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Der Israelit · 1930-06-26 · Heft 26 (26.6.1930) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 26 (26.6.1930)
Date
1930-06-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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26. Juni 1930 Der Israelit Nr. 26. Seite 3 schaft der jüdischen Reform gern e i n d e zu Berlin (Sonntagsreform) zur Arbeitsgemeinschaft des liberalen Jugendverbandes wurde mit überwältigender Mehrheit beschlossen. Damit war von erster Minute an der Kurs der Arbeitsgemeinschaft, der Tagung und der Jüdischliberalen Jugendvereine überhaupt angezeigt. Diesem Kurse folgend, blieb die radikal-liberale Jugend auf der Tagung führend. Die Verhandlungen wurden am Sonntag durch eine „religiöse WeihestU'nde" dier R e f o r m j u g e n d eingelötet, bei der ein weiblicher Prediger, Ilse Wolfs-Berlin, etwas von Ehrfurcht und He im a t l i e b e, fundiert auf tiefer Religiosität, als den E ck p f e i l e r n d e r >l i b e r a len G r u n d a u f f a s s u n g sprach. Um diese merkwürdige Trinität von „Ehrfurcht", „Heimat" und „Religiosität" in ihrer Tiefe zu verstehen, muß man schon,' um mit Heinrich Heine zu sprechen, „dem Kerker der Vernunft entflohen sein". Es gibt wohl lein schönes Drama von Schönherr unter dem Titel „Glaube und Heimat", worin die Tragik von Menschen, die zur Zeit der Hugenottenaustreibungen wegen ihres Glaubens die Heimat verloren haben, dramatisch ausgewertet wird. Was die Heimatliebe der in der Johannisstraße zu Berlin sich ganz bodenständig fühlenden Reformer mit Religiosität zu tun bat, und wovor man die Ehrfurcht empfindet, vor der „Heimat" oder, der „Religiosität", bleibt unklar. Vielleicht war es der Jugendgemeinschaft der Reformgemeinde Vorbehalten, in der Arbeitsgemeinschaft der „Jlis", diese Mysterien aufzuklären. Der Religiosität kann die Ehr-' furcht keineswegs gelten in einem Kreise, wo man den siebenten Tag der Thora auf den ersten verlegt, wo man Zion und Jerusalem mit Kurfürstendamm und Johannisstraße ersetzt, wo man Moschiach den Platz in der Synagoge verweigert, wo man „Schema Israel" als einzigen hebräischen Satz einer bloßköpfigen Gemeinde entgegenruft, die außerdem kein hebräisches oder jüdisches Wort mehr zu hören bekommt, wo die Geula Zivilisation oder Weltbefreiung usw. heißt. Rein, hier darf man, ohne ins Groteske zu verfallen, von einer „Ehrfurcht vor der Religion" nicht sprechen. Also bleibt die H e i m a L l i e b e. Was hat aber diese mit Religion zu tun, solange man ihr ivie Heimat nicht opfern muß? Doch etwas weiter zum ernsten Teile der Tagung. Herr Bruno W o y d a, der derzeitige Präzeptor des liberalen Judentums, stellte ein programmatisches Referat über „Lebensnähe der Religion" in den Mittelpunkt der Verhandlung. In seinem ersten Teile stellt sich das Referat als eine Moralpredigt an seine Gesinnungsgenossen dar, besonders an eine gewisse Kategorie liberaler Rabbiner, die „unter Toleranz ein allzu williges Nachgeben gegenüber den Gesichtspunkten orthodoxer Lebensauffassung verstünden." Erschreckende Beispiele wußte er anzuführen, wie liberale Rabbiner durch Interpretationen Unterschiede der Weltanschauung auszugleichen versuchen, während es doch gerade bei solchen grundsätzlichen Fragen nur eine eindeutige und klare Linie geben könne. (Da hat der Herr gar nicht unrecht!) Nun zur „Lebensnähe der Religion", die nicht gleichbedeutend sein darf mit der Benutzung der Religion zu profanen Zwecken, Zwei Beispiele, die sich gegenüberstehen: In Thüringen ordne man religiöse Gebete mit parteipolitischer Tendenz an. Im Gegensatz hierzu sucht die deutsche Zentrum spartet ganz bewußt die Politik ihrer religiösen Zielsetzung dienstbar zu machen, ähnlich wie Gandhi in Britisch-Jndien sich der Politik zur Verwirklichung seiner religiösen Aufsassungen bediene. Man sollte glauben, daß sich aus diesen Beispielen der Begriff der Lebens nähe der Religion ganz klar herauskristallisieren lasse. Im Weimar von heute stellt man die Religion, oder was man dort so Religion nennt, in den Dienst der Politik, der schlechtesten Politik, die je Menschen gemacht haben. Für wahrhaft religiöse Menschen, welcher Art sie auch seren, ob in den Salzlagern des Hindus, oder im deutschen Zentrum, gilt es umgekehrt, die Politik d e m r e l i g i ö s e n G e d a n k e n dienstb a r zu machen, Staat, soziales und Gesellschaftsleben unter das Primat der Religion zu stellen, mit Hilfe der politischen Machtmittel für die Religion und ihre Belange die weitgrößten Vorteile herauszuschlagen. Wie aber Herr Woyda aus jener Gegenüberstellung zu einer Teilung zwischen Inhalt und Formen der Religion, einer Bejahung des ersteren und einer Ablehnung der letzteren kommen kann, ist fo wenig begreiflich, wie die Synthese von „Heimat, Ehrfurcht und Religiosität", die Dreieinigkeitsformel der Sonntagsweihestunde der Berliner Reformjugend. Lebens nähe der Religion! Es gibt zwei Arten, die Religion lebensnah zu machen, und Herr Woyda selbst hat, vielleicht ohne es zu wissen und zu wollen, wider die eine und für die andere gezeugt. Man kann die Religion dem Leben nahe bringen, sie ihm unterordnen, dann ist das religiöse Lebensbild retouchiert, ver- Lassen Sie Ihre UHREN be! Neeser~LAPP, AUegasse 2 reparieren. Sie gehen gut und die Preise sind billig. Alles unter Garantie. fälscht, dann entsteht das, was der alte Stöcker mit gutem Blicke einmal in der Sonntagsreformgememde erkannt hat: das leere Blatt zwischen dem Alten und Reuen Testamente. Anders sieht die Lebensnahe der Religion aus, wenn das Leben, wie es das alte Judentum von jeher wünscht und erstrebt, zur R e l i g i o n h i n aufgeführt wird und in seinen Grundlagen durch sie Ewigkeitswert erhält. Dazu ist es aber nötig, daß religiöser Inhalt nicht in einen Dunst hoher Gedanken und hoher Worte ausgelöst wird, sondern festen Grund und sichere Tragbalken durch das Ritual, durch die Formen, kurzum, durch das, was die Andern etwas verächtlich Zeremonmlgesetz nennen, erhält; dazu ist es ferner nötig, daß man die Seele der Religion, die^Thora, als g'ttgegeben anerkennt und sie in Ewigkeitsregionen, die darum doch lebensnah bleiben, vor einer Vermenschlichung und Säkularisierung sicher weiß. Davon hat man aber der liberalen Jugend in Dresden nichts gesagt. In solchen Zusammenhängen hätte die Synthese von „Glaube und Heimat" sogar einen Sinn bekommen können: die Religiosität als Heimat der Seele, eine feste unverlierbare Heimstätte für eine, über alle Teile der Erde versprengte Glaubensg^meinschast. Areudenseuer am Rhein. Montag Nacht werden Domglocken die Befreiung des Rheines von fremder Heeresmacht verkünden. Freudenfeuer werden weithin die Kunde hinaustragen, daß der Rhein, der deutsche Rhein, wieder unser sei. Damit wird die Not noch nicht gehoben, die Lasten nicht gemindert und das Elend' des Nachkrieges noch nicht liquidiert sein. Aber die Schmach der Fremdherrschaft ist abgewendet, und wir gönnen dem deutschen Volke die Freude, freuen uns als Deutsche aus vollem Herzen mit der neuen wichtigen Etappe, die die Völker nach vier blutigen Jahren mit all ihren grausigen Nachwirkungen auf dem Wege zur Befriedung -der Erde erreicht haben. Ist aber die letzte Schmach vom deutschen Boden damit getilgt? Glocken stimmen fromme Gemüter aus einer Gemeinschaft, die die Glocken zu ihrem Kulte zählt, nachdenklich. Für solche denkenden Menschen wird das Freiheitsgeläute den Text haben: Nicht die Abstreifung der Sktavenketten bedingt die Freiheit, man erringt sie mit der inneren Läuterung, mit der sittlichen Freiheit, mit dem Sprengen der inneren Fesseln, die Vorurteil und Haß geschmiedet. Acht Tage vor der Befreiung des Rheinlandes zieht in den Sächsischen Landtag thüringischer Geist mit vierzehn Nationalsozialisten ein. Das kleines Feuilleton. Gin neuer Jehuda Halevi. Zum dritten Jahrzeitstage Eli Michaels V"st hat der Verein „Mekizei Nirdomim" einen neuen Band Jehuda Halevi herausgegeben. Es ist der vierte Band im Rahmen der „Gesammelten Schriften", nach Handschriften und Druckwerken und mit Anmerkungen versehen von Dr. H. Brody herausgegeben. (Druck beiJtzkowski, Berlin). Ueber den eigentlichen Wert des Buches referieren, hieße soviel, wie ein Werturteil über die Poesie Jehuda Halevis fällen. Dieser König altneuer hebräischer Dichtung steht über dem Urteil unserer Generation. So kann hier nur von der Ausgabe gesprochen werden. Sie ist, was Aufmachung, Papier, lichten Druck und modernen Buchschmuck betrifft, (wozu noch ein herrlicher Einband kommt.) geradezu vollkommen zu nennen. Die Auswahl und Anordnung des Stoffes zeugt von tiefem Verstehen und Einfühlen in diese schöngeistige Materie. Der Band umfaßt synagogale oder religiöse Poesie und gliedert sich in fünf größere und kleinere Teile. Der erste Teil enthält Smiroth und Hymnen für Sabbat, Sabbatausgang und besondere Sabbate, zum Teil bisher unbekannte Gesänge, mit denen sich unser Smirothbuch vorteilhaft bereichern läßt. Der zweite Teil vermittelt uns Slichausgebete für verschiedene Fasttage, den neunten Aw und besondere Traueranlässe, von denen man nur bedauern kann, daß sie unseren bekannten Slichaussammlungen verloren gegangen sind. Eine eigene kleine Abteilung enthält P i u t i m für das Purimfest, die, nach Inhalt und Rhythmus zu schließen, wohl einmal schon irgendwo dem Gottesdienste eingereiht waren. Unter dem Titel nnm' msis:) sind diverse Lieder aufbewahrt, aus der Seele für die Seele gedichtet, über Gott, Mensch und Welt, von Vertrauen, Gottesliebe und Hoffnung. Zuletzt kommen unter der Ueberfchrift d’-oc kleine Gebete und Hymnen, manche mit „Ahawa" oder „Suloth" bezeichnet. Der gelehrte Herausgeber läßt dem Bande eine Einführung vorausgehen, in der er von dem vorangegangenen Bande, der die profanen Lieder Jehuda Halevis enthält, spricht, und den Söhnen Eli Michaels den Dank abstattet, daß sie durch ihre hochherzige Stiftung zu Ehren ihres unvergeßlichen Vaters ermöglicht haben, die durch den Weltkrieg unterbrochene Herausgabe des Divans in so würdiger Weise fortzusetzen, Es folgt dann eine kritisch-wissenschaftliche Abhandlung über einige Nummern der Ausgabe. Der prachtvolle Band bedeutet eine Bereicherung der jüdischen Literatur, und ist, da er uns speziell religiöse Poesie Jehuda Halevis gibt, ein sinniges Denkmal für Eli Michael W. Der Königin Luise Bund besingt denOpfertod eines deutsche jüdischen Schülers. Dis Vurideszeitung des reaktionär-antisemitisch eingestellten Königin Luise-Bundes Nr. 23 vom 8. Juni bring! einen Nekrolog aus den „Heldentod eines Knaben", in dent zu lesen ist: „Wenn immer wir Pfingsten feiern, das wunderbare- Fest in Frühlingspracht, steht vor meiner Seele etn tiefergreifendes, erschütterndes Geschehen, der Märtyrertod eines fünfzehnjährigen deutschen Knaben. Rudolf Ferdinand Hase. . . . „Eine neue Aera der Freiheit und Gerechtigkeit" versprach die „Interalliierte Kommission", als sie die Verwaltung des Abstimmungsgebietes von Oberschlesien übernahm. Und von dem allen, was dieses Versprechen umschloß, wurde nichts gehalten. Statt Ruhe und Ordnung dem Lande zu bewahren, wurde eine achthundertjährige deutsche Kultur vernichtet. Unter denjenigen, die sich hervorragend bei der deutschen Werbetätigkeit auszeichneten, war dieser Knabe, Rudolf Ferdinand Hase, geboren am 7. Februar 1906. Seine ideale Begeisterung für sein Heimatland hatte den Feinden mißfallen. Vielleicht erkannten sie in dem intelligenten Knaben einen späteren Führer? Während der Abstimmungstage, da er sich in den Dienst der deutschen^ Sache gestellt hatte, wurde er auf einer Fahrt ins unbesetzte Deutschland aus dem Zuge, dem schriftlich und ehrenwörtlich freie Durchfahrt gesichert war, im Beisein der englischen protestierenden Begleitoffiziere herausgeholt und von Insurgenten gefangen genommen. Es war am 14. Mai 1921, und andern Tags, am 15. Mai, einem Pfingstsonntage, wurde er nach vierundzwanzigstündiger Gefangenschaft, im Beisein seines jüngeren Bruders, im Walde von Komowatz erschossen. Er starb wie ein Held! Ern Märtyrer deutschen Volkstums, deutsA^ Heimatliebe! O dürft' ich heute goldne Flügel haben, Daß mir für aller Welten heilgen Sang, Dem Ehrenlied für einen deutschen Knaben, Ertöne aller Harfen Feierklang!" Dazu bemerkt die „C. V.-Zeitg.": „Wie gern möchten wir glauben, daß sich über diesem Grabe eines jugendlichen Helden wirklich die sonst durch Klüfte getrennten Gruppen des deutschen Volkes die Hand reichen, daß selbst der Königin Luise-Bund diese unvergängliche Heldentat deutsch-jüdischer Heimatliebe herzlich anerkennt und die Heimattreue jüdischer Deutscher seinen Mitgliedern verkündet."

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