Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 23 (5.6.1930)
- Date
- 1930-06-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. Nr. 23 Der Israelit 5. Juni 1930 Dauerwellen und Haararbeiteu ist Vertrauenssache! EUGEN OCHS Spezialist dafür Moselstr.16 ♦ Taurvjs 1593 Unverbindlicher Besuch erbeten paganda mehr und mehr gewann. Eine Resolution der Internationalen Handelskammer forderte den Völkerbund auf, möglichst bald die Frage der Kalenderreform zur Behandlung zu bringen. In den verschiedensten Zeitungen, auch in Europa, erschienen schon empfehlende Artikel. Herr Cotsworth hatte unterdessen mit Charles F. Marvin, Chef des Meteorologischen Büros der Vereinigten Staaten Nordamerikas eine umfangreiche Broschüre herausgegeben unter dem Titel: „Moses, der größte Kalenderreformator". (!) Er versucht darin nachzuweisen, daß Moses schon den Blankotag eingefllhrt hat. Vom Völkerbund war unterdessen eine Orientierungsbotschaft erschienen, die auf die Bedeutung und den Fortgang der Propaganda für die Kalenderresorm hinwies. Wir kamen im Juli des vorigen Jahres zu eingehenden Beratungen in Paris zusammen. An diesen Beratungen nahm auch Dr. Hyamson aus Newyork teil. Wir wurden uns klar über den hohen Ernst der Situation. Die Kalenderreform mit Blankotag ist vom wirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet höchst verlockend. Man rechnet ziffernmäßig aus, wie viele Milliarden dadurch gespart, mithin gewonnen werden, um von anderen Vorteilen zu schweigen, die alle u. a. ausgezählt werden in dem im Jahre 1929 erschienenen Bericht des Amerikanischen Nationalkomitees. Das Judentum steht, abgesehen von christlichen Minoritäten, allein in der dogmatischen Stellung zu der ununterbrochenen Aneinanderreihung der siebentägigen Woche. Es kann natürlich diese Stellung nicht ausgeben, ohne die ganze Grundlage seiner Religon, die Idee der Weltschöpfung, die der siebte Tag der Woche, und kein anderer, sozusagen. verkörpert, zu zerstören. Es handelt sich darum, in dieser Angelegenheit nicht nur um diejenigen unter uns, die am Sabbat von der Arbeit feiern, sondern ebensogut um alle anderen, so lange sie nicht die Grundwahrheit des Judentums leugnen. Die ganze Sabbat i d e e droht in solchen Kreisen verloren zu gehen, die bis jetzt, wenn auch nicht von der Arbeit feiernd, dennoch durch den „siebten Tag" der Woche an diese Idee erinnert wurden. Wer aus diesen Kreisen wird z. B. am Montag oder Dienstag noch an den Sabbat denken? Für sehr viele wird sogar vielleicht der „Samstag" genannte Tag weiter als Sabbat bestehen bleiben. Da könnte ein neues, verhängnisvolles Schisma im Judentum seinen Anfang nehmen. Natürlich werden die Sabbatfeiernden in ihrer wirtschaftlichen und sozialen Stellung auf das Aeußerste bedroht, wenn sie statt an dem bisherigen Samstag mitten in der Woche einen ganzen Tag, und noch wohl jedes Jahr an einem anderen Wochentag, auf den der Sabbat fallen wird, feiern müssen. Herr Dr. Lewenstein schließt feine beachtenswerten Ausführungen wie folgt: „Wir hegen die Zuverficht, daß das Gesamtjudentum, ohne Unterschied! der religiösen Schattierung, sich um die Fahne der Schöpfungsidee zusammenfinden wird. Aus diesem Umstand kann eine Kraft geboren werden, die noch erfolgreich eingreifen kann in den Kampf um den Blankotag. Denn noch ist der Kampf nicht entkleines Feuilleton. Eine Landgemeinde feiert ein Fest... Beim großen Abbau des jüdischen Landlebens, der mit dem „Aufbau" der modernen Kultur einsetzte, scheinen ein paar Gemeinden im Hessischen und Bayrischen zu ihrem Glücke vergessen worden zu sein. Zu ihnen gehören Pfungstadt und C r u m st a d t. Von letzterer Gemeinde soll hier die Rede sein. Crumstadt, ein idyllisch gelegenes Dorf mit sauberen Straßen und schönen Häuschen hat eine jüdische Gemeinde von 12 bs 15 Familien. Als aber die Gemeinde am Donnerstag das Fest einer' Thoraeinweihung feierte, waren an hundert Menschen in der kleinen. Synagoge und später an der langen Tafel im Festsaale versammelt. Das macht: weil die kleineren jüdischen Niederlassungen rundherum alle sich um die Gemeinde Crumstadt wie um einen Brennpunkt scharen und ihre Feste als die eigenen mitfeiern; ferner weil die Kinder, die Crumstadt in die Großstadt, in die weite Welt, ja über das Meer hinausgeschickt hat, noch treu zur alten Muttergemeinde halten und es sich nicht nehmen lassen, sie gelegentlich im Festschmucke zu sehen. Es waren wirklich auch Amerikaner mit dabei, die ihre fällige Europareise so eingerichtet haben, daß sie in ihrer Heimatgemeinde das Fest mitfeiern konnten. Dabei kann uns, wie ein Frankfurter Redner an der Tafel betonte, ein Zug an der Gemeinde Crumstadt gar nicht gefallen, er verleidet uns sogar das Hinkommen. Das ist nämlich der Zug, der von Darmstadt nach Goddelau fährt und nicht weiter, und uns dann einem Untier von Omnbus überantwortet, der uns für schieden, wenn auch die materielle Macht, die uns entgegenfteht, eine gewaltige ist. Tagtäglich wächst die Stimmung für die Einführung des Kalenders mit Blankotag. Aber darum gerade darf nicht nur „etwas" getan werden, sondern es muß alles aufgeboten werden. Und zwar schleunigst. Denn die Zeit ist nicht mehr lang bemessen. Das Jahr 1931 rückt näher. Die Kalenderreformfrage steht auf der Tagesordnung der vierten Sitzung de Völkerbunds-Kommission, unter welcher diese Frage ressortiert, die im nächsten Jahre abgehalten wird. In der kurzen Spanne Zeit muß noch viel Arbeit geleistet werden. Die Pflicht ruft darum alle Juden aus den Plan, jeden Juden und jede Jüdin über 20 Jahre, jeden, der noch nicht die Schöpfungslehre des Judentums verworfen- oder wenigstens noch nicht das jüdische Zusammengehörigkeitsgefühl verloren hat, mit seiner Unterschrift die Unverrückbarkeit des Sabbats als eine Willensäußerung des Gesamtjudentums, zu bekräftigen." Wir hoffen, daß dieser Appell eines Mannes, der feit Monaten und Monaten, Tage und Nächte, dem von ihm unternommenen Werke für den Sabbat widmet, überall Widerhall finden und der Aktion eifrige praktische Mitarbeit in allen Kreisen sichern wirkn_ Zur bevorstehenden Gründung eines Reichsverbandes der deutschen Schochtim. Von Jfak Lubinski in Schweinfurl. Der feit Jahren und von vielen Schochtim gehegte Wunsch, alle Schochtim Deutschlands in einem Verbände zusammenzufassen, soll nunmehr Wirklichkeit werden. Am 9. Juni ds. Js. soll in Mainz der Grundstein zu diesem bedeutsamen Bau gelegt werden. Daß dieser Gedanke erst jetzt zur Reife gelangte, ist kein bloßer Zufall, sondern das Bedürfnis ist in der Stunde der Not aus der harten Notwendigkeit geboren. Die vielen Schächtverbotsanträge, mit denen die Nationalsozialisten die Landes- und Stadtparlamente der verschiedenen deutschen Staaten bombardieren und wahrscheinlich noch bombardieren werden, machen! es zur Notwendigkeit, diesen Machenschaften eine kräftige Abwehr entgegenzufetzen, sollen ihre „Humanitären Bestrebungen", die sie nur den Tieren angedeihen lassen wollen, keinen Erfolg haben. Und da wäre es nun Aufgabe der Schochtim-Organifation, im Verein mit dem Büro für Schächtangelegenheiten in Berlin, die wuchtigen Angriffe der Schächtgegner in ihre Schranken zufünfzig Reichspfennige eine halbe Stunde so durchschüttelt, daß wir mitten im Starkenburgischen Hochlande „seekrank" werden und schließlich beglückt wie Columbus beim Anblick der ersten Häuser rufen: Land! Land! ... ' Aber man ist bald entschädigt. Unter dem gastlichen Dach — nein, wir sitzen obdachlos im Hof der Familie M. — harret unserer ein Käskuchen von Dimensionen, die die ganze Schowuausfreude uns vorauskosten lassen. Die unversiegbaren Kaffeekannen dampfen, und dazu die strahlenden Gesichter der Gastgeber. Hausherr. Hausfrau, Söhne und Tochter überbieten sich förmlich in der Bewirtung und Betreuung der Stadtgäste. Man erhebt sich nun, um zur Feier in die Synagoge zu gehen, und nur, um nachher wieder zu kommen. Man tritt in einen langen Vorhof. Zwischen Kartoffelpflanzen, hohen Zwiebelröhren und bunten Blumen völlig eingebettet steht die kleine Synagoge, eine Puppensynagoge, wie aus dem Baukasten von Kinderhand sauber dahingestellt. Um zwei Uhr sollte es beginnen. Aber zwei volle Stunden warten die Frauen auf der Galerie oder im Hofe in der Sonnenglut, indes die Männer im Nebenraum, der eine Schule darstellt, die Thora zu Ende schreiben. Diesen Nebenraum haben die Großväter vor hundert Jahren mit der Synagoge für Kinder und Kindeskinder gebaut, aber an die Festzylinder ihrer Urenkel haben sie dabei nicht gedacht, sie hätten dann die Decke höher legen müssen. Alle Männer und Frauen her Gemeinde sind festlich gekleidet, festlich gestimmt und tief bewegt. Die letzten Buchstaben werden versteigert und zu verhältnismäßig hohen Preisen an den Mann gebracht. „Jedes Los gewinnt", und der Gewinnende bekommt noch dazu einen Mischeberach, alles gegen bar . . . Die Herzen sind offen und die Hände nicht minder. Die Synagoge ist mit Laub und Tannen geschmückt und gestopft voll. Die Männer der Gemeinde haben Zigarren .Q Zeii Hrw Tel. Hansa 27930 rückzuw eisen, indem Maßnahmen ergriffen werden, jeden Schein der Tierquälerei bei der Schechito zu vermeiden, einheitliche Verhaltungsmaßregeln auf den Schlachthöfer.! dien Schochtim empfohlen werden, Aufklärungsarbeit geleistet, ge- '.l.eiufame Beratungen über Verbesserung der Vorbereitungen zum Schächten gepflogen werden usw. Und wenn auch kein durchschlagender Erfolg von diesen Maßnahmen zu erwarten wäre, da der ganze Feldzug gegen das Schächten nur antisemitische Tendenzen hat, so kann aber vieles erreicht werden, wenn gewisse Verbesserungen gerade inbezug auf das Niederlegen des Tieres geschaffen werden. Unter den vielen Aufgaben, die der Reichsoerband noch zu erfüllen haben wird, wird die heroorrage'r.i, die Schochtim und somit auch die Schechita auf ein höheres Niveau zu setzen, denn nur auf diese Weise kann den Schochtim nach außen hin eine repräsentativere Stellung gesichert werden. Aber alle diese Ziele und Bestrebungen können nur wirksam werden, wenn! der Reichsverband gleichzeitig beschließt, ein eigenes Organ, das von Zeit zu Zeit erscheint und einer orthodoxen jüdischen Zeitung beiliegt, herauszugeben. Denn wie soll der Weg zur jüdischen Oeffentlichkeit und zu den eigenen Kollegen gefunden werden, wenn nicht durch ein eigenes Organ? Eine Zeitschrift, die als Verständigungs- und Aufklärungsmittel dienen soll, kann und wird eine vielfache Bedeutung haben. 1. als Verteidigung der Interessen der nv'nw nach außen hin; 2. als Wegweiser für Schochtim in allen aktuellen Lebensfragen; 3. als eine Tribüne für Meinungsaustausch zwischen Kollegen. Ein solches Zentral-Organ der deutschen Schochtim wird sicherlich dazu beitragen, die cirm zu einer Kette zusammenzuschweißen. Das Bewußtsein jedes einzelnen Kollegen, daß er einer großen und starken Organisation angehört, der den ganzen v'vniw.n bbz in Deutschland in einer Körperschaft umfaßt, wird dazu beitragen, die bisherige geistige Einsamkeit, zu der jeder ömw verurteilt war, zu beheben. Der Reichsverband wird dann ein rrp^Ji pap aller Schochtim werden. Wenn der neu zu gründende Verband solchen Zielen, und solchen Idealen dienen wird, ist ihm der Erfolg sicher. einen halben Arbeitstag dafür geopfert und alles mit eigener Hand geschafft. Die elektrischen Birnen bestrahlen das frische Grün und mit dem Violett des Tageslichtes ergibt es einen schönen Zusammenklang. Die neue Thora, vom Herrn Rabbiner getragen, wird von den Trägern der anderen heiligen Rollen vor der Türe empfangen. Rundgänge und Chorgesänge, Einheben. Dann die Predigt. Eine der schönen, herzenswarmen und lebensfrischen Reden des Herrn Dr. Merzbach. Ein Sinaifest feiert die Gemeinde, und das Doppelgelöbnis: „Wir wollen tun und hören," erfülle, wie damals, alle Herzen. Dank der Gemeinde, Dank den Spendern, (deren manche besonders ehrend genannt werden). Dank dem Lehrer (Herr Beni Saffra, ein Frankfurter Kind), der mit Einsetzung seiner ganzen Kraft, seit zwei Jahren Leben aus Ruinen zaubert und ein wahrer Führer seiner Gemeinde ist. Es folgt eine kurze Ansprache des Herrn Lehrers, der das Wort „Chinnuch" aufgreift, um auch auf die andere Bedeutung dieses Wortes: „Erziehung" hinzuweisen und nach dieser Richtung ein wenig zu ermahnen. Noch einige Gesänge, und wir sind wieder im Hofe unseres „Stammlokales". Wer die in der Großstadt längst vergessene alte echte jüdische Gastfreundschaft unter dem Eschel Abrahams kennen will, der komme nach Crumstadt und gleich in den Hof der Familie M. Man hatte für die Gäste aus;,Extraaufsicht" alles bezogen, und der Oppenheimer Wein trägt Aufsichtssiegel für Peffach. Es ist alles in bester Ordnung. Aber das alles ist nur kulinarischer Auftakt. Das F e st m a h l beginnt eine Stunde später im großen Saale und wickelt sich nach einem feststehenden Programm mit Ansprache, Theaterstücken, Kuplets, Musikeinlagen und allem anderen ab, wie in der Großstadt auch. Auch die Menschen, einschließlich der Einheimischen, sind Wo f