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Der Israelit · 1930-05-15 · Heft 20 (15.5.1930) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 20 (15.5.1930)
Date
1930-05-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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15. Mai 1930 Nr. 20 Seite 3 Der Israelit Jude fern. Man braucht nur ein Mensch zu sein mit Rechtsgefühl, Liebe und Demut im Herzen im Sinne des Propheten ... Wir erwarten, daß auch in der liberalen wie überhaupt in der gesamten jüdischen Presse, bei Ablehnung der amerikanischen Einmischung (das haben auch wir getan), die Aeußerungen des Herrn Dr. Gottschalk, bevor sie ihre gefährliche Wirkung ausgeübt haben, als das bezeichnet werden, was sie sind: Ausflüsse einles unreifen Kopfes aus der kleinen Gilde der Spätlinge der Reform Geigerfchen Geistes, die in bald hundert Jahren nichts gelernt und nichts vergessen haben. Thüringer Frikassee. Mephisto spricht von gewissen Einrichtungen, die „einen guten Magen haben, die ganze Länder aufgefressen und doch noch nie sich übergessen" hätten. Ob sich nicht das kleine Thüringen an dem ihm von seinem Innenminister täglich Vorgesetzten Frikassee doch noch einmal den Magen verdirbt und schließlich daran zu Grunde geht? In Thüringen ist der Religionsunterricht in der Volksschule obligatorisch. In welcher Religion werden die Kinder unterwiesen? Gewiß nicht in der jüdischen, aber auch nicht in der evangelischen oder katholischen, sondern in der a n t i s e m i t isch e n R e l i g i o n. In den thüringischen Schulen wird aus Anordnung des Innenministers, der zugleich Hüter des Geistes, der Bildung, der Kultur und des Kultus im Ländchen der Bäume und Berge ist, in der Religionsstunde ein Gebet von den Kindern mit gefalteten Händen hergesagt, in dem der liebe Gott um „Schutz vor den rassefremden Elementen" angesucht wird. Den Kommentar zu diesem etwas mysteriösen Gebetworte gab Herr F r i ck öffentlich im Landtage, damit es Groß und Klein hören und verstehen: „Wir wollen uns nichts vormachen. Gemeint sind mit den rassefremden Elementen die Juden..." Wir wollen nicht, gleich der liberalen großen Presse, die Herren in Weimar an das Alte Testament erinnern, das ein gewisser, ebenfalls in Weimar als G e h e i m r a t wirkender Herr ,nämlich Wolfgang von Goethe, das „Buch der Bücher" genannt hat; wir wollen auch nicht an d e n Namen erinnern, der einmal einem Kinde von einer jüdischen Mutter gegeben wurde und von dem die Religionen Europas ihre Ethik: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen" ableiten. Das würde alles wenig nützen. Denn weit gründlicher als es das römische Kreuz vor 1900 Jahren vermochte, hat das diejenigen der Demut und Bescheidenheit zu erwerben, und wie er, so ausgestattet mit allen Tugenden, das ewige Leben erhoffen durste. Unbewußt schilderte der Meister sein eigenes Erdenwallen so treffend, wie wir es besser zu zeichnen nicht imstande sind. Üns geleite der Geist, in dem er seine edlen Taten vollbracht, aus unserem ferneren Lebensgange .... ." Mögen vorstehende Zeilen jüngeren Lesern ein Bild jener Tage geben, denn 40 Jahre sind immerhin ein bemerkenswerter, denkwürdiger Abschnitt. Menachemsohn. Kleines Feuilleton. Die neue Aufhellung in der Affäre Dreyfus. Dr. Bruno Weil, dessen Buch über den „Prozeß des Hauptmanns Dreyfus" erschien, hat darin wie in seinen Vorträgen den Brief erwähnt, den der frühere Militärattache Oberstleutnant von Schwarzkoppen an den Pariser Botschafter Grasen Münster gerichtet hat, um sich gegen den Vorwurf zu rechtfertigen, daß er unter Wortbruch die Beziehungen zwischen dem deutschen Militärattache und dem französischen Generalstabsofsizier Esterhazy verschwiegen und dadurch die amtlichen Erklärungen des Botschafters diskreditiert habe. Schwarhkoppen wurde am 15. November 1897 aus Paris abberufen und meldete kurz darauf die Spronagetätigkeit Esterhazys seinen Berliner Vorgesetzten. Am 18. Mai 1898 gab Schließen dem Reichskanzler die Auskunft, daß sich aus den militärischen Akten die Schuld Esterhazys Hakenkreuz im Jahre 1930 des Heiles die geistige Kreuzigung jenes Mannes und all dessen, was sein Name für die Besseren und sittlich Höherstehenden unter den Nationen der Erde bedeutet, vollzogen. Aber da müssen wir schon die Münchenerum Ludendorff loben. Sie sind konsequenter. Sie verwerfen mit dem Alten auch das Neue Testament und sagen: „Zurück zu Wotan, dem alten Gotte der germanischen Urwälder und Bärenhäute." Es ist vielleicht für 'b'en Gesamtorganismus des deutschen Reiches ganz heilsam, wenn, sich das Ländchen hinter den Bergen zu einer U n ordnungszelle rapid entwickelt und. der Well zeigt, wohin es führen muß, wenn ein Volk mit negativen^ geistig und sittlich niederreißenden Maximen eines von Haß diktierten nationalsozialistischen Programmes regiert wird. Aber das arme Thüringen, das den. Versuchboden für dieses traurige, abschreckende Experiment abgeben muß, verdient unsere aufrichtigste Teilnahme, oy nirr' sran Wo Männer solcher Art an die Spitze kommen, da trifft es nicht allein das eigentliche Objekt der Verfolgung, die Juden, es s e u f z t d a s g a n z e V o l k. . Auch diesen Satz aus der Salomonischen Weisheit — er steht in. Mischte 29, 2 — sollte man in den thüringischen Schulen lernen, nicht in der Religionsstunde — für sie ist ja das Alte Testament verboten —, vielleicht aber in der Stunde, die für H e i m a t k u n d e bestimmt ist.. Die Zerstörer unseres heiligen Landes. Von A. Ch. Bornftein in Pethach Tikwah. Am letzten Sabbat des Peßachfestes war die Kolonie Pethach Tikwah in Hellem Ausruhr. Automobile verkehrten in allen. Straßen und verschonten nicht einmal die Straße, die an der großen Synagoge vorübersührt. Alles fuhr hinaus auf das Spielfeld des „ M a k k a b r" , um dem Fußballspiel unserer nationalen Jünglinge zuzusehen, wer am besten zu treten versteht. Umsonst daß man bat, doch wenigstens die alten Leute, die in dem Gotteshaus sitzen! und lernen, zu schonen und nicht zu erzürnen, diese Bitten fruchteten ebensoviel, als ob man einen«Kosaken um Recht und Billigkeit angefleht hätte. Es find ja eben „Nationaljuden". Am nächsten Sabbat, Parschath Schmini, zogen! viele gesetzestreue Persönlichkeiten hinaus,' um die Wege zu bewachen und um löüe Automobilführer zu bitten, wenigstens nicht innerhalb der Kolonie den Sabbat zu entweihen. Sie nicht erweisen lasse. Diese Auskunft ist offenkundig falsch, wie sich aus dem Schreiben Schwarhkoppens ergibt. Dieses Schreiben wird jetzt in der Zeitschrift „Europäische Gespräche" (Verlag Walther Rothschild) im Wortlaut veröffentlicht. Es heißt darin u. a.: „ . . . Ich habe gleich nach Rückkehr von Paris meinen nunmehr Vorgesetzten Behörden über meine Stellung zur Dreyfus-Angelcgenheit die volle Wahrheit gesagt. Ich habe verschiedentlich Gelegenheit gehabt, mit seiner Durchlaucht dem Fürsten Hohenlohe, mit Seiner Erzellenz dem Herrn Staatssekretär von Bülow und mit Seiner Exzellenz dem Herrn Chef des Eeneralstabes über die besagte Angelegenheit zu sprechen. Stets wurde mir befohlen, in keiner Weise in den Verlauf der Angelegenheit einzugreifen, möchte die Forderung dazu kommen, von welcher Seite es auch sei! Schon bevor ich aufgefordert wurde, meine Mitwissenschaft an dem petit bleu anzugeben, war ich bei Erzellenz von Bülow gewesen, um zu fragen, ob nicht von meiner Seite irgend etwas zugunsten des unglücklichen Oberst Picquart geschehen könne. Erzellenz befahl mir nichts dergleichen zu tun, da ein Eingreifen meinerseits in den Gang der Untersuchung gegen Picquart diesem sowohl wie mir nur schaden könne. Euer Erzellenz wollen aus dem Vorstehenden ersehen, daß ich selbst das Gefühl gehabt hatte, in der Angelegenheit Picquart etwas zu tun, daß ich somit nicht dafür verantwortlich gemacht werden kann, wenn der betreffende Offizier verurteilt worden wäre oder wird. Der unglückliche Hauptmann Dreyfus steht mir übrigens als Offizier und Kamerad ebenso nahe, wie der Oberst Picquart, und für ersteren ist von unserer Seite doch auch niemals etwas geschehen, um ihn aus feiner traurigen Lage zu befreien: auch hier war es ein höheres Staatsinteresse, welches jegliche Einmischung untersagte. Was nun das petit bleu anbetrifft, so habe ich deren durchschritten alle Straßen und gelangten zu der großen Chaussee Jaffa—Tel-Awiw. Von da gingen sie bis zur avpy -Grenze und patrouillierten dort auf unÄ ab. In der Tat schämten sich manche der Jugendlichen und gaben nach. Da fuhr ein Automobil vorbei, das von Engländern besetzt war. Von außen waren die Insassen nicht zu sehen. Innen saß u. a. ein englischer Offizier in! Zivilkleidern. Die Erwachsenen sahen aber sofort an der Aufschrift des Autos, daß es englischem Militär gehörte und gaben ihm den Weg frei. Unter den Kindern, die da standen, war jedoch eines, das einen Haufen Sand ergriff, ihn in das Auto warf und den Offizier an den Hals traf. Das Kind floh in die Orangengärten und war nicht mehr aufzufinden. Der Offizier ließ das Automobil halten und stieg zornerfüllt aus; als er sich aber davon überzeugte, daß es sich nicht um einen Aufstand gegen die englische Armee handelte, sondern um eine Demonstration „gegen die Sabbatentweihung", zog er seines Weges. Als die Makkabäer sahen', daß sie Schaden erleiden, weil viele von den jüdischen Automobilführern nach Jaffa zurückkehrten, um die alten Leute von Pethach Tikwah. nicht zu Erzürnen, machte einer der Makkabäer die Engländer scharf, ging mit ihnen zurOrtspolizei und kam mit Polizisten an die Stelle zurück, wo die orthodoxen Persönlichkeiten an der Chaussee aufgestellt waren. Sofort zeigte er den Polizisten den Rabbiner Jakob Mosche Safier, Mitglied des Besdin der Kolonie, und behauptete, daß dieser den Sand auf den Offizier geworfen habe. Obgleich der Rabbiner selbst und die in seiner Begleitung befindlichen Herren den Polizisten klar machten, daß man nach jüdischem Religionsgesetz am Sabbat gar keinen Sand anfassen darf, so daß es gewiß ausgeschlossen sei, daß ein orthodoxer Jude und gar ein Rabbiner am Sabbat mit Sand geworfen habe, nützte all das nichts. Man brachte den Rabbiner zur Polizei. Die Orthodoxen gingen sofort zum Bürgermeister, der die Freilassung des Rabbiners auf feine perfönlliche Haftbarkeit hin erlangte. Am Sabbatausgang ging der Rabbiner zur Polizei, wo man ein Protokoll aufnahm. Am Sonntag Morgen lud man Rabbiner Safier und von den Vorstehern die Herren Dow Jemini und Lippe Wenitzkr zum Regierungsge- Für Körper und Füsse nu r DIA12N- Pu de r verschiedene an Esterhazy geschrieben, und es ist daher sehr wohl möglich, ja sogar wahrscheinlich, daß das in den Untersuchungsakten befindliche petit bleu von mir herstammt. Bestimmt versichern kann ich dies natürlich nicht, da ich es nicht gesehen habe und in der Angelegenheit bekanntlich viel gefälscht worden ist, es ist aber w. g. sehr wahrscheinlich! Da Euer Erzellenz schreiben, daß Euer Erzellenz von dieser meiner Erklärung evtl, die Verteidigung unter der Hand verständigen wollen, so kann ich aber meine Verantwortung für die Folgen, die das weitere Bekanntwerden dieser meiner Erklärung, die ich ohne Genehmigung meiner Vorgesetzten Behörden abgebe, haben könnten, nicht übernehmen, und bitte Euer Erzellenz ganz gehorsamst gegebenen^ Falles erklären zu wollen, daß Euer Erzellenz mir diese Erklärung ausdrücklich abverlangt haben." Gemeinden ohne IMnjan. Kleingemeinden — das ist an und für sich eine schwere Sache. Solange sie aber noch Minjan und einige Leute haben, die. als und fungieren', geht es noch. Wenn jedoch das Problem auftaucht, das in einigen Nummern des „Israelit" jüngst Gegenstand von Erörterungen war, — Gemeinden ohne Minjan — dann beginnt die große Tragik: Daß Jehudim, die es noch sein wollen in allem und jedem, kaum mehr 112x2 nl-vn verrichten können. Und wenn nun neulich aus eine frühere Arbeit der „Freien Vereinigung" — eine kleine Anleitung für minjanlosen Gottesdienst — hingewiesen wurde, so scheint dazu ein Wort nötig. Jene Anleitung rechnet nicht damit, daß — leider! — das Verständnis für alle diese „Ordnungen" heute minimal ist, daß diejenigen, die sie benützen sollen, sich nur zurechtfinden, wenn alles übersichtlich angeordnet ist, und daß endlich die ^einzelnen Abschnitte sprachlich und inhaltlich derart! 1

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