähnen sah er stumm über das Gewoge der Menschenköpfe hinweg.. Ein Wink von oben, und schon hatten ihn die Schergen an beiden Armen gepackt. Ein Schrei der Erregung — und der Freude ging durch die Menge, die schon fürchtete, das gütliche Zureden des Kardinals könnte seinen Zweck erreichen und das schon lodernde Feuer auslöschen. Schon waren die Schergen mit dem Delinquenten auf der untersten Stufe der Estrade, als sie laut aufschrieen und fast chr Opfer fallen ließen. „Heilige Madonna!" riesen sie. Das Volk rundherum bekreuzte sich. In den-hMieren Reihen schrieen sie: „Was ist geschehen? Warum gehts nicht weiter?" Die da vor Abraham und. den Henkersknechten erschien und ihnen den Weg versperrte, tonnte schon biej von ihrem Postamente an -der Ostrabrama herabgestiegene heilige Madonna sein, wie sie da mit ausgebreiteten Händen segnend, bittend, beschwörend und befehlend stand. Es hatte sie keiner durch die Reihen kommen sehen; als wäre sie. auf Engelsflügeln oder mit dem Wolken dahergehuscht, war - sie" plötzlich .aus der Estrade. Wü-h, „Halt, nicht weiter! Es ist JrMm., Um des Vaters und des Sohnes willen, nicht wettex! ..." ~ ErMWtz . exkcmnteW hie Nahestehenden die Stininie! der'" ätttsi GraWPüMr.7 , Wie vM 'tzeheimer Mewalr'an ihren Platz gebannt, bsiebesichfe Burschen-stehen.- ^Wes .me Gräfin, von- Mner'em Feuer jung- und^b ehende, die Stufen hinaufrannte. upd sich^tz ech. Sapdinal zu Füßen warf: ,77!-7-!.^- „Ich beschwöre Euch, Eminenz, laßt es. Er ist es .n ich t, ist u n f chm bÄ t M - - Ladet keinunschuldig Blut auf Eure upd meine Seeles Es ist nicht!mein Kind . i Die Eminenz winkle, und geistliche ^Herren' hoben die Frau auf und-:^geleiteten sie in aller Boxsicht.und. mit aller Ehrerbietung zu!' einem bereitstehenden Sessel. Indem sich hie Me Frau in schwarz mit geschlossenes Äugen, - vollkommen entkräftet, mit leisem Schrei in ihren Sitz Zurückwarf, gab der Kardinal noch einmal! das letzte.- Zeichen. Die Schergen standen bereit.?- - -- Abraham, betäubt von den Menschen, dem- Tlockengeläute, den Fahnen und Farben, dem Schimmern der weißen, schwarzen und! roten Kirchengewändev, dem Schreien der. Menge;^der Atzten Erscheinung und den aufschlagenden Nammen, stierte über das Meer der Köpfe hinweg wie in eine andere Welt. Eine wie in blasse Seide gehüllte Sonne strebte von Osten her der Himmelsmitte zu. Weit im Horizonte zogen kleine lichtgraue Nebelrisse. Ein dünner Rauch stieg zum Himmel hinauf und verlor sich in geringer Höhe.! Abwesend für die Welt um sich herum, entzündeten sich i n,ih m alle Lebenslichter, flackerten auf, daß es ganz hell und warm in ihm war. Er zitterte, nicht aus eigentlicher Angst, sondern aus tiefer Bewegung, gerüttelt von großen Gedanken, von Worten, die Gestalt annahmen, von Vorstellungen, die Erlebnisse wurden, von Illusionen, die Fleisch und Blut erhielten. Minuten wurden zu ganzen Menschenleben . . . Ein Garten vor einem Palaste tauchte auf, mit weißen Säulen, in dem er mit Gespielen tollte oder in schattiger Laube frommen Kirchenmärchen der Mutter zuhörte. „Mutter, es muß schön sein, Blutzeuge der Wahrheit zu sein.", „Nein, mein Kind, du wirst ihr frommer Beschützer sein!" In dem kahlen Zimmer der Kathedrale las er mit Ambrosius die „Kirchenväter". „Nicht mitzuhassen, m itzuli e b e ri ich gekommen."' Schönes Wort, Sairembo — was! Aus erschrockenen Kinderaugen aber sprühen Flammen, sie rufen und locken: „Geh hinaus aus Land und Geburtsort und Vaterhaufe!" Denn du bist Abraham ... Er trägt die Flammen in sich, auch in Paris — mag sich Pater Andreas grün ärgern vor Zorn über den Skeptiker und Ketzer. Und dort sitzr der Stille und Heilige in fernem Stübchen hinter dem Lärm der Zechenden und Spielenden: Menachem Leib. „Mut, junger .Freund," flüstert er, „bin Dir vorangegWgen-, habe Dir den Weg bereitet und Platz gemacht. Dort der mit der Krone auf dem Haupte ist König Monabaz und der andere mit dem Buche in der Hand, Onkelos, der Ger . . ." „Verzeche," bittet Menachem Leib, „ich habe Dich damals nachts aus meinem Hause gewiesen. Es war Gefahr . . . Der rote Efau, daß ihn Satan hole . ... Nein, nicht fluchen, auch er ist Gefchöpf-G'ttes und Instrument in dessen Hand. Nun komm ,ich führe Dich, komm ins Licht . . 7' Un-d wie ihm Menachem Leib die Linke festhält, steht zu seiner Rechten, ihn stützend, rder große stämmige; Mann, den er gleich als den großen Rabbi von Prag erkennt. „Du hast meine Sache gut vertreten, Bote Gottes, sieh, dort leuchtet ein Licht!; . . ."; 7'; Licht! . . v Und dahinter, weitweg von d^r wogenden Menge, die wie Meereswellen, immer wieder das wachsende Licht anstürmt, weitweg, auf der anderen Seite alle, alle, di^ er gerufen ... i Rabbi Jonathan, — wie sein Gesicht leuchtet im Feuerscheine hält Rabbi Jakob Emden umarmt, und dieser — welches Wunder! — dieser l a ch t . . . Und daneben die zwei, Hand in Hand; wer kennt sie nicht? Der Gaon, Rabbi Elie sind der Raw, Rabbi Schneur Salman, in beschaulichem Gespräche, njcken-. emsinder zu . . .! „Wir hüten den Garten, jeder,, auf seinem Posten und gemeinsam in der Mitte. Wehe den Einbrechern von außen .. . . Treffen uns hier,-am Leuchtfeuer . 7." - Esther, Flamme, die ich trug, Flamme, die mich trug, Esther, watum zitterst Du, warum weinest Du? Siehst es nicht? Die Arbeit, für die mich Gott durch Dich rief, ist vollbracht! . . . Siehst -Du nicht, wie'sie dahinter stehen und weinen und rufen und. jubeln ins Feuer, das vom SinEkomrnt! Alle, sechshunderttausend Herzen, >vvn den Flammen zu e i n e m Herzen geschmiedet. -Was'wollte' ich mehr? . . . 7 „G'tt, sirff-ir'G'ttz GÄeinzig! 7." ' Abraham, in der eisernen Umklammerung der Henkersfäuste, machte eine Bewegung, winkte zur Estrade, als wollte er was sagen. Das wurde m.rr irr« bemerkt. Hält! Wollte am Ende der Delinquent doch noch im letzten Augenblicke bekennen, ' bereuen? „Halt!" gebot der Mann im roten Mantel und gab mit dem Kardmalstabs ein Zeichen .zur Ruhe . Was war das wieder? Die Menge streckte die Köpfe hoch, gaffte und staunte, ärgerlich über die Störung, ängstlich, am Ende dochnoch um das grausige Schauspiel gebracht zu werden. „Der Verurteilte will reden, bekennen . . Hochaufgerichtet stand Abraham auf der unteren Stufe. Die noch hinten gefesselten Hände gaben jetzt der Gestalt fast eine stolze Halttmg. Das zarte Gesicht war wie von weißen Gluten umlüht. Klar und geradeaus sah das Auge ins Volk, und ferne SfiMme hatte die Gewalt eines vom Berge über. Klippen sich reißenden Sturzbaches, als sie in die Todesstille hineindröhnte: „ Schema II s r oe I! " ... * Noch bevdr die Massen den Sinn der letzten Worte erfaßt hatten, war Abraham von den Schergen , mit festem Griffe die Estrade hinunter und zu der jetzt 'hell aufleuchtenden Vertiefung getragen worden. -Ein langgedehntes „ E ch o d " zitterte durch das'Gelände und vermengte sich mit dem Zischen der Flammen. Die Glocken setzten wieder brüllend ein. Im dunklen Chore sang die Menge entblößten Hauptes: Magnificat anima mea Döminem .... . - .... ■ ■ In der großen Klaus des Gaon hatten, sie gerade das Kapitel der Erstlinge aus der zweiten Thorarolle zu Ende gelesen und den Prophetenabschnitt aus Habakuk hergesagt. Ein Murmeln setzte ein: Stunde stillen Totengedenkens am letzten Festtage. Jedermann hatte seine eigenen Gebete, den abgeschiedenen Seelen, die ihm im Leben nahe standen, gewidmet. Und in das Summen und Brummen brausten und tobten von' der anderen Seite die Glocken unaufhörlich, als wollten sie Schul und Gebete samt Juden und Gasse verschlingen. Schon ebbte die halblaute, formlose Gebetwelle ab. Der Vorbeter sang ein lautes „Herr voller Erbarmen" und schickte sich an, die kronengeschmückte Thorarolle in die heilige Lade zu tragen. Da wandte sich der Gaon, dessen Gesicht aus dem Gebetmantel heute noch keiner gesehen hatte, um und bewegte sachte die flache Hand. Noch nicht! Minutenlange Stille, daß jeder den eigenen Atemschlag hörte. Die Glocken hatten gerade ihr Geläute eingestellt. Als sie jetzt, nachdem sie zweimal ausgesetzt hatten, von neuem zu dröhnen begannen, ging der Gaon leisen Schrittes, Kopf und Gesicht in den Gebetmantel eingehüllt, aufs Almemor, nahm, die heilige Rolle in die Hand und fing an: „Jiskor! . . . Es gedenke G'tt der Seele des Heiligen und Reinen, Abraham, Sohn Abrahams, des Ger Zedek, der sein Leben hingegeben für die Heiligung des g'ttlichen Namens ..." „Jiskor! . . ." stimmte die Gemeinde unter lautem Schluchzen im Chore ein. (Schluß folgt.) Das Lisenstädker Ghetto kommt unter Denkmalschutz. Das Ghetto von Eisenstadt ist bekanntlich die einzige und letzte der vielen Judengemeinden,''dieses vor .dem Umsturz, im alten Oesterreich gegeben und me ihre politische Selbständigkeit bis zum heutigen Tage erhalten hat. So wählt die ^Gemeinde ihren eigenen Bürge r me i st er, hat ihr eigenes Armenhaus, ihre konfessionelle S ch u le / ihre e i g e n e Gemeindest eu e r g es eh g e bu n g, kurz ’ alles, was jede ' andere Gemeinde besitzt. In dieser Art bildet das Ghetto von Eisenstadt nicht nur ein Kuriosum für Oesterreich allein, sondern auch für ganz Europa.

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