Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 25 (19.6.1930)
- Date
- 1930-06-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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4 < «. . „„ . 19. Juni 1930 jutt d* bctt 23. Slwan 5090 Nr. 25 Begründet von Dr. Lehmann ln Mainz. Abnnnement ad Juli 1W9: Deutschland: U3H - Marl monatlich; A usl a n d: Btertelja^preife (entsprechend-dem-deutschen-Inlandspreis zuzüglich Koste«'des Streifband-Versandes) Deutsch-Österreich: .Schilling 6.— : Amerika 1 Dollar; England 4 sh; ab 1_3«U Frankreich 25 Fr.; Belgien ab 1.7.27. Belga 5.; Holland 2 fl.; Italien ab 1.1.28.18 Lire; Ingo» slavien 55 Din.;.Litauen 7.5V Lit.; Rumänien ab 1. 7. 27. 15V Lei; Polen 4 deutsche Goldmärk zum Tageskurs oder 7 Zloty; Schweiz 5 Fr.; Tschecho-Slowakei 25 Kronen; Ungarn Pengö 5 ab 1. Juli 1927; Dänemark 3.50 Krön.; Norwegen 3.5V Krön.; Schweden 3.50 Krön. Einzelnummer vierzig Goldpfennige. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Inserate 50Goldpf. für die fiebengespaltene NdnpareMe-Zeile. Abonnenten zahlen berStellengesuchen und Familienanzeigen nur4VPf. Die 75 min breite Reklamezeile: letzte Textseite 2.— Mk., vorletzte Textseite 3 56 Mk.; Chtffregebühr in Höhe eines dopp. Fernbrtefportos. Rabatt nach Tarif. Bei laufenden Jnserataufträgen tartfm. Preiserhöhung jede». Vorbehalt. Jnseratenannahme durch den Verlag des Israelit G. m. d. H.. Frankfurt a. M, Rechneigrabenstratze 7. Tel. Hansa 21081 sow. durch sämtl. Annoncen-Exped. d. In- und Auslands. Alleinige Jnferatenann. für Franks. Geschäftsanz.: Jul. Schmidt, Langestr. 7, II, Tel. Hansa 25885. Platzvorschr. ohne Verbindlichk. Zahlungen direkt an den Verlag auf Postscheckkonto Frankfurt (Main) Nr. 198Ü2. - Außerdem an: Postsparkafle Wien Nr.79805.-Postsoarkaflenamt Budapest Nr. 18424.-Postscheckkonto Warschau Nr. 190757. - Postscheckamt Zürich Nr. 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In unvergänglichen Worten, in einer durch die Jahrtausende kaum abgeschwächten Kraft hat der Sänger der Psalmen die Auffassung des Judentums niedergelegt: „Rur der kann den Berg des Herrn besteigen, nur der sich auf seiner heiligen Höhe halten, der mit reinem Herzen und lauterer Hand feine Seele l nicht dem Falschen öffnet und Nicht zum Truge schwört." Die Religion hat eben in.erster Linie den Menschen, seine innere Entwicklung, seine sittliche! Persönlichkeit im Äuge, i Daß der wahrhafti! religiöse Mensch auch sittlich ist,!das wird im allgemeinen wohl auch von deck Religion gleichgültig gegenüberstehenden Pädagogen zugegeben, wenn es nicht gewisse Psychoanalitiker und Positivisten sind, denen ihre Wissenschaft zur Religion wurde. Aber die weitere Frage ist für uns: Kann das Judentum eine religiös neutrale Erziehung, ob sie nun von .jüdischer oder nichtjüdischer Seite aus geht, gelten lassen, darf, es eine/Erziehung billigen, die die speziell jüdischen Pflichten und Anschauungen ganz dem Einzel- und Privatleben überläßt und in der Schule nur die für alle Weltanschauungen gleichen allgemeingeltendien Sittengesetze zum Ausgangspunkte des Handelns und Denkens macht? Können jüdische Persönlichkeiten, kann eine harmonische Verschmelzung menschlicher Kräfte und göttlicher Werte auch nur angestrebt werden, wenn Erziehung von religiöser Weltanschauung, vom Glauben an Gott getrennt versucht wird?! Das Judentum antwortet auf diese Frage mit nein. Rur wem Gott das tiefste Geheimnis des Alls enthüllt, den tiefsten Sinn seines Lebens aufschließt, nur wer in ihm die treibende, schaffende, erhaltende, erste und letzte Ursache und Wirkung seines Tuns sucht, kann konsequent handeln. Rur G'tt kann Wille und Vorstellung, Natur und Schöpfung durchdringen und vollenden, ein Reich ewiger Werte, denen nicht nur Geltung, sondern auch ein Sein zukommt, begründen. In Wirklichkeit und Wirksamkeit dieses Reiches sehen wir die wesentliche Grundlage und Voraussetzung aller Pädagogik, mit der Darstellung dieses Reiches legen wir den einzig einwandfreien Grund zu jüdischer Jugenderziehung. Wer für'die darin aufgezeigten ewigen Werte blind ist, kann nicht jüdischer Erzieher sein. Wie überhaupt nur derjenige Erzieher erzogen und gebildet werden kann, nur in dessen Seele das Gefühl erwacht für Güter, denen sie ewigen Wert zuerkennt. . Aber die Gegner einer jüdischen Schulerziehung geben sich damit nicht zufrieden. Sie sagen: man kann für die ewigen Werte der Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Geistigkeit und Reinheit, die in der jüdischen Religion nach Ausdruck ringen, wohl begeistert sein, ohne für die konkreten Formen, welche das Judentum nach schriftliMr und mündlicher .sleberlieferung erhalten hat, Verständnis zu haben; das ausschließende unb differenzierende und hse Geister Scheidende, das jeder positiven Religion innewohnt, erscheint ihnen beim gesetzestreuen ' Judentum noch bedrohlicher. Sie fragen: Genügt zur öffentlichen Erziehung nicht eine an den G'ttesglauben anknüpfende Religiosität. - Wir brauchen nicht zu sagen, jeder praktische Pädagoge wird bestätigen, daß eine solche sogenannte neutrale Zone im Verkehr von Schülern und Lehrern einfach unmöglich ist. . Religiosität ist eine subjektive, in Gefühl „und Geist verankerte Kraft, als solche kann sie wie die Kunst, wie jede persönliche Philosophie wohl Form geben, aber das, wodurch Religion im eigentlichen Sinne des Wortes (Religare) an das Göttliche bindet, das, wodurch sie zur erziehenden Macht wird, ist nicht die Formgebung für den einzelnen, sondern, daß diese Formgebung durch eine für alle geltende Lebensaufgabe erfolgt. Daß G'ttes am Sinai geoffenbartes Wort uns das Leben schenkt, unser Leben bedingt, wandelt sich zur Aufgabe, es mit jedem Schritt und jeder Tat, mit Heranziehüng der Menschen und mit Beherrschung der Welt in feinem Sinne zur Wirklichkeit zu machen. . Aber auch von einer anderen Seite her läßt sich die enge Verbindung von Erziehung und Religion erweisen. Die Grundlage aller Erziehung ist die Wissenschaft von der Seele, die Psychologie. Es gibt vielleicht keine Wissenschaft, in der so wie in der Psychologie die Jrrtümer menschlichen. Denkens sich selber ad absurdum geführt hätten. Extreme Gegenströmungen haben die psychologischen Grundlagen der früheren Pädagogik vollständig ins Wanken gebracht. Hatte man früher versucht, durch Atomisierung und Zerlegung und Lokalisierung auf gewisse Telle der Gehirnrinde alle Vorstellungen, Begriffe, alles Denken, Begehren und Wollen erklären zu können, so erscheint heute das Seelenleben vom Körperlichen fast ganz losgelöst und in Persönlichkeit (W. Stern) und objektivem Geist (Spranger) verankert. Und man hatte früher alle geistigen und seelischen Erscheinungen im Lichte des alle Geheimnisse der Natur erforschenden, bis in die letzten Gründe vordringenden Verstandes erklären zu können behauptet, so hat die Tiefenpsychologie unter Freud, Adler und Jung dargetan, daß im Leben des Menschen gegen seinen Verstand, gegen seine Kultur und gegen seinen Willen ein Unbewußtes, aufsteigeNd alls der Tiefe , vorsintflutlicher Urzeit, historischen > Erlebens und tierischer Instinkte in seiner Seele wirkt, ,2)te Vereinerleiung im System Freuds ist die schwächste Seite der Psychoanalyse und wird auch vyn Anhängern der Bewegung als solche zugegeben. Das Höchste und Feinste im Menschheitsleben kann weder aus der Seele des Wahnsinnigen, noch aus dem Instinkt des Tieres heraus erklärt werden. Wenn wir aber von dem System abfehen und die gewalttätigen Schlußfolgerungen, die dem kritischen Denker als solche leicht in die Augen springen, ablehnen, so bleibt von der ganzen Psychoanalyse doch eine Fülle auch für uns wertvoller Einzelbeobachtungen, eine so erschütternde Darstellung des nichtsublnnierten Trieblebens und seiner Verirrungen und, besonders bei Jung, ein so tiefer Blick in die Arbeit des Unbewußten, daß wir nicht nur die religiöse Erziehung als notwendiges Gegengewicht, als einzigen Weg zur Sublimierung aufnehmen, sondern auch fc'te weitere Ueberzeugung mitnehmen, daß die Losreißung der jüdischen Seele von den jahrtausend alten Erlebnissen und Erinnerungen des jüdischen Volkes das Bewußtsein aller folgenden Geschlechter trüben und stören muß, je mehr wir der Vergangenheit den Zugang zum bewußten Nacherleben versperren, je weniger wir mit der Erziehung zum bewußten Judentum den'jungen Menschen zu sich selbst Zurückführen. ■> u i