Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1930)
- Date
- 1930-05-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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30. Mai 1930 Der Jsraelir Nr .22 Seite 7 vorhanden sind, das Recht zu verlangen, daß in der Schule selbst ein Raum für Erteilung des jüdischen Unterrichts zur Verfügung gestellt^ werde. Artikel 24 verfügt sogar, daß die jüdische Gemeinde ermächtigt werden kann, eine jüdische Elementarschule auf eigene Kosten zu eröffnen. Wie die Mittel zur Erhaltung solcher Schulen beschafft werden sollen, wird vielleicht in dem Gesetz über die Organisation der jüdischen Gemeinden, an der gegenwärtig eine besondere Kommission arbeitet, gesagt .sein. Erst wenn -dieses Gesetz veröffentlicht sein wird, wird man über die für die Juden Italiens neu entstandene Lage Abschließendes sagen können. Palästina. Der Proteststreik in Jerusalem und seine religiösen Folgen. Jerusalem, 24. Mai. Der heute, wie bereits telegraphisch gemeldet, letzten Endes einmütig durchgeführte Proteststreik der jüdischen Bevölkerung Jerusalems gegen die Einwanderungssperre hat eine für die gesamte jüdische Oesfentlichkeit außerordentlich bedeutungsvolle Vorgeschichte und wird vielleicht durch seine von niemandem vorausgefehenen Konsequenzennach innen für die Wahrung des religiösen Gei st es innerhalb der palästinensischen Judenheit von viel größererBedeutung werden, als für die Außenplitik. Der Waad l e u m i hatte, offenbar unter dem Druck der jugendlichen radikalen Elemente, am Dienstag zur größten Ueberraschung der orthodoxen Kreise Jerusalems und vor allen Dingen auch der anerkannten rabbinischen Autoritäten der Orthodoxie plötzlich die Aufforderung veröffentlicht, am Donnerstag Nachmittag in einen allgemeinen Proteststreik unter Schließung aller Läden zu treten. Irgendwelche Verhandlungen mit der Orthodoxie waren nicht vorangegangen. Daraus veröffentlichte die Zentrale der palä st inenfischen Landesorgan isation der Agudas Jisroel gemeinsam mit dem W a a d h a i r A s ch k e n a s i und unter ausdrücklicher Zustimmung auch der dem Kuk'schen Besdin ungehörigen Rabbinen Frank und Bernstein folgenden Aufruf, den wir wegen seiner politischen und religiösen Bedeutung, soweit möglich, im Wortlaute wiedergeben: „Aus den Zeitungen wird bekannt, daß der Waad leumi einen allgemeinen Streik für Donnerstag Nachmittag ausgerufen hat als Protest gegen die starke Beschränkung der Einwanderung. Diese Verkündung ist erfolgt, ohne in Betracht zu ziehen, daß es unzulässig ist, in einer so ernsten Zeit einen so verantwortungsvollen Schritt auf eigene Gefahr zu unternehmen, ohne sich mit der Gesamtheit und mit den religiösen Autoritäten der Gesamtheit zu beraten. Dieser Schritt des Waad leumi verrät ferner einen starken Mangel an Einsicht in die Notwendigkeit einheitlichen Vorgehens aller Teile der jüdischen Gemeinschaft in so ernster Stunde, einen Mangel, an Einsicht in die Gefahren, die durch Sonderaktionen einer einzelnen Partei hervorgerufen werden. In Erwägung ferner, daß bei einer sich an die große Volksmasse wendenden Aktion in einem Augenblick höchster Aufregung und höchster Auspeitschung der Leidenschaften ein solcher Schritt unabsehbare Konsequenzen zeitigen kann, in Erwägung, daß in einem Augenblick der Erregung um so mehr Besonnenheit und möglichst beruhigende Einwirkung höchste Pflicht der führenden Stellen ist, in Erwägung, daß das überlieferungstreue Judentum, das im Lichte der Thora mit ihren Wegen der Milde und Anmut wandelt, in seiner Geschichte mannigfache Leiden und Verhängnisse überstand und, auch wenn es von den Regierungen in seinen Rechnen verletzt wurde, niemals zu dem Mittel öffentlicher Streiks und Proteste gegriffen hat — haben wir nach Beratung mit uyseren rabbinischen Führern beschlossen, der jüdischen Gemeinschaft in Erez Jisroel mitzuteilen, daß die palästinensische Landesorganisation der Agudas Jisroel und die orthodoxe Gemeinde in Jerusalem sich der Streitverkündung nicht anschließen. Wir bitten alle einsichtigen und verantwortungsbewußten Brüder, ihre gewöhnliche Lebensführung auch am Donnerstag Nachmittag beizubehalten und jede Aenderung zu vermeiden. Es kommt hinzu, daß nach den Anordnungen un- .ferer Weisen am Donnerstag, mit Rücksicht auf die Ehre des Sabbats und die Vorbereitungen dazu, Läden überhaupt nicht geschloffen werden sollen. Wir bitten im Namen unserer Lehrer wnw •■"i' die orthodoxe Gesamtheit in den erprobten Wegen der Väter zu wandeln, die erprobten Heilmittel der Väter anzuwenden, die sich bewährt haben von Geschlecht zu Geschlecht; zündeten zu unserem Vater im Himmel, daß er alle bösen Verhängnisse von uns abwende, daß er das Herz der Regierung und der Staatslenker zum guten lenke. Gleichzeitig machen wir kund, daß unsere Lehrer, vorbehaltlich näherer Ankündigung auf den Rüsttag zum Siwanneumond, den Tag, der hierfür geeignet ist, besondere Gebete angeordnet haben. An diesem Tage wollen wir vor Gott in unseren Synagogen und Lehrhäusern unser Herz ausschütten ob der neuen Verhängnisse, die über den Jischuw im heiligen Land ergangen sind, ob der ernsten Lage, in der wir uns und ganz Jisroel befinden. Gott möge sich über sein Volk und über sein Land erbarmen und die treuen Söhne mögen heimkehren , in ihr Gebiet." Die Wirkung dieses Aufrufs war eine unbeschreibliche. Auf beiden Seiten entwickelten sich Massenansammlungen, die zu leidenschaftlichen Zusammenstößen führten und dem Waad leumi erst klar machten, welch verhängnisvollen Fehler er mit seinem überstürzten, unverantwortlichen Vorgehen begangen hatte. Zum Glück hat der Ernst der Stunde die Führer des Waad leumi diesmal zur Besinnung gebracht. Sie richteten an die rabbinischen Führer der „Agudas Jisroel" ein aufrichtiges Ersuchen um Entschuldigung und knüpften ernste Verhandlungen an, innerhalb deren man Gelegenheit fand, sich über die ganze politische Lage und insbesondere über den Zusammenhänge zwischen religiöser Pflichttreue und jüdischem Volksschicksal auszusprechen. Die Folge war, daß am Donnerstag Nachmittag, etwa eine Stunde nach Beginn des partiellen Streiks folgende neue Kundgebung der Agudas Jisroel und der ortho doxen Gemeinde an den Mauern angeschlagen werden konnte: „Die Zentrale der Agudas Jisroel in Erez Jisroel und der Waad hair Aschken a s i teilen mit, daß sie im Hinblick auf, die Notwendigkeit der jüdischen Solidarität, insbesondere in so ernsten gefährlichen Stunden; nachdem sie sich ferner von dem guten Willen des Waad leumi überzeugt haben, mit den Gefühlen des orthodoxen Judentums zu rechnen; nachdem der Waad leumi endlich in diesem Sinne sich schriftlich verpflichtet hat, in aller Zukunft für die Einstellung des Fußballspiels am Sabbat in Jerusalem zu sorgen, sich nunmehr mit dem begonnenen Streik e i n v er- .standen ZU erklären und das orthodoxe Judentum aufzufordern, im Interesse der Einheitlichkeit sich dem Streik anzuschließen. Ferner ergeht der Aufruf, in den Synagogen und Lehrhäusern, Gebete um die Abwendung der Verhängnisse zum Schöpfer empor zu senden." Wie aus diesem Aufruf hervorgeht, haben Kampf und Wirrnis hier zu einem Ergebnis geführt, das sicherlich wichtiger ist, als der ganze Streik: der Waad leumi hat sich unterschriftlich verpflichtet, das fabbatliche Fußballspiel in Jerusalem, wie es der Makkabi bisher betrieb, einzustellen und dafür zu sorgen, daß diese den ganzen Jischuw entehrende Sabbatentweihung künftig weder auf dem Spielfelde des Makkabi noch auf einem anderen Spielfelde vor sich geht. Der Makkabi darf sein Spielfeld auch nicht an andere vermieten, die am Sabbat Spiele veranstalten wollen. Agudas Jisroel hat sich dagegen verpflichtet, etwaige'Kosten, die aus der Einstellung des Spieles erwachsen sollten, zur Hälfte mitzutragen. (Die Wochenrundschau in der heutigen Nummer wurde natürlich vor Eintreffen vorstehenden Berichtes geschrieben. Red.) Reue Befürchtungen und Beruhigungen. Jerusalem, 26. Mai. Die Befürchtung, daß zur Suspendierung der Cyaluzimeinwanderung auch noch ein Verbot des Bodenerwerbes hinzukommt, wird vom Hauptbüro des Jüdischen Nationalfonds zwar nicht bestätigt, aber auch nicht zerstört. Es wird im Gegenteil gesagt, daß ein solches Dekret zu erwarten fei. Das Verbot der Einwanderung, heißt es in der Kundgebung, steht im Widerspruch zu der eigentlichen Basis der zionistischen Bewegung. Ein Verbot des Bodenankaufes würde vollends unsere nationale Existenz untergraben. Aber, heißt es weiter, man müsse mit der Gewißheit, daß keine Macht der Welt unsere Sehnsucht nach Erez Jisroel und unser Recht auf das Land der Väter zerstören könne, der Wirklichkeit gegenüberstehen und der Zukunft entgegensehe. Die jüdische Antwort dürfe sich nicht in Demonstrationen erschöpfen, sondern müsse sich in p r a k t i s che n Taten auswirken, die unsere Liebe zu Erez Jisroel bekunden. Es wird in diesem Zusammenhänge besonders der Appell zur Errichtung eines Balfour-Denkmals in Erez Jisroel empfohlen. Gerade den Gegnern der Deklaration in England muß der Name B a l f o u r immer und immer wieder entgegengehalten werden. Sein Standbild würde ein Memento zur Einhaltung des durch ihn gegebenen Versprechens fein. So könnten das neue Dekret und die neuen Prüfungen ein Antrieb sein zu dringender schöpferischer Arbeit. Der älteste Rabbiner Jerusalems heimgegangen. Jerusalem', 24. Mai. Der berühmte sefardische Chacham, Rabbi Schlomo Elieser Alfa ndr i Vst ist soeben im Alter von 110 Jahren heimgegangen. Der Verstorbene, ein Thoragelehrter und Kabbalist allerersten Ranges, war früher Chacham-Baschi von Damaskus, gehörte lange Jahre dem Konstantinopeler Oberrabbinat an und zog vor 12 Jahren von Safed nach Jerusalem, wo er in den Bothe Machse am Deutschen Platze eine Wohnung inne hatte. Ausführliche Würdigung folgt. Oberrabbiner Sonnenfeld ließ es sich trotz seiner großen Schwäche nicht nehmen, den Nestor der palästinensischen Thoragrößen vson zu sein. Der Munkaczer Rabbi war hauptsächlich zum Besuche Alfandris nach Jerusalem gekommen. Appell für den Wiederaufbau. Jerusalem, 6. Mai. Oberrabbiner Kuk, der sephardische Oberrabbiner Jacob Meir, der Leiter des Jüdischen Nationalfonds, M. M. Afsischkin, der Waad Leumi, das Lemaan Hebron-Komitee, die Führer des Misrachi und andere Führer des Jischuw veröffentlichen einen öffentlichen Appell, in welchem der Palästina-Nothilfsfonds (Emergency Fund) dringend ersucht wird, mindestens 50 000 Pfund für den Wiederaufbau der Jüdischen Gemeinde in Hebron zu bewilligen. In und bei Hebron soll eine städtische und ackerbautreibende jüdische Bevölkerung angesiedelt werden, und diese Siedlung soll der Anfang des Jischuw in Südpalästina sein. Die gesamte Judenheit wird ausgefordert, diesen Plan zu unterstützen, die Zionistische Exekutive wird dringend gebeten, von der Regierung zu verlangen, das jüdische Eigentum, das in Hebron nach den Massacres und Vernichtungen vom August 1929 noch verblieben ist, vor der endgültigen Vernichtung zu schützen. Die Arbeit der Gerichte. Jerusalem, 7. Mai. Der Hebron-Araber, der schon einmal wegen Teilnahme an der Ermordung der Familie Kastei in Hebron zum Tode verurteilt worden war, ist nun auch wegen Teilnahme an der Ermordung von fünf Jeschiwa-Studenten im Hause Kapiluto zum Tode verurteilt worden. Der linksgerichtete jüdische Arbeiter Schlomo Kapluk wurde zu vier Monaten Gefängnis verurteilt, weil er versucht hat, die Verhaftung seines Kameraden Jakob Rosin zu verhindern. Rosin wurde zur Landesverweisung verurteilt. In dem Jerusalemer Gefängnis traten die verhafteten Kommunisten in den Hungerstreik. Sie fordern eine verbesserte Gefängnisordnung, Begnadigung der zum Tode Verurteilten unv Freilassung aller politischen Gefangenen. Seitens der arabischen Exekutive wird der Jüdischen Telegraphen-Agentur mitgeteilt, daß im Zusammenhang.