Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1930)
- Date
- 1930-05-30
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450600-2450621--76987-2534619- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
30. Mai 1930 Nr. 22 Seite 3 neu Platz mehr hat und verdrängt wird durch die Anerkennung der unumschränkten Geltung göttlicher Weisheit. Ueber die jüdifch-mittelalterlichen Denker hinweg, die diesen von Maimonides betonten Grundsatz ausgrvfsen und vertieften, besonders durch Gabirol, wirkte diese Weltanschauung auf Giordano Bruno,- und durch Abarbanel wurde diesle Erkenntnis bis zu Spinoza hin weiter überliefert undfand> dort ihre bekannteste Prägung. „Zwar ist der Monotheismus für uns . Juden ursprünglich keine wissenschaftliche Erkenntnis, sondern eine religiöse Offenbarung, und der zusammenhängende Charakter der Naturerscheinungen wird erst sekundär abgeleitet von der primären- Eingebung der Religion." (S. 437 ff. L. Roth.) Man übertrug den Gedanken von der Einheit Gottes auf die Einheit der Natur, die wissenschaftliche Fragestellung wurde zur höchsten religiösen Pflicht erhoben. Theismus ist kein Bekenntnis d-er Unwissenheit, sondern der Ausdruck der Erkenntnis. Gott, biblisch ausgedrückt, ist nicht nur Gerechtigkeit, sondern Weisheit, und sein Dienst muß ebensosehr in dem Verstand wie in d>er Sittlichkeit geleistet werden. So stellten die mittelalterlich-jüdischen Denker die Wissenschaft mitten in das Heiligtum der Religion hinein. Dreieinhalb Jahrhunderte später wurde diese Lehre von Spinoza mitten in das Zentrum seines Systems gestellt." (Roth, a. a. O.) Nicht nur diese Idealisierung wissenschaftlichen Eifers, sondern auch der eigentliche Untergrund mod-erner wissenschaftlicher Ideologie ist urjüdisch. „Als geschichtliches Faktum ist es nicht von dem empirischen Monismus Griechenlands abzuleiten, sondern von dem transzendentalen Monotheismus Israels." Das Ideal des absoluten kosmischen Gesetzes ist theologischen Ursprungs, ursprünglich sind die Naturgesetze unerforschliche Ratschlüsse . . . Das Judentum, weit davon entfernt, der Feind der Wissenschaft zu sein, ist der Felsen, aus dem seine Philosophie herausgehauen wurde." (Roth, a. a. O.) An dieser Stelle muß die noachMsche Religion erwähnt werd!en, die im Talmud aus Bibelversen! abgeleitet wird. Sie hat das Ziel, für alle diejenigen, für die die Thora als nicht zu ihnen gesprochen, nicht verbindlich ist, eine Norm auszustellen, nach der ein Leben in zivilisierten Bahnen möglich ist. Aus ihr leiten sich vor allem die Grundsätze ab, die als Unterlage für ein internationales Recht, für die Zusammenarbeit der Gesamtmenschheit heute wieder von ganz besonderem Interesse geworden sind. Nicht einzelne Vorschriften für die praktische Gestaltung des individuellen Lebens werden ausgestellt, sondern nur die Verbote der sogen. Kardinaksünden, die .ein Leben der Menschen miteinander erst möglich machen. Diese noachidische Religion hat ihren Einfluß auf die Theorien eines Rousseau, Montaigne und.Locke nicht verfehlt, als vor etwa 250 Jahren die Idee einer natürlichen Religion und eines Gesellschaftsvertrages aufkamen. Der Kampf, den die Philosophie seit Maimonides mit der Anschauung des dualstifchen Weltprinzips ausfocht, fandscheinbar sein Ende, als Kant das scholastische Philosophiegebäude seiner V-orgän'ger zertrümmerte. Aber Kant selber setzte dafür die moralischen Forderungen der Ethik ein, und Hermann^Cohen, der Jude,stellt als Vertreter des Neukantianismus wieder eine Beziehung her zwischen der kantischen Philosophie und der „Religion der Vernunft aus d-en Quellen des Judentums." Cohen sagt in seiner Ethik einmal (S. 453): „Die Attributenlehre in der arabisch-islamischen und der arabisch-jüdischen- Dogmatik und Philosophie bildet ein sehr interessantes Kapitel in der Geschichte der religiösen Aufklärung. Maimuni wird in dieser Beziehung zum Lehrer und Führer des Rationalismus. Cufa beruft sich auf ihn für die docta. ignorantia, für die Beschränkung des Wissens von Gott auf diejenigen Attribute, welche ausschließlich den Menschen, nämlich die Sittlichkeit, betreffen." Vieles, was in dem Werke „The Legacy of Israel" ausführlich behandelt wurde, konnte hier Der Israelit nicht berücksichtigt werden, so der Einfluß der jüdischen Ethik auf die Entwicklung des Rechts, das entscheidende Vermächtnis, das das Judentum dem Islam hinterlassen hat; die Bedeutung der jüdischen Kultgebräuche für die Ausgestaltung des Gottesdienstes in den anderen Religionen, die Einflüsse der Kabbala im Mittelalter, die Abhängigkeit des modernen Wirtschafts- und Gesellschafts'lebens von jüdischem Geist und« jüdischen Persönlichkeiten. Als Abschluß noch einmal ein Wort Hermann Cohens (Echik, S. 495): „Unter allen! Angriffen auf die Ehre dürfte keiner tiefer und innerlicher den Angegriffenen verletzen als der Judenhaß in seinen verschiedenen Formen und Nuancen. Shakespeare hat ja daher auch geglaubt, die Reaktion dagegen als einen weltgeschichtlichen Affekt verewigen zu dürfen. In der Tat, für einen Juden, der auf Grund geschichtlichen 'Verständnisses den Anteil kennt und mit natürlicher Pietät würdigt, welchen der Gedanke des Prophetismus an der Erziehung des Menschengeschlechtes hat und in alle Ewigkeit haben wird : für ihn als Kulturmenschen kann es keinen tieferen Schmerz geben, als der durch den Undank gegen den ewigen Juden verübt wird." Rabbinische und hebräische Literatur. Das Wert tnrp» imra isd zu den fünf Büchern der Thora von Nachum Ben Jakob Zelmeister umfaßt in seinem ersten Bande n’psnn und nwp. Rabbi M. Zelmeister aus Warschau (zur Zeit in Schweinsurt) geht bei feinen Erklärungen den Weg der Alten aus der Zeit der kabbalistischen Eregetik und Deutung. Die Buchstaben- und Zahlentheorie spielen bei den Erklärungen eine große Rolle, aber er verliert sich darin nicht zu weit und zu tief. Und zwischen nirr'ivvÄ, die oft als Spielereien anmuten, leuchtet manch schönes Wort und manch schöner Gedanke, die zum Nachdenken anregen oder den Zusammenhang in ein neues Licht rücken. Erwähnt fei, da,, das Buch in gutem sauberen Drucke gehalten und bei M. Feld, Frankfurt a. M., Fischerseldstr. 3 hergestellt ist. Bon der Monatsschrift min Vip in Jerusalem ist das Nisfan-Heft erschienen und bringt eine Reihe tiefgründiger halachischer Abhandlungen, u. a. aus der Feder von Oberrabbiner A. Kuk, Rabbi Mosche Mordechai Epstein, Rabbi Zwi Frank. Rabbi Selig Bengis in Kalveria. Diese aus 17 Beiträgen genannten paar Namen zeigen den Geist und den Wert dieser rabbimschen Zeitschrift deutlich an. Die Redaktion befindet sich in Jerusalem, P. O. B. 692. Eine Neuerscheinung aus dem profanen hebräischen Büchermarkt ist die neuhebräische Ausgabe der bekannten „Jüdischen Familienpapiere" von Dr. Wilhelm Herzberg. Ueber den Inhalt dieser Familienpapiere brauchen wir unseren Lesern nicht erst zu berichten. Der stattliche hebräische Band ist in modernster Ausmachung im „Bne Brith-Verlag" in Jerusalem hergestellt. Die Ueberseher sind zwei berühmte Hebräisten, der vor kurzem verstorbene Jechiel Michael P i n e s und Rabbi Binjomin. Abhandlungen über die Klassiker der Weltliteratur im jüdisch-hebräischen Kukturkeeise werden von Samuel Meisels durch den Verlag „Neuzeit" in Wien in Lieferungen herausgegeben. Nach und nach sollen alle großen Dichter und Schriftsteller von Homer bis Goethe und von ihm bis Tolstoi und noch weiter behandelt werden. Das uns vorliegende Heft bringt alte hebräische und jüdischespaniolische Uebersetzungen aus Dante. Wir wollen bei dieser Gelegenheit zweier Kataloge Erwähnung tun. Der Katalog Nr. 3 von S. W a h r - man n (Frankfurt a. M., Allerheiligenstr. 77) verzeichnet eine große Auswahl seltener Ausgaben, Erstdrucke und Sammelwerke aus dem gesamten Gebiete der Hebraica und Judaica. Ebenso reichhaltig ist der Katalog Nr. 5 für Hebraica und Judaica der Buchhandlung H. Bergmann (Frankfurt a. M., Allerheiligenstr. 45). Vücherbesprechungen. Am Ende der Philosophie. Von Ludwig Freund. Ein kritisches Wort an die Zeit und ihre Philosophen. München (Reinhardt). 1930. 179. Kl. 4. Im allgemeinen herrscht für Ausgleichsphilosophien, auch wenn sie nicht nach beiden Seiten um sich schlagend ihre Vermittlungssähigkeit zu beweisen trachten, im gegenwärtigen Augenblick keinerlei Vorliebe, und es gehört Mut dazu, sich zwischen mehrere Stühle zu sehen, und noch besonders, wenn man es, wie Freund in seinem Vorworte betont, nicht nur vor den Gelehrten, sondern vor dem breitesten Publikum unternimmt. Das Fazit dieses Unternehmens ist ein demütig scheinendes Kapitulieren vor der Gegebenheit der Religion und dazu das bedenkliche, scheinbar duldsame Prinzip der Nichteinmischung in ihre Streitfragen; das ist eine Selbstbescheidung, die sich der Philosoph gegenüber der Religion selbst in ihrer primitivsten (162) Form auserlegt, und von der keine Reli- - gion je profitieren wird. In manchen Zeitläuften mag dieses Drei-Ringe-Prinzip, das niemandem Recht und niemandem Unrecht gibt, seinen Dienst am Frieden der Konfessionen tun. Einem nur seiner Sache dienenden Philosophen will es jedoch nicht recht anstehn. Darüber Hilst alle Berufung aus Kant nicht hinweg. Wohl hat Kant gewissen Urteilen der Philosophie aus rein religiösem Gebiet den Boden entzogen. Wenn man aber so ausdrücklich, wie es Fr. öfters tut, Schopenhauer und seiner besonders areligiösen Kantaussassung die Gefolgschaft versagt, dann muß man auch einsehen, daß Kants Hinneigung zu seiner ihm angestammten Religion nicht, wie Schopenhauer meint, ein äußeres ängstliches, dem System widersprechendes Zugeständnis ist, sondern ein Ergebnis des Konischen Denkens, das zwingend sich in den Bau seines Kritizismus fügt. Den Leser dieses Blattes interessiert zwar nicht die Spezialsrage, wie Kant zu seiner Kirche innerlich eingestellt war; wenn aber unter Berufung auf Kant eine so leere These vor unseren Augen entsteht wie die: „Der problematische Charakter der Wissenschaft läßt.Möglichkeit und Raum für den reinen -Glauben", — dann erinnert sich der jüdische Leser, soweit er sich religionsphilosophisch mit Kant auseinandergesetzt hat, nicht an Kant, sondern an die-wahren Schuldigen jener Zeitströmung, die das laissez saire, laissez aller zum Grundsatz erhob und mit ihr der srederizianischen Religionsverspottung Eingang in jüdische Kreise verschaffte: Die vorkantische Berliner Schule. Im Uebrigen jedoch weist das Freund'sche Werk manche nachkantische Irrungen glücklich in ihre Schranken, räumt also viele unnötigen Hindernisse aus dem Wege jüdisch-philosophischen Denkens und kann daher zur Lektüre auch der Ungeübteren nur herzlich empfohlen werden. — Dr. B. C. Priester der Liebe. Die Welt der Chassidim. Bon E h a - j i m Block. Zürich, Leipzig, Wien. Amalthea-Derlag. 262 Seiten und zahlreiche Briessaksimiles. Preis M. 7.—. Halacha, Verstand, Logik einerseits und Agada, Gefühl, Phantasie andererseits sind im Judentum eng miteinander verwebt und geben zusammen das ganze Judentum. Das emspricht der menschlichen Natur, denn erst das rechte Verhältnis zwischen Denkkrast und Empfindung führen zur Harmonie der Persönlichkeit. Der Mensch aber entgleitet leicht zur Einseitigkeit. Im jüdischen Geistesleben des Mittelalters war die .Halacha zur Beherrscherin geworden und hatte alles Geschichtliche und Erzählende (Tenach, Midrasch, Agada) zurückgedrängt. Der Geist triumphierte über das Gefühl. Es war nur natürlich, daß dieser Radikalismus einmal eine Gegenbewegung hervorbringen mußte, und diese Gegenbewegung, Chassidismus genannt, entstand durch den 1699 in dem Dorfe Okup an der polnischrumänischen Grenze geborenen Rabbi Israel Baal-Schem- Tow. Diese Bewegung bedeutete gleichfalls Radikalismus und brachte die Gefahr, das Lernen zu vernachlässigen. Die wertvollen Persönlichkeiten der beiden Hauptströmungen in der Judenheit waren sich freilich bewußt, daß das gesamte jüdische Schrifttum ein untrennbares Ganze darstellt, und der Unterschied zwischen beiden nur in der Betonung als Pädagogik für die Erziehung liegt, bei der die Mithnagdim mehr Wert auf den Einzelnen und die Chassidim aus die Masse legen. Seit Ahron Marcus ist der Chassidismus vor die Gesamtjudenheil und in die ihm gebührende Beleuchtung gebracht worden. Zeigte der mutige Kämpfer Ahron Marcus, der, ein Hamburger Jude, in Galizien Chassid wurd6, was der Chassidismus für geschichtliche Bedeutung hat, so haben Martin Buber und Chajim Bloch das Verdienst, durch Veröfsentlichung chassidischer Literatur den Chassidismus selber sprechen zu lassen. Besonders Chajim Bloch wird nicht müde alles zu sammeln, was an Aussprüchen und Taten anerkannter Führer des Chassidismus unter den Chassidim erzählt wird. Auch in der jetzt aus Blochs Feder vorliegenden Sammlung muß man die pädagogische Meisterschaft bewundern, die die chassidische Literatur durch das Paradoxon erzielt. Solch ein Paradoxon in einer Erzählung vonmeist nur wenigen Sätzen dringt blitzschars in die Seele und wirkt dadurch besser als die logischste Beweisführung. Die Sammlung enthält Perlen, leuchtende Perlen jüdischer Tugend, Perlen musikalischer Hymnen, Perlen einer Prosa-Lyrik. Manches ins« Mystische Hinübergreisende wird verschieden ausgenommen werden, — doch über Mystik läßt sich nicht rechten. Jedenfalls liegt hier ein Buch vor, das man in beschaulichen Augenblicken immer wieder gern zur Hand nimmt, um aus ihm Judentum zu schöpfen, und das dem jüdischen Ignoranten und Assimilanten sowie dem Nichtjuden ein Begriff gibt von der ethischen Erziehungskraft des Judentums. Saly Geis. Martin Philippson, Neueste Geschichte des jüdischen Volkes. Band H, 2. Vermehrte und verbesserte Auslage bearbeitet von Dr. Immanuel Bernseld. Frankfurt a. M. 1930. Kaussmann. Preis M. 9.—, geb. 12.60. Im Grundriß der Gesamtwissenschast des Judentums, herausgegeben von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Der neue Bearbeiter, der den alten Text nur selten verändert hat, hat es sich zur Ausgabe gemacht, das Werk bis zum Jahre 1914 sortzusühren, die erste Auslage war 1910 erschienen, aus etwa 25 Seiten werden die Länder des Balkans zumeist neu behandelt, es wird in kurzen Zügen ein gutes Bild der Lage der Juden in Rumänien, Bulgarien, ferner auch Japans und Chinas gegeben. In den literarischen Atzmerkungen bedauere