Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1930)
- Date
- 1930-05-30
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
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30. Mai 1930 Der Israelit Nr. 22 Seite 3 ein paar Worte Jiddisch hineingesprenkelt sind: „Wir organisieren, wir sammeln hier die schwarzen Juden von Hartem und lehren sie Thora und Talmud. Man muß die Juden überall sammeln. Jews are spread over the ganze World." Ja, er sagte, um die Zerstreuung der Juden über den Erdball auszudrücken, „over the ganze World." Und die schwarzen Juden nannte *er, wie's auch auf den Drucksachen der Gemeinde zu lesen ist, „the moori8h jevs". die „Mohrenjuden". . Inzwischen ist ein zweiter the moorish von der Straße Her eingetreten, um im Vorübergehen dem Rabbi einen Besuch zu machen, und die beiden überstürzen sich nun, mich zu informieren. Zum Tempel des Rabbi Ford gehöre eine Gruppe von Hundert Mitgliedern. diese Schule hier werde voy sechzig farbigen Juden besucht. Abej: das seien verschwindend kleine Zahlen geigen die Tausende von Juden, die in Harlem lebten, sicher seien es zehntausend. Nur bekenne die Mehrzahl sich nicht zum Glauben der Väter, sie sei vielmehr bestrebt, in den anderen Bewohnern von Hartem aufzugehen, indem sie ihnen ähnlich werde. Der Rabbi gebraucht das Wort „assimilating“ und fügt, nicht ohne Bosheit, hinzu: „Wie bei euch!" Rabbi Ben Newman lebt erst seit zwei Jahren in Harlem, er ist in Aegypten, in Alexandrien, geboren. Aber die anderen, so erklärt er mir, stammen von den westindischen Inseln und sind meist mit der großen Flut der Schwarzenzu Beginn des Weltkrieges hierhergekommen. „Und wieso habt ihr alle-- euch in Harlem niedergelassen?" Rabbi Ben Newman, der sie organisiert, stammt, nach seinem eigenen Bekenntnis, aus dem ägyptischen Alexandrien. Seine Herkunft ist unschwer zu erklären, er ist offenbar ein Falascha, ein Angehöriger jenes in Abessinien gefundenen Stammes schwarzer Juden, die bald als einer der verlorengegangenen Stämme gelten, bald als Nachkommen des Königs Salomo und der Kö¬ Rabbi Joseph Bloch Wi in Telschi. . - Mit. " 1 „Was sollten^ wir tun? Wir sind zuerst zu den Juden von Newyoxk gegangen; aber die haben uns gesagt: ihr seid Neger, geht nach Harlem. Und jetzt sind wir hier in Harlem bei den Negern, da wollen die Neger nichts mit uns zu tun haben und sagen: ihr seid keine Neger, ihr seid Juden." Wie das der „Rabbi" in monotonem Singsang heruntererzählt, ohne die Absicht, damit besonders zu wirken, klingts grauenvoll. Addition zweier tragischer Schicksale. Doppeltes Ausgestoßensein. Einsperrung in ein Ghetto, das — teuflisch! — in ein zweites Ghetto eingeschachtelt ist. Dennoch bleibt, die ganze Unterhaltung hindurch, unausrottbar ein Rest Antipathie, das Gefühl einer Unechtheit, die sich in gesteigerte Betonung und Beteuerung von Echtheit rettet. Die. von dem Alten behauptete Ziffer von zehntausend Juden, die in Harlem leben sollen, erweist sich als Uebertreibung. Selbst wenn ein großer Teil dem Anschluß an die beiden Gemeinden aus dem Wege geht, ist die Zahl aller kaum größer als fünfhundert. Ungelöst bleibt das Rätsel von der Herkunft der Gruppe. - Adolf Frankl lernt mit seinen Enkelkindern. nigin von Saba. Der Rabbi ist schon außerhalb seines Stammes geboren, die Brocken des sonst bei einem Falascha-Mann schwer erklärbarem Jiddisch sind ihm aus seiner Wanderung angeflogen. Aber die Mehrzahl der Harlemer Gemeinde gibt Westindien als ihre Heimat an. Wie kommen farbige Juden ins westindische Rassengemsch? Unter mancherlei Theorien, die diese Frage beantworten wollen, scheint mir die Meinung des Anthropologen Z o l l s ch a n mehr als eine Theorie zu sein, der mir erzählte, er habe sich vor ein paar Jahren gleichfalls mit den Negerjuden in Harbern beschäftigt und sei zu folgendem Resultat gelangt: Holländische Juden hätten sich 'an der Kolonisation Westindiens beteiligt, wären im mittelamerikanischen Jnselreich Plantagenbesitzer geworden und hätten ihre Wirtschaft natürlich mit Sklavenarbeit betrieben. Nun nahm der afrikanische Neger, der als Sklave nach der Neuen Welt verkauft wurde, dort fast immer die Religion seines Herrn an. So wären die Sklaven jener holländischen Juden zu deren Glauben übergegangen und ihre Nachkommen seien nach der Befreiung der Sklaven Juden geblieben — ohne ethnisch Juden zu sein! Entspricht diese Darstellung der Wahrheit, dann würde man die Tendenz der Harlemer Negerjuden verstehen, unter den anderen Harlemern, ihren wahren Rassengenossey, aufzugehen. Und das täten sie auch, käme nicht aus dem Osten des afrikanischen Erdteils der Falascha-Mann, um sie zu organisieren und zu sammeln. Und um zu klagen : „ Jews are spread over the ganze World!" | Der Moskauer Ilui. D Im Newyorker „Tog" wiLh erzählt..non einem!!jüdischen Jungen, der dieser Tage aus Mosräu nach Nbw- Aork kam und in der großen Jeschiw^ des „Rtkbbi bannung verboten ist, und er hat dort den ganzen Talmud ausgelernt. Meierke, so heißt der Junge, weiß auch schon gut Bescheid in den Dezisoren. In wenigen Wochen hat er die englische Sprache so weit erlernt, daß es sich ohne Schwierigkeiten mit Amerikanern verständigen kann. Dabei hat der Junge, der kurz vor dem Kriege z^r Welt kam, immer ein Wanderleben geführt. Von Charkow nach Sluzk, von dort nach Leningrad, dann nach Moskau und zuletzt nach Newyork. Gelernt hat er in der Hauptsache gerade in M o s k a u, in der Stadt des Kreml und der I s w e st k a, natürlich im Geheimen, im tiefsten Verstecke, er und noch ein Freund, bei einem Rabbiner, der besser ungenannt bleibt. Ob noch mehr Jünger der Thora dieser Art in Moskau im Verborgenen blühen, ftagte man ihn. Außer ihm noch zwei. Er und sein Freund haben nun Rußland verlassen, einer ist noch in Moskau. „Junge Leute, die ein wenig lernen, gibt es dort noch genug. Die Religiösen und Lernenden kennen einander, wie die Marannen in Spanien sich kannten. Jungen, die sich so ganz intensiv dem Thorastudium widmen, dürste es dort außer dem einen kaum noch geben." Der Vater Meierkes ist ein armer. Handwerker. Vor dem Kriege war ex Handelsmann, aber später mußte er das Handwerk erlernen, um nicht zu verhungern. Die Kosten für den Lehrer seines Jungen mußten sich die armen Leute buchstäblich vom Munde absparen. Das Zimmer, in dem sie lernten, durfte kein Mensch betreten. „Wie stand es mit Seforim?" „Seforim kann man in Moskau nicht kaufen. Der Handel mit religiösen Büchern ist strengstens verboten. Aber viele Leute verschenken ihre Bücher. Der Rebbe mußte das Buch sorgsam verpackt mitbringen. Ein Che- Die Mitglieder der englischen Untersuchungskommisston für Palästina. Sir Walter Sidney Shaw. Narry Snell. Sir Henry Bucknell Betrerton. Jizchok Elchonon" Proben seines Könnens ablegte.' Er beherrscht den ganzen Talmud. Ein Junge aus Moskau, sechzehn Jahre alt, aus dem Lande, in dem Lehren und Lernen bei Tod und Ver- Gemeindebibliothekar Prof. Dr. Marlon in Hamburg. der gibt es in Moskau nicht. Die Tho^a- und Talmudlehrer kommen in die Häuser und lehren im geheimen. Wird ein solcher Lehrer einmal ergriffen, so kommt er ins Gefängnis und nach Sibirien." Die Tatsache, daß aus Moskau ein Jlui über den Ozean kam, machte in Amerika großen Eindruck und wird in der Presse, wie in der Oeffentlichkeit vielfach besprochen. ' 1! . ' ' Rheinfähre, Loblenz. Von Lehrer Michael Neuberger in Lengnau (Schweiz). Schweizerische und badische Zeitungen berichten ausführlich von dem Unglück, welches sich vor wenigen Tagen bei der Rhein-Ueberfahrt Koblenz—Waldshut ereignet hat. Die schwer beladene Fähre kippte um; drei wertvolle Pferde ertranken und nur mit knappester Not und Selbsthilfe konnten sich die vier Männer, eine Frau und ein Kind, schwimmend retten und glücklich dem nassen Grabe entgehen. Die beiden Grenzländer werden nun wohl zur Besinnung kommen und den seit langer Zeit gehegten Plan — die Erstellung einer Brücke — endlich reifen lassen. — Für uns Schwezer Juden, insbesondere diejenigen der beiden alten Muttergemeinden Lengnau—Endingen im Surbtal dürfte das besagte Unglück der Beachtung wert sein, denn es ruft in unserem Gedächtnisse eine längst vergessene traurige Geschichte wieder wach. An der gleichen Unglücksstelle — genau vor