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Der Israelit · 1930-06-26 · Heft 26 (26.6.1930) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 26 (26.6.1930)
Date
1930-06-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4. Nr. 26 Der Israelit 26. Juni 1930 sind innere Fesseln, die drückender sind, als äußere je fein können- Solange die Meute in Städten und Ländern bei der nach einem Schuldigen sich an diejenigen die am schwächsten und am wehrlosesten sind, solange man Menschen, weil sie anderen Glaubens sind, als „rasien- und landfremd" verleumdet und um den Genuß des Rechtes, das „mit uns allen geboren ist", des Menschenrechtes, zu bringen sucht, solange solches geschehen könnte, wäre Deutschland nicht frei, auch nachdem die letzte fremde Uniform aus dem Lande verschwunden ist. Wir freuen uns als Deutsche, die wir trotz Schimpf und Verleumdung vonseiten gewissenloser Volksverräter sind, über die Befreiung des deutschen Stromes, freuen uns aber noch mehr!'m der Voraussetzung und der Erwartung, daß diese Nacht der Befreiung eine Nacht der inneren Läuterung für das deutsche Volk in all seinen Teilen wird, und daß die Freudenseuer am und auf dem Rheine in eine bessere Zukunft leuchten, da Recht und Liebe und gegenseitiges Verstehen das höchste Gebot des Einzelnen, des Staates wie der Gesellschaft ist. Mögen die Lichtsignale in solche nahe Zukunft weisen Die Lage der Juden in Holland Von S. Hamburger jun. in Amersfoorf, Während die Zeitungen gegenwärtig aus den verschiedensten Ländern von dem Drucke,' unter dem die Juden leben, Kunde zu bringen wissen während selbst in Staaten, die sich gerne kulti viert nennen, Tausende von Angehörigen der jü dischen Gemeinschaft mit den ungünstigsten öko nomischen Verhältnissen zu kämpfen haben, zeigt es sich wieder einmal, welch einen ehrenvollen Platz Holland unter denzivilisierten Nationen ein nimmt. Diesen Platz hat es ganz verdient, nicht zum'wenigsten durch die Möglichkeiten, die die Niederlande seit Jahrhunderten ihren jüdischen Bürgern,, die noch kei'E2 ProZ. der Gesamtbe völkerung äusmachen> auf aNen Gebieten des wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Leben bieten. Holland war stets ein Zufluchtsort der Juden. Potgieter, der bekannte holländische Dichter der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, rühmt Holland als ein Land, „das den Bedrückten aus dem Hause Jakobs ein Willkommen zurief, als es zur eigenen Erhaltung noch im Felde stand". Hollands Gastlichkeit haben die Juden stets zu schätzen gewußt und haben sie gelohnt, indem sie in reichlichem Maße zur Entwicklung des Landes beitrugen. Auf industriellem Gebiete nehmen sie zwar keinen hervorragenden Platz ein, desto mehr jedoch aus dem Gebiete des Handels. Vor allem in Amsterdam, das nicht nur geogra phisch, sondern auch wirtschaftlich und kulturell die wichtigste Stadt des Landes ist, ist der Ein fluß, den die Juden auf dem Gebiete des Han delns ausüben, deutlich spürbar. Die größten Unternehmungen und Geschäfte sind in jüdischen Händen; so z. B. die auch außerhalb des Landes bekannten Modepaläste der Firmen Hirsch und Gerzon und das nicht weniger bekannte Warenhaus „De Bijenkorf". Auch eine ganz andere Art des Handels wird — leider — beinahe ausschließlich von Juden betrieben, nämlich der Straßen- und Markthandel. Ganze Familien, Mann, Frau und leider auch sehr oft die Kinder sind den ganzen Tag und noch einen großen Teil-des Abends auf der Straße, um, auf ihren Wagen Orangen, Bananen, Birnen, Fische, je nachdem die Zeit es mit sich bringt, an den Mannen bringen. Es liegt eine tiefe Magi k in dieser Art und Weise wirstchgMcher Tätigkeit, durch die ein nicht unbedeutender Teil der holländischen Judenheit sich^ernähren muß. Der Straßenhandel bleibt in'den Familien Tradition. Die Kinder folgest ihren Eltern, das jüngere Geschlecht denk vorangegangenen. lltib dieser Straßenhandel, der Hunderte von jüdischen Männern und Frauen im Pauperismus festhält, droht einen großen Teil der jüdischen Arbeiterklasse körperlich und geistig zugrunde zu richten. . Ist also durch diesen Zweig des Handels ein Teil des jüdischen Volksstandes dem. Untergang geweiht, so hat ein. anderer Handelszweig ' mehr als VA Jahrhunderten vielen jüdischen Fa milien Glück und Wohlstand gebracht, nämlich der Diamanthandel. Bereits seit Anfang des 19 Jahrhunderts wird dieser ganz und gar von den Juden betrieben. Der Handel mit Diamanten war ihnen freigegeben selbst in einer Zeit, da alle anderen Handels- und Gewerbezweige den Ju den verboten blieben. Sowohl die Bearbeitung der Diamanten, als der Handel mit ihnen hat in unseren Tagen noch nichts von feiner Bedeutung verloren und liegt fast ganz in jüdischen Händen Die Diamantenschleifexei der Firma Ascher er freut sich eines Weltrufes. Der Diamantenhandel wird von zwei großen Organisationen beherrscht Einerseits von dem Verein: „Beurs voor den Diamantenhandel", der ein eigenes Börsenge bäude besitzt und den „Allgemeinen Nederlandsche Diamantbewerkers Bond", beide in Amsterdam Der Verein „Beurs voor den Diamanthandel" der unter der Führung des bekannten Amster damer jüdischen Rechtsanwaltes, I. E. Hillefum steht, zählt zur Zeit 1200 Mitglieder, davon 95 Prozent Juden. Dieser Verein umfaßt lediglich Arbeitgeber; er verlangt von dem Aufzunehmen den, daß er mindestens ein Jahr als Diamanten Händler oder wenigstens 3 Jahre als Makler oder Kommissionär tätig war. Infolge der Tatsache daß 95 Proz. der Mitglieder Juden sind, ist das große Börsengebäude des Vereins a m S a b b a u n d j ü d i s ch e n Festtagen g es ch l o s s e n und es steht an diesen Tagen also der ganze Handel still. Die Beurs voor Diamantenhandel, obgleich offiziell kein jüdischer Verein, hat für die jüdische Gemeinschaft eine außerordentlich große Bedeutung,' da die Wohlhabenheit eines großen Teiles der holländischen Juden heit von der Lage abhängig ist, in der sich der Diamantenhandel befindet. Infolge der amerikanischen Börsenkrisi ist naturgemäß die Wirtschaftslage des Diamant- Handels momentan sehr üngünstig, so daß zahlreiche Diamantenarbeiter der Arbeitslosigkeit preisgegeben find. Die Organisation dieser Diamant a r b e i t e r ist der „Allgemeine niederländische Gewerkschastsbund". Vorsitzender dieser Organisation ist das bekannte volkstümliche jüdische Mitglied des Oberhauses, Henry I. P o l a k. fSelbstoerständlich übt diese Organisation auf das Diamantengewerbe einen großen Einfluß aus. Ihr Zusammenwirken mit der „Beurs voor Diamantenläßt nichts, zu wünschen übrig. - Auf dem Gebiete des jüdischen Unterrichts sowohl des religiösen wie des profanen, steht Holland einzig da. , Durch die Privatinitiative sowohl als durch die Unterstützung der Regierung wurden und werden im ganzen Lande jüdische Unterrichtsanstalten errichtet, die in pädagogischer Hinsicht den nichtjüdischen in keiner Weise, nachstehen. Schon besitzt Holland eine jüdische „Hoogere Burger School" (Oberrealschule) und zahlreicht Anstalten für höheren Unterricht nach dem Prinzipe von „Thora im Derech Erez". Auch die Normälchule steht auf sehr hoher Stufe. Es ist daher kein Wunder, daß die Zahl der jüdischen Schüler der Unterrichtsanstalten in fortwährendem Wachstum begriffen ist. Die beiden Rabbiner und KultusbeamtemSeminare in Amsterdam dürfen sich in der Gelehrtenwelt eines ausgezeichneten Rufes erfreuen. Von Vedeutung sind auch die . zahlreichen jüdischen. Kinderheime, die im ganzen Lande gegründet werden, und-die einen überaus erfolgreichen Kampf gegen die christliche Mission unter den Juden geführt haben. Von besonderer Bedeutung für das gange holländische Judentum ist die jüdische G e - werbesch u l e A. B. D ä v i d s in Amsterdary, die bereits viele Juden und Jüdinnen zu tüchtigen Fachleuten ausgebildet, und vor dem geistigen und wirtschaftlichen Untergang gerettet hat. )er Plan zur Gründung einer jüdischen' Gewerbe- 'chule reicht weit zurück. Bereits 1897 hatte sich zu diesem Zwecke ein Ausschuß gebildet, der aber nichts erreichte. Durch den Unternehmungsgeist^ amstag des Herrn Ä. B. Davids, eines warmen Streiters für die Fachausbildung unter den Juden in Holland, wurde dann viel später ein Verein gegründet, der sich die. Gründung einer jüdischen Gewerbeschule zum'Ziele setzte. Die Gewerbeschule A. B. Davids bietet Raum für ungefähr 180 Schüler. EtzMM UntWiM Weist Lederbearbeitung,' in Metallbearbeitung, Bereitung von Lebensmitteln üsw:, und man kamt dort ein jüdisches Kind beinahe sürjeden gewerblichen Beruf ausbilden. Neben dein FachunteWcht wird elementarer Unterricht erteilt. Der Andrang der Schüler ist so groß,- daß gerade dieser Tatze eine neue Mädchenklasse gebildet wexdeN konnte, die, wie man erwartet, den Anfang bildet für die Gründung einer jüdischen Gewerbeschule für Mädchen. Man darf wohl darauf rechnen, daß die Regierung diese Gewerbeschulen aufs eifrigste unterstützen wird. - Daß die Juden Hollands auch auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft einen ehrenvollen Platz einnehmen, ist allgemein bekannt. Einige Worte sollen jedoch noch der'Tätigkeit jüdischer Persönlichkeiten auf dem Gebiete der P o - l i t i k gewidmet werden. Im Parlament trifft man viele Juden an, die sich, auszeichnen. Wir' nennen z. B. den bei allen Holländern bekannten jüdischen Arzt, Dr. H. I. V o s , einen Mann, der durch sein kräftiges Auftreten und die Gewalt seiner klaren Logik sich große Verdienste erworben hat. Er ist ln seiner Eigenschaft als Magistratsmitglied von Amsterdam auch als energischer Vertreter der Interessen der Amsterdamer' jüdischen Bevölkerung ausgetreten. Zur Zeit sitzt im Amsterdamer Magistrat noch ein zweites jüdisches Mitglied. Die SoziiaÄemokratie hat in Henry Polak einen hervorragenden Führer, dem bereits erwähnten Gründer und Vorsitzenden des Allgemeinen niederländischen Arbeiterbundes. Mit besonderem Stolz darf darauf verwiesen werden, dast die holländische Regierung ebenso auch wie die Nachgeordneten Behörden des Staates sowohl wie der Kommune, die traditionelle^ fast selbstverständlich gewordene Toleranz gegenüber den jüdisch-religiösen Interessen gewähren. So. hat z. B. in den letzten Tagen der Minister für Handel und Gewerbe aus Anlaß des zur Zeit vorliegenden Sonntagsruhegesetzes sich geäußert, d a ß e s d re Absicht d e r Reg i e r u n g i st, n ich t n ur f o r m e l l, s o n d er n auch ö k on o m t s ch de r h o l l ä n d i s ch - j ü di sch e n B e..v ö l ke ru ng die.Fe ie r des Sab batt a g e s, d e s sen e t h i s che V e d eü tun g ' ü r d i e G es e 11 s ch aft e r au f s ti e f ft e würdige, in d e r P r a x i s. d e s Leben s zu ermöglichen. © * © z Lrti ME TELE w JULIUS SCHMIDT FRANKFURT AM MAIN, -H LANGE ST RA § S E T v' - TELEFON HANSA 25865 POSTSCH.-KONTÖ FRANKFURTMAIN 142 353 El N ZIG E IN S ER ATE N - A Ni NÄHME FÜR-FRANKFURTER GESCHÄFTS- INSERATE DES »ISRAELIT« i AUSSERDEM. ANNAHME -VONilNSERÄTEN FÜR SÄMTLICHE HIESIGE-UND AUSWÄRTIGE'TAGESZEITUNGEN, WOCHEN-, UND FACHBLÄTTER ZU ORIGINALPREISEN ♦ ANNÄHME VON DRUCKSACHEN (HANDEL, GESCHÄFTE, PRIVATE) FÜR DIE HERMON-DRUCKEREI BEI BILLIGSTER BERECHNUNG UND KÜNSTLER. AUSFÜHRUNG IN SCHWARZ- UND BUNTDRUCK Wochenkalender.;'t). 28; Suiti & 3. Juli 1930 ( v 2. — g. Tammus 5690 Samstag. 28 2_! nix» Sonntag . 8 v? 29 3 .. . ." Montag 30 4 Dienstag 1 ‘ rvsri 5 Mittwoch 2 ' 6 Donnerstag Juli 3 - |7 Freitag 4 8 amstag 5 9 npn

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