Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 22 (30.5.1930)
- Date
- 1930-05-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 22 Der Israelit 30. Mai 1930 Weit über 1000 schreibfertige Füllfederhalter zur Auswahl mit 14karat. Goldfeder ab Rmk. 3.— Ceka, Juwel, Osmia-Supra Parker-Duofold, Wahl, Waterman Montblanc, Pelikan und andere Marken CARL KLIPPEL Kaiserstrasse 75 Schreibwaren aller Art Das Körperliche ist vom Nur-Lebendigen relativ am weitesten entfernt. Wenn «nun das Körperliche sich mit dem Nur-Lebendigen begegnet, so fließt von ihm Leben aus das Körperliche über; es entsteht entweder, wie man zu sagen pflegt, neues Leben oder das bereits lebende selbständige Wesen wächst in seiner Lebenskraft. Neues Leben . . . das Phänomen der Geburt, wachsendes Leben . . . das Phänomen der Prophetie und der Schaumig. Alles Leben äußert sich ausschließlich in den lebendigen Bewegungen. Wenn das Atmen aufhört, das Herz stillsteht, erkennen wir, ein Mensch ist gestorben. Wenn er atmet, sem Herz schlägt, wissen wir, er lebt. Lebenserneuerung (Geburt) und Lebensvermehrung (Prophetie) zeigen sich also darin, daß das neugeborene oder das lebenswachsende Geschöpf neue selbständige lebendige Bewegungen aufweist, die es vorher nicht besaß; diese lebendigen Bewegungen, die von willkürlichen Bewegungen — wie etwa von Bewegungen der Arme oder der Beine — durchaus zu unterscheiden sind, bilden vom Augenblick des Ueberfließens des Lebens ab die Kennzeichen des Lebens des begnadeten Lebewesens; nur der Tod kann die Bewegungen zum Erlöschen bringen. Wenn irgendwo auf Erden Offenbarungen stattgefunden haben, so sind ihre Inhalte lebendige Bewegung der Offenbarungsempfänger geworden. Mit dem Tode dieser Begnadeten haben jedoch ihre Lebensbewegungen aufgehört. Wenn andere auf Grund erhaltener Lehre oder auf Grund empfangenen Beispiels die Bewegungen > nachgeahmt haben sollten, so ist die Nachahmung nur noch willkürliche, tote Bewegung. Sie ist dem Nachahmer nicht vom Nur-Lebendigen einverleibts worden: die Bewegung-ist.tote Lehre, totes Beispiel, tote Nachahmung, totes Gesetz geworden. Ist nun der Organismus, dem durch die Offenbarung lebendige Bewegung einverleibt wird,Mn einzelner Mensch, keine künstlich organisierte Menschengruppe, sondern ein natürlich kollektiver Organismus, etwa ein natürlich gewachsenes Volk, so, wird der Inhalt der Offenbarung lebendige Bewegung des ganzen Volkstörpers: sie bleibt,, solange das Volk lebt, seine lebendige Bewegung niemals sinkt sie. zu Lehre, Nachahmung oder Gesetz hinab. Der Wesensunterschied zwischen der jüdischen Thora-Offenbarung und jeder außerjüdischeNd Offenbarung ist, daß a l l e i n d i e j üdis ch e e ine kollektiv-nationale Offenbarung gewesen ist. Als das jüdische Volk seinen embryonalen Zustand von Abraham bis Aegypten überwunden, als nach qualvollen Geburtswehen die Geburtsstunde des Auszuges aus Aegypten geschlagen hatte, da stand das ganze Volk qm Sinai und erlebte das Ueberfließen des göttlichen Lebensstromes. Erst da war die kollektiv-nationale Geburt vollendet. Erft da war die Nabelschnur, die das Volk noch mit dem Aegyptizismus verband, endgültig zerschnitten; erst von da an lebte das Volk ausflchießlich in seinen eigenen lebendigen Bewegungen weiter. Während alle anderen Offenbarungen schon längst mit ihren Jndividualträgem gestorben sind und. nur noch als tote Lehre ihr Dasein fristen können, ist die jüdische Offenbarung heute noch so lebendig, wie sie es am Tage ihres Ueberfließens gewesen. Halt! Ist sie es wirklich noch? Ertönt nicht an jedem Tage eine Stimme vom Chaurew her, die da klagt ob der Zurücksetzung der Thora? Die lebendige Bewegung zeichnet sich dadurch aus, daß es nicht eines Willensimpulses bedarf, um sie anzutreiben und auszuführen. Der Trieb zum Lebendigen, die Gier nach dem Leben hält das Atmen, den Herzschlag usw. unaufhörlich in Bewegung; ob der Mensch an das Atmen denkt, ob er atmen will oder nicht, ist dabei vollstänoig gleichgültig. Nichts beleuchtet den Niedergang der Thora greller, als daß der unwillkürliche Trieb zu ihr im jüdischen Volke eingeschlafen ist und allmählich gänzlich verloren zu gehen droht. Wir legen nicht mehr Tefillin in der Selbstverständlichkeit des Lebenstriebes, mit dem wir atmen. Wir legen Tefillin, weil unser religiöses oder nationales Pflichtgefühl, unser Gewissen, unsere Furcht vor Strafe, unsere Hoffnung auf Belohnung, unsere Pietät oder unsere Gewohnheit unseren Willeni zur Mizwoh und unsere diesbezügliche Willensbetätigung in Gang setzen. Wir „lernen", weil wir Lehre empfangen, weil wir Wissen mehren wollen. Wäre, dagegen die Thora noch so lebendig wie am Tage des Chaurew, so würde der Drang zum Leben, Der den Totkrankon sich an jeden Strohhalm, der Genesungs- Hoffnung klammern läßt, in uns.eine S e h n - fucht^ eine ^Lu st nach kollektiv-nationaler ThorchErfülluSg auslöfen; wir würden „lernen", um im Gelernten das Klingen und Schwingen des lebendigen Thora-Rhythmus zsi erfühlen;' wir würden verstehen, warum es zwar gleichgültig ist, was „gelernt" wird, warum aber „Lernen" ohne, den Ton und die Gebärde des „Lernens" und-ohne die talmuüische Unsystematik undenkbar ist. Wir sind todkrank. Wenn uns nicht noch in letzter Stunde der Trieb, die heiße Gier nach dem Leben, nach unseren kollektiv-nationalen lebendigen Bewegungen, nach fo er T h o r a erfaßt, werden wir sterben; vor dem Tode wird uns auch noch kein so heißes Bemühen um die Thora als Lehre, Beispiel, Nachahmung und Gesetz retten; denn damit würden wir.nur zeigen, daß die Thora für uns als lebendige Bewegung, als Lebenselixier aufgehört hat zu existieren, daß sie für uns so tot ist wie die außerjüdischen Offenbarungen. Wenn Ihr die Offenbarung aus ihrer Erniedrigung befreien wollt, müßt Ihr wieder mitten ins Leben hineinspringen. Von neuem ergreife Euch der Trieb nach Offenbarung, nach Begegnung Mt dem Lebendigen. Der Strom heißen, kollektiv-nationalen Lebens, wie er einst am Sinai auf uns überfloß, durchströme uns von neuem; die Lebenserneuerung des uns übergeordneten nationalen Organismus wirddann durch alle Volkszellen gehen und die Lebenskraft eines jeden einzelnen von uns stärken und vermehren. Erneuern wir den Trieb zur Tauroh! Erfüllen wir sie als die kollektiv-nationale lebendige Bewegung des jüdischen Volkes! Erleben wir in der Mizwaus-Erfüllung die lebendige Volksbewegung! Dieses Erlebenwächst zum Trieb, der Trieb zur Lust, die Lust zur Freude, die Freude zur Erlösung. Die Thora spricht von besonderer Freude am Fest der Offenbarung (5. B. M. 16, 11). Wir wissen jetzt, aus welchem Grunde gerade am Fest der Offenbarung; wir wissen jetzt auch, wie wir diese Freude verwirklichen können. In unserer Hand liegt es, die Offenbarung zu erneuern. (Wir haben uns für verpflichtet erachtet-, dem Herrn Verfasser vorstehenden Aufsatzes seit einigen Monaten wiederholt Gelegenheit zur Entwicklung seiner religionsphilosophischen- Ideen zu gewähren, weil wir sie als wertvoll genug erachten, um von der Oeffentlichkeit gewürdigt und von Berufenen kritisch geprüft und weitereint- Kleines Feuilleton. tvie Masaryk unter Juden kam. Masaryk erzählt in seinen Erinnerungen, haß ihm die jüdische Welt in seiner Jugend geheimnisvoll und furchterregend war. Dem Verbote der Mutter folgend, wich er dem einzigen jüdischen Hause im Dorfe in großem Bogen aus. „Der Aberglaube vom Christenblut", erzählt Masaryk, „hatte sich mir so eingelebt, daß ich jedesmal, wenn ich zufällig einem Juden näher kam, seine Finger ansah. ob an ihnen kein Blut klebe. Erst an der Realschule in Auspitz hatte ich einen jüdischen Mitschüler. Aber ich wich ihm aus und schaute aus seine Finger . . . Wir haben ihn alle genug unchristlich gequält; und doch war er ein seelenguter Junge. Und dieser jüdische Mitschüler wurde zu meinem antisemitischen Damaskus. Bei einem Schulausflug, bei welchem Wein und Bier getrunken und geraucht wurde, und die Professoren mit uns tollten, war „Leopold" dje Zielscheibe der Witze. Die Sonne ging unter. Leopold verschwand vom Tisch. Man suchte ihn und fand ihn hinter Sem Tore, wo er betete. Die Burschen neckten ihn, auch ich eilte hin, um mir ihn anzuschauen. Nie habe ich vergessen, was ich damals sah. Er verneigte sich dauernd und betete. Mit einem Male vergingen mir die Scherze. Wir tollten, Leopold vergaß aber nicht sein Gebet; von diesem Augenblick an war mein Antisemitismus untergraben, wenn auch nicht überwunden, und zwar religiös untergraben." Masaryk erzählte diese Episode in einer Rede in New-Pork im Jahre 1907 und schloß: „Von diesem Tage an habe ich angefangen über Juden und Judentum nachzudenken, und von diesem Tag fing meine Ansicht über die Juden sich zu ändern an." Von je hat sich Masaryk dem Studium des Judentums und der jüdischen'Frage gewidmet. So schreibt er bereits in seinem Werke „Der Selbstmord. als spziale Massenerscheinung|der mvdernen Zivilisation" (Wien 1881) u. a.: „Aus dem Alten Testament ist ersichtlich, wie fest den Juden diejenigen, den Theismus .in das Herz gesät haben, die ihre moralische und geistige Führung in. der Hand hallen. Es gibt kaum ein unglücklicheres Volk hls die Juden,' aber sie haben die großen Unterdrückungen, denen, sie fortwährend ausgesetzt warenmit-Hilfe ihrer Religion erllagen, die, wie Gibbon richtig bemerkte, wunderbar zur Verteidigung fähig, keinesfalls aber zur Eroberung bestimmt ist. Rur ausnahmsweise aber kamen bei den Juden zu Zeiten harter Verfolgung Selbstmorde vor. In ihren heiligen Büchern, welche eine Geschichte von mehreren Tausend Jahren umfassen, finden wir höchstens zehn Beispiele." In seinem Buche „Die philosophische und soziologische Grundlage des Marxismus" (1899) schreibt er: „Marx will in der jüdischen Frage nicht die nationale, die Rassenfrage sehen — und doch ist sie darin. Die Juden sind ein eigenes Volk, wenn sie auch bereits ihre gesprochene Sprache aufgegeben haben. Aber die Sprache allein ist nicht das ethnographische Merkmal einer Nationalität" Masaryk erzähle, daß er nicht aus Judenfreundschast Hilsner verteidigte ünd gegen den Ritualmord-Aberglauben auftrat, sondern „um die Ehre des tschechischen Volkes zu retten". „Ich wurde Volksoerräter genannt, weil ich die Schande meines Volkes nicht ertrug, was mußte die Welt von der Kultur eines Volkes halten, mit dem die Juden als Menschenstesier, als die sie von den Anhängern des Ritualmordaberglaubens hingestellt werden, gemeinsam wohnen. Die Juden Böhmens bilden aber eine Elite der Juden im Reiche." Als Präsident der tschechoslowakischen Republik hatte Masaryk oft Gelegenheit, sich mit dem jüdischen Problem zu befassen. FMiliennachrichken. Barmi zwo:,Adolph-Joseph, Sohn des Herrn Prof. Moritz Werner, Frankfurt a. M., Vornwisssnweg 34. Synagoge Unterlindau. y. - Martin, Sohn des Herrn Siegfried Neuberger, Am Tiergarten 24. Synagoge Friedberger Anlage. (7. Juni) mi 's p"v: Sigmund, Sohn bes Herrn Hugo I. Eahn (Birnbaum), Mainz. 8D2 'S. Erneuern Sie sofort beim Postboten die Bestellung auf den „Israelit“ für den Monat Juni! Wird dies versäumt, so tritt eine Unterbrechung der Zusendung ein, ohne daß wir selbst Kenntnis davon, erhalten. Für verspätete Bestellungen rechnet die Post einen Aufschlag von 20 Pfg. V erlag des Israelit G. m, b. H., Frankfurt a.M.