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Der Israelit · 1930-05-15 · Heft 20 (15.5.1930) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 20 (15.5.1930)
Date
1930-05-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 20 Der Israelit 15. Mai 1930 Dauerwellen und Haararbeiten ist Vertrauenssache! EUGEN OCHS Spezialist dafür Moselstr.16 ♦ Taunus 1593 MBmDMn Unverbindlicher Besuch erbeten Urteils gegen den jüdischen Polizisten Urfali 'durch das oberste Gericht. Man kann die Mitglieder des obersten Gerichtshofes in Jerusalem sicherlich nicht verdächtigen, dvß sie etwa bewußt das Recht gebeugt und leichtsinnig einen Menschen zum Tode verurteilt hätten. Trotzdem bleibt es unbegreiflich, daß nicht aus der ganzen Situation heraus das Moment der Notwehr in höherem Maße berücksichtigt worden ist, als es geschah.- * * * Nach dem geltenden Gemeindegesetz ist der Monat Jjar zur Erneuerung der Gemeindeliften bestimmt, so daß der Austritt aus der Waad leumi-Gemeinde immer wieder möglich wird und vor allen Dingen die Jugend, die das 18. Lebensjahr vollendet, vor die Wahl gestellt wird, ob sie der wahren jüdischen Gemeinschaft Erez Jisroels, der Gemeinde der Thoratreuen, sich anschließen, oder in dem großen. Sammelbecken der pfeubonationalem „Krieses Israel" verbleiben will. Mit Rücksicht auf die schwere Lage hatte die palästinensische „Agudas Jisroel" der Gegenseite vorgeschlagen, Vereinbarungen zu treffen, die jeden Kampf um den Austritt für dieses Jahr vermeiden. Leider ist diese Anregung von der Gegenseite nicht angenommen worden. Manwill die günstige Situation, die durch die dem Waad leumi einseitig und widerrechtlich ausgelieferten Hilfsgebder, geschaffen ist, nicht unausgenützt verstreichen lasten, denn es ist klar, daß ein noch weit größeres psin m’oa dazu gehört als sonst, in dieser Zeit der Not eine mit a m e r i konisch en Hilfsgeldern gespeiste Gemeinschaft zu verlassen und sich einer anderen Gemeinschaft anzuschließen, deren ganzer Reichtum in ihrer nationalen Treue und in ihrerHingebung an Gott und sein Gesetz beschlossen liegt. Der ungleiche Kampf beginnt also wieder. Auch dieses Erlebnis paßt in die dunkle Stimmung dieser Omer-Tage. Was also wird aus der Balfour-Erklärung? Es wäre nicht das erste Mal int der jüdischen Geschichte, daß eine Zeit der nr am nvps, daß ein yp, das sich zur freundlichen Geschickeswende für das jüdische Volk hätte gestalten können, durch unsere eigene sittliche Unzulänglichkeit zunichte wird und i"N zu einer Verlängerung des schweren Golusweges des jüdischen Volkes führt. ivvwn ■ftipa ük trp.Tu Wochenrundschau. Ist das zu glauben? Amerika regt sich über die Friedhofsschändungen und S ch ä ch t v e r b o t e in Deutschland auf, und ein Frankfurter Herr, der sich „Rabbiner" nennt, regt sich in der „Jüdisch-Liberalen Zeitung" über Amerika aus, daß es nüt dieser Aufregung das Judentum bagatellisiere, eine leere Vorschrift, die nur für einen kleinen Teil des Judentums Bedeutung hätte, in den Vordergrund stelle imiv die „Kulturre'igion" der Juden Zu einer bloßen K u l - t u s religion herabwürdige . . . Amerikas Juden, die leider gewiß nicht samt und sonders Beobachter des praktischen Juden-- tums in seiner Totalität und seinen einzeln <n Forderungen sind, empfinden die Schmach, die der jüdischen Religion mit einem Schächtverbote angetan wird, das amerikanische Volk findet es als enrpörende Ungerechtigkeit, einem Bevölkerungsteile unter dem Vorwände der größeren Tierliebe den Fleischgenuß zu entziehen, und der deutsche Botschafter in Washington hält es für wert, vom der Stimmung Amerikas die deutsche Reichsregierung in Kenntnis zu setzen, wie es diese ihrerseits für richtig erachtet, den Botschafterbericht an die deutschenLand e s r e g i e r u n g e n weiter zu leiten. Nur ein als „Rabbiner" und Jugendlehrer wirkender und als solcher von einer großen Einhsitsgemeinde besoldeter Jude sieht, versteht und empfindet das alles nicht und erkühnt sich — ohne daß ihm dabei die Hand erzittert, ohne daß er von Entsetzen gepackt wird über das Unheil, das er damit als „Kronzeuge" der "Tierfchützler anrichtet, — die Schächtangelegenheit als Angelegenheit, die nicht das ganze Judentum, sondern einen Teil angehe, abzutun; hat im dieser kritischen Stunde den traurigen Mut, auszusprechen, daß es des Judentums „als Kultur- und Weltreligion, einer Religion des reinen Geistes, der reinen Vernunft und der klassischen Ethik unwürdig sei, immer und immer wieder der Menschheit von Schlacht- und Schächt- und.Speisegesetzen zu erzählen, die doch letzten Endes nur die, letzten Ausläufer von Tieropfern seien." Ein nicht geringer Teil der liberalen Juden, weiß der Herr „Rabbiner" der Welt zu künden, habe für diesen Typus der Religiosität kein Verständnis und wolle nicht, daß das Jüdische sich gerade darin auspräge und so die Kulturreligion des Judentums demonstriert werde. In einer Zeit, da Herford, ein Nichtjude, in einem mehrbändigen grundlegenden wissenschaftlichen Werke für die Revision des Urteiles in der Geschichte über die Pharisäer wirbt und überall Gehör findet, in den Wochen, da wir gern in Synagoge und R e l i g i o n s s ch u l e n zu den „Vätersprüchem", dem Extrakt der „pharisäischen" Ethik greifen, just, um diese Zeit wag! es ein Mann, der für die religiöse Belehrung der Jugend bestellt ist, seine ablehnende Stellung zum Pharisäertum zu präzisieren, das „diesen Typus des praktisch-religiösen Juden geschaffen" hat, das „40 weniger eine Hauptarbeit" für den Sabbat festgestellt, Gebete „lesen" und andächtig sprechen läßt, Tefillin und Mesusoh wie das Schächten und die Speisegesetze angeordnet hat." Er hat kein Organ für ein System, das von göttlichen Geboten bei „äußerlichen" Dingen spricht, so wenig wie für den Talmud, den er, allem Anschein nach, nur aus den Büchern Fromers kennt. Es würde in diesem Dithyrambos auf den seit bald hundert Jahren mit den gleichen Worten und Melodien besungenen „reinen Geist der Kulturreligion" etwas fehlen, wenn dieser Schalk ohne Gott (er heißtmit vollem Namen Dr. Gottschalk und nennt sich Rabbiner in Frankfurt a. M.) nicht mit der dreifachen Forderung des Propheten schließen! würde: „Recht tun, Liebe üben und in Demut wandeln mit Gott!..." Nein, Herr Dr. Gottschalk, es ist nicht „Recht", ein solches Dokument in die Hände derer zu spielen, die Ihre Ansicht über Talmud und jüdisches Gesetz wohl akzeptieren, aber gerade auf Grund dieser Ansicht Ihrer Kultnrreligion auch jeden ethischen und Kulturwert absprechen werden». Von „Liebe" zum Judentum und seiner Lehre, als deren Diener Sie bestellt sind, hat diese Epistel auch nicht viel, von „Demut" aber zeigt diese unerhört anmaßende Sprache genau das Gegenteil. Um sich in Demut vor einer Religion zu beugen, die uns bis in die scheinbaren Niederungen unseres täglichen Lebens begleitet und sogar den Genuß und die Tiertötung zum Zwecke des Genusses, mit Vorschriften der Weihe, Liebe und Schonung zu sittlicher Tat erhebt, um sich vor einem solchen „Pharisäertum" in Demut zu beugen, muß man nicht erst ein „Rabiner" oder nur ein Zum 40 jährigen Todestage Dr. Lehmanns Vst- Eine Erinnerung. Es war am Freitag, den 25. April 1890. Mein Weg hatte tief nach dem Süden Deutschlands geführt, in eine kleine Landgemeinde, in der ich den rav zubringen wollte. Ungefähr morgens halb neun Uhr stand ich im Laden eines jüdischen Kaufmannes, der die Würde des Kultusvorstandes in dem kleinen Khal inne hatte. Soeben trat der Briefbote ein und brachte den „Israelit", der für die Familie des Kaufmannes, ja für die Gemeinde allwöchentlich das geistige Band knüpfte zwischen ihr und der großen jüdischen Gesamtheit und infolgedessen mit wahrhaft kindlicher Sehnsucht erwartet wurde. (Damals war man noch in Kleingemeinden warmjüdisch interessiert, „naiv" würde man heute sagen.) Schnell entriß man dem Postboten das jüdische Blatt und schon hatte sich jeder der verschiedenen, im Laden anwesenden Familienmitglieder einen Teil gesichert, um hastig mit dem Lesen zu beginnen. Was war geschehen? In der Vornummer war angekündigt worden, man werde die Trauerreden und Nachrufe bringen um den am 24. Nissan dahingegangenen großen Führer in Israel, den Begründer des „Israelit". Hastig verschlang man jeden Satz, jedes Wort der vielen Hespedim und heiße Tränen flössen jedem über die Wangen. Der ganz in der Nähe wohnende Schwiegersohn des Kaufmannes und Kultusvorstandes trat ein und erschrak über die in Auflegung und Ergriffenheit dastehenden Leser. Spontan reichte ihm die Schwiegermutter das Hauptblatt zu mit den Worten: „Hier, lies!" Mehr brachte sie nicht heraus. Jedes Jahr, wenn man nach Peffach mit dem Lesen der ü'pis beginnt, kommt mir diese Szene in Erinnerung. Gerade nach Pessach. Jeder wartete schon mit Ungeduld auf die schönen Erklärungen der Perokim, die Dr. Lehmann nun wieder während des Sommers allsabbatlich bringen werde. Diese Abhandlungen waren ein Labsal für viele Tausende. Dr. Lehmann V"xr verstand es wie nicht leicht ein zweiter, den volkstümlichen Ton anzuschlagen. In schlichten und klaren Worten, fern von allem Schwulst und Phrasenhaftem, fand er wöchentlich den Weg zu den Herzen seiner Brüder und Schwestern, zu der Seele seines Volkes. Ja, es ist Tatsache, daß sogar Nichtjuden diese Aufsätze lasen und sich an ihnen erbauten. Nur die Älteren wissen das noch und fühlen den Schmerz noch nach, der mit dem Hinscheiden jenes Großen y'xr die damalige Judenheit erfüllte. Das Licht seiner Lehren drang wöchentlich in alle Häuser und Hütten und verklärte die Sabbatstunden, weihte die noif-Feier durch reinen Thorageist. Man kann sich denken, wie schmerzlich man dies alles zu vermissen, entbehren zu müssen glaubte. Der „Israelit" übertrug damals die Fortsetzung der Perokimerklärung Herrn L. Ph. Prins b"w, der Folgendes schrieb: „Von der Redaktion dieser Blätter ist mir der ehrenvolle Auftrag zuteil geworden, die Fortsetzung der matt 'pis-- Erklärungen, welche der unvergeßliche Dr. Lehmann ^"xr in so wundervoller Weise seinen Lesern bot, zu übernehmen. Wenn man auch hierbei mein Wissen sowie meine Fähigkeit, vor Kreise zu treten, welche berechtigt sind, große Anforderungen zu stellen, überschätzt hat, so wage ich es dennoch, dem an mich ergangenen Rufe zu folgen, in dem hohen Bewußtsein, an einem Blatte Mitarbeiten zu dürfen, welches schon so viel Gutes und Großes gestiftet hat. Auch glaube ich das Andenken des Begründers dieser Zeitschrift in keiner Weise besser ehren zu können, als wenn ich mit den Erklärungen der rna» ■’p'ig in seinem Sinne sortfahre .... Der „Israelit" hatte mit der Wahl Prins' zur Fortsetzung der Perokimerklärung einen glücklichen Griff getan. In idealer Weise löste Prins den ihm übertragenen Auftrag, ganz im Geiste und Tone des verblichenen Vorgängers in dieser Sparte. Der Zufall hatte es gewollt, daß die letzte Arbeit von Dr. Lehmann ^'xt die Erklärung des Ausspruches von Rabbi Lewitas im 4.. Perek war: nipnv nn bsv mn *m» man »ivrr ma' v'» vv'iivn nsn snas- „Gar sehr, gar sehr sei demüttgen Geistes denn die Hoffnung des Menschen ist der Würm". Klingt das nicht wie eine dunkle Todesahnung? Prins schrieb damals über diese letzte Arbeit: „Mit wehmutsvollen Gefühlen nehmen wir den vorjährigen „Israelit" zur Hand, um die Erklärung von Rabbi Lewitas Ausspruch durch unseren leider so früh Heimgegangenen allseits so tief betrauerten Freund, "wn wwin -norm ijvdt. nachzulesen. Wie steht dieses treuen Hirten Bild uns so lebendig vor Augen! Wohl niemand mochte ahnen, daß der bedeutungsvolle Spruch mpne nmimt, „denn die Hoffnung des Menschen' ist der Wurm", der nach dem Tode an der Leiche nagt, der Spruch, den er im vergangenen Jahre noch im Vollbesitz seiner Geistes- und Körperkrast behandelte, feine letzte Arbeit über nm ’pia sein würde! — Der große Lehrer V'xt entwarf in seinem Aufsatz^ das Bild eines Heldenkönigs der selbst seine Gegner durch Güte und Milde in treue und ergebene Freund: umzuwandeln wußte. Er beschreibt, wie es dem edlen Fürsten gelang, sich zu allen guten Eigenschaften noch

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