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Der Israelit · 1930-05-30 · Heft 22 (30.5.1930) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 22 (30.5.1930)
Date
1930-05-30
Page
– (sequence 9)
Language
German
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30. Mai 1930. feiger und frommer Mensch gewesen ist, ein Jude, wre wir ihn in solcher Vollendung in dieser Gegenwart nur noch selten antresfen. Und so trauert um ihn nicht nur der. einzige Sohn, den der Allmächtige trösten und stützen möge in seinem großen Schmerze, sondern unsere ganze Gemeinde war aufs tiefste bestürzt und innigste bewegt durch diesen schweren Verlust, den wir alle durch den Heimgang erlitten haben. Die Beerdigung fand am 12. Mai unter außerordentlich starker Anteilnahme statt, wobei Herr Lehrer Kahn in einem erhebenden Nachrufe die Verdienste des leider so früh Verschiedenen würdigte. Sein Andenken wird in unserer Gemeinde nicht verlöschen. ' rraxan- Laudenbach b. Darmstadt, 25. Mai. Herr Lehrer Hirsch Oppenheimer verband mit der Feier seiner Silberhochzeit (Frap Ricka geb. Blumenthal) sein 26jähriges Jubiläum im Dienste der Israelitischen Kultusgemeinden Laudenbach-Karlsstadt. Herr Oppenheimer war an diesem Tage Gegenstand vielfacher Begrüßungen und Huldigungen. Schulkinder kamen mit Blumen und Fähnchen. Beim Festgottesdienste in der geschmückten Synagoge sprachen nach. der Festrede des Bezirksrabbiners Dr. H a n o v e r aus Würzburg, die Kultusvorstände, sowie der Herr Bürgermeister, wie Vertreter der Lehrerschaft und vieler Vereine. Auch Herr Pfarrer Scheurich sprach Worte der Begrüßung und Anerkennung. Der Gemeinderat von Laudenbach verlieh Herrn Oppenheimer das Ehrenbürgerrecht mit Ueberreichung einer Ehrenurkunde in kunstvoller Ausführung. .. Vermischtes. Ludwigshafen a. Rh.» 26. Mai. Im vrnvn.Ta des Vereins mn 'p'mv fand gestern unter Teilnahme der ganzen jüdischen Einwohnerschaft die Einweihung einer neuen min iso statt. In der Begrüßungsansprache des Herrn Katz hob dieser den Opfersinn jedes einzelnen Mitgliedes hervor,' dankte auch dem erschienenen Synagogenrat für deren Unterstützung und ermahnte zum Schluß die Anwesenden, im Sinne der min zum Wähle des gesamten Judentums zu wirken. In der darauf folgenden Rede des Herrn Dajan S. Eberstark, hob dieser den vor allen Dingen notwendigen orpv hervor, um ein gedeihliches Zusammenarbeiten der Gemeinde zu erzielen. Die Mizwo des iana wurde dann von jedem Einzelnen ausgeübt. Herr Professor Dr. Koburger, Vorsitzender des Synagogenrates der Jsr. Kultusgemeinde, versuchte die Brücke zwischen Ost- und Westjudentum in der gemeinsamen Treue zur min zu zeigen. Die würdige Feier wurde von Herrn Oberkantor Eppstein verschönt. Er brachte mehrere Psalmen und Gebete zu Gehör. Das Festessen, bei dem viel min ■nai gesprochen wurden, vereinigte dann alle Teilnehmer bis zu den stühen Morgenstunden. Nürnberg, 22. Mai. Das Landheim Sulzbürg (Opf.) der Esra-Gruppe Nürnberg E. V. eröffnet seinen Ferienbetrieb vom 15. Juli d. I. bis 31. August. Der Verpflegungssatz beträgt RM. 3. Das Heim nimmt Jugendliche im Alter von 10—16 Jahren auf. Anmeldungen wollen bis spätestens 15. Juni an die Geschäftsstelle, Dr. Heinrich Klein, Nürnberg, Bauerngasse 36 erfolgen. London, 26. Mai. Am Dienstag, 20. Mai, fand auf Veranlassung des englischen minn pp im Hause von Mr. und Mrs. Harry A. Goodman ein Empfangsabend zu Ehren des Frankfurter Raw, Rabbiner Jos. Horowitz, statt. In seinen Begrüßungsworten sagte der Gastgeber, daß die schwere Wirtschaftsnot Ost- und Zentral-Europas letzthin eine Reihe von Führern der Orthodoxie veranlaßt habe, sich nach England zu wenden. Näherer Kontakt sei so zwischen der englischen muH und den östlichen D'Vm hergestellt worden. Er sei von Dank erfüllt, den Frankfurter'Rgiv in seinemHause begrüßen zu können. Rabbi Ferber.siagte, Rabb. Horowitz ginge schon als dem bisherigen Leiter der Hunsdorfer na->tr em großer Ruf voraus. Als Frankfurter Raw er eine führende Persönlichkeit geworden. ...... ■ Rabbiner Horowitz erinnerte an die großen Verdienste der Hunsdorfer wer, deren Bestand zu erhalten er nach London gekommen sei. Daß' die Verbrüderung^ der Iudenheit Ost- und Westeuropas immer wertere Fortschritte mache, sei in erster Linie ein Verdienst der murr gewesen. Litauischer Scharfsinn, polnische Begeisterung, ungarische Energie und deutsches Organisationstalent hätten sich zu einem großen Endziel zusammengefunden. In seinem Schlußwort erinnerte Mr. H. A. Goodman an das große Opfer, das der Raw feiner stüheren wer gebracht habe, indem er die ihm zur Verfügung stehende beschränkte Zeit ihr gewidmit habe. Briefkasten. Hildes heim. Die religiösen Bedenken wurden von kompetenter Seite wiederholt geäußert. Die N)c>che. Die Frankfurter Aguda zu Besuch, bei Raschi. Die Fahrt. Die Sache begann mit einem Minjangottes - dienst kurz nach 5 Uhr in den Räumen der Aguda. Als erste Prämie wurde den Frühaufstehern ein heißer Kaffee von überzeugender Schwärze und Stärke serviert. Der Israelit Als wir, so erfrischt, kurz nach 6 Uhr mit dem Stabe an die Bahn kamen, sah schon die große Bahnhofshalle gut jüdisch und agudistisch aus. Auch ältere, würdige Herren und Damen mit Schirm und im Mantel der weisen Vorsicht sind dabei, aber vorherrschend ist die Windjacke frischer Jugendlichkeit. Unser Verkehrsminister ist am Platz und in voller Tätigkeit. „Wir zählen die Häupter unserer Lieben, und siehe, es sind zehn mal sieben". Natürlich dies nur des schönen Reimes wegen. Eine spätere Volkszählung am Rheine ergab — mit den von auswärts Hinzugekommenen — die Zahl von 85. Wir sind glücklich verladen, haben einen eigenen Agudawagen und rollen frisch und froh dem Rheine zu. Eine herrliche Frühsonne lacht uns zum Fenster hinein und mit Lachen und Singen wird der Gruß erwidert. Spätlinge packen ihre Tefillin aus, andere bereits ihre belegten Brote. Frische Zeitungen gehen von Hand zu Hand. Die Nebenwagen sind voller Ausflügler anderer Art. Auf irgend einer Station ist ein ganzer Verein mit Fahne anmarschiert. „Wo ist der Gauleiter?" schreit einer. Und zum Fenster unseres Wagens hinaus wird ihm die Antwort: „Hier ist kein G o j leider, lauter Juden!" Wir fahren weiter: Unterwegs nehmen wir noch Passagiere auf. Auf einer Station steigt der Herr Lehrer aus C. zu uns ein, er vertritt würdig, vergnügt und frohgemut seine ganze Gemeinde. In Biblis tauchen die bekannten lieben Gesichter aus Mainz und Wiesbaden auf, die überall in der Aguda mit dabei sind und die echte rheinische Fröhlichkeit mitbringen. MM Die Frankfurter Aguda vor der alten Synagoge in Worms. Als so gegen 9 Uhr die ersten noch verschlafenen Wormser Sonntagsgesichter durch die Fenster schauten, bewegte sich, nicht gerade militärisch in geschlossenen Kolonnen, ein Zug durch die alten und neuen Gassen, wie er nicht oft gesehen wurde. : "V ■ B e i Raschi. Wir stehen im alten Chuppohof, werfen einen Blick aus und in die „alte.Schul", in der Raschi noch gebetet'(sie ist 1034 erbaut)',', in, der die Märtyrer der Kreuzzüge sich für den letzten Gang gerüstet, in der später Maharil seine letzten Lieder gesungen und seine letzten Mqhnworte gesprochen und in der noch später Juspho Schammes, ein stiller Heiliger, dreißig Jahre heiligen Dienst versah! Er würde es heute nicht mehr tun, denn durch den geweihten Raum mit der Thorarolle des Maharam von Rothenburg, mit der Fülle von heiligen Reliquien tönen und höhnen zuweilen Orgelpfeifen. Und daß Hey Danxeni-kein Toni davon verloren geht, sitzen sie unten im Anbau, durch, keine Türe und keinen Vorhang von den Männern getrennt. Eine solche Wandlung (oder Vandalismus) konnte der Verfasser des Wormser „Nissim-Buches" nicht ahnen. An der Straßenfront gegenüber der alten Schul erhebt sich auch eine neue Synagoge, hübsch und gut gebaut. Leider fast das einzige Haus im heutigen Worms, das am Schabbos geschloffen hält ... Die Synagoge wird nur;ju den hohen Feiertagen ausgemacht, da das kleine Minjan der Ausländer und sodann die alte Schul für die Beter, die sich an diesem Tage an ihren Gott erinnern, nicht ausreichen. Sonst ist dieser Synagoge nichts nachzusagen. Hier hatte man den Geschmack und den Anstand, eine Orgel nicht einzubauen. Wrtj-steigen in das uralte Tauchbad hinunter. Ein richtiger romanischer Katakombenbau aus dem 8. oder 9. Jahrhundert. Man hat dieses alte Tauchbad erst in jüngster Zeit entdeckt und ausgegraben. Ein zweites wurde erst dieser Tage entdeckt. Das Wasser ist ihm längst ausgegangen, wie so manche Quelle leider auf diesem historischen Boden versiegt ist . . . Zur Zeit baut die Gemeinde, vornehmlich auf Betreiben einiger der dort ansässigen Ostjuden, eine neue Mikwoh. Und nun sind wir in der R a s ch i - K a p e l l e. lieber 80 Menschen füllen sie bis an den Rand. Ergreifend ist jeder Stein in diesem alten Lehrhause, aber die Wände sind in den letzten Jahren etwas kitschig angemalt worden. Das elektrische Licht hier wie in der Schul stören die Illusion, aber im Vorraum hängen die g r o ß e n Late r n e n, mit denen Nasen st ern und der rote Luchs und Wachholder und wie die Wächter alle damals hießen, das Ghettotor bewachten. Auf dem Tisch in der Kapelle liegt ein dickes Buch, in das die Namen der Besucher eingetragen werden. Unzählige Namen von Juden und Nichtjuden, von Menschen, die da kommen, um alte Bautechnik zu bewundern, und von Menschen, die die Ehrfurcht vor den Mahnen Raschis, Rabbi Meirs und Maharils hierhergeführt ... Das Gedränge im kleinen Lehrhaus ist nun durch die Frankfurter Invasion so bedrohlich, daß die an die Wand Gedrückten auf eine Wiederholung des „Wunders von der eingedrückten Mauer" harren müssen, wenn ihnen nicht der Atem ausgehen soll. Es sind auch ein paar Wormser dabei. Hoch auf der alten Steinbank steht der Referent und geistige Führer der Expedition und spricht zu der still und ergriffen lauschenden Schar über das pg&BBjBMBägjSg Die Frankfurter Aguda vor der Rafchikopelle. alte Worms, die ersten jüdischen Zentren in Deutschland, aus den Zeiten des Rabbi Gerschom und Raschi. Raschi mußte, wie alle, die damals lernen wollten, nach Mainz und Worms kommen, um in der Schule des Rabbi Jakob den Jackar, des Schülers Rabbi Gerfchoms, dessen Lehre in sich auszunehmen. Mit 25 Jahren kehrte Raschi nach seiner Heimatstadt zurück, wo er bis zu seinem Tode, 1105, verblieb. Damit ist die Illusion der Raschi- Kapelle in ihrem Haupteile zerronnen. Denn dieses kleine Lehrhaus wurde nachweislich erst 1624 durch David Oppenheim errichtet. Aber hier auf diesem Platze stand ein älteres Lehrhaus, in dem Raschi gewiß gelernt und vielleicht,auch gelehrt hat. Der Raschist u h l oben..aus harte-m> ,Sfein :mit, farbiger Lehne;ist mindestens eine Reliquie aus jenem alten Bau. Und nun stehen wir vor der' eingedrückten Mau er,.der Nische, die sich ad hoc für eine Frau gebildet hatte, die, mit kostbarer jüdischer Hoffnung unter dem Herzen, in der engen Gasse von einem Judenfeinde mit seiner Fuhre beinahe zu Tode gedrückt worden wäre. Ist Menschenyerz Stein geworden, so bekommt die Mauer ein Herz von Fleisch und bietet einem armen bedrohten jüdischen Weib Zuflucht und Rettung ... Lange genug erzählte man diese Geschichte in Verbindung mit der Mutter von Raschi und hatte dadurch keinen Schimmer von historischer Wahrscheinlichkeit. Bis man später auf Grund alter Schriften dahinter gekommen ist, daß es sich um die Mutter von Rabbi Jehuda Hach o f f i d (1200) handele. Sie kann in Worms gelebt haben. Hier kann auch Rabbi Jehuda das Licht der Welt erblickt haben, obwohl er später in Regensburg gelebt und gelehrt hatte. Der Referent benutzt die Gelegenheit, aus dem Leben dieses Gaon der jüdischen E t h i k zu erzählen und Einiges aus seinem Hauptwerke „Sefer Chassidim" wiederzugeben. Ein Gang durch das Museum zeigt, daß die Gefühle der Pietät und Dankbarkeit im heutigen Worms noch nicht erloschen sind. Es ist alles aufs beste und schönste geordnet. Die Memor-Vücher, die Min hag- Bücher, die alten, auf Pergament bandgeschriebenen Gebetbücher und Machsorim, alte Thorarollen, geschwungene Schosarhörner, Judenschutzbriefe aus allen Jahrhunderten des Mittelalters, Chalizahschuhe, und was sonst noch, alles an stummen Zeugen einer reichen, starken und leidvollen jüdischen Vergangenheit gibt. Im Vor-

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