Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1930)
- Date
- 1930-05-08
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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8. Mai 1930 Der Israelit Nr. 19 Seite 7 der Rektor als „Deutsche Studentennation" anerkennt, nicht zu zahlen. Polen. Die innere Lage der Warschauer Gemeinde. W a r s ch a u , 25. April. Der Warschauer Khilaratmann S. Friedmann sprach sich dem Redakteur der „Arbeiterstimme" gegenüber über die Taktik der Warschauer Khila aus. Die Tätigkeit der Gemeinde auf religiösem Gebiete mutz sich aus Rabbinat, Schule und Erziehung konzentrieren. Es ist aber von Gemeindewegen für Erstarkung der Religion und die religiöse Erziehung insbesondere so gut wie nichts geschehen. Im Warschauer Rabbinat herrsche Chaos und Zersplitterung. Es sei so weit gekommen, dah das eine Mitglied des. Rabbinates erlaubt, was der andere verbietet und sich der lokalen Presse dazu bedient. Es fehlt eine Autorität. Nur so konnte es kommen, datz alle Familienangelegenheiten aus dem Büro des Rabbinates über dis Presse den Weg in die große Oesfentlichkeit finden. Verhandlungen im Rabbinate werden zu einer öffentlichen Sensation. Ganz Warschau wird religiös ^geführt durch nur fünf Rabbiner. Die vakanten Rabbinatsstellen werden nicht besetzt, — durch Verschulden des Herrn Farbstein, der die Stellen mit misrachistischen Rabbinern besetzen möchte, was auf Widerstand stößt. Der Orthodoxe Block /ordert, datz das Warschauer Rabbinat erweitert und an dessen Spitze eine anerkannte Autorität gestellt werde. Er lehnt ab, aus der Frage eine Parteifache zu machen. An der Spitze von Warschau müssen überparteiische rabbinische Größen stehen. Diese .Forderungen der Orthodoxie, sowie der Wunsch, einige uicht offizielle Dajanim, unter denen sich bedeutende Thoragelehrte befinden, ins Rabbinat zu wählen, blieben unbeachtet. Noch schlimmer steht es um die religiöse Erziehung, die zum Bereiche des Herrn F e l d st e i n gehört. Die sogenannten Talmud-Thoraschulen der Khila, zehn an Der Zahl, sind 'Zwittergebilde aus Religion und Zionismus. Das Bemühen der Orthodoxie, diese Schulen aus religiöse Grundlage zu stellen, scheitert am Widerstand der Verwaltung. Es gibt da Lehrer, die anders lehren, als T|ie für ihre Person handeln; auch vom pädagogischen Standpunkte ein unhaltbarer Zustand. Dabei verschlingt Das Schulbudget rund eine Million Zloty im Jahr. Damit könnte schon eine religiöse Erziehung von wahrem Segen organisiert werden. Auf sozialem Gebiete wird einiges geleistet, aber keineswegs genug. Es fehlt noch eine Gmilus Ehafodim- Jkasse, die schon vor drei Jahren beschlossen wurde. Neue Institutionen sind unter der neuen Verwaltung nicht entstanden. Das von der Gemeinde übernommene Waisenhaus befindet sich in einer kritischen Lage. In der Etatabteilung herrscht Verwirrung. Arbeitslose werden auf Grund falscher Informationen besteuert. Die Poale Agudas Jisroel hat einen Vorschlag eingebracht, alle Arbeits- und Erwerbslosen von Der Steuerlast zu befreien. Die Stellung der Orthodoxie zur Schechita ist bekannt. Die Verwaltung möchte die Schechita zu einer Zionistisch - misrachistischen Angelegenheit machen. Hier ckonnte der Orthodoxe Block zweimal einen Beschluß Durchsetzen, datz der Khilarat seine Hand von der Schechita lasse. Dessenungeachtet hat die Verwaltung wie- Dorunc die Schechita ins Budget ausgenommen. England. Sitzung des Jewish Board of Deputies. London, 28. April. In der heutigen Sitzung des Jewish Board os Deputies erstattete Herr Lucien Wolf den Bericht des Joint Foreign Committee und teilte mit, datz der Sowjetbotschafter in London bisher den Empfang der vom Jewish Board of Deputies und der Anglo-Jewish Association am 16. März d. I. gefaßten Resolutionen über Die antireligiöse Politik in der Sowjetunion nicht bestätigt hat. Der Text der Resolutionen wurde sowohl Der britischen Regierung wie dem Sowjetbotschafter übersandt. Der Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten Der britischen Regierung hat dem Joint Foreign Comrnittee den Empfang der Resolutionen bestätigt und mitgeteilt, datz er bei einer sich etwa darbietenden Gelegenheit es nicht versäumen werde,^ seinen Einfluß zugunsten Der religiösen Freiheit einzufetzen. Hinsichtlich der allgemeinen Lage in Rußland teilte Lucien. Wolf mit, datz ungeachtet der weiteren Geltung der antireligiösen Gesetze die Propaganda gegen die Religion und die Verfolgung der Religionsbekenner durch die lokalen Behörden in einem hohen Matze gemildert worden ist. Lucien Wolf erstattete sodann Bericht über die Lage der Juden in Rumänien und teilte mit, datz das Joint Foreign Committee im Besitze einer detaillierten Chronologie der Ereignisse seit Beginn dieses Jahres ist, die beweist, datz im Verlauf dieses Jahres eine irgendwie ernste Störung' der Ordnung zum "Schaden der Juden nicht stattgefunden hat. Es haben sich wohl kleinere Zwischenfälle antisemitischen Charakters ereignet, in deren Zusammenhang Klagen über Untätigkeit der Polizei erhoben wurden: diese Klagen werden aber von der Regierung als ungerechtfertigt bezeichnet. Die von Professor Cuza geleiteten antisemitischen Organisationen waren namentlich in den ländlichen Distrikten intensiv tätig; die Bauern wurden gegen die Juden aufgewiegelt, man gab ihnen Versprechungen, datz ein Wahlsieg der Cuzisten bei d en Wahlen zu Parlament und Gemeinden eine Vertreibung der Juden aus dem Lande, Beschlagnahme des jüdischen Eigentums und dessen Verteilung unter das Volk zur unmittelbaren Folge haben werde. Die Ergebnisse der Munizipalwahlen Anfang März haben bewiesen, datz diese Kampagne der Cuzisten erfolglos war. Während die Juden in Altrumänien, Betzarabien und Transsylvanien eine große Stimmenzahl aus ihre Kandidaten vereinigen konnten und rund 70 Sitze errangen, wurde kein einziger antisemitischer Kandidat gewählt. Andererseits trifft dis Regierung noch immer keine Anstalten, um die legitimen Forderungen der Minderheiten auf dem Gebiete konstruktiver Gesetzgebung zu befriedigen. Sogar das vor langer Zeit versprochene Nationalitätengesetz hat noch nicht das Licht der Welt erblickt.. . Die Lage der Juden im Pemen und der Pemen- Flüchtlinge in Aden und in anderen Gebieten am Roten Meer ist weiterhin eine Quelle der Besorgnis für das Committee. Die jüngst eingetroffenen Berichte aus dem Pemen zeigen, datz im Zusammenhang mit den Augustunruhen in Palästina die Not der Juden im Pemen eine Verschärfung erfahren hat. Die moslemitischen Fanatiker sind aggressiver geworden, im ganzen Lande reisen Agitatoren herum, die das Volk zur Ausrottung der Juden auffordern. ' In den Häfen des Roten Meeres zählt man etwa 300 jüdische Flüchtlingsfamilien und etwa 250 Waisenkinder aus dem Pemen. 80 der Waisenkinder sind in Aden. Alle diese Flüchtlinge leben in bitterstem Elend. Etwa 50 dieser Familien sind kürzlich nach Palästina gebracht worden; es ist schwer, weitere Einreisezertifikate Eir diese Flüchtlinge zu erhalten. Die Reisespesen betragen 8 Pfund pro Kopf, die Palästinabehörden fordern als Garantie für die Erhaltung der Waisenkinder einen Betrag von 200 Pfund für jedes Kind. Bezüglich der Hilfe an die notleidenden Pemen-Juden steht das Joint Foreign Committee in Verbindung mit der zionistischen Organisation und dem American Jewish Committee. An den Bericht knüpfte sich eine Aussprache, in deren Verlauf Herr Herwald den Präsidenten des Board, Herrn O. E. d'Avigdor Goldsmid, fragte, ob er den Mitgliedern des Board Gelegenheit geben würde, den Bericht der Palästina-llntersuchungskommission zu erörtern und zu ihm in Form einer Resolution Stellung zu nehmen. Herr d'Avigdor Goldsmid erwiderte: Heute gerade findet eine Sitzung der britischen Sektion der Jewish Agency statt, an die sich höchstwahrscheinlich eine Sitzung des Palästina- Komitees des Board anschließen werde; bei einem Wiederzusammentritt des Board werden britische Mitglieder der Jewish Agency über die Lage Bericht erstatten. Herr d'Avigdor Goldsmid teilte mit, datz der Board ein Schreiben an den Innenminister Clynes gerichtet hat, als Erwiderung auf den Brief des Ministers vom 26.' Februar, in welchem der Minister erklärt, datz er im Prinzipe bereit sei, gewisse Modifikationen in der Ausübung des. Fremdengesetzes platzgreifen zu lassen. In denk Brief des Board an den Minister wird dem Bedauern Ausdruck gegeben, datz die Regierung keine Versprechungen über eine Wiedereinführung des Fremdengesetzes von 1905, das allen politisch und religiös Verfolgten ein Asyl in England bot, geben könne. In dem Brief werden denr Minister verschiedene Vorschläge über Fremdenregistrierung, Aurwrisungspraxi; und Naturalisation gemacht. Die großartigste Neuerung seit Erfindung des Gasherdes! Braten u. Grillen im eigenen Saft, ohne Begießen, ohneVorkenntnisse, im neuen SENKING - - Gasherd Mod. 1930 Rituelle und Sabbat-Vorschriften werden gern berücksichtigt ■ E* HAGE & Co« Am Eschenheimer Tor 3 Lord Rothschild erstattete den Bericht des Schächtschutzkomitees und führte aus, datz in jedem Lande der Welt von gewissen Kreisen die Methode der jüdischen rituellen Schächtung vom Standpunkte des Tierschutzes stark angegriffen wird, obwohl die gegen das Schächten angeführten Gründe durchaus widerlegt werden konnten. Die gesamte jüdische Bevölkerung sollte sich zusammentun, um für die Aufrechterhaltung der Schechita einzutreten. Alle Gemeinden sollten sich über die Einführung der Weinberg'schen Schächtzelle einigen; es würde nicht gut sein, wenn London die Maschine einführt, andere Gemeinden aber dies nicht tun. Zeitlyn teilte mit, datz er mit mehreren Schächtausschüfsen in der Provinz die Einführung der Weinberg-Maschine erörtert habe. Ingenieur Weinberg hat neue Vorschläge über die Einführung und den Gebrauch seiner Maschine gemacht. In der Sitzung wurde mitgeteilt, datz vom südafrikanischen Jewish Bord of Deputies ein Brief an das Schächtschuhkomitee des englisch-jüdischen Board of Deputies angelangt sei, in welchem mitgeteilt wird, datz dem Parlament der südafrikanischen Union eine Tierschlacht- Bill vorliegt, die eine „humane" Tötungsart vorschreibt, aber eine Klausel enthält, der gemäß für die jüdische Gemeinde eine Ausnahme bezüglich des rituellen Schächtens gemacht werden solle. Ungeachtet dieser Klausel aber traten Mitglieder des Parlaments anläßlich der zweiten Lesung der Bill dagegen auf, datz die jüdische Gemeinde von der Befolgung gewisser Verfügungen des neuen Gesetzes befreit werde. Im Hinblick auf diese Opposition gegen die Klausel ist der Verband der südafrikanischen jüdischen Gemeinden bestrebt, die maßgebenden Kreise über das Schächten zu informieren, und er ersucht das Londoner Schächtschutzkomitee, ihm Informationen über die Weinbergniaschine und Literatur über das Schächten zur Verfügung zu stellen. Dieser Wunsch der südafrikanischen jüdischen Gemeinschaft" wurde erfüllt. Holland. Reformjudentum in Holland? Den Haag, 27. April. Holland gehört zu den wenigen westeuropäischen Ländern, die ein offizielles liberales Judentum nicht kennen. Es gibt wohl unfromme, nicht-gefetzestreue Juden, sie sind leider sogar die Majorität der holländischen Judenheit, aber das Gerüst, die Kehilloh, war und ist in gesetzestreuem Sinne intakt. In jeder Stadt gibt es nur eine jüdische Gemeinde und diese Gemeinden sind überall voll und ganz gesetzestreu aufgebaut. Nur gesetzestreue Rabbinen, die Schüler des Amsterdamer Seminarium gewesen sein müssen, können zur geistigen Führung der Gemeinden berufen werden. Nun haben in den letzten Monaten die liberalen Kreise sich zu organisieren versucht, um in der Gemeindetübe Einfluß für ihre liberalen Ideen zu erlangen und um ein offizielles Reformjudentum zu schaffen. Diese Versuche haben am vergangenen Peßach den Amsterdamer Oberrabbiner Onderwijzer veranlaßt, in einer in der Großen Synagoge gehaltenen Predigt eine ernste Warnung an die Reformgelüste der liberalen Kreise zu richten. Der Oberrabbiner führte u. a. aus, daß die Reformer für das Judentum eine größere Gefahr dartellen als die öffentlichen Gegner des Judentums. Das überlieferte Judentum habe die Jahrhunderte einem Granitfelsen gleichend überstanden, es habe nichts von 'einen ideellen Werten eingebüßt und es werde weiterhin in allem dem Gesetz und der Tradition Nachkommen. Im gleichen Sinne sprach Rabbiner Coppen- Hagen in der Synagoge Obrechtstraat. Auch Oberrabbiner M a a r s e n Haag hat in zwei Predigten am Peßachfeste vor dem Anschluß an die Resormbewegung gewarnt.