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Der Israelit · 1930-05-30 · Heft 22 (30.5.1930) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 22 (30.5.1930)
Date
1930-05-30
Page
– (sequence 24)
Language
German
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Seite 4 Nr. 22 Der Israelit 30. Mai 1930 159 Jahren — lange vor der schweizerischen Juden- Emanzipation, mußten fünf brave, rüstige Familienväter — zwei von Lengnau und drei von Endingen — in gesunder Vollkraft ihr Leben lassen. Auch damals kippte im reißenden Strome die Fähre um. Mit Recht sagten unsere Alten gottvertrauend: „Der schwache Erdensohn weiß wohl, wie und wann er von zu Hause weggeht, niemals aber, ob, wie und wann er wieder heimkehrt." Es war damals in der heiligen T'schuwo- Woche am 7. Tischri des Jahres 5531 (1771). Ahnungslos und zuversichtlich in ernster Zeit bei drückender, schwerer Sorge um Weib und Kind, in frühester Morgenstunde gleich nach „Schul" — vielleicht noch fastend — gingen die wackeren Männer fort zu Markte nach Tiengen. Wie unglücklich und herzzerreißend gestaltete sich die Rückfahrt. Das traute Familienheim sollten sie leider lebend nicht mehr schauen. Allen denen, die gelegentlich einmal die große und ehrwürdige Gräberstadt zwischen Lengnau und Endingen — das älteste und heiligste Denkmal schweizerischer Judenheit — aufsuchen, möchte ich raten, gleich am Eingänge, Lengnauer Seite, die ersten vier Gräber der 17. Reihe und das Einzelgrab nebenan näher zu beachten. Dort ruhen und schlummern sie — die seligen Mannen — unter den stark verwitterten, schweren Grabsteinen. Aus den kaum noch leserlichen, abgebröckelten Inschriften lassen sich das gleiche Datum — 7. Tischri 5531 — und ihre Namen wie folgt entziffern: 1. Jakob, Sohn Elieser Mosche von Lenglau, 2. Uri Schräge, Sohn des Parnes Jakob von Lenglau, 3. Jizchok, Sohn Raphel von Endingen, 4. Jechiel, Sohn Joseph von Endingen, 5. Jechiel, Sohn Nathan von Endingen. — Tiefe Ehrfurcht und banges Erschauern beschleicht mich, wenn man diesen Mazewous die kurzen, aber erschüttern-, den Worte abliest: min Hanitboim b'majim asim „Die versunken sind in die mächtigen Fluten". Drei Tage vor unserem heiligen Jom Kippur ereignete sich das Unglück. Welch schmerzliche Trauer und Trübseligkeit mag damals die beiden jüdischen Dörfer beherrscht haben und wie doppelt wehmütig ernst und tränenreich mag jener Zaum Hakodesch verstrichen sein. Trotz allem läßt sich aber auch was Gutes berichten. Höchst interessant nämlich ist eine Episode, die mit dem Geschehnis in enger Verbindung bleibt und die ich selbst erst vor mehreren Jahren durch meinen 86jährigen Gemeinde- Aeltesten, den uns unvergeßlichen Herzel Dreifuß f. A., Dank seines bewundernswerten Gedächtnisses erfahren habe. Bekanntlich wird noch heute von allen frommen Jehudim der uralte, sinnvolle Minhag geübt, in der T'fchuwo-Woche das sogenannte Kaporous zu schlagen. Diese Mizwo sollte die Ursache sein, daß ein sechstes Opfer — ebenfalls ein Endinger Mann — auf wunderbare Weife durch Gottes Fügung dem sicheren Tode entkam. Schon befand auch er sich mit seinen fünf Genossen auf der Unglücksfähre, da fällt ihm noch rechtzeitig ein, daß er auf badischem Gebiete in einem Bauernhause seinen Korb mit Geflügel stehen hat. Der gottbegnadete Mann verläßt schnell die Fähre, um seine Kaporous zu holen. Währenddessen waren die Anderen vom Ufer abgetrieben und in der Mitte des wilden Stromes haben die Ertrinkenden in ihrer Seelenangst ihr letztes „Schma Jisroel" zum Himmel hinausgeschrieen. Noch am selben Tage wurden die Leichname geborgen und später — wie bereits erwähnt — auf den „Guten Ort" zur letzten Ruhe gebracht. Ich hätte damals gerne zugeschaut, wie am folgenden Tage jener glückliche Endinger Kapores schlug: mit welcher Rührung,, mag er gesagt haben, das bedeutsame „Bnei Odom jouschwei Choschech w'Zalmowes" Menschenkinder, die wir in Finsternis und Todesschatten wohnen. Und dann die übliche Schlußformel: Se Hatarnogol jeilech l'Miso, „Dieser Hahn geht — für mich — zum Tode" w'ani eilech l'chajim touwim: Ich aber bin zum „Guten Leben" erhalten. stützung des American Joint Distribution Committee in Osteuropa eine umfangreiche Tätigkeit auf dem Gebiete der medizinischen Hilfe. Schon damals beschränkten sie ihre Arbeit nicht allein auf die ärztliche Hilfeleistung und Krankenunterstützung, sie verfolgten vielmehr von Anbeginn das Ziel, die physischen, und somit auch die psychischen, Kräfte der jüdischen Bevölkerung zu stärken und Krankheiten vorzubeugen. Je weiter das Leben in geordnetere Bahnen kam, desto mehr Aufmerksamkeit konnten die Gesellschaften der Hebung des hygienischkulturellen Niveaus der jüdischen Massen widmen. In den letzten Jahren wird diese Tätgkeit bei den meisten Abteilungen bereits planmäßig durchgeführt. Auf der Ausstellung werden die erzielten Erfolge in Diagrammen, Diapositiven, Photographien, Karten und Modellen verschiedener Anstalten anschaulich dargestellt. Es ist einer privaten Organisation selbstverständlich unmöglich, einen eigenen Pavillon von größeren Aus- Die arabische Delegation in London. maßen zu errichten, um ihre Tätigkeit gebührend darstellen zu können, doch wird hier in verhältnismäßig bescheidenen Raumausmaßen eine Fülle von Material vorgeführt. Der Umfang der Arbeit wird durch eine große Landkarte Osteuropas veranschaulicht, auf der im Relief sämtliche Anstalten der Ose- und Toz-Gesellschaften in all den Ortschaften, 96 an der Zahl, dargestellt sind, wo. Abteilungen der Gesellschaften tätig sind. Es sind insgesamt 416 Anstalten, von denen die überwiegende Mehrzahl — 257 — der Kinderfürsorge gewidmet sind; hiervon dienen 51 dem Säuglings- und Mutterschutze: 27 der Bekämpfung der Rachitis; 85 der schulmedizinischen Fürsorge und 84 sind Sommerkolonien und Halbkolonien. Auch in den übrigen Anstalten, wie zahnärztliche Stationen, Polikliniken, Tbc-Dispansaires, nimmt die Kinderfürforge-Arbeit einen breiten Raum ein. Besonders Das Gesundheitswesen der Juden in Osteuropa auf der Internationalen Hygiene- Ausstellung in Dresden. Am 17. Mai sind in Dresden die von fast allen Ländern der Welt beschickte Internationale Hygiene-Ausstellung und das Reichs-Hygienem'tseum feierlich eröffnet worden. Die jüdischen Gesuudheitsorganisationen Ose-Toz und die dem Agro-Joint angeschlossene Medizinische Kommission Joint-Ose oertret.m auf der Internationalen Hygiene-Ausstellung das Werk der Selbsthilfe der jüdischen Bevölkerung Osteuropa.-', auf dem Gebiete der Hygiene. Im Verlaufe des Weltkrieges und unmittelbar danach entwickelten de Ofe- und Toz-Gesellschaften mit Unter-¬ Die Kruskal Tatmud-Thora in Retowo. dicht ist das Netz der Anstalten in Litauen, Polen und Beßarabien. Die nächste Tabelle veranschaulicht die Ergebnisse der Gesundheitsarbeit im Jahre 1929. Man ersieht aus ihr, daß während dieses Jahres 9329 Säuglinge betreut wurden, was mit 85.000 Besuchen verbunden war; über 900.000 Flaschen Milch und 50.000 kg Nahrungsmittel wurden an Säuglinge verteilt: rund 7300 rachitische Kinder befanden sich in Behandlung: unter dauernder schulmedizinischer Aufsicht standen ca. 60.000 Schulkinder aller Altersgruppen; 9600 Kinder hielten sich in den Sommerkolonien und Halbkolonien auf; zahnärztliche Hilfe erhielten 16.000 Kinder; etwa 9000 Kinder wurden mit Röntgenftrahlen behandelt, hiervon rund 4300, die an Haarkrankheiten litten. Insgesamt werden über 100.000 jüdische Kinder in Polen, Litauen, Lettland und Rumänien von Ose und Toz systematisch betreut. Eine gleiche Arbeit, in mancher Hinsicht sogar eine bedeutendere, leistet die medizinische Kommission des Agro-Joint in der Sowjetunion, deren Tätigkeit auf einer besonderen Tabelle dargestellt ist. Ihre Anhalten wiesen im Jahre 1929 1.350.000 Besuche auf, von denen etwa 1/-j auf Kinder entfällt. Im Verlaufe einer fünfjährigen intensiven Tätigkeit wurden rund 26.000 Kinder, die an parasitären Haarkrankheten litten, geheilt. Eine weitere Tabelle veranschaulicht den inneren Aufbau der Ose und Toz-Gesellschaften. Im Jahre 1929 existierten 11 Landesverbände mit 103 Abteilungen , und rund 25.000 Mitgliedern. * ■ Wie sich die Tätigkeit der Gesellschaften auswirkt, das drückt am deutlichsten ein Diagramm der Säuglingsfürsorge in Chisinau (Kischinew, Beßarabien) aus. Während die durchschnittliche Sterblichkeit der Säuglinge in der Stadt Chisinau, infolge der Verschlechterung der allgemeinen Lebensoerhältnisse, in den Jahren 1927 bis 1929 auf 13 von 100 gestiegen ist, ist sie in der gleichen Zeitperiode bei den unter Aufsicht der Fürsorgestellen der Chisinauer Abteilung der Ose stehenden Säuglingen von ca. 6 aus 4 vom 100 gefallen. Dies ist wohl der beste Beweis dafür, welch ein mächtiges Mittel die Säuglingsfürsorge im Kampfe gegen die Säuglingssterblichkeit darstellt. Die Bedeutung der Schulhygiene wird durch ein Diagramm, das die Erfolge der schulmedizinischen Aufsicht in Kowno darstellt, hervorgehoben. Durch planmäßige Arbeit sind die im Osten starkverbreiteten Erkrankungen an Trachom, Favus u. a. auf ein Minimum reduziert worden. Eine Reihe Diapositive in einer besonderen Vitrine bringt bildliche Darstellung verschiedener Ose- und Toz-Anstalten Zwei besonders wichtige Anstalten — das Gesundheitshaus der Kownoer Abteilung der Ofe und das Tuberkulose-Sanatorium der Bialystoker Abteilung der Toz sind in großen Modellen dargestellt. Beide Gebäude, erst in den letzten Jahren erbaut, sind in modernen Formen gestaltet mit viel Licht und Luft und großen flachen Dächern, die als Sonnen- und Luftbäder dienen. Auch die Inneneinrichtung entspricht in jeder Beziehung den modernsten wissenschaftlichen Anforderungen. Das Kownoer Dr. S. Frumkin-Gesundheitshaus, in dem die wichtigsten Anstalten der Ose untergebracht find, bildet das Zentrum der Gefundungstätigkeit der Ofe in Litauen. Pathologie des Rassenantisemitismus. Der bekannte sozialdemokratische Politiker Erich Kuttner, Mitglied des Preußischen Landtages, läßt unter dem Titel „Pathologie des Rassenantisemitismus" im Phllo-Verlag (Berlin SW. 68) eine politisch-psychologische Studie erscheinen, in der er den Antisemitismus als psychische Erkrankung, als eine Neurose analysiert, die dadurch geheilt werden kann, daß man den Trägern dieser Neurose ihren Zustand bewußt macht. Es ist Grundregel, schreibt Kuttner, daß der disharmonische Mensch seinen eigenen Seelenzustand nicht kennt und nicht begreift. Er ahnt ihn höchstens,. sein Geltungsbedürfnis aber hindert ihn wie an anderem auch daran, sich tiefere Einsicht in sein Ich zu verschaffen. Daher lehnt er mit äußerster Entrüstung ab, was ihn in seiner disharmonischen Lebenseinstellung stören könnte; die Mängel und Fehler, die aus seiner Neurose entstehen, dichtet er sich in Tugenden um. Will man ihn aus den Weg des harmonischen Seins bringen, so Hilst nur die rückhaltlose Enthüllung seines wirklichen geistigen Zustandes Die Kapitel des Heftes tragen die folgenden Ueberschriften: Die Eitelkeitsneurose^ Das Trauma von 1918. Abneigungsneurose. Die Phobie der Rasseneurotiker. Feigheit. Führereitelkeit. Die Verlogenheit. Kuttner bestreitet nicht, daß einige der antisemitischen Führer selber so sehr verbissene Fanatiker sind> daß sie an ihre Behauptungen glauben. Die Mehrzahl der Führer aber ist von eigener fanatischer Schwärmerei weit entfernt. Sie sind kaltschnäuzige Streber, die sich innerlich über den ganzen Hokuspokus zu Tode lachen, sie sind abgebrühte, wurstige Demagogen, denen ihre Tiraden nichts als wohl überlegte Mittel sind, um die gläubige Gefolgschaft weiter in Gehorsam und geistiger Abhängigkeit zu erhalten. Immerhin bewegt auch sie die grundlegende, die geistige Haltung des Antisemitismus bestimmende Frage: We stille ich den Ehrgeiz meiner von Minderwertigkeitsgefühlen gepeinigten Seele, wie befriedige ich den ewigen Machttrieb meines geltungshungrigen, meines dreimal Ich — Ich — Ich! Ministerialrat Dr med. Alfred Beyer gibt dem Heft ein Geleitwort, in welchem er es für verdienstlich erklärt, wenn ein Mann von seelischem Feingefühl und warmer Liebe für seine Mitmenschen die seelischen und geistigen Erscheinungsformen des Antisemitismus zu klären' unternommen hat. Er darf auf den Dank all derer hoffen, denen an der Entwicklung menschlichen Anstandes liegt. Er hofft, daß Kuttners Abhandlung selbst diejenigen, die sie verletzt, zum Nachdenken anregen wird; denn Gedanken sind nicht geeignet zu verwundern, wohl aber machen sie alte, unbeachtete Wunden schmerzen. Wer also aufschreit, möge bedenken, daß ihn keine rohe Gewalt traf, sondern daß seine Ueberempfindlichkeit die Folge einer Bloßlegung eines vorhandenen Leidens ist.

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