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Der Israelit · 1930-05-08 · Heft 19 (8.5.1930) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 19 (8.5.1930)
Date
1930-05-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Der Israelit Nr. 19 Seite 3 8. Mai 1930 Warum unterstützen wir den Jüdischen Turnerbund?*) Warum wir äm gesetzestreuen Kreise, die wir doch grundsätzlich jüdisches Kraftmeiertum und Muskeljudentum ablehnen und gewisse jüdische Verbmdungen diese ablehnende Haltung mehr als einmal spüren ließen, warum wir gerade den I. T. B. unterstützen und unsere Kinder zu ihm schicken? werden wir gefragt. Ob wir wohl mit zweierlei Maß messen? Nein! Wir sympathisieren mit dem Programm des I. T. B., aus dem gleichen Grunde, aus dem wir den Sportfimmel, wie erbei gewissen auch jüdischen Sportverbindungen zu beobachten ist, für schädlich und gefährlich halten. Wer die Dinge historisch betrachtet, wird uns verstehen. Man hört oft die Meinung äußern, es gäbe heute keine bewußte Neologie im Judentum, wie etwa in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Es gäbe heute höchstens noch eine große Masse von religiös Desinteressierten, die gedankenlos den bequemeren Weg des Nichthaltens wählen, und der gegenüber eine kleine Oberschicht von geistigen Führern, die, von der Menge unbeachtet, nach neuen Richtlinien ringen, um ein Minimum von Religion zu retten .Offiziere ohne Soldaten. Wozu also mach der Kampf gegen die Assimilation? In Wahrheit stehen aber die Dinge anders. Jedwede Zeit hat ihre Assimilation. Vor hundert Jahren bedeutete jüdische Assimilation so viel wie Anpassung an die humanistische Kultur, die schon deshalb eine so gewaltige Anziehungskraft auf junge Juden ausübte, weil sie vollkommene geistige Befreiung und Erlösunig aus dem Ghetto versprach. Mit dem Bankrott der Humanistischerl Ideologie verminderte sich auch naturgemäß die Zahl ihrer jüdischen Anbeter und Nachläufer.- Ueber Darwin, Häckel und Monismus, die noch vor wenigen Jahrzehnten unserer Jugend zu schaffen machten, ist der Zeitgeist auf dem Sport- und Spielplatz gelandet, wo er durch Berührung mit der Erde nur nach wenig von eigentlichem „Geiste" behielt. Die „Neue Sachlichkeit", die auf manchen Gebieten viel Schönes und Gesundes gezeitigt hat (Schule, Bauwesen), hat in Kunst und Literatur einen erdharten Realismus m die Höhe gebracht und in der Jugenderziehung eine *) Das eben int Druck' erschienene Sommerprogramm de; Frankfurter „Jüdischen T u r n e r b u n d e s" enthält obiges Geleitwort, das wir,.^ da es auch für die Leser außerhalb Frankfurts von Jnteresie ist, hier wiedergeben. für eine Art von Gottesdienst abgehalten wird, kann man sich 'leicht denken. Sehr häufig erkundigen sich bei dem Schreiber dieser Zeilen solche Vorbeter nach den einfachsten Dingen und stellen die unglaublichsten Fragen. Ob man, wenn Mincho und Maariw zusammen gebetet wird, vor oder nach Maariw omert (!), welchen Kaddisch man zwischen beiden Gebeten spricht, welche Gebete gesprochen werden, um Lernkaddisch zu sagen, usw.? Ich erkundigte mich nach dem Leinen und da hieß es: „Aus der mm lesen, kann ich nicht. Ich lege das vvrn in die mm 'ivo und so wird aufgerufen." So geschieht das in sehr vielen Gemeinden, die keinen Lehrer haben. Die Behebung dieser Mißstände ist ein sehr schwieriges Problem. Aber wenn in dieser Sache nichts geschieht, dann lausen viele Gemeinden Gefahr, daß maxa aushört und damit die Zusammengehörigkeit der Gemeinde. Es müssen also in Zukunft Schritte unternommen werden, daß außer den Schulkindern auch Erwachsene lernen. Es müßten vielleicht von den Lehrern, die in den betreffenden Gemeinden unterrichten, Bezirksschiurim abgehalten werden, die von all den Interessenten besucht werden, die zum Vorbeten befähigt sind. Es gilt, der gewaltigen religiösen Unwissenheit auf dem Lande entgegenzusteuern, damit im Lause der Zeit das Judentum doch rn nicht gänzlich verschwindet. Austritte aus dem Judentum, Mischehen, Interesselosigkeit zehren am Marke des Judentums auf dem Lande. Darum ergehet der Ruf, an. unsere verantwortlichen Führer: Nehmet Euch der führerlosen kleinen Gemeinden auf dem Lande anl S e e l i g - Friedberg. (Die Juden im Pemen.) Von sachverständiger Seite werden uns genaue Einzelheiten über die Juden im Pemen bekannt gegeben. Man schätzt die Pemen-Juden auf 50 000 Seelen, von denen etwa 700 in der Hauptstadt Uebersteigerung der körperlichen Kultur entstehen lassen, die droht, alle Lichter zu verlöschen, alle Musen zum Schweigen zu bringen. Die jüdische Jugend macht, entweder im Rahmen der großen Sportbewegung oder in eigenen nationalen Verbindungen, lustig mit. So eifrig vor hundert.Jahren die Assimilation an den Humanismus unter Preisgabe eigener Werte betrieben wurde, so «rasch sich die jüdischen Intellektuellen später die neuen philosophischeni Schlagworte, vom Darwinismus bis zur Psychoanalyse, aneigneten, so selbstverständlich und mit vollem Eifer assimiliert sich jetzt der jüdische junge Mensch an die sportliche Kultur der Gegenwart. Die Assimilation ist da, nur muß sie in jeder Epoche den Götzen dieser Epoche nachstreben. Wie bekämpften und bekämpfen wir die Assimilation von damals und heute? Es gibt zwei Methoden dafür. Die eine hat versagt, die andere hat uns Seelen gerettet. Die erstere Methode schließt sich ab, schließt die Augen vor den realen Dingen und sperrt der Jugend alle Tore zum neuen Leben. Die Ablehnung der Kultur, statt einer Auseinandersetzung mit ihr, hat uns aber wertvolles Seelengut gekostet. Die Männer indes, die — leider ein paar Jahrzehnte zu spät — mit glühendem Herzen für das Judentum und Verständnis für die moderne Kultur nach einer Synthese suchten, werden in allen, späteren Generationen gesegnet sein. Weil sie die Grenze zwischen Kultur und Pseudokultur zeigten und die Bildung, soweit sie nicht vermessen den Himmel zu stürmen sucht, mit in den Bereich der Thorawissenschaft hineinnahmen. Sollten wir nicht daraus lernen, wie wir der Assimilation an die Körperkultur des Sport- und Spielplatzes von heute entgegenzukommen haben,? Die Propheten dieser Kultur arbeiten mit dem Hinweis darauf, daß in einer krisenhaften Nachkriegszeit sich nur der Starke und körperlich Tüchtige wird durchsetzen können. Diesem Argumente wird sich der Jude, der der wirtschaftlichen Krise doppelt wehrlos gegenüberstsht, nicht verschließen können. Es wäre daher vollkommen sinnlos, .wollten wir unserer Jugend sagen: „Meidet den Sport, das Spiel und die Turnerei!" Eine solche Sperre würde keinen anderen Erfolg zeitigen, als wie ihn die Bildungssperre in den Jeschiwoth im vorigen Jahrhundert gebracht hat. Nehmen wir aber die Turnerei, soweit sie für die körperliche Ertüchtigung des heutigen Menschen unumgänglich notwendig ist, mit in den« Plan unserer Jugenderziehung hinein, dann haben wir den Weg einer Auseinandersetzung mit der Zeit beschritten, der: Weg, auf dem allein sich heute ein gesunder jü- Sanaa selbst leben. Die übrigen leben in 150 kleineren Orten. Auf dem Lande leben die Juden nicht-als Ackerbauern, sie wandern nur als hausierende Handwerker (Schuster, Schneider, Schmiede, Kramhändler) herum. In der Tat sind sie die geschicktesten Handwerker im Pemen. Einzelne Handwerke liegen in ihrer Hand. Daß sie unter schweren Verfolgungen und mittelalterlichen Demütigungen zu leiden haben, ist übertrieben. Sie sind z. B. nicht verpflichtet, „zuerst zu grüßen". Ihre Tracht ist überliefert und von ihnen selbst gewollt. Sie dürfen reiten, und sie sind, nicht verpflichtet, „unreine Arbeiten" zu verrichten. Die Europäer engagieren sie vielfach zunt Reinigen ihrer Wohnungen und zum Waschen. Sie sind durchschnittlich gut situiert und steuerlich besser gestellt als die Mohamedaner, da die für die Wohltätigkeit bestimmte Steuern von ihnen nicht erhoben werden. Wenn ihnen auch die Auswanderung nicht verboten ist, so besteht doch eine Art Kapitalsluchtgesetz. Die Juden dürfen keine Waffen tragen, sind aber' frei vom Militärdienstzwang. Sie können alle lesen und schreiben, meistens nur hebräisch. (Vom Stybel-Verlage.) Die gesamte Tätigkeit des großen hebräischen Verlags S1 ybel wird von Berlin nach Tel-Awiw verlegt. Herr T w e r s k y wird die Geschäftsführung inne haben. In Palästina wird der Stybel-Verlag seine Tätigkeit beträchtlich erweitern und sein großes Programm zur Durchführung bringen. Mit seiner llebersiedlung nach Tel-Awiw wird fast das gesamte hebräische Verlagswesen der Welt in Palästina konzentriert sein. Um die Peßachzeit wird in Tel-Awiw eine Doppelnummer (Nr. 26.,tmb 27) der vom Stybel-Verlag herausgegebenen Sammelschrift „Hatekufa" erscheinen. Das Material für diese Doppelnummer wurde in Berlin unter der Redaktion von Benzion Katz, Saul Tschernichowski und bischer Geist in einem gesunken menschlichen Körper erzielen läßt. Wir haben bei der Gründung des Jüdischen Turnerbundes in dieser Beziehung weitgehende Erwartungen an ihn geknüpft. Er hat sie in den Jahren seiner Wirksamkeit mehr als gerechtfertigt. —tz. Unbequeme Zahlen. Von Moritz A. Loeb in Berlin. Vor uns liegt Heft 298 der amtlichen preußischen Statistik, das sich mit der Bevölkerungsbewegung des Jahres 1928 befaßt. Neben den allgemeinen, alle Staatsbürger betreffenden Ziffern, finden sich auch solche, die für uns Juden besonderes Interesse haben. Stellen wir aus dem allgemeinen Teil zunächst folgendes fest: Eheschließungen: ihre Zahl hat im Berichtsjahre etwas zugenommen; sie betrug 1928 1927 1923 9,3"/»« 8,6 7,8 Geburten 19,2 19,1 28,0°/«° Sterblichkeit 12,1 12,C 15,8°/»° Als Gesamtresultat ergibt sich also, daß, ungeachtet des starken Rückganges der Todesfälle, der Geburtenüberschuß sich fortgesetzt weiter verringert. Er betrug 1928 : 7,1°/«» 1926 : 8,0°/«.. 1925 : 9,1°/«« 1923:13,3°/««. Wenden wir uns von dem allgemeinen Teil zu dem jüdischen, so finden wir 1928 Geburten*) aus rein jüdischen Ehen 3675 unehelich 235 3910 aus Mischehen 645 Eheschließungen beide T e i l e jüdisch_2202 Mann evangel., Fraü jüdisch 274 Mann kathol., Frau jüdisch 111 Mann andere christl. Bekenntnisse, Frau jüdisch 8 Mann sonstige Bekenntnisse, Frau jüdisch_79 472 Mann jüdisch, Frau evangel. 524 Mann jüdisch, Frau kathol. 159 Mann jüdisch, Frau andere jüdische Bekenntnisse 4 Mann jüdisch, Frau sonstige Bek. 89 776 also Mischehen 124$ *) Nur lebend geborene! Dr. S. Rawidowicz vorbereitet. In literarischer Hinsicht wird dieses Heft alle bisherigen Hatekufa-Nummern übertreffen;es wird u. a. Saul Tfchernichowskis Drama „Bar Kochba", ci te große Erzählung von Nahum Sokoloro und einen Roman von A. Steinmann enthalten. (König Peter und die Juden.) Dr. David Albala, Belgrad, schreibt der Jüdischen Telegraphen-Agentur: Meine erste Begegnung mit dem König geschah, als ich die Unterprima des Belgrader Gymnasiums besuchte. Unerwartet erschien der König während einer Unterrichtspause im Schulhof. Im Gespräch mit den Schülern wandte sich der König auch an mich und fragte, wie ich heiße. Ich sagte meinen Namen. „Nach deinem Namen scheinst du ein Jude zu sein", sagte der König: „die Juden sind ein gutes und rühriges Volk. Sei du es auch!" Der Einladung der Kultusgemeinde Belgrad folge leistend, legte König Peter im Sommer 1908 persönlich den Grundstein zur neuen großen Synagoge „Beth Israel". Al§- er sich nach der Feier verabschiedete, ersuchte er den damaligen Gemeindepräsidenten und später Präsidenten des Zionistenverbandes in Jugoslavien, Dr. Alfred Alkalay, ihn auch zur Einweihung der erbauten Synagoge einzuladen. Ein Jahr später erschien der König tatsächlich bei der Einweihung der neuerbauten Synagoge und nahm am ersten Gottesdienst im neuen Tempel teil. Der König besuchte oft rein jüdische Veranstaltungen, so die Bälle des jüdischen Frauenvereins in Belgrad, wo er in lebhaftem Gespräch mit den Damen längere Zeit zu verweilen pflegte. Bei jeder Gelegenheit bekundete König Peter seine Sympathien für das Judentum und die Juden. Ver einer Audienz richtete er an Dr. Jfagc Alkalay, damals Rabbiner von Belgrad, heute Großrabbiner von Jugoslavien, die folgenden Worte: „Arbeiten Sie daran, daß unsere Juden immer ihrer Religion, ihren. Traditionen und ihrem patriarchalischen Leben treu

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