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Der Israelit · 1930-05-22 · Heft 21 (22.5.1930) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 21 (22.5.1930)
Date
1930-05-22
Page
– (sequence 13)
Language
German
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!;\i¥ Abraham Sohn Abrahams. Eine Helden- und Märlyrergeschichte. Von S. Schachnowitz. (Fortsetzung). Als er am ersten Sabbat zur Thora gerufen werden, sollte und seinen Namen mit Abraham den Abraham angab, ging ein Tuscheln durch, die Gemeinde. Der Schleier, war ein wenig gelüftet: „Ein Gerl?" Es mußte nicht so sein, er konnte nach dem Tode des Vaters zur Welt gekommen sein und. dessen Namen bekommen haben. Merkwürdig genug schien die Sache mit dem Fremden auf alle Fälle, und daß er von allen Männern der Lehre und der Tat in Jlije, allein Zemach, den/ Tabakmacher, den Tillimsäger, wie die Leutehöhnisch sagten!, mit seinem Vertrauen auszeichnete, ihn gleich von Anfangan auffuchte und mit chm, mit chm allein, zuweilen plauderte, machte das Rätselraten nicht leichter. Zemach war a u ch kein Mann, aus dem was herauszukriegen war. Sprach ein paar abgehackte Worte, und schon war er in feinem Psalmtexte mitten drin. So war Zemach, der Tabakmacher. Das führte aber dazu, daß dieses Ereignis, wie alles, was Jlije aus seinem beschaulichen Kleinstadtschlaf riß-, mit Esther in Verbindung gebracht wurde. Wußten doch besonders Kundige zu erzählen, daß der Fremde sogar schon Zemachs Haus, das einzige in Jlije, ausgesucht hätte, daß Esther, nicht wie sonst bei Anblick von Freiern, mit kaltem Lachen davon gelaufen, wäre, daß sie sogar ins Gespräch kamen, daß Esther ihm, dem Ger — d e n Namen gab man ihm zur Sicherheit aus alle Fälle — mit langen Blicken nachschaue, wenn tx morgens von seiner Wohnung sich ins BeshaMidrasch begebe .. . War also das des Rätsels Lösung und der letzte Grund für den Hochmut Esthers, mit dem. sie bisher alle Bewerber von der Türe wies? Man war.im Herzen damit einverstanden, und wäre es nur, damit Lemke Knöpfe! dabei „verputze" ... . , Es muß zu Ehren der Jlijer gesagt sein,- daß sich diesesmal ihre.Phantasie ittkeiner: beträchtlichen Höhe über den Tatsachen bewegte. -- Abraham fragte, wirklich schon-am. ersten Tage,-nach Z.emach, dem ^TabqkmacheriiUNd trat an ihn heran, wie an einen asten'Bekanntem um; ihn über tfSeschäft, zund,'Befinden, Haus und- Familie austzu?. fragen. Als er bald darauf, einem inneren Drang folgend, Zemachs Haus betrat, fand er zwar das kleine erschrockene Mädel seiner Vorstellung nicht mehr, dafür aber eine blühende Jungstau, an der nur die großen, dunklen Augen, wenn sie weitaufgerissen zu ihm.hinschauten, an das geängstigte kleine Geschöpf von damals erinnerten. Er fand in Esther ein Mädchen, das zwar an eigentlicher „Bildung" nicht sehr hoch über ihre von Schule und öffentlichem Leben kerngehaltenen Altersgenossinnen im Städtchen hinaufragte, das sich aber mit natürlicher Begabung und Regsamkeit des Geistes einige Kenntnisse von Welt und Leben errungen hatte. Esther wußte bereits, was ihre Freundinnen im engen Kreise kaum ahnten, daß es außerhalb von Jstje, ja sogar jenseits der großen Schulgasse in Wilna, eine andere, große Welt gab, in der andere Menschen andere Sprache sprachen und' andere Gedanken dachten. Und dann hatte sie ihre eigene Grundanschauung, von der sie bei Bewertung von Menschen und Dingen stets ausging. Nirgendwo kann ein! Menschenkreis so durchwegs schlecht sein, daß nicht auch das Gute in ihm vorhanden wäre und sich auch durchsetzte. Und wo alles gut und heilig scheint, kann unter den reinen Mantel auch das Böse und Urcheilige unterschlüpfen . . . Die absolute Bosheit der Welt draußen sei ebenso ein Märchen, wie die geschlossene Heiligkeit des eigenen Kreises. Auch in der Tumohgafse in Wilna kann ein rettender Engel entstehen. Wie sich gelegentlich einmal Satan in die Schulgasse oder sogar nach Jlije verlaufen, kann . . . Als Abraham ihr die Richtigkeit dieser Auffassung mit Weisheiten aus Büchern zu belegen suchte, ergab sich, daß sie sie nicht aus Büchern hatte, sondern aus einem Erlebnis ihrer Kindheit, das mit ihr umging und sie von einer Phase ihres Alters in die andere hinein begleitete. Wie sonderbar mutete es ihn an, als sie ihm die Geschichte in allen Einzelheiten erzählte, in der er selbst der Held war, der Held ihres Herzens, de?- Held ihrer zwölfjährigen Träume. Die. Gestalt ihres Retters war in der Folgezeit in ihrer Vorstellung ins Legendäre gewachsen. Sein Heldentum und stine strahlende Güte waren gar nicht mehr von dieser Erde. Und so was gedieh in der Lust der Gaffe am Ostrabrama, die man Tumoh-Gasse heißt ... Wollte er sich zu erkennen geben, er hätte es in diesem Augenblick nicht vermocht, ohne eine Gloriole für sich im Anspruch zu nehmen, die ihm zu keiner Zeit schlechter anstand, als gerade jetzt. Er suchte die Größe der Tat abzuschwächen, um für spätere Stunden vorzubauen. Was tat dieser junge Ritter eigentlich viel mehr, als was jeder anständige Mensch, ob von hüben oder drüben, tun mußte und stets tun würde, um einem Wehrlosen beizustehen? Erscheint nicht seine Tat nur bei der tiefen Gesunkenheit der Anderen'so riesenhaft groß?" Der Augenaufschlag Esthers war wieder ganz von damals. Wie kindliches Flehen lag 'darin. Warum wollte er ihr das Idealbild, an. dem die ganze Liebe von zwölf Mädchenjahren hing, zerstören? „Und," lenkte er begütigend ein, „glaubt Ihr nicht, auch ihm manches gegeben zu haben? Trägt doch jede Guttat reichen Lohn in sich. Aber überdies: Es kann sich ergeben, daß einem suchenden Menschen eine solche Tat zu einem Wendepunkt des Lebens wird, einer Brücke, die über brandende Strömung ihn in eine neue Welt führt. Könnt Ihr das verstehen?" ii Ja, daß der Wohltäter den Gegenstand ferner Wohltat lieb gewinnt, konnte sie wohl begreifen, das hatte sie oft an sich erprobt. Aber was ein „fugender Mensch" bedeutet und was er durch ein kleines, von ihm gerettetes Mädel finden kann, ging überführen Horizont. ■ Er hielt es für verfrüht, ihr dies näher zu erklären. Es war an einem Sabbat nachmittag im Vorfrühling, und eigener weicher Sabbatduft erfüllte das saubere Tabakmacherhäuschen wie -Hauch aus einer höheren Sphäre. -Zemach fang in einer Ecke die Sabbatpsalmen und Dwoire war im Lehnstuhle über den vergilbten Blättern.des „Zeeno-urenoh" emgenickt. ■ Als Abraham — es dämmerte bald — ging, huschte am niederen Fenster eine dunkle Gestalt vorbei. Eine geballte Faust fuchtelte durch.die Lust und ein Fluch wälzte sich aus heiserer Kehle unter einer Flut russischer und polnischer Kraftworte, wie deren zur Zeit im sabbatgestimmten Jlije nur einer fähig war: Lemke Knöpfe! . XIV. . Als Abraham bei späterer Gelegenheit, um seinem Ziele näher zu kommen, Esther fragte, ob sie dann noch etwas von der Sache und von ihrem Retter gehört hätte, wußte sie nur das, was sie alle in Jlije damals erfahren hatten, nämlich, daß der Fall am folgenden Markttage beinahe zu einem Judenpogrom geführt hätte und daß danach die jungen'geistlichen Herren Wlrm verlassen mußten. Nun erzählte ex ihr kurz und sachlich die weiteren Schicksale des einen Geistlichen; wie es bei diesem zum Bruche mit der Kirche gekommen war, bis er ganz den Weg zustl jüdischen Volke und zur jüdischen Lehre gefunden hatte. Esther hörte mit aufgerissenen Augen und angespannten Sinnen, wie Kinder schönenfrommen Märchen zuzuhören pflegten, und sagte nur, diese Geschichte klinge ganz ähnlich, wie die Geschichte vom jungen Grafen Potocki, dem Ger Zedek, die man sich hier und überall in Stadt und Land erzähle. Dieser junge Graf werde in der ganzen Welt gesucht und es fei hohe Belohnung auf senen Kopf ausgesetzt. Also kannte sie seine Geschichte unto ahnte nicht den Zusammenhang der Dinge, Oder doch!? : . tj Was lag jetzt in dem plötzlichen stummen- Aufschlag ihrer dunklen Augen? Wie blitzartige Erkenntnis und Eingebung schoß es daraus empor und zu ihm hin. Bebende Angst und Glück der Verheißung lagen imMsem Wiste, der ihn bis in die tiefsten Tiefen der Seele traf. Er wußte nicht, ob sie im nächsten Augenblicke beglückt aufjauchzen oder entsetzt davonlaufen werde. Aber es geschah nicht das eine und auch nicht das andere; sie hatte bald ihre Fassung wieder und fragte nur mit gesenkter Stimme, als rührte .sie an an heiliges Geheimnis: „Ihr seid selber ein Ger? Der Name besagt es, und dann fagens die Leute...." „Ich bin den gleichen Weg gegangen, und Proselyten kennen einander, darum kenne ich den Grasen Potocki, wie ich um die Geschichte Eures Lebensretters weiß . . ." Als sie jetzt zum zweiten Male in so seltsamer Weise stumm zu ihm aufsah, sah sie genau so aus wie damals, als sie, ein zu Tode erschrockenes Kind, blutend und hilflos vor ihm lag. Und auch er mag in diesen Minuten viel des Erlebens von damals ms Auge zurückerhalten haben. Sie weinte keife, und er war versucht, ihr, wie damals, mit sanfter Hand die Tränen zu trocknen. Als sie dann ging, war ihr Abschiedsblick nicht' abweisend. Er besagte: Soll eine zwölf Jahre treugeführte Illusion an einer Wirklichkeit feste Kraft erhalten oder zerschellen und zerrinnen? ... SeA dieser Aussprache kamen sie säst täglich, wenn auch, nur für Minuten,- zusammen. -Wie aus stille Verabredung siel kein Wort mehr über das Geheimnis seiner Person. Sie plauderten frisch und unbefangen miteinander, als wäre nichts geschehen. Das letzte, blieb unberührt in ihrem Herzensschrein..— - ' : > . Neugierige und Zudringlichefragten längst schon: „Na, Reb Zemach, wann Äird Verlobung gefeiert, Chupo gestellt?" „Wenns Zeit ist, bekommt Ihr eine Einladung," fertigte sie Zemach kurz ab, wenn er nicht gerade einen paffenden Psalmfatz im' Munde hatte. - Abraham merkte nicht, oder wollte nicht merken, daß Himer ihm jemand die Faust ballte und ihm russische Flüche nachsandte. Er hatte seit seinem Aufenthalt in Jlije Lemke Knöpfet überhaupt noch nicht zur Kenntnis genommen. XV. Die Peßachtage weilte Abraham in Wilna. Gehoben, wie aus einer höheren Welt, kam er nach Jlije zurück. Er war am Sedertische des Gaon und war dort der Geheimnisse der höheren Regionen teilhaftig geworden, rieten die Leute, daher der Glanz in seinem Gesichte. Vielleicht aber hatte er in diesen Tagen und Abenden der heiligen Weihe, was die Jlijer nicht wissen konnten, auch etwas aus des Gaons Mund gehört, das sein Werk des Friedens weiter brachte? Sicher aber geschah es nicht ohne einen Wink des Rabbi Este, daß Abraham sich am Neu-

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