Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1930)
- Date
- 1930-06-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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12. Juni 1930 Der Israelit Nr. 24. Seite 3 f uon den Hochburgen des Großgrundbesitzes her und maßlose Steigerung der industriellen Produktivkraft. Das Judentum nun ist durch die Urbanisierung am stärksten betroffen: Vor 70 Jahren in Kleinstädten und auf dem Lande kulturell blühend, seelisch, moralisch und körperlich! gesund und lebensvoll, mit schönster Traditions- Bindung, ist es heute entwurzelt, unsicher, dem Verfall entgegengehend, trotz aller -dankbar zu begrüßenden Renaissance-Bewegungen im jüdischen Leben der letzten 30 Jahre. Das Judentum muß aber erhalten werden als edles Instrument im Orchesterklang der Weltkultur, kann es jedoch nur auf dem Wege der Siedlung. Groß-Gaglow ist hier Symbol und Verheißung als erste jüdische Landgemeinde im Deutschland des 20. Jahrhunderts. Wir erwarten von dort Befruchtung des jüdisch-religiösen und -sozialen Lebens, aber auch — wenn auch die Judenfeinde nicht uns als Maßstab zu dienen haben — die schönste Waffe im Ehrenkampf des Judentums für seine Geltung als produktiver Faktor. Die „Gefahr" für sie erkennen die Verleumder schon und suchen, die Arbeit zu hemmen. Schon die Vorwände dem Judenhaß zu nehmen, um noch Belehrbare zu belehren, ist verdienstlich. „Die Erde ist die beste aller Banken. Denn je größer Arbeit und Schweiß, umso höher die sicheren Zinsen!" Dort werden wahre jüdische Bürger der deutschen Republik erzogen werden, ein freies Volk auf freiem Grund! Die allgemeine Oeffentlichkeit hat ihr deutsches Ziel erkannt. Die jüdische Oeffentlichkeit in dieser Frage einig mit ihren Parteien, muß für ihren Kreis folgen." Oppenheimer schließt mit einem Mahnruf an die Kommenden, sein Werk, das er siegen, aber nicht sich vollenden sehen könne, zu vollenden. Man muß nicht erst ein Wirtschaftspolitiker von der Bedeutung Franz Oppenheimers fein, um das Wahre und auch für uns Entscheidende, unter manchem weniger Belangreichen, aus diesen Ausführungen herauszufinden. Begrüßenswert ist die Erkenntnis und das Bekenntnis, daß alle R e n a i f f a n c e b e w e g u n g e n der Reuz e i t d a s k u l t u r e t l b t ü h e n d e, s e e l i s ch, moralisch und körperlich gesunde jüdische Leben auf dem Lande von einst nicht wieder aufrichten, noch ersetzen konnten, Was war aber die Quelle, aus der jene gewiß nicht im Ueberflusfe lebenden Dorfjuden ihre frische Kraft zogen? Oppenheimer sagt: „Die.Traditionsbindung". Wir sagen einfacher: ihre schlichte Treue zum Gesetze, zum Sabbat und den Speisevorschriften, zu Gemeinde und Gemeinschaft, zu G'tt und seiner heiligen Lehre. Wir wissen nicht, wie es in dieser Beziehung, sollst nicht". Ein Lehrhaus war der Sinaiberg dort in der Wüste, keine sinnbestrickende und gefühlserregende „Andachtsstätte". So sollte es bleiben für alle Zeiten nach , dem der Offenbarung alsbald angefügten Worte: „An i jedem Orte, wo ich Meines Namens gedenken lassen I werde, werde ich zu dir kommen und dich segnen." Sinaitische Nüchternheit! Das Lehrhaus ist der Unterbau der Synagoge, Lehr- und Lernstücke sind in tieferem Sinne all unsere Gebetsteile, die eben als solche eine Menge von Kommentatoren zur Bearbeitung anlockten. Hier pulst wahres Leben, warmes Leben, beseligendes Empfinden, Trost und Hoffen, stärkste Lebensbejahung. Sie waren Sinaigeist in der Wüstenei dunkelster Jahrhunderte, wie jene zehn denkwürdigen Worte, welche die gesamte gesittete Welt in Bann schlugen. Kleines Feuilleton. Orthodoxe Zugendblätter. Die Siwan-Nummer der von A. M. Krongrad als Organ der Zeirie Agudas Jisroel in Polen herausgegebenen Jugendblätter (Warschau, skrz. poczt. 102) bringt wieder eine reiche Fülle von- Aufsätzen und spiegelt die orhodoxe Jugendbewegung in Polen in bunten Farben wider. An der Spitze steht ein Aufsatz von Dr. Pinchas K o h n unter dem Titel: „Säet und erntet!", ein Appell an die Jugend, zu bauen im Sinne der Agudas Jisroel. Nach einem Ueberblick über die jüdischen Ereignisse des Monats und Glossierung derselben folgt ein gut illustrierter Bericht über die orthodoxe Handwerkerschule in Kalisch, ferner ein Aufsatz von N. M. Nistemauf den Versuchssiedlungen Oppenheimers bestellt ist. Da er aber gut weiß, woran es liegt, ist zu hoffen, daß er für sein Werk die Konsequenzen aus seiner Erkenntnis gezogen hat. Und unter diesen Voraussetzungen wollen wir seinem und!des R. j. F. Unternehmen volles Gelingen wünschen und alle Unterstützung angedeihen lassen. Rektor L. Wagevaar V itt- Das holländische Judentum betrauert seinen Größten. Nach Tal, Dünner, van Loen ist nun auch der letzte Vertreter jener Generation von uns geschiieden, 'die in einer schweren Uebergangszeit dazu berufen war, dem immer weltergehenden Verfall, der, nicht gehemmt von im Volke wurzelnder Taurohkenntnis und darauf unverrückbar fundierter Taurohtreue, einen Damm entgegenzuwerfen; den gesetzestreuen Charakter der Gemeinden, auch auf ihrem „administrativen" Arbeitsgebiete, zu wahren und für die Zukunft zu sichern; eine siegverheißende, für Mizwotat und Taurohgedanken begeisterte Jugend in eine, der religiösen Entfaltung günstigere Zeit hinüberzuretten. ^Jeder von ihnen entsprach dieser Aufgabe in seiner Weise, an den ihm von der Vorsehung gewiesenen Stätten. Als Konrektor des Seminars in Amsterdam, mit jugendlicher Frische, wurde er der Lehrer der heute „älteren" Generation der Führer des holländischen Judentums; seinen hervorragenden Geist stellte er in den Dienst seines Lehrers, ihm in seiner hohen Aufgabe zur Seite zu stehen. Durch seine Gemütstiefe erhielten seine Schüler die richtige und notwendige Ergänzung, die auch wissenschaftliche, nur mit der Kühle des Verstandes arbeitende Forschung in den Bereich des jüdischen Lernens, an die Quelle des Sinaifeuers, zieht. 1886, Zljährig, wurde er als Oberrabbiner nach Leeuwarden berufen. Hier, in einer an alten Traditionen hängenden Gemeinde, als Nachfolger eines jeder modernistischen Tendenz abholden raVn und alten Schlages, verstand er es, an der Seite seiner gleichgesinnten Gattin rrtt' einer Tochter des Hauses Baruch Wormser in Karlsruhe, das alte, von seinem geliebten und verehrten Amtsvorgänger gelebte und gehütete Judentum, sei es auch im Gewände des Jahrhunderts, ungeschmälert.und unverfälscht zu erhalten. In Arnheim, wo er 23 Jahre wirkte, fand er bereits von seinem Schwager Tal vorgearbeitet. Hier konnte er zum Führer des hollänSdischen Judentums als Ganzes heranreifen: in dieser Eigenschaft gründete er u. a. den /holländischen Rabbinerverband, power über das Programm der Zeirim. Jakob Leb Eiger referiert über Erziehungsfragen, Anregungen zu konsequenter Arbeit gibt I. Eisenberg. Jakob Landau, Frankfurt, setzt in der „Beilage für Wissenschaft und Literatur" seine Artikelserie über „Job und Koheleth" fort. Literarische Mitteilungen und redaktionelle Meldungen schließen den offiziellen Teil ab, um in einem geräumigen Sprechsaal das Wort den Chawerim zu lassen. Unter dem Striche befinden sich feuilletonistische Aufsätze und Notizen von A. M. Wisogrodski, I. L. Blacherowitsch u. a. m. (Jüdische Ausstellung in München.) Der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden veranstaltet gemeinsam mit der Israelitischen Kultusgemeinde München anläßlich senes zehnjährigen Bestehens gelegentlich der diesjährigen Tagung am 29. und 30. Juni in München eine „Ausstellung jüdischer Kultgeräte und Einrichtungen für Synagoge und Haus". — Die Ausstellung, die von einer Reihe bayerischer Gemeinden und zahlreichen Privatpersonen beschickt werden wird, soll das Interesse weiterer Kreise auf ein Kunstgebet lenken, das bisher in Bayern noch wenig Beachtung gefunden hat, obwohl es viel des Interessanten bietet und in seiner Art geeignet ist, die Beteiligung der' Juden am allgemeinen künstlerischen Leben auch in früheren Zeiten darzutun. Der jüdische Kultus, der in besonderer Weise die Mitwirkung des Einzelnen am religiösen Leben der Gesamtheit bedingt, bietet trotz der Einfachheit seiner meist schmucklos gehaltenen Beträume doch mannigfache Gelegenheit zur Betätigung von Künstlern und Kunsthandwerkern. Besonders diese haben in der Gestaltung der im öffentlichen wie im häuslichen Gottesdienste verwendeten Geräte und Einrichtungen vielfach ein so starkes Können und einen so sicheren Geschmack bewiesen, daß ihre Arbeiten heute noch trotz der Begrenztheit ihrer Darben er, so lange er im praktischen. Rabbinatsamte verblieb, energisch leitete. Aber nicht nur seinen Schülern und seinen Gemeinden des engeren Kreises wurde er zürn Segen: er entfaltete eine reiche schriftstellerische Tätigkeit. Der Kommentar, den er seiner Siddurüberfetzung beigab, spendete, durchleuchtet von seinem reichen Wissen, durchglutet von seiner niiarrdem jüdischen Hause reichen Segen; seine Ueberfetzung der D'awm leistete dem über das allzu niedrige Minimum hinausgehenden Religionsunterricht wichtige Dienste; sein, nach dem Vorbilde der mair bearbeitetes trin -Buch naan rrwicv hat Vielen Geist und Gemüt für unser heiliges Religionsgesetz geöffnet; als von „theologischer", «des talmudischen Schrifttums unkundiger Seite die sittliche Hohen des Judentums angegriffen wurde, stand er bereit, die Blöße des Angreifers aufzudecken und mit einem Schulbeispiel von „vergleichender Religionswissenschaft" trmn D’aw ow unpa zu sein: als auch im leidenschaftslosen, toleranten Holland ein vereinzeltes Mal der Antisemitismus sich der nv'nw -Kritik" bediente, war er es, der mit dem ganzen wissenschaftlichen Material gerüstet, wie Hirsch Hildesheimer y'XT in Deutschland, dem Gegner das Schweigen auferlegte; als, in'den Anfangsjahren des Zionismus, von dieser Seite eine halachische Begründung des misrachistischen Verhaltens versucht wurde, widerlegte er die Scheinargumente in einer aufsehenerregenden Erwiderung. Aber bei all dem blieb er der treue Hirte seiner Gemeinden, denen er mit seiner sprichwörtlichen oratorifchen Fähigkeit, mit feiner reichen Begabung von Kopf und Herz väterlich zur Seite stand. Seine Beliebtheit war denn auch beispiellos. Als dann im Jahre 1917 das Rektorat des Seminars besetzt werden mußte, war die Wahl nicht schwierig. Und mit derselben jugendlichen Frische und Kraft betrat er, ein Sechziger, die Hallen, wo er als Jüngling gestrebt, als junger Mann bereits gearbeitet hatte und fand hier die richtige Vollendung seines Lebenswerkes: hier konnte er ganz der min leben, hier wirkte sich die vornehmste Seite seiner reichen, vielseitigen Persönlichkeit aus, hier kam eigentlich erst der arm va^n Wagenaar zur gebührenden Geltung. Für Körper und Füsse nur DI Al^N - Pu der stellungsmittel allgemeine Beachtung verdienen. — Die Ausstellung wird im Saale der Gesellschaft Concordia, Prannerstr. 4, stattsinden und voraussichtlich Ende Juni eröffnet werden. Nähere Mitteilungen werden noch ergehen. (Bruno Veils Besuch bei Alfred Dreyfus.) Dr. Bruno Weil, Vizevorsitzender des Zentral-Vereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Verfasser des vielgenannten Buches „Die Affäre Dreyfus" (Verlag Walter Rothschild, Berlin-Grunewald) gibt der Presse die folgende Darstellung einer Begegnung mit dem jetzt 70jährigen Alfred Dreyfus. Dreyfus hatte mich durch Freunde wissen lassen, daß er gern mit mir über mein Dreyfus- Buch sprechen möchte. Ich fuhr nach Paris, suchte ihn auf: alter Offizier, aufrechte Haltung, äußerlich weit sympathischer als er in der Dreyfus-Literatur geschildert wird, kerngesund, macht noch immer jeden Tag seine mehrstündige Fußtour, seine Lebensgenossin stets bei ihm, jetzt über 60 Jahre alt, sozial tätig, betreut 350" Familien. Keine Spur von Bitterkeit merkt man Dreyfus an, absolut objektiv, geradezu erhaben steht er über den Vorgängen, die von etwa 30 Jahren die. Welt bewegten. Lebhaft diskutiert er über die Vorgänge, die in der neuen Literatur geschildert sind, besonders über die Rolle Bülows. In seiner Nähe lebt in Paris sein Sohn, in einer industriellen Firma tätig, seine Tochter ist mit einem Arzt in Toulouse verheiratet. Dreyfus und seine Freunde fordern jetzt auch die Veröffentlichung der Akten des Französischen Außenministeriums. Bisher haben sie eine unbefriedigende Antwort bekommen, aber demnächst wird diese Forderung, die sich die französische Liga für Menschenrechte zu eigen gemacht, auch auf parlamentarischem Wege erhoben werden.