Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1930)
- Date
- 1930-05-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 19 Der Israelit 8. Mai 1930 Wochenrundschau. Palästina «nd Indien. In Indien sind die Dinge verworren. Das englische Salzmonopol im Lande des Ganges wird von der indischen Freiheitspartei unter Führung Ghandhis durchaus nicht als ein „Bund des Salzes für die Ewigkeit" im biblischen Sinne geachtet. Der symbolische Akt der Salzgewinnung auf eigene Faust kommt einer Erhebung gegen die englische Vormacht in Indien gleich. In dieser kritischen Situation sind die nach NWionen zählenden indischen Mos - l i m s, die mit den Hindus von jeher im Erbstreite liegen, die einzige Hoffnung Englands, die wichtigste Stütze Britisch-Jndiens. Im Bunde mit diesen ließe sich noch vielleicht die von Gandhi geleitete Bewegung Niederhalten,, und man ist daher in London geneigt, sich diese Verbündeten unter allen Umständen zu sichern und zu erhalten. Das wissen die klugen Herren in der Arabischen Exekutive in Palästina sehr wohl.' Undso war es gar keine ungeschickte Taktik, im Augenblicke, da sich ihre Delegation in der englischen Hauptstadt befindet, die islamitische Welt in Indien für die arabischen Pläne und Wünsche in Palästina in Bewegung zu setzen. Wir haben bereits im Korrespondenzenteil der jüngsten Nummer kurz darüber berichtet. Die Altirdische Liga der Moslims hielt in Bombay eine Konferenz ab, mit der einzigen Tagesordnung, gegen d i e P o l i t i k des jüdischen Nationalheims in P aläst in a zu protestieren. Eine Abordnung indischer Mohammedaner ist auf dem Wege nach London, um dort die arabische Palästina-Delegation zu unterstützen. Am 16. Mai wird im Anschluß an den Freitag-Gottesdienst in den Moscheen in ganz Indien, Birma und Ceylon ein Palästinatag mit Gebeten und eigenen Riten abgehalten werden. Auch vor einer Aenderung des Status quo an der Klagemauer warnt die indisch-islamitische Resolution mit starken» Worten: Mit dem Berichte der Shawkommission erklärt sie sich im ganzen einverstanden, wenn auch die indischen Mohammedaner zu der Kommission selbst gar kein Vertrauen hätten.. vurr mpn* Nach einer Betrachtung aus dem Pirke-Aboth-Kommentar des N. Vinjamin Cohen ans Meines j starb am 17. Schewat 5640). Rabbi Lewitas aus Iawne sagt: Sehr und noch einmal sehr sei demütigen Geistes, denn des Sterblichen Hoffnung ist Gewürm. Ist Gewürm des Menschen Hoffnung? Ist nicht Moder sein Schrecken und sein Grauen, sein Ausblick dahin, wo man alle Hoffnung mutz fahren lassen? Ist nicht seine Hoffnung die ewige göttliche Seele allein, die zu Gott heimkehrt? Warum wählt R. Lewitas diese Worte? Vergessen wir aber nicht, wer R. Lewitas war, vor allem, wo er lebte und wirkte. Als Bar-Kochba in Bethar kapituliert und mitsamt seinem Heere ein grausiges Ende gefunden hatte, da empfanden es die Gelehrten von Iawne als besondere Gottesgnade, datz es gelang, mach längerer Zeit von den römischen Gewaltherrschern, die nach jener Kapitulation erst ihre ganze Grausamkeit spüren ließen, Erlaubnis zur Bestattung der Toten von Bethar zu erhalten, und sie empfanden es als Gipfel dieser Gottesgnade, datz der Zustand dieser Toten noch ihre Bestattung ermöglichte. Das sind die Anlässe zur Ausdehnung des Tischgebets um einen vierten Abschnitt, zur Einsetzung von u'vvni 2ivn na*n- Das sind jüdische Anlässe zu Dank und vermehrter Freude, das sind Lichtblicke -- In Würdigung der politischen Lage in Britisch-Indien darf man die von 'dieser Seite den Arabern« kommende Hilfe nicht gering achten. Es ist aber in diesen Tagenin Balfourfeiern und auch im Unterhause oftgenug die Versicherung wiederholt worden, daß, wie die Regierung auch zu dem Berichte der Untersuchungskommission stehen mag, sie von der durch die Balfour-Deklaration gezeichneten Politik des Jüdischen National Heimes nicht a b z u w e i ch e n gedenkt. Daß die Richtlinien« dieser Politik klar umrissen wären, wird keiner behaupten wollen. Darf man auch das Vertrauen zu der englischen Regierung haben, daß sie sich von anderweitigen politischen Rücksichten, die ganz außerhalb des Bereiches der jüdischen» Fragen liegen, nicht dazu verleiten läßt, an einem von ihr gegebenen Worte zu drehen und zu deuteln, so wird inan doch mit einigem Bangen der Stellungnahme entgegenzusehen haben, die das Kabinett hinsichtlich der Empfehlungen der Shaw- Kommission in Bezug auf Einwanderung und A n s i e d l u n g bekunden wird. Der alte Iischuw und neue Verteilnugsmethoden. In Nummer 17 unseres Blattes vom 24. April schrieben wir an dieser Stelle bei Glossierung einer U s s i s ch k i n - R e d e in Jerusalem u. a.: „Hier scheint es uns noch einen vierten — neben den drei von Ussischkin genannten — Schuldigen zu geben, nämlich das Zionistische Hilfskomitee, das wie aus den Klagen auf der Protestoersammlung der Hebroniten, aus den Spalten der palästinensischen Blätter und schlietzlich aus den Worten Ussischkins selbst sich mit aller Deutlichkeit ergibt, für den Aufbau Hebrons so herzlich wenig getan hat. Datz der alte Iischuw bei der Hilfsaktion vielfach übersehen wurde, konnten wir mit Dokumenten belegen, die die misrachistische Polemik gegen uns doch schlietzlich mit der Wucht der Tatsachen zum Schweigen brachte. Neue Tatsachen über die empörende Parteilichkeit, mit der das Hilfskomitee selbst seine reinen Unterstützungsgelder für Petzach einseitig der Parteimaschinerie des Waad leumi ausliefert und damit automatisch die ganze unabhängige Orthodoxie ausschlietzt, stehen, dokumentarisch belegt, zu Gebote." Dazu erhalten wir von einem Mitgliede der Zionistischen- Exekutive in London« ein Schreiben, das im wesentlichen folgendes besagt: Der Wiederaufbau Hebrons beschäftige die zionistische Organisation sehr ernstlich, stoße aber auf große Schwierigkeiten, keineswegs habe die Arbeit für Hebron etwas mit der Stellung zum alten Iischuw zu tun. Für den alten Iischuw sei doppelt gesammelt und eine doppelte Hilfeleistung entfaltet worden, nämlich von dem allgemeinen Hilfsfond, der zwischen Alt und Neu keinen Unim Leide des Galuth! Darum sagt mit Recht R. Lewitas: Sehr, sehr sei demütigen Sinnes, denn die Hoffnung des Menschen ist Gewürm. Wir alle hoffen, dem letzten Tage dereinst friedlich entgegenlächeln zu können, nicht auf stürmischer See und nicht in einsamer Wüste abberufen' zu werden, nicht dem Fratze der Fische noch zur Beute den Raubtieren vreisgegeben zu sein, sondern — dem Gewürm des friedlichen Grabes. Darum, „sehr, sehr sei demütigen Sinnes". Uleines Feuilleton. Der «Aufstieg." Dem Aulim-Organ zum Grutz von B. C. Eine Zeitschrift, deren Atmosphäre schon wohltut. Ob das einfach daher kommt, weil keine der vielen streitbaren bestehenden Gruppen der Judenheit, sondern ein erst werdender Kreis von Getreuen hinter ihr steht — oder ob der unverwüstliche Genius unseres ewig jugendlichen N. Birnbaum diese vornehme, ruhige, siegessichere Kraft ausftrömt — das mag der Leser entscheiden. Zielbewutzte und zwingende Rhetorik Birnbaums und M. Landaus, wie wir sie bis jetzt bloß sporadisch in Jeschurun und Israelit vernahmen, hat sich jetzt ein eigenes Auditorium geschaffen. Die Hauptideale der Aulim, Verländlichung und Allgemeinde, erweisen hier aus beredter und berufener Feder ihre Berknüpftheit und ihre Einfügung in den weiten Kreis allgemeiner Aufgaben der gesetzestreuen Judenheit. Man mag der Meinung sein, datz alle diese Gedanken wirksamer in einem der bestehenden Organe der Orthodoxie propagiert worden wären, und datz unsere Zeit keine Aufnahmefähigkeit für eine ganze terschied mache und von der separaten Aguda- Hilfsaktion, die ausschließlich! für den alten Iischuw ins Leben gerufen» wurde. Im übrigen gehe es nicht an, von einem Zionistischen Hilfskomitee zu sprechen. Das Komitee bestehe aus vier Mitgliedern, von« denen nur eines, Kol. Kisch, Vertreter der Zionisten ist. Zwei Mitglieder vertreten das amerikanische und eines das englische Hilfskomitee. Wir nehmen all diese „Klarstellungen" gern 'zur Kenntnis, bemerken aber, daß sie in noch weit höherem Maße als an uns an die Adresse der palästinensischen Zeitungen „Doar Hajom" und „Dabar" gehörten, die gewiß nicht im Verdachte der Agudasreundlichkett stehen undanhaltend die Benachteiligung des alten Iischuw registrieren,' schließlich an die Hebronflüchtlinge selbst, die auf ihren Versammlungen nichtmüde werden, über Zurücksetzung und Be-niachtelligung zu klagen. Zu Recht bestehen bleibt die mit Dokumenten gut belegte Beschwerde über die einseitige Auslieferung der Pe ßa chunt erst ü tz un g sg e l der an d e n W a ad leum i, der diese Gelder mittelbar seinen politischen Zwecken dienstbar macht, indem er als Wohltäter der Masten auftritt. Wenn aber gar auf den doppelten Gewinn des alten! Iischuw durch die eigens für ihn bestehende Hilfsaktion der Aguda verwiesen wird, so mutet das wie eine Verwechslung von« Ursache und Wirkung an. Die separate Hilfsaktion wäre nicht entstanden, wenn der alte Iischuw von vornherein in« dem Maße berücksichtigt worden wäre, wie es durch den Geist, aus dem die Spenden in Amerika flössen, als geboten erschien. Weil dieses nicht geschah, mußte die Orthodoxie den Weg der Selbsthilfe beschreiten, die fre«ilich, nachdem der Boden durch das große zionistische Sammelwerk gründlich abgegrast war, nicht ausreichen konnte, der von dem zentralen Hilfskomitee in feiinier ganzen Größe und Schwere nicht erfaßten Not des alten Iischuw in-gewünschter Weise zu steuern. Was die Zusammensetzung des Zentralen Hilfskomitees anbelangt, so werden wir es selbstverständlich, nach der uns gewordenen offiziellen Richtigstellung, von nun ab beim richtigen Namen nennen. An der Sache ändert das nicht viel, zumal allbekant ist, daß in einem Gremium in und für Palästina eine zionistische Stimme mehr als drei Stimmen von Vertretern wiegt, die nur die Wohltat im Auge haben, nicht aber ihre politischen Hintergründe kennen. Das spricht gewiß nicht gegen die Tüchtigkeit und Aktivität der Zionisten, aber dem alten Iischuw war und ist damit, wie man sieht, nicht sehr gedient. Zeitung-serie jüdischer Partei-Nüancen hat. Aber man. fann sich der Einsicht nicht verschlietzen, datz hier auch im separaten Kreise . offenbar Großes angestrebt Wird. Außer den großen programmatischen Aufsätzen Birnbaums und Landaus verfehlen auch die kleinen Nachrichten und Zeitglossen durch 'ihren treffenden Blick und ihren unerbittlichen Ernst nirgends ihre Wirkung. Man kann der jungen Gründung nur gedeihlichen Fortschritt wünschen und mit ihr die Zeit herbeisehnen, da die D’ny die Gottgetreuen aller Völker den großen „einzigen Bund" schließen. So. wenig äußeren Anlatz unsere trübe Gegenwart dazu bietet, — uns ist ja die Hoffnung Gottesgebot. Selbst die Hoffnung wollen wir daher nicht lassen, datz einmal die Zeit wiederkehrt, in der nur noch eine einzige jüdisch-gesetzestreue öffentliche Meinung, existieren braucht und demgemäß auch nur ein Zentralorgan dafür. (Die Monatsschrift „Der Aufstieg" wird unter Redaktion Dr. Nathan Birnbaums vom Aulim- Verlage, Berlin NW. 87, herausgegeben.) Gottesdienst mit Minjan. In Nr. 18 des „Israelit" wird in dankenswerter- Weise auf eine Gottesdienstordnung für Zwerggememden ohne Minjan aufmerksam gemacht. Im Laufe der Zeit sind nun eine große Anzahl neuer Zwerggemeinden entstanden, die zwar gerade noch Minjan. haben, denen es aber an einem. ordentlich vorgebildeten pn fehlt, da die Gemeinde die Mittel nicht aufbringen kann, um einen Lehrerkantor zu besolden. Die 'Kinder dieser Gemeinde erhalten — oft auch nicht — von einem Nachbarlehrer Unterricht, und der Gottesdienst wird so gut — oder so schlecht — es eben geht, von einem Privatmanne versehen, der es wahrlich gut meint, dem aber in oielen. Fällen die elementarsten Kenntnisse hierfür fehlen. Was-