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Der Israelit · 1930-06-05 · Heft 23 (5.6.1930) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 23 (5.6.1930)
Date
1930-06-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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£.. Juni 1930 Der Israelit Nr. 23. «Leite 3 Korrespondenzen « ßacbrlcMen. Deutsches Reich. Aus einer Rede L. S. Amerys. Berlin, 21. Mai. Das Deutsche Komitee Pro Palästina veranstaltete am Montag, den 19. Mai, im Hotel „Der Kaiserhof" zu Ehren des zur Teilnahme an dem Paneuropa-Kongreß in Berlin eingetroffenen früheren englischen Kolonienminister L. S. Amery, einen Empfang, dem eine Anzahl führender Persönlichkeiten beiwohnten. Den Vorsitz bei der Veranstaltung hatte Herr Professor Dr. M. S o b e r n h e i m, Mitglied des Präsidiums des Pro Palästina-Komitees, inne, der Mr. Amery und die Gäste in einer Ansprache begrüßte. Sodann ergriff L. S. Amery das Wort zu einer Ansprache, der folgendes entnommen sei: „Ich weiß, daß seit den Unruhen in Palästina und seit dem Bericht der Shaw-Kommission eine gewisse Furcht in der ganzen jüdischen Welt zutage getreten ist, daß wir von unserer Politik abweichen werden. Davon kann keine Rede sein. Wir sind nicht gewohnt, unser Wort zu brechen. Das Wort Englands ist durch die Balsour-Deklaration an die Welt und besonders an das Judentum gegeben worden und dieses Versprechen haben wir gegenüber ganz Europa in Genf wiederholt, als wir das Mandat übernahmen. Es kann also keine Rede davon sein, daß wir von dieser Sache zurücktreten. Jede britische Regierung seit dem Krieg hat die Politik in dieser Frage unverändert weitergeführt. Führer aller drei Parteien sind aktive und tief überzeugte Anhänger dieser Politik. Wir glauben, daß in der Idee des jüdischen Nationalheims etwas liegt, was nicht nur für das Judentum ein sentimentales und kulturelles Interesse hat, sondern auch etwas, was für den ganzen nahen Orient bedeutungsvoll sein kann. Wir glauben, daß durch das jüdische Nationalheim in Palästina ein Kern und Keim moderner Entwicklung des westlichen Geistes sich in diesem ganzen Weltteil entfalten und erweitern wird. Ein Weltteil, der geschichtlich von unermeßlicher Bedeutung ist, aus dem die drei größten Religionen der Welt entsprungen sind, die alte Heimat großer Zivilisationen, die noch leben und wirken. Wenn man von den wunderbaren Funden in Ur hört, so bekommt man einen Begriff davon, was dieser kleine Erdstrich von Mesopotamien bis Aegypten für die Zivilisation bedeutet. Von diesem Standpunkt aus ist auch mein eigenes persönliches Interesse an dieser Sache begründet. Die Hauptsache, die ich in der jetzigen Situation zu sagen habe, ist, daß Sie keine Aenderung in der Richtung der englischen Politik zu fürchten haben. Was den Bericht der Shaw-Kommission betrifft, wäre es vielleicht besser gewesen, wenn sie sich etwas enger an ihre Kompetenz gehalten hätte. Denn die direkte Ursache der Unruhen war eine sehr einfache. Wir hatten aus ökonomischen Gründen die Polizei im Lande zu stark vermindert, und besonders den englischen Teil der Polizei, und in einem Lande, wo Rassenfragen aus kleinen Konflikten sich schnell auszudehnen pflegen, war es etwa unvorsichtig, den englischen Kern der Polizei zu vermindern. Ich sage das ganz offen, denn eigentlich bin ich gewissermaßen der Schuldige; es war unter meiner Verantwortung und mit meiner Genehmigung, daß dies geschehen ist, in einer Zeit, wo jedes Pfund wichtig war für die ökonomische Entwicklung des Landes, da wir eine schwere ökonomische Krise durchmachten. Ich glaube, daß der Bericht eine etwas irreführende Perspektive der gangen Situation gibt, eben weil er ein Bericht ist, der nach den Unruhen gemacht wurde, und unter der Atmosphäre all der gegenseitigen Anklagen der verschiedenen Zeugen vor der Kommission. Er gibt also ein Bild eines viel zu scharfen nationalen und ökonomischen Gegensatzes zwischen den jüdischen und arabischen Einwohnern Palästinas. Als ich vor 5 Jahren in Palästina war, war mir auffallend, nicht der Gegensatz zwischen den zwei Teilen der Bevölkerung, sondern der wunderbare Aufschwung, den das ganze Land genommen hat, und den die Araber mindestens im gleichen Maße wie die Juden genießen. Dieser Aufschwung war zurückzuführen teils auf Einsträmen jüdischen Kapitals, teils auf die verbesserte Verwaltung und Gesundheitspflege. Es ist besonders wichtig, daß die arabische Bevölkerung trotz der starken jüdischen Einwanderung in höherem Maße gewachsen ist als die jüdische Bevölkerung. Ich habe gei sehen, wie in der Ebene Jezreel, wo vor einigen Jahren i fteberbringenöe Sümpfe waren, überall der junge Weizen grünt; und auch die Araberdörser sind infolge der verbesserten Verhältnisse von den Bergen wieder in die Ebene gekommen. Natürlich sind Gegensätze immer da und so können auch Unruhen entstehen, wenn verschiedene Anlässe wie in diesem Fall die Klagemauer sie Hervorrufen. Wenn dann die Regierung nicht die Mittel hat, die Unruhen sofort zu unterdrücken, können sie bedrohlichen Umfang annehmen. Aber in normalen Zeiten leben die zwei Völker zusammen und müssen auch in Zukunft Zusammenleben. Es kann keine Rede davon sein, daß die Araber der jüdischen Aufbauarbeit in Palästina ein gewaltsames Ende machen könnten, ebensowenig wie es möglich ist, daß die Juden die Araber austreiben oder zu einer bedeutungslosen Minorität machen könnten. Die zwei Elemente müssen Zusammenleben und einen gemeinsamen palästinensischen Patriotismus entwickeln, der mit dem Patriotismus für das jüdische Nationalheim durchakls nicht unvereinbar sein muß. Nationalismus in dem Sinne, daß man fanatisch daran glaubt, daß nur eine Sprache und e i n Volksdurchaus großstädtisch — die Grenze ist längst mehr oder weniger verwischt — städtisch in Kleidung, Sprache und Benehmen, nur van gesunderem Aussehen, und im Herzen wohnt mehr Ruhe, mehr Ausgeglichenheit, etwas von der Geruhigkeit und Ebenheit der Korn- und Kartoffelfelder draußen, und viel von der alten, unverfälschten jüdischen Opferfreude und Gastfreundlichkeit. Es spricht und begrüßt der erste Vorsteher, Herr Leopold B r u ch f e l d; der Herr Rabbiner, der ein gut Teil des Verdienstes um die Erhaltung dieser letzten jüdischen Werte auf dem platten Lande seines Bereiches für sich in Anspruch nehmen darf; Herr Rabbiner Wassermann eindringlich und lebendig: Herr Mayerfeld, ein Crumstädter Kind, aber längst Weltkind im Großbetriebs der Weltstadt. Ein Frankfurter Gast hält eine Rede voll lustiger Einfälle, versteckt aber hinter den Späßen viel Ernstes und Nachdenkliches über die jüdischen Dinge in Stadt und Land. Die Theaterstücke werden von temperamentvollen jungen Damen und Herren charmant gespielt, und ein kleiner Junge geigt zwischendurch ganz vortrefflich. Anzügliche „Neuigkeiten" werden in einem Kuplet verlesen, das mehr Strophen hat als die Gemeinde Häuser. Und alles trägt den Charakter des Intimen. Jeder ist mit jedem glücklich und zufrieden. Wir haben einen halben Tag nichts von der Not der Zeit gehört ... So verlaufen die Stunden. Es wird neune und zehne. Bald ist schon elf. Unten wartet geduldig der Omnibus. Er kann warten, er hat Zeit. Wir werden ihm nicht entgehen. Und h a t er uns, dann schüttelt und rüttelt er uns wieder eine halbe Stunde hübsch durcheinander bis Goddelau, wo ein Züglein von nicht viel aufregenderer Konstruktion als der Omnibus gemütlich unserer harret. Es fährt so, als müßte der Zugführer in jeden Bauernhof am Wege einen schönen guten Abend Hineinrufen. In Darmstadt aber kommt aus Geleise vier der Zug von irgendwo wie der Wind a n g e s a u st. jhält nur drei Minuten. Einsteigen' -Abfahrt! Tempo! , Tempo! Die Maschine der Zeit mit ihrem gewaltigen Räderwerke hat uns wieder in ihrer Gewalt. Es war ein schönen Traum. Möchte er sich öfters wiederholen. —tz. Wockeukalender. V 7. — 14. Juni!P30 11. — 18. Siwair 5B90 SamstüG 7 |ii! ioantttcj 8 12 Nontag 9!13 Dienstag t? 10 ]V>D 14 Mittwoch 11 |15i vonnerstaa 12 116 Lreitaa 13 17 Szmsicg 14 18 -]nii>3?na AamMennachrichken. Bar mi zw o: Theo, Sohn des Herrn Lion Goldschmidt, Schlüchtern, 14. Juni. ^n^ra. — Max, Sohn des Herrn Simon Weichselbaum, Berlin. Altonaerstraße 10. 14. Juni in der Synagoge Siegmundshof 11. — Martin, Sohn des Herrn Siegfried Neuberger, Am Tiergarten 24 Synagoge Friedberger Anlage, Frankfurt a. M. (7. Juni) 's p"v. Rennen zu Nied erra d. Jeder Rennbahnbesucher erhält zu seiner Eintrittskarte ein Freilos und nimmt an dem Verlosungsrennen teil.' Gewinn: das siegende Pferd oder Mk. 1200 bar. Siehe Inserat. Oie großartigste dleuevung seit Erfindung des Gasherdes! Braten u. Grillen im eigenen Saft, ohne Begießen,ohneVorkenntnisse, im neuen SENKING - - Gasherd Mod. 1930 Rituelle und Sabbat-Vorschriften werden gern berücksichtigt > E. HAGE & Co. Am Eschenheimer Tor 3 tum in einem bestimmten Staatsrahmen geduldet werden könne, diesen Nationalismus, der schon soviel Unheil über Europa gebracht hat, braucht man nicht in Palästina einzuführen. Wir haben doch bereits in der Welt Beispiele im entgegengesetzten Sinne wie die Schweiz oder Kanada, wo Völker an ihrer Nationalität festhalten und dennoch einen Patriotismus für das Ganze haben. Ich hoffe, daß eine solche Zeit auch in Palästina kommen wird, und das Judentum, das an dieser Sache interessiert ist, kann in seiner Haltung gegenüber den Arabern sehr viel dazu beitragen; auf dem Juden als der zivilisierteren Nation liegt auch die größere Verantwortung. Freilich muß ich sagen, daß im Augenblick eine Einigung der beiden Völker nicht möglich zu sein scheint. Im Augenblick kann also die Regierung nichts anderes machen, als das Mandat weiterführen und in der Verwaltung unbeirrt forf»fahren. Die Forderungen der arabischen Delegation uiaren ganz unannehmbar, da sie mit den Pflichten der Mandatarmacht unvereinbar sind. Im Augenblick ist daher die Hauptsache, streng und gerecht z.u regieren und mit der Mandatspolitik fort'zufahren. Ich weiß, daß die Befürchtung im jüdischen Lager besteht, die Entsendung Sir John Simpsons bedeute ein Zurückweichen von dem Kurs dieser Politik. Dies ist nicht der Fall. In Wahrheit war es doch nur eine Frage, die wirklich durch den Shaw-Bericht in Zweifel gestellt wurde, nämlich, ob es wahr ist, daß nicht genügend Land für die jüdische Einwanderung vorhanden ist, und daß die bereits stattgefundene Einwanderung eine Klasse von landlosen und arbeitslosen Arabern erzeugt hat. Diese Frage soll Simpson untersuchen und dafür hat er besondere fachmännische Befähigung. Ich glaube, daß sein Bericht ein unparteiisches und hilfreiches Dokument sein wird. Mittlerweile sind, wie ich heute hörte, die Einwanderungszertifikate suspendiert worden. Ueber diesen Beschluß will ich mich nicht äußern, aber ich kann nur sagen, daß nach meiner Meinung wir in der Vergangenheit vom ökonomischen Gesichtspunkt etwas zu schnell vorgegangen sind. Ich sagte dies schon 1925, als ich Tel-Awiw sah und die damalige große Einwanderung. Denn die Hauptsache ist nach meiner Meinung, daß wir sicher bauen. Ob nach dem Bericht Simpsons vielleicht die Einwanderung für einige Zeit etwas begrenzt wird, ob vielleicht irgendein Anfang einer Repräsentation mit offizieller Mehrheit gemacht wird, kann ich nicht sagen. Wir haben eine solche Repräsentation schon 1922 den Arabern angeboten, sie haben es abgelshnt, es scheint, daß sie es auch jetzt zurückweisen würden. Aber wir werden ruhig weiter arebiten, und ich glaube fest, daß wir in diesem Sinne auch die Mitwirkung und zwar, wie ich hinzufügen möchte, die geduldige Mitwirkung des Judentums haben werden. Sitzung des Rates des Preußischen Landesverbandes. B e'r l i n , 30. Mai. Gestern fand eine Sitzung des Rates unter Vorsitz von Kammergerichtsrat Wolfs statt. Der Haushaltsplan fand Annahme. Für die Errichtung einer Tuberkulosen-Heilftütte und für eine jüdische Arbeiter-Kolonie sollen Mk. 10.000 aus dem Wohlfahrtsetat verwendet werden. Eine Subvention für das Frankfurter Phil a n t r o p i n wurde abgelehnt, eine solche von Mk. 12.000 für das Kölner Lehrers ein i n a r bewilligt. Für die Frage der Lehrerausbildung im Anschluß a n die Kölner Jawne wurde eine Kommission eingesetzt, bestehend aus den Herren Rabbinen Horovitz- Frankfurt, Arthur Levy und Emil Levy in Berlin, Rofenthal in Köln.und Dir. Klibanski in Köln, außerdem eine allgemeine Lehrerbildungskommission, bestehend aus den Rabbinen Vogelstein-Breslau, Rofenthal-Köln, Studiendirektor Gutmann-Berlin, Levi-Frankfurt und Steinhardt-Magdeburg. Grundsätzlich will man den Einfluß des Landesveri

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