Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1930)
- Date
- 1930-06-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 25 Der Israelit 19. Juni 1930 Dauerwellen und Haararbeiteu ist Vertrauenssache! E U G E N OCHS Spezialist dafür Moselstr.16 . Taunus 1593 Unverbindlicher Besuch erbeten mmmm—mmmmm. Daß wir bei unserem Abstieg in die Abgründe krankhafter Verirrungen nicht verzweifeln und den Glauben an die freien Möglichkeiten und göttlichen Fähigkeiten der Seele nicht verlieren, dazu mag uns die andere Seite neuzeitlicher Psychologie verhelfen mit ihrer Ueberzeugung. daß in eines jeden Menschen Seele der Zusammenhang mit objektivem Geist und der Drang nach einer über aller Erscheinung der Welt vordrin'genden höchsten und letzten Sinngebung lebendig ist. Wochenrundschau. Proteste. Wir haben in den letzten Tagen und Wochen eine Flut von jüdischen Protestkundgebungen erlebt, die schon ein abschließendes Wort über Wert und Nutzen solcher Kundgebungen rechtfertigt. Wir meinen zunächst die Massenproteste in der gangen jüdischen Welt gegen das Cinwanderungsverbot in Palästina. 50 000 Menschen waren am Demonstrationszuge in der amerikanischen Metropole beteiligt. Der Straßenverkehr stockte. Die Londoner Kolonialpolitik kommt aber dadurch keinen Augenblick ins Stocken. Simpson ist in Palästina und „untersucht", und die C h a l u z i m sind, mi!t ihren bereits reworbenen Zertifikaten, draußen. Die eine sichtbare Wirkung -der Demonstrationen ist eine Rede des englischen Kolonial-ministers in Genf, in der er sich mit einer g-errnffen: Bonhommie über die große nervöse Reizbarkeit des jüdischen Volkes ausläßt, die der Sache in Palästina ebenso schade, wie die Anmaßung und Unversöhnlichkeit der Araber. Das jüdische Volk möge nicht vergessen, daß ihm ein Rationalh e i m nur versprochen wurde, nie aber ein „jüdischer Staat". — Wir wußten den Unterschied immer und sprachen ihn, wenn die Wellen der Begeisterung gar zu toll um uns schlugen, gelegentlich auch aus. Hätten die Zion i st e n llv'XNl Sehet! Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Mag immerhin im Hinblick auf die Reihenfolge der m'vis in der Schrift im allgemeinen Geltung haben: mws miK» i’Ki Dipi» l'n, die Anordnung . der einzelnen Kapitel ist nicht durch ein zeitliches. „Früher" oder „Später" bedingt, — sicher ist aber doch in den meisten Fällen nicht wahllos, keine Zufälligkeit die Ordnung und daher wohlbegründet die Meinung unserer Alten, pDino ftf-ni, daß man wohl berechtigt ist, auch aus der Aneinanderreihung des biblischen Stoffes entscheidende Schlüsse zu ziehen. Jeder, der den Inhalt der dieswöchentlichentlichen Sidro mit einiger Aufmerksamkeit verfolgt, wird zugeben, daß die „Sendung der Kundschafter" nicht nur in ihrem Mittelpunkte steht, sondern überhaupt ihren vollen Inhalt ganz und gar beherrscht. So ist auch o'L'2 ncna das Gebot der „Schaufäden" als eine Folgeerscheinung der Verirrung der Volksboten zu begreifen und zu werten. Welches war eigentlich die Sünde der zehn Kundschafter? Woran strauchelten sie? Sie verstanden nicht den Auftrag, der ihnen geworden und begriffen nicht, was Moses zu ihnen gesprochen: rn.i n» prrv vrr ov'rrii, „Sehet das Land, was und wie es ist!" Nie und nimmer konnten diese Worte bedeuten, daß die Kundschafter sich etwa über die Tauglichkeit des Landes oder die stets diese Grenze gesehen und eingehMen und die Klugheit der Mäßigung geübt, so hättensie sich das fetzt vom Minister nicht erst sagen taffen müssen. Von Hochoffizieller Stelle in Genf wirkt eine solche Feststellung schon wie eine Mahnung und ein teitweiser Rückzug. Sollten wir die Hände in den Schoß legen und Zurücksetzungen, Ungerechtigkeiten und Demütigungen schweigend hinnehmen? Nein, ganz gewiß nicht. Wir protestieren und Huben immer protestiert gegen uns zugefügtes Ungemach — in G'ttes- und Lehrhäusern, mit Gebet und Psalmliied, mit Fasten und Aufruf zur Einkehr und inneren Sammlung. Die Gasse kennt uns nicht und will uns nicht kennen, hat bestenfalls einen flüchtigen Blick des Mitleides für uns, überwiegend ist aber bei der Muffe auf der Gaffe das Gefühl der Genugtuung darüber, daß man anderswo die Juden nicht bester behandele. Sollten also die Demvstrationen, wie uns oft gesagt wird, nur inneren Wert haben, eine Stärkung der Gemüter und eine Belebung der Geister, eine Hebung der Hoffnung im eigenen Lager bezwecken, so ist dafür die Synagoge, das Lehrhaus und, wenn schon sein muß, das Vereinslokal und die eigene Presse da. Damit soll freilich nichtgesagt sein, daß sich die Aktion im Weinen und Beten erschöpfen muß, es kann und muß darüber hinaus emsig gearbeitet werden. Verhängniste abzuwenden. Aber all dieses nicht auf der Straße und auch nicht mit Hilfe der Straße. Das wußten die heute viel belächelten „Stadtlonim" von damals, die die Tränen der Menge zu Taten verdichteten, sehr wohl, und sie erreichten mit Takt- und Klugheit, mit der hohen Gabe, zu reden und zu schweigen, wo Schweigen geboten war, in allen Fällen mehr als die Politiker und Führer von heute mit ihren großen Alarmglocken der Protestkundgebungen. Viel, sehr viel hätten die heutigen Führer von den alten guten Jofelmanns, Wertheimbers und Oppenheimers zu lernen. Wir protestieren in der uns von altersher gegebenen Form gegen die uns zugefügte Schmach und Ungerechtigkeit, protestieren aber in aller Form gegen Proteste, die sich auf der Straße, keinem zu Nutz und uns zum Schaden, austoben. Die Mission des Liberalismus und des Zionismus. Die Berliner Zionistische Vereinigung veranstaltet von Zeit zu Zeit Vorträge und Aussprachen über die Strömungen im deutschen Judentum. Jüngsthin stellte Möglichkeit seiner Besitznahme orientieren sollten. Das stand ja alles bereits seit den Vätern her für Israel als Verheißung fest, daß das Land „fließend von Milch und Honig" das Besitztum des Volkes werden fvll. Es war; eine Verfehlung der Gesamtheit schon, die Sendung von Voten, von „Spähern" zu fordern. Die Schwäche und Verirrung des Volkes, dem die Erlebnisse in der Wüste immer von neuem die fürsorgende Liebe G'ttes zu sonnenklarem Bewußtsein hätten bringen sollen, hätte aber durch Klugheit und Überlegung seiner Führer — diese waren ja die D’hi», die Kundschafter — leicht ins Gegenteil umgebogen werden können. Das erhoffte Moses und das gab er den Boten an die Hand, als er zu ihnen sprach: »mrrii. Sehet, — nicht nur mit eurenAugen, sondern auch mit wachem, klarem Geiste und fühlendem Herzen! ... Die Fruchtbarkeit des Landes, die Größe und Stärke seiner Bewohner, wie die Mannigfaltigkeit in der natürlichen Beschaffenheit der Ortschaften, all' das hätte ihnen, des Volkes Fürsten, die Augen öffnen müssen für die Gnade G'ttes, der Israel zum Besitzer eines so wunderbaren Landes zu machen verhieß ... So sollten sie das Land sehen, — in allem was sie erschauten, G'tt und seine unendliche Güte für das Volk seiner Wahl finden und würdigen . . . Wären die Kundschafter den ihnen gewiesenen Spuren gefolgt, — so würden die Namen, die sie trugen, einem jeden von ihnen eine Ehrenkrone geworden sein. Sie spähten aber nur nach ihren Augen und ihren Herzen und führten so ihren und des ganzen Volkes Verfall herbei . . . »mrrii Sehet! überdenket klar und mit Bewußtsein, mit Geist und mit Herz, sehet nicht nur was eure Augen sehen und wie es eure Triebe und Leidenschaften ersehnen, — diese Mahnung ist in dem Gebote der „Schaufäden" verewigt, jtisb i>2 vre Drnsn imre Dwrrii D'M D/1K 1E?R DD’J’ST '11181 ’ln« 1110N j6l DfllK DN'VVI '1 sich Dr. Ludwig Kanowitz die Aufgabe, die Begriffe Liberalismus und Orthodoxie vor einem großen Zuhörerkreise zu klären. Die Grenze zwischen der liberalen undorthodoxen Weltanschauung zu erkennen, ist gewiß nicht schwer, schwieriger gestaltet sich schon die Feststellung der Grenzlinie zwischen Liberalismus und- Z i o n i sm u s. Daß hier enge Beziehungen bestehen und zarte Fäden sich herüber und hinüber spinnen, ist von uns oft genug nachgewiefen worden, schon bevor die „Jüdische Rundschau" es für gut befunden hatte, die Liberale Weltkonferenz mir einer Sonder-Festmummer zu feiern und zu ehren. Kanowitz gibt in seinem Referatezu, daß 'ein großer Teil der Zionisten Beziehungen zur Welt des Liberalismus hat. „Der Zionismus ist an einem dogmenfteien jüdischen System interessiert. Das aber ist auch die Kernfrage des Liberalismus. In der Frage nach dem Sinn des Judentums stellt der Liberalismus die Missionsidee auf und protestiert in deren Namen gegen den Zionismus. Dabei entfernt sich der Liberalismus dauernd von seinem Ziel undschafft so eine jüdische üeben-slüge . . „Die Auswirkung des Religiösen im Ritual ist eine echte Erscheinung, aber die Retouche des Judentums nach dem Lebenist opportunistisch." Aehnlich hat es auch schon Dr. Ba-eck ausgesprochen. Man will eine abstrakte Weltreligion schaffen, mit Erlebnis und Gläubigkeit. Wer kann aber sägen, wie tief Erlebnis und Gläubigkeit verwurzelt sind-; von welch langer öfter kurzer Dauer sie sind-, wenn sie nicht den Boden unddie Balken der Tradition und des Rituals unter undüber sich haben? Was hier vom Liberalismus gesagt wird, mutet schon nahezu wie eine Binsenwahrheit an. Aber liegt hier die T r e n n u n g s grenze zwischen Liberalismus und Zionismus? Unter dieser GrenzschnUr an der Oberfläche führen unterirdische Gänge und Schächte ins -andere Gelände so leicht und bequem hinüber, daß die Trennung gar nicht merklich in Erscheinung tritt. Der Liberalismus predigt eine .jüdische Weltmission und vergißt über den Allerweltssorgen ftie eigene Sorge uni die Erfüllung der „dem Priesterreich und heiligen Volke" am Sinai übertragenen eigenen Mission. Ein „dogmenfreies System" ist gleichbedeutend mit einer Lossagung vom Sinaigesetz. Unddamit ist Israel von der Höhe gestürzt, auf der und von der allein es feine Weltmission zu -erfüllen vermag. Der Messianismus des Zionismus sieht aber der Weltmission des Liberalismus fo ähnlich, daß er ohne erhebliche Selbstverleugnung ihr Träger und Künder sein könnte. Dogmenfrei' und sinaifern, erstrebt er -eine jüdisch-e Nation, die auf eig-e- DrmriK. „Das werde euch zu Schaufäden, daß ihr sie sehet und euch an alle Gebote G'ttes erinnert und sie erfüllt und nicht kundschaftet nach eurem Herzen und nach euren Augen» denen ihr nachbuhlet." in« orr-tm. Sehet die Schaufäden, — aber das genügt nicht. Es heißt ja auch nickt am Dii’s-n, sondern ins hinter den Schaufäden sollst du „Ihn" sehen, deinen G'tt, der dieses Gebot und alle mir» gegeben, um dich zu festigen und zu stützen in deinem Kampfe gegen die feindlichen Mächte in deiner Brust. Nicht sollen „Aug und Hrrz", „die Mittler der Sünde", die Herrschaft über dich gewinnen. Das ist der Sinn der Forderung: Sieh die Schaufäden und laß dich an G'tt mahnen wie all' seine Gebote förmlich das Leitseil sind, an dem wir uns halten, um nicht im Sttudel der Sünden und Laster zu versinken. — Die Maffora fügt diesem zweifachen djvkii noch ein drittes hinzu: D'228.1 bv j/mni Sehet, „habet acht, schon an den Stützsteinen." Denkt an euren Ursprung, an die Nichttgkeit und Schwäche des Menschen, wenn er sich loslöst vom Willen G'ttes. nv psn ns DJi'tni. Sehet das Land, was es ist! Wo ist das Land, des Menschen wahre Heimat? Darum gerade in« o/inrn. Sehet überall Ihn, euren G'tt — und ihr wechselt und werdet stark in eurer Schwäche und die Hinfälligkeit und Vergänglichkeit dieses Lebens wird verklärt durch die beseligende Hoffnung auf eine Welt der Ewigkeit im Reiche der Seelen und Geister. —