Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1930)
- Date
- 1930-06-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Nr. 24 Der Israelit 12. Juni 1930 Jijij Reichsverbande an Hand eines Midraschwortes ein '■frw 'i^en inv'222 zuzurufen. Im Namen der Mainzer Israelitischen Religionsgemeinde begrüßt Herr Rabbiner Dr. L e w i und verspricht, auch im Namen des Hessischen Landesverbandes in Mainz, an jeder Lösung der vielfachen Probleme der Schechita eifrig mitzuarbeiten. Rabbiner Dr. M e r z b a ch , Darmstadt, spricht für das Berliner Büro für Schächtangeleg e n h e i t e n. Daß von allen 613 Ge- und Verboten gerade die Schechita heute Zielscheibe aller Angriffe sei, komme daher, weil die Schechita mit dem Pessachopfer die erste dem Volke in seiner Gesamtheit gegebene Mizwoh ist und in ihr das ganze Religionsgesetz getroffen werden soll. Dr. Schlesinger, Vorsitzender der Religionsgesellschaft in Mainz, verspricht den Schochtim alles Verständnis und alle Sympathien vonseiten der Gemeinde. Herr Hugo Cahn versichert ein Gleiches im Namen des Darmstädter Landesverbandes. Herr Redakteur S. S ch a ch n o w i tz , Frankfurt a. M. überbringt Grüße verschiedener orthodoxer Organisationen und verspricht die Unterstützung der orthodoxen Presse. Herr Saalhei - m e r spricht als Vertreter des Bayrischen Landesverbandes, der gewillt sei, der Schochtimorganisation volle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Herr N. A. S a f f r a , Frankfurt a. M. spricht als Gast von der die, im Gegensatz zu der Schechita, in keiner Gefahr ist, aber in noch höherem Maße des Schutzes nach innen bedarf. Der Vorsitzende dankt für alle Begrüßungen und Versicherungen der Sympathie und Mitarbeit und nimmt Anlaß, zu einzelnen Worten noch Grundsätzliches über die Stellung der Schochtim, ihre Wünsche und ihr Verhältnis zu Rabbiner, Vorstand und Lehrern zu sagen. Zu Anfang der Generaldebatte wird die Gründung des Reichsverbandes unter dem Namen „R e i ch s v e r - band von Schochtim in Deutschland" und mit dem vorläufigen Sitz in Mainz e i n st i m m i g beschlossen. Der Statutenentwurf wird Satz für Satz verlesen und entfacht stellenweise eine lebhafte Diskussion.' Es kommen ganz traurige Verhältnisse zur Sprache, die beweisen, wie dringend nötig der Zusammenschluß ist. Soll doch in norddeutschen Gemeinden vielfach von Metzgern, die die Oberhand im Vorstände haben, ein Druck auf den Schachet und sogar auf d en Rabbiner ausgeübt werden. Nicht in allen Fällen finde der Schochet den für sein verantwortungsvolles Amt so dringend nötigen Schutz bei der Oberbehörde. Es wird erste Aufgabe des Reichsoerbandes sein, zu versuchen, hier Wandel zu schaffen. Eine lebhafte Auseinandersetzung löst auch der Punkt aus, der den möglichen Ausschluß von unwürdigen Elementen aus dem Landesverbände auf Ansuchen des Reichsverbandes vorsieht, lieber all diese Punkte wird sich der Vonstand des Reichsverbandes noch schlüssig machen, und eine eigene Redaktionskommission wird die Statuten in, definitiver Formulierung festlegen. Heber die Gründung eines Verbando r g a n e s referiert Herr L u b i n s k i, Schweinfurt im Sinne seiner Veröffentlichung in der jüngsten Nummer des Israelit. Seine Ausführungen finden Anklang, und es wird einstimmig beschlossen, ein eigenes Organ des Reichsverbandes der Schochtim als Beilage des Israelit periodisch erscheinen zu lassen. Die Wahlen ergaben: G. Neustädter, erster Vorsitzender: H o l z m a n n , Oberhausen, zweiter Vorsitzender; Wetzlar, Königstein, Schriftführer und Kassierer. Die Mainzer Tagung zeigte viel ideales Streben und den starken Willen, die Schechita in Deutschland auf ein Niveau zu bringen, das der inneren heiligen Bedeutung dieser Institution entspricht und ihr nach außen mehr Achtung zu sichern imstande wäre. Möge dem nun gegründeten Reichsverbande der deutschen Schochtim dieses große Werk gelingen. Die thüringische Iudenheit appelliert an Reichsinnenminister Wirth. Weimar, 4. Juni. Die thüringische Israelitische Religionsgemeinschaft richtete durch die irsraelitische Religionsgemeinde in Gera an den Reichsminister des Innern, Dr. Wirth, das folgende Schreiben: „Die Empörung einer beleidigten Glaubensgemeinschaft ruft Ihre Ueberparteilichkeit als Reichsminister, Ihren Gerechtigkeitssinn in konfessionellen Fragen, Ihre Menschlichkeit als Menschen an. Minister Dr. Frick hat in amtlichen Aeußerungen den deutschen Juden die Fähigkeit der Einordnung in das Wohl der Gesamtheit und somit alle staatsbürgerlichen Tugenden abgesprochen, die sie nicht nur als zufällige Glieder des deutschen Volkes, sondern auch aus innerster Schicksalsverbundenheit zu erfüllen und zu erhöhen gewillt sind. Wir wissen, daß wir einen Mann, selbst im Range eines Ministers, der in wahnähnlichen Ideologien befangen ist, für ebensolche Handlungen kaum zur Verantwortung ziehen können. Ebensowenig brauchen wir die Gesamtheit der Juden, die sich in schweren Krisen der Tragik des deutschen Volkes würdig erwies, gegen die Anwürfe dieses Ministers zu verteidigen. Wenn Regierung und Parlament eines Landes in völliger Zersplitterung versagen, bleibt uns die letzte Hoffnung der Intervention in verfassungswidrige, noch nie erlebte Vorgänge das deutsche Reich! Die Wahrung unserer Menschenwürde im Kampf gegen Haß, Niedrigkeit und Verleumdung ist uns allein überlassen, den Schutz unserer verbrieften Bürgerrechte erwarten und fordern wir von Ihnen, Herr Minister." Oesterreich. Eine Protestversammlung. des Wiener Schomre Schabbos-Vereins. Wien, 3. Juni. Auf den Rüsttag zum Schewuausfeste hatte der hiesige Schomre Schabbos-Verein eine Protestversammlung in den Bayrischen Hof einberusen, in der gegen dis Verhalten der österreichischen Behörden gegenüber den erbetenen Erleichterungen für den Verkauf von Lebensmitteln an den auf den Sonntag fallenden Erew Schewuaus Verwahrung eingelegt werden sollte. Im letzten Augenblick, am Freitag nachmittag, verstand sich der Landeshauptmann noch dazu, den Verkauf von Kofcher-Fleifch im 2. Bezirk freizugeben, also wenigstens einen Teil der geäußerten Wünsche, wenn auch nur im beschränkten Maße, zu erfüllen. In der Protestversammlung ergriff der Präsident der Kultusgemeinde, Dr. O r n st e i n, das Wort, indem er der Hoffnung Ausdruck gab, daß es in Zukunft gelingen werde, den berechtigten Wünschen der jüdischen Kaufmannschaft Geltung zu verschaffen. Kultusvorsteher Lettner dankte der Leitung des Schomre Schabbos-Vereins für ihre Bemühungen. Sachliche Referate hielten alsdann die Herren Menni Rothschild-, S. Schneider und S. S t e r n. Kultusoorsteher Bauminger sprach über die geplante Kalenderreform und forderte zur Einzeichnung in die Petitionsbogen auf. Für die Notwendigkeit, auch in Wien wie in fast allen Kulturländern, für jüdische Kinder Schulfreiheit am Samstag zu erwirken, trat in warmen Worten Herr Jacob Holpern ein. Gegen die Uebertretung der Sabbatgesetze durch Angestellte der Kultusgemeinde protestierte Herr Georg Meyer. Der Vorsitzende, Herr Alfred Stroh, bemerkte, daß die Leitung des Schomre Schabbos-Vereins mit der Herausgabe eines Verzeichnisses sämtlicher schabboshaltender Firmen beschäftigt sei. Es wurden alsdann Resolutionen angenommne, in denen die wichtigsten Wünsche und Forderungen der Schomre Schabbos niedergelegt sind. Grundsätzlich wird verlangt, daß den die Sabbatruhe einhaltenden Firmen der Sonntag als Arbeitstag freigegeben werde. Derionaliev. Der Iannower Raw, Chajim Jizchok Schulmann kowno, 9. Juni. Aus Kowno geht uns die telegraphische Nachricht vom Ableben Chajim Jizchok Schulmanns, des Jannower Raw, zu. Wer voriges Jahr auf der zweiten K. G. in Wien Rabbi Schulmann sah und beobachtete, wie er mit jugendlichem Eifer und inniger Teilnahme an allen Problemen der Aguda mitarbeitete und fast in jeder Debatte von der Tribüne das Wort ergriff, ahnte nicht, daß es feine letzte öffentliche Betätigung für den großen Klall fein sollte. Rabbi Chajim Jizchok Schulmann war ein rrn von großem Format und ein Mann der kräftigen Tat. Aus der Muffarfchule kommend, war er nicht nur ein Lehrer, sondern auch ein Wohltäter seiner Gemeinde v-,-,31 =3 und das Arewuthgefühl führte ihn auch in die Reihen der Aguda, von der er alles Heil für Israel und die sittliche Hebung des jüdischen Einzelmenschen erhoffte. Mit der verwaisten Gemeinde. verliert Litauen in Rabbi Schulmann einen seiner Großen. Der Senior des Warschauer Rabbinales. Rabbi Abraham Zewi Perlmutter Warschau, 4. Juni. Der Senior der Warschauer Dajcmim, Rabbi Perlmutter, ist im hohen Alter heimgegangen. 67 Jahre hatte er das rabbinische Amt mit wachsender Autorität ausgeübt, ungefähr 30 Jahre davon in der Metropole Polens, in Warschau als Mitglied und später Vorsitzender des Rabbinates. Rabbi Perlmutter, ein berühmter nsrnn Sya beherrschte auch meisterhaft das Wort und die Feder. Neben seinem halachifchen Werke v?'*« m-t befinden sich in seinem Nachlasse viele Schriften, die eine Bereicherung der rabbinischen Literatur bilden würden. Rabbi Perlmutter war aber auch ein Mann der lebendigen Tat. Die Teilnehmer der ersten Kenessio Gedaulo in Wien haben noch in lebendiger Erinnerung dje herrliche Erscheinung des „Warschauer Raw", vor der alles auf der Straße, Jude wie Nichtjude, in Ehrerbietungsstehen blieb. Wenn er sich auf der Tribüne zeigte, kam es nicht darauf an, was er mit schwacher Stimme sagte, (er war damals schon ein Greis), sondern man berauschte sich förmlich an der ragenden Schönheit diesejüdischen Weisen. Es konnte auch nicht ausbleiben, daß sein Wort bei den Behörden in Polen von Gewicht war und seine Intervention fast immer den gewünschten Erfolg brachte. Ob es sich um Klall oder um den Einzelnen handelte, Rabbi Perlmutter war stets bereit, feine ganze Persönlichkeit einzusetzen, wenn es galt, zu helfen. Schon in der zaristischen Zeit war er die feste Burg, zu der viele in vollem Vertrauen hinaufschauten. Als während des Krieges die Austreibungen von Juden aus Polen begannen, arbeitete Perlmutter unausgesetzt und rettete, was und wo zu retten war. So hatte er durch persönliche Vorstellungen beim Oberbefehlshaber, die mit eigener Lebensgefahr verbunden waren, einmal das Verhängnis der Austreibung aus S ch e d l i tz abwenden können. Während der deutschen Okkupation übertrug sich sein Einkluß auf die deutschen Behörden, und er wurde als Vertreter der jüdischen Geistlichkeit in den von den Deutschen gegründeten Kronrat berufen. Gleich aber nach Gründung des polnischen Reiches wird Rabbi Perlmutter in den Sejm gewählt und weiß sich auch den Weg ins Ministerium zu bahnen, dessen Vertrauen er in vollem Maße genoß und zu Gunsten seiner Gemeinde und seiner Brüder ausnutzte. Er mußte sich in den letzten Jahren wegen höhen Alters von der öffentlichen politischen Tätigkeit zurückziehen, auch von der Mitarbeit im Rabbinischen Rate der Agudas Jisroel, dem er lange Jahre als Mitglied angehörte. Im A. C. der Agud.as Jisroel-Organisation in Polen blieb er aber bis zuletzt und nahm an allen Arbeiten eifrigen Anteil. Sein letzter Wunsch, nach Erez Jisroel zu gehen, sollte ihm leider nicht erfüllt werden. Rabbi Perlmutter wird als Typus eines Rabbi und jüdischen rnnv alten Schlages der polnischen Judenheit unvergessen bleiben -"3-cm. Paris, 30. Mai. Im 71. Lebensjahre starb hier der Buchhändler und Verleger M. L i p f ch ü tz (Place de l'Odeon), welcher sein bekanntes Unternehmen im Jahre 1890 ins Leben rief. Dank seiner vollen Beherrschung der hebräischen Sprache, sowie der talmudischen und rabbinischen Wissenschaften, stand er in dauernder Verbindung mit vielen Gelehrten des In- und Auslandes, die sich in schwierigen Fragen sehr oft an ihn wandten, und so blieb auch der Erfolg nicht aus. Sein Geschäft wurde immer größer und seine Buchhandlung wurde zu einem Mittelpunkt des Geisteslebens. Seit zwei Jahren leidend, aber von seinem Sohne bestens unterstützt, widmete er sich außerhalb des Betriebes fast ausschließlich der Erforschung jüdischer Biographien. Sein Heimgang wird von allen denen tief betrauert, die mit ihm in Berührung kamen und ihm die größte Hochachtung und Verehrung entgegenbrachten. London, 5. Juni. Am 27. Mai verschied hier Blanche, die Gattin des Privatgelehrten Dr. C. Duschinsky, im Alter von nur 45 Jahren und wurde unter großer Teilnahme beerdigt. Beim Begräbnis waren Chiefrabbi Dr. Hertz, Chacham Dr. Gaster, das ganze Beth Din, viele Rabbiner und angesehene Gemeindemitglieder anwesend. Die Verschiedene war durch ihre Liebenswürdigkeit und Herzensgüte allgemein beliebt und betätigte sich an verschiedenen Wohlfahrtsinstitutionen. Im Trauerhause hielt Prof. Dr. A. Marmorstein, ein Jugendfreund ihres Gatten, der Verewigten einen rührenden Nachruf, in dem er sie als wirkliche n3ivn nvrr und nVjn mtyr schilderte. rrsnn. Bern, 6. Juni. Im Alter von 79 Jahren starb hier am letzten Sabbat Henri B o n n e f, der langjährige Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Bern. Ein hochgebildeter Mann und von sehr stattlicher Erscheinung, kam er vor nahezu 60 Jahren als Sekretär des Hauses von Baron Rothschild nach Paris, wo er hohes Ansehen und uneingeschränktes Vertrauen genoß. Nach einer Wirksamkeit von 25 Jahren im Kreise dieses Welthauses, wo er mit dem Adel und der höchsten Aristokratie in engste Verbindung kam, zog er sich gänzlich ins Privatleben zurück. Seitdem aber widmete er seine ganze Zeit und seine ganze Kraft ausschließlich der Israelitischen Kultusgemeinde und deren gemeinnützigen Anstalten. Seit 25 Jahren war er der Präsident der Gemeinde und in seine Amtsperiode fallen die wichtigsten Entscheidungen für die Kultusgemeinde. So wurde unter seiner Führung vor knapp 25 Jahren die neue Synagoge erbaut, vor einem halben Jahre eine zeitentsprechende Friedhofshalle mit besonderem Anbau für Kohanim, und nicht zuletzt die Mikwa, wie auch die Metzgerei und koschere Pension, die unter Aufsicht des Hamburger Vereins stehen. Er gehörte auch zu den Gründern des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, dessen Zentralvorstand er auch bis zuletzt angehört hat. An seiner Beerdigung waren fast sämtliche Gemeinden der Schweiz durch Delegationen vertreten. ■ n"32fin. ,