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Der Israelit · 1930-05-30 · Heft 22 (30.5.1930) · page 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 22 (30.5.1930)
Date
1930-05-30
Page
– (sequence 21)
Language
German
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1 ) w b { an B zum rier Schwuaus in Jerusalem. Von S. H. I n d e r I e m e n rt e n s chu l. In vorgerückter Stunde der ersten Schwuausnacht begab ich mich in die J e m e ni tenschul Halbschwarze, braune, fplindeldürre undkurzbär tige Männer füllen die Schul-, hocken bei schwachem Kerzenlicht Mit unterschlagenen Beinen auf dem Boden und sagen Tikkun. Ein monotoner Singsang, . eine ganz unbestimmte Melodie. Der Europäer würde dabei rasch -in den Schlaf gesungen werden, der Jemenite wird von diesem Gesänge wach und lebendig gehalten. Im Nebenraume sitzen viele Frauen und' kochen in einemfort schwarzen, starken türkischen Kaffee. Der Schames geht dauernd mit einem Tablett herüber undhinüber, um den singendien Männern das schwarze duftende Getränk zu reichen. Auf den ersten Blick sieht es aus, als wäre es eme Gemeinde von Lahmen, denn man sieht keine Füße. Jugend ist stark vertreten. Es gibt bei den Jemeniten keine Freigeister in der jungen Generation. Di!e Tikkun-Bücher sind zumeist in Saloniki oder Konstantinopel in drei Sprachen gedruckt, -aramäisch, arabisch und hebräisch, selbstverständlich auch das Arabische in hebräischen. Lettern. Die Gebete werden in allen drei Sprachen! hergesagt. Für die täglichen Gebete braucht der Jemenite kein Gebetbuch, er kann sie alle auswendig. Ein Jemenite erklärt es mir mit der Tatsache, daß es zu wenig gedruckte Gebetbücher gibt und sie auch zu arm sind, um sie zu kaufen. Sie sind dadurch gezwungen, die Gebete auswendig zu lernen. Auch hier in der Schul muß e i n Buch für mindestens vier Personen dienen. Draußen vor der Türe haben sich's ein paar Jemeniten auf Säcken und Matten bequem gemacht und sindfest eingeschlafen. Wer vom Schlaf übermannt wurde, ging hinaus. Die Luft draußen ist still und warm. An der heiligen Mauer. Am ersten Schwuaustage morgens ging ich zur heiligen Mauer hinaus. Der Weg! war stark belebt von Juden, die dem gleichen Ziele zustrebten. In bestimmten Abständen sah man arabische Polizisten. An der Mauer selbst stand ein jüdischer Polizist. Er stand aber nicht müßig, er hielt ein Machsor -in der Hand und betete mit Bedacht und Genuß. An der Mauer wird inzwischen das Gedränge so stark, daß man! sich nur noch mit Ellenbogengewalt einen Weg bis zu den Quadern bahnen kann. Auf der linken Seite stehen Frauen, zumeist orientalische Typen. Viele haben Kinder an den Händen, aber viele Frauen haben noch selber Kinder¬ Der junge Ghettogeiger. Nach einer Studie von David Kagan (Paris). gesichter. Die Frauen überschreien mit ihren Gebeten die Männer. In ihrer Mitte steht eine „Sogerke" (Vorsängerin) Und betet mit lauter Stimme vor. Die Frauengemeiinde fällt laut und stürmisch mit vielem Weinen ein. . Auf der rechten Seite steht alle paar Meter ein Mann mit dem Gesicht an die Steine gelehnt und betet vor. Die zehn oder fünfzehn Männer hinter ihm bilden seine Gemeinde. Vorherrschend ist die litauische Aussprache des Hebräischen, aber alle Dialekte, die Juden sprechen, sind vertreten. Etwas abseits stehen nichtjüdische Touristen, Herren und Damen-, einige mit der gezückten Kamera. Eine englische Miß wischt sich dicke Tränen von den Augen. Die Andacht und das Weinen eines heimatlosen Volkes vor dem Reste seines Heiligtums hat sie erschüttert. . .. £ Mitten in einer kleinen Vetgemeinde sehe ich einen Mann im großen Turban, von dem ich gewettet hätte, daß er ein Beduine sei. Meine Vermutung war nicht ganz falsch. Es war ein Ger, ein Araber, der zum Judentum übergegangen war und beständig die Gebetsversammlungen an der Mauer besuchte. Nach dem Gebiete Nichten sich tausend jüdische Augen nach der großen Moschee und man zeigt mit Fingern nach der Stelle, wo mutmaßlich das Heiligtum gestanden hat. Keiner von den Betenden würde die Moschee betreten, auch wenn die Moslims sie nicht daran hindern würden. „Es ist verboten! ..." Am Grabe Davids. Nach alter Tradition ist Schwuaus der Todestag von König David, dem königlichen Psalmsänger. So wird in Jerusalem an diesem Tage nach dem Oelberg, zum Davidgrabe gepilgert und dort fleißig dessen Psalmengebete gesagt. Das Jahr hindurch ist es nicht leicht, über die Sperre dahin zu kommen. Am Schwuaus ist der Weg, nach altem Gesetz, den Juden frckgegeben. Es gibt Männer, Frauen- und Kinder, die das ganze Schwuausfest hindurch vor dem Grabe mit Tillimfagen verbringen. Als ich hinkam, war das Gedränge vor dem Königsgrabe so groß, daß eine volle Stunde verging, bis ich hingelangte. Man kommt in ein Zimmer, das vollgefüllt von Menschen ist. An der Ostwand sind zwei Löcher und ein eisernes Gitter davor. Durch die Luke sieht man in ein zweites Gemach, wo.. eine Wand mit einem grünen Vorhang behängen ist. Darauf steht Mit arabischer Schrift: „Hier ist das Grab von König Dawid!" Vor den Löchern stehen Juden und singen Psalmen. Mittendurch stimmt Jemand Kaddischgebet an. Hundertstimmiges Omen gibt Antwort. Und zwischendurch die schrille Stimme des arabischen Polizisten: „Jakla!" (schneller!) Er schreit noch lauter: „I a l l a i m s chi!" (schneller machen!).

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