Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1930)
- Date
- 1930-05-30
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 22 Der Israelit 30. Mai 1930 Kerner hört auf ihn. „Aschre harsch «scher lau hol ach ..." wird ihm zur Antwort. „Heil dem Manne, der nicht geht . . ." Heute ist der Tag von König Dawid, und heute gehört er ihnen, dein« Juden, die seine Psalmlieder singen! . . . Die Frau mit dem Ze'enno ur'erino. Nach einer Studie von David Kagan (Paris). Unsere Bilder. I. Bilder von David kagan. David Kagan (Paris) ist eine der merkwürdigsten Künstlergestalten, die ihre künstlerische Kraft aus dem Judentum schöpften, wo es, ob in glorreicher Vergangenheit oder in schwerer Gegenwart, am kräftigsten und lebendigsten sich gibt. Die hier reproduzierten vier Bilder zeigen die Richtung des begnadeten Künstlers, die an Lester Uri, Glitzenstein und Lilien erinnert, doch ihre ganz eigene Prägung hat. 1. „Unter der Last" nennt sich das Bild auf Seite 2. Unter der Last der Jahre und des schweren , Packens, vielleicht auch unter der Last eines zweitausendjährigen Golus im Blute, keucht der Alte daher. Wer einmal die Straßen in den jüdischen Zentren Polens, Galiziens und Litauens betreten hat, kennt diesen Typ ganz genau. „Haben Sie was zu tragen, einen Botendienst zu vergeben, können mir sonst was zu verdienen geben?" Diese Menschen gehen morgens auf die Straße hinaus, im Vertrauen, daß ihnen Gott irgend einen Verdienst in die Hand spielt. Daheim harren und hungern Frau und Kinder. Ost gelingt es dem Vater, abends Brot, Kartoffeln und Heringe mitzubringen, oft aber auch nicht. 2. „Die Frau mit dem Zeeno Ureno", der einzigem Lektüre des jüdischen Weibes im Ghetto, ist im Gegensätze zu dem Träger ein Bild des Friedens, der. Versöhnung mit Gott und Menschen. Und dennoch kann es die Frau des armen Lastträgers sein! . . . Denn es ist S a b b a t Nachmittag, und für Sabbat war alles nach dem Besten gerichtet. Ein großer Gott im Himmel, sorgt für die Seinen. Gerade das sagt Rabenu Bechaj'e>, dessen Erklärung zur Sidra dieses Wunderbuch in dieser Minute der hochbeglückten Frau in schönsten Bildern und Gleichnissen zu Gemüte führt. 3. Auch Stunden der Freude gibt es im Ghetto, und sogar blasse Wunderkinder, die wie Rosen' aus düsterem Sumpfboden herauswachsen. Die verklärten Augen im blassen Gesichte des jungen Ghettogeigers, dessen Bild die Vorderseite dieser Beilage schmückt, sind nicht erfunden.. Nimmt sich ein Mäzen des jungen Kindes an, so kann aus ihm etwas werden. Die meisten dieser Edelblüten verblühen und verwelken aus Mangel an Luft und Licht im Ghetto. - 4. Daß David Kagün nicht nur Auge für die düstere Gegenwart, sondern auch für große Vergangenheit hat, zeigt sein Jesajas-Bild. Zu diesem Gesichte und diesen in Weltleid und Welthoffnung strahlenden Augen stehen der Donner der Mahnung und der Farbenbogen des Trostes im Buche Jesajarecht gut. II. Berühmte Zeitgenossen. 5. Adolf Frankl, der hochverdiente Präses der Orthodoxen Ungarischen Landeskanzlei und Mitglied des ungarischen Oberhauses, bedarf keiner weiteren Einführung. Das Bild zeigt Adolf Frankl auf einer Bank im Garten, wo er mit seinen Enkeln lernt. Die angespannte Aufmerksamkeit der Kinder zeigt, daß der Großvater auch schön und anmutig zu erzählen weiß: 6. Der große Rabbi und Mussar-Philosoph Rabbi I. L. Bloch, der längjährige Leiter der T e l s ch e r I e - schiwa, ist vor einem halben Jahre dahin gegangen. Wir haben in einem Aufsatz aus berufener Feder seinerzeit den Mann und sein Werk gewürdigt. Die Jeschiwa in Telschi ist nicht verwaist, sie wird vom kongenialen Sohn des Heimgegangenen, Rabbi Jizchok Bloch, im Geiste des Vaters weiter geleitet. 7. Prof. Jsak M a r k o n ist kein Fremder in der jüdischen Wissenschaft und Publizistik. Aus jenem kleinen Kreise in Petersburg heroorgegangen, der . in schwerer zaristischer Zeit oft unter. Selbstaufopferung die Interessen von Judenheit und Judentum nach innen und außen vertrat, hatte Markon noch ein übriges, indem er stets eine besondere Liebe für Thora 'und Tradition bewahrte und ihr in seinem Schaffen wie im praktischen Leben auch Ausdruck verlieh. Seine Forschungen über Karäer, Chasaren ufw. sind, wie die seines Vorgängers S. Pinsker, grundlegend. Rach der Umwälzung in Rußland kam er nach Berlin. Eine Professur an der Moskauer Universität unter dem neuen Regime schlug er aus. In Berlin hielt er eine Zeitlang am Rabbiner-Seminar geschichtswissenschaftliche Vorlesüngen. Seit einiger Zeit wirkt er als Bibliothekar der jüdischen Gemeindebibliothek in Hamburg. III. Aus den Zeitereignissen. 8. Unser Bild zeigt die drei namentlich genannten Mitglieder der englischen Untersuchungskommissioni für Palästina, deren Bericht so großes Aufsehen erregt hat und deren Anregungen jetzt der Prüfung der Mandatarmacht und des Völkerbundes unterliegen. 9. Die Arabische Delegation in London ist eine Folge der Shaw-Kommission und ihres Be-, richtes. Das Bild zeigt uns die fünf Mitglieder der arabischen Delegation. Der Zweite von nach rechts ist der vielgenannte G r o ß m u f.t i, an seiner Seite rechts der Bürgermeister von Jerusalem. 10. Das hübsche Bildchen bietet einen Blick in eine Klasse der von dem Frankfurter Leo Kruskal und seiner Familie in seinem litauischen Heimatsorte Retowo errichteten neuen Talmud Thora-Schüle, die der Agudas Jisroel untersteht. — dessen Tempel in der Nachbarschaft von Harlem liege und der gelegentlich mit den Harlemer Juden eine Verhandlung geführt habe; aber auch Vieser Rabbi hat die Leute aus den Augen verloren. Ich besuche den geistigen Führer der amerikanischen Neger, Dr. Du Bois, er lächelt höflich und überlegen, jawohl, das Gerücht von der Existenz einer Judengruppe Die Negerjuden von Harlem. Bon Arthur Rundk. *) Immer wieder, schon seit ein . paar Jahren, höre ich, daß es im Newyorker Negerviertel Harlem eine Ge- Uriter der Last, sfcsö* Nach einer-'Studie von David Kagan (Paris). in Harlem sei zu ihm gedrungen, aber — lässige Handbewegung — er sei dem Gerücht nie nachgegangen. Ich erwähne, daß ich den Negerpastor Charles Martin von der großen Save-Kirche in Harlem gut kenne, Dr. Du Bois hält es für möglich, daß Reverend Martin etwas wisse. Reverend Martin sagt, seine ganze Kenntnis beschränke sich darauf, daß er wederholt Negern mit Bärten und Haarlocken begegnet sei, die wie Juden ausgesehen hätten; ich möge mich ein paar Tage gedulden, er werde alles Erdenkliche tun, mehr zu ermitteln. Ich gedulde mich zwei, drei Wochen lang, Reverend Martin meldet, er habe nichts ermitteln können. Da fahre ich an einem Samstagmorgen selbst nach Harlem hinauf, fest entschlossen, diesmal nicht ohne Resultat zurückzukommen. Man hat mir zwei Orte genannt, an denen die Negerjuden früher einmal ihren Gottesdienst abgehalten haben sollen — beide Säle werden zu anderen Zwecken benützt, der eine von der Negerheilsarmee. Ein schwarzer Rechtsanwalt sagt mir von seinem Büroleiter, er habe früher zu „jenen Leuten" gehört, aber der Büroleiter hat ein paar wichtige Kommissionen und wird erst nachmittags zurückkehren. Ich gehe unentschlossen die Lenoxavenue, die Hauptstraße des Negerviertels, entlang und sehe plötzlich einen kleinen, rundlichen, farbigen Mann mit graumeliertem Bart und goldgerändertex Brille, in seltsam geformtem Melonenhut und lüngschoßigem Bratenrock vorsichtig den Fahrdamm überqueren. Cfe ist Samstag, der Mann sieht durchaus feiettägig aus; das könnte, denke ich> einer von „jenen Leuten" sein. Ich gehe ihm schnell nach, erwische ihn an der anderen Seite der Straße und ziehe den Hut. „Verzeihung, können Sie mir sagen, wo hier in Harlem: der Rabbi Jesajas Ford wohnt?" Schon sein „Ja" hat eine spezifische Melodie. Dann nennt er mir eine Adresse. „Dort ist seine Wohnung. Aber der Tempel ist 17. West, 129. Straße." „Gehören Sie „Nein." „Ich bin auch ist mein Name. zu dem Tempel?" Jesajas. Nach einem Gemälde von David Kagan (Paris). vermeinde farbiger Juden geben soll. Immer wieder suche ich vergeblich. Näheres über sie zu erfahren. Im Zentralbüro der Newyorker Judengemeinden weiß man nur den Namen des schwarzen Rabbi: er heiße Jesajas Ford. Ich möge mich an einen Rabbi wenden, *) Aus der Wiener „Neuen Freien Presse". ein Rabbi. Rabbi Ben Newmam Mein Platz ist 127. West, 137.. Straße. Wenn Sie mich dort besuchen wollen . . ." Unnötig, zu sagen, daß ich wollte, und zwar sofort. Der Rabbi hatte gesagt „my place“ woraus ich aus den Charakter des Ortes schloß, zu dem er mich jetzt mitnahm: es mühte ein Ort sein, an dem er amtierte. ' Das zweistöckige Haus ist ein Miethaus wie alle anderen in der Straße. . Ein Schild zeigt' an, daß. es im ersten Stock ein Boardinghouse gibt. Aber an den Scheiben eines der Parterrefenster sehe ich in Spiegelschrift, (so, daß sie von innen lesbar sind), hebräische Buchstaben. Der Hauptraum der zweizimmrigen Wohnung ist Betsaal und zugleich Schule. Der Rabbi wartet nicht, bis ich eine Frage an ihn richte, sondern demonstriert mir die Einrichtung.und den Zweck der Institution. Er spricht ein singendes Englisch, in das hin und wieder-