Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1930)
- Date
- 1930-06-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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IV). Juni 1930 Der Israelit Nr. 25. Seite 5 mit folgenden Themen: 1. Eigenbetriebe oder Aufbau- Hilfe in den Gemeinden, 2. Hilfe für den gewerblichen Mittelstand durch Ausbau und Zusammenschluß der jüdischen Kreditinstitute. Krise in der Jüdischen Gemeinde Dresden. Dresden 15. Juni. -Der Jüdischen Telegraphen-Agentur wird geschrieben: Die seit langem latente Krise im Vorstand und im Gemeinderat der Israelitischen Religionsgemeinde Dresden kam in der Sitzung des Gemeinderates am 11. Juni ds. Js. zum elementaren Ausdruck. Seit Monaten fanden zwischen den Liberalen und der Jüdischen Volkspartei Verhandlungen statt, welche hauptsächlich auf eine Aenderung der Wahlrechtsbestimmungen abzielten-, die I. V. P. verlangte ein von Staatszugehörigkeit, Steuerleistung und Karenzzeit unabhängiges Wahlrecht und erklärte sich für diesen Fall bereit, den Liberalen die Hälfte der Gemeinderats-Mandate für die nächsten fünf Jahre zu konzedieren, obgleich die letzten Wahlen eine Mehrheit der nichtliberalen-Wählerschaft ergeben hatten. Der Vorsitzende des Gemeinderats, zugleich Vorsitzender der Liberalen Fraktion, Herr Rechtsanwalt S a l i n g e r, stimmte diesem Vorschläge zu, konnte ihn über bei seinen Fraktionsgenossen nicht durchsetzen. In der entscheidenden Sitzung am 11. Juni ds. Js. erklärte Gemeinderat Weinreich, daß die jetzt bestehenden Wahlrechtsbestimmungen vom jüdischen und allgemein moralischen Standpunkt aus unhaltbar seien und verhängnisvolle Folgen für die religiöse Entwicklung und für die Verwaltung der Gemeinde haben. Da sich die Liberalen den Vorschlägen der I. V. P. gegenüber abweisend verhielten, stellte die Fraktion der I. V. P. zunächst den Antrag auf Auslösung des Gemeinderats und Ausschreibung von Neuwahlen. Der Vorsitzende erklärte, daß dieser Vorschlag verfassungsändernd sei und daher nur mit drei Viertel Majorität angenommen werden könnte. Die Volkspartei aber war der Ansicht, daß sich dieser Standpunkt aus den Satzungen nicht rechtfertigen ließ. Daraufhin drohten die Liberalen, durch Verlassen des Saales die Beschlußfähigkeit zu verhindern. Die neun Gemeindeperordnete zählende Fraktion der I. V. P. erklärte nun, Daß sie ihre Mandate kollektiv niederlegt. Bund Israelitischer Wohlfahrtsvereinigungen in Baden. Freiburg, 20. Juni. Der diesjährige Wohlfahrtstag fand am Sonntag, den 18. Mai, in Freiburg statt. Die Referate der Herren Prof. M a i e r, Freiburg und Lehrer Rosenfelder. -Ladenburg, wurden mit Interesse und Anerkennung ausgenommen. Prof. Maier sprach über die Zuasmmenarbeit des Wohlfahrtsbundes mit der öffentlichen Fürsorge und wies an Hand einiger eindrucksvoller Beispiele nach, welche wesentlichen Vorteile dem Hilfsbedürftigen aus der Inanspruchnahme der Behörden erwachsen und wie der W. B. in Zusammenarbeit mit seinen Ortsgruppen und Vertrauensleuten die Ansprüche seiner Schützlinge in jeder Richtung zu vertreten weiß. Lehrer Rosenfelder. Ladenburg, behandelte die Probleme der Jugendwohli fahrt und zeigte, wie wesentlich die Mitarbeit der jüdischen Lehrer auf diesem Gebiet ist und wie die Lehrer durch die tägliche Fühlungnahme und Beobachtung sowohl auf die gesunde als auch die gefährdete Jugend fördernd einwirken können. Neben zahlreichen Vertretern der jüdischen Gemeinden und Vereine in Baden war als Vertreterin der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge und der Aktion der deurichen 'Juden für Erziehung und Arbeit Frl. Frieda Weinreich aus Berlin anwesend, die Erfreuliches über die Neuregelung der jüdischen Fürsorgeerziehung berichten konnte. Die Aussprache ergab manche Anregung in Bezug auf die Betreuung berusstüchtiger Jugendlicher in den größeren Gemeinden und die Zusammenarbeit mit den 'Reichs- und Landeszentralen. Protest der thüringischen Iudenheit. Eis e n a ch, 16. Juni. Der Landesverband Thüringen des Zentral-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranstaltete am 15. Juni in Eisenach eine Protestkundgebung gegen die Beschimpfungen der deutschen und thüringischen Juden durch den Staatsminister Dr. Frick. Die Kundge- .büng, die. unter dem Motto: „Der alte und der neue Geist von Weimar" stand, war aus allen Teilen Thüringens überaus stark besucht, der Saal war überfüllt. Fabrikbesitzer Heinemann - Meiningen leitete die Bersarninlung. Der stellvertretende Vorsitzende des Zentral-Vereins, Die Woche. Berlin. Am 20. Juni begeht Frau Geheimrat Martha Cohen, die Witwe Hermann Cohens, ihren 7 0. Geburtstag. Sie war treue Kameradin und Assistentin ihres berühmten Gatten und betreute nach dessen Tode seinen Nachlaß. — Reichsminister des Innern. Dr. W i r t h, empfing am Freitag die Führer des Zentralvereins, die hierbei Gelegenheit nahmen, die Beschwerden der deutschen Juden über die Vorgänge in Thüringen vorzuiragen. Dresden. In Dresden trat die liberale Jugend zu einer Tagung zusammen. Es wurden Vorträge gehalten über „Ursprung, Sinn und Ziel - der jüdischliberalen Jugendbewegung" und „die Verantwortlichkeit des liberalen Judentums". Das letzte Wort über die verantwortungsschwere Aufgabe der Jugend, das Judentum unverfälscht zu übernehmen und 'weiterzugeben, wurde nicht gesprochen. Paxis. Der in diesen Tagen in Veziers abgeyaltene Kongreß der französischen Kriegesfreunde, dem zahlreiche Parlamentarier beiwohnten, faßte einmütig eine scharfe Resolution gegen den Antisemitismus. London. Wie hier verlautet, befaßt sich die zionistische Exekutive mit dem Gedanken, für September ds. Js. einen ordentlichen Zionistenkongreß einzuberufen. — Wladimir Iabotinski, der sich in Südafrika aufhielt, ist die Rückreise nach P a l ä st i n a untersagt worden. Sein Appell an das Kolonialamt ist noch nicht erledigt. Jerusalem. Wie verlautet, werden die drei Araber, die wegen doppelter Morde zum Tode verurteilt und nicht begnadigt wurden, diese Woche hingerichtet werden. — Das Erscheinen des „Doar Hajom", ebenso des arabischen „Palestin" wurde bis auf Weiteres verboten. Der „Doar Hajom" erscheint unter dem Titel „Jeruscholajim" unter der gleichen Redaktion weiter, und zwar in einem Verlage, der von früher her die Berechtigung zur Herausgabe eines Blattes unter diesem Namen hat. — Zur gleichen Zeit, da den jüdischen Chaluzim der Weg nach Erez Jisroel versperrt ist, wandern arabische Arbeiter aus Aegypten täglich ungehindert ein. In einer Arbeiterversammlung wurde gegen diese Behandlung mit zweierlei Maß heftig protestiert. — Simpson besuchte dieser Tage alle jüdische Niederlassungen in Emek. Cr wird begleitet von Dr. Arthur R u p p i n. — Die jüdischen Siedlungen im Emek wurden von einer katastropha- 'en Ratteninvasion heimgesucht. In einigen Gegenden wurden 90 Proz. der Feldernte vernichtet. Am schwersten litten die Kolonien Nahalal und Afuleh. Die Jewish Agency hat eine Unterstützung von Lst. 30.000 bewilligt. Buenos Aires. Nach der neuen Statistik sind im Jahre 1929 im Ganzen 5986 Juden nach Argentinien eingewandert. Moskau. In den jüdischen Kolonien Südrußlands und in der Krim stehen die Felder und die Obstkulturen so herrlich, daß eine recht gute Ernte zu erwarten ist. Dennoch ist die Lage durch die Kollektivierung und ihre Folgen, die dem Fleiß und der Intelligenz des Einzelnen den Lohn entzieht, eine gedrückte. — Nach Angaben des „Emes" gibt es zur Zeit in der Ukraine mehr als 200 000 arbeitsfähige Juden ohne Beschäftigung. Schuld seien die jüdischen Kommunisten, die die von der Zentralregierung gegebenen Möglichkeiten zur Produktivierung der jüdischen Arbeit unausgenutzt lassen. Newyork. Im Alter von 90 Jahren verstarb Josia Cohen. Von Beruf Richter in Pittsburg, war er 20 Jahre lang Präsident der Congregation „Rodef Schalom" und Vorsitzender großer philantropischer Institutionen in Amerika. Haifa. Die beiden jüdischen Wächter einer rumänisch-jüdischen Kolonie wurden zu je 8 Monaten Gefängnis, abzulösen durch eine Geldbuße von je Lst. 40.—. verurteilt, weil sie auf arabische Eindringlinge schossen. Das Recht der Selbstderteidigung wurde ihnen nicht zuerkannt. R-A. Dr. Bruno Weil-Berlin, verglich den Geist der Goethe-Zeit, der ein Geist des Weltbürgertums, der Toleranz und der Lichtung des Nebenmenschen war, mit dem gegenwärtigen Regime Fricks. Die deutschen Juden, die sich im Laufe vieler Jahrzehnte die Gleichberechtigung erkämpft hätten, seien nicht gesonnen, die Angriffe des Herrn Frick wehrlos und ohne Protest hinzunehmen. Der Versuch, die Juden und die jüdische Glaubensgemeinschaft als außerhalb der Gesetze stehend zu stempeln, werde an dem geschlossenen Widerstand der deutschen Juden zerschellen. Indem aber diese zum Protest gegen Frick aufrufen, handeln sie nicht nur in eigener Sache. Sie rufen zu Bundesgenossen alle die auf, denen an der Erhaltung des gegenwärtigen Staates gelegen ist, alle die, die der Meinung sind, daß ein modernes Staatswesen nur vom Gesichtspunkt der Gleichberechtigung aus existieren und sich Rang und Ansehen im Rat der Völker sichern kann. Darüber hinaus aber sei es gerade angesichts der großen deutschen Minderheiten, die zerstreut in fremden Staaten Europas leben, eine besondere politische Torheit, den Grundsatz zu verfechten, Blutzugehörigkeit sei für den Aufbau des Staates entscheidend. Der zweite Redner, R.-A. Dr. B l ü t h - Eisenach, sprach als Thüringer von der Verbundenheit der thüringischen Juden mit ihren Volksgenossen und von ihrem tiefen Bedauern, daß das schöne Land Thüringen zum Tummelplatz völkischer Elemente geworden sei. Es sei bezeichnend, daß man sich einen Bayern nach Thüringen hale holen müssen, um nationalsozialistische Politik zu machen. Die Thüringer Juden protestierer^nnmütig gegen die Sonderbehandlung, gegen die Haßgebete, gegen die Bemühung, ein Schächtverbot einzuführen. Der stellvertretende Syndikus des Zentral-Vereins, Dr. Hans R e i ch m a n n - Berlin, setzte sich mit dem Nationalsozialismus als Idee auseinander. Diese Auseinonderfetzung sei schwer, weil eine klare eindeutige Idee nicht zu finden sei. In einem Punkte aber seien die Nationalsozialisten klar: das ist ihr Judenhaß und die Judcnhetze, die sie durchs Land tragen. Dieser Judenhaß basiert auf der völkischen Rasse-Idee und auf dem Grundsatz, daß Staatsbürger nur sein kann, wer Volksgenosse sei, daß aber Volksgenosse nur sei, wer deutschblutig sei. Die deutschen Juden fühlen sich nicht art- und volkssremd. Wenn allerdings die Brutalität und Gesinnungsroheit, die das Charakteristikum der nationalsozialiüischen Propaganda sei, als deutsches Wesen gelten stllic, dann würde mit den deutschen Juden die überwiegende Masse des deutschen Volkes ärt- und volksfremd sein. Rechtsanwalt Dr. Freudenthal-Erfurt, der Vorsitzende des Landesverbandes Thüringen des Zentral-Vereins, fußte die Protesterklärung zusammen und appellierte an die thüringischen Juden, den Kampf ums Recht weiter zu führen. Die Versammlung nahm eine Entschließung an, in der gegen die Politik Fricks scharfer Protest eingelegt wird. Rumänien. Zum Regierungsantritt König Carols u. Bukarest, 10. Juni. In der Sitzung der rumänischen Nationalversammlunglung, in welcher Exkronprinz Carol zum König von, Rumänien proklamiert wurde, verlas Senator Dr. Meyer Ebner im Namen, des Jüdischen Parlamentsklubs eine Deklaration, in der er der Loyalität und der Liebe der jüdischen Bevölkerung Rumäniens zur Dynastie, sowie dem unerschütterlichen Vertrauen der rumänischen Judenheit in die Herrscherbegabung^des Nachfolgers der rumänischen Könige Ausdruck gab. Die jüdische Bevölkerung Rumäniens, sagte Dr. Ebner, erblickt in dem vollzogenen Akt der Jnthronisierung König Carols II. eine Garantie für den Fortschritt des Landes und die friedliche Entwicklung aller dieses Land bewohnenden Nationalitäten. „Indem wir uns über Tagesfragen erheben und nur die höchsten Interessen des Landes im Auge behalten, unterstreichen wir den aus tiefstem Herzen' Wachenkalender. v- 21. — 28. Juni 1930 ' v. 23. Eiwan b. 2. Tammus 5690 Samstag 21 25 Vinn ]’3ian -\b-nbv Sonntag 22 ]VD 26 Montag s 23 27 Dienstag 3 V7 24 |28 Mittwoch 25 29 ]Op 1123 nv Donnerstag 26 nnn 30 enn »sti '8 av> freitag 27 1 enn vrrvi 'i tm Srmstag 28. 2 nip